Schulze: "Ich häng' an Dir" (Album)

schulzeihad 20201226 1266232980VÖ: 1994; Label: Hansa Records/BMG; Katalognummer: 7432119598-2; Musiker: Frieder Sigloch (Gesang), Jay Stapley, Peter Weihe, Volker Wagner (alle Gitarre), Markus Kort, Paul Harriman (beide Bass), Wolfgang Sperl, Udo Rinklin (beide Keyboard), Angela von Gündell (Cello), Helmut Mittermaier (Saxophon), Rick Keller (Alt-Saxophon), Thomas Simmerl, Tim Lorenz, Stephan Schuchardt (Schlagzeug, Percussion), Katrin Haug (Backing Vocals); Produzent: Dieter Falk; Bemerkung: CD im Jewel-Case (Plastikhülle) inkl. Booklet mit Abdruck der Songtext. Dieses Album erschien ausschließlich auf CD. Zu diesem Zeitpunkt ist es im Handel leider vergriffen und wurde von der Hansa bisher nicht neu aufgelegt;

Titel:
Morgen • Ich häng' an Dir • Nie wieder Tanzen • Rücken zur Wand • Ich weiß nicht wie • Roter Ballon • Walzer • Traumfrauen • Nacht ohne Mond • Bring den Regen mit • Um Himmels Willen • Nicht mein Tag • Sommerlang


Rezension:
Wenn man einen Blick auf die Charts wirft, war es schon ein komisches Jahr, dieses 1994. Zwischen CDs aus dem seinerzeit schwer angesagten Techno Bereich und einer Vielzahl von Retrospektiven internationaler Größen wie Bryan Adams, Freddie Mercury und Meat Loaf platzierten sich nur etablierte Künstler aus Deutschland mit ihren Scheiben, wie z.B. Grönemeyer, Maffay, Die Ärzte, die Hosen und Heinz Rudolf Kunze. Es scheint fast so, als wäre da bei den Leuten kein Platz für was Neues oder gar etwas, was aus dem Rahmen fällt, gewesen. Lediglich LUCILECTRIC verirrte sich als einzige Newcomerin in den Top 100. Das lag aber nicht nur an den Hörern, sondern zum großen Teil an der damals schon kränkelnden Radiolandschaft und einer nicht immer nachvollziehbaren Politik der Plattenfirmen, sich blind auf Altbewährtes zu verlassen und die Sicherheitszone mit den großen Namen nicht zu verlassen. Gerade im Rundfunk wurden schon damals überwiegend nur das Zeug aus Übersee und bekannte Namen aus dem eigenen Sektor, aber aus Angst davor, der Hörer könnte zur Konkurrenz umschalten, keine neuen oder gar unbekannten Interpreten mehr gespielt. So blieben viele tolle und in mühevoller Handarbeit erschaffene Produktionen wie z.B. "Tohuwabohu" von André Herzberg oder "Willkommen in der Welt" von Tino Eisbrenner auf der Strecke. Sie blieben von den Massen unbeachtet, weil sie schlicht nirgendwo in TV und Radio angeboten wurden. Genauso wie das Album "Ich häng an Dir" von der Gruppe SCHULZE.

Und das ist absolut nicht zu verstehen, wenn man das Album mal gehört hat. Die Deutschrock-Kapelle aus dem Baden-Württembergischen Neuffen hatte in diesem Jahr nach "Paradiesvogel" (1992) mit "Ich häng an Dir" das zweite Album eingespielt und veröffentlicht. Die Band hatte kurz zuvor beim ZDF einen Nachwuchs-Wettbewerb gewonnen und in der Folge mit Dieter Falk als Produzenten eben dieses neue Album aufgenommen. Die Band schrieb die Lieder selbst, hauptverantwortlich dafür waren die Members Frieder Sigloch, Udo Rinklin und teilweise auch Wolfgang Sperl. Ganz nah dran an den Jungs in der kreativen Phase war auch Peter Meisel vom Verlag, der sie auch "entdeckt" hatte. Die Inhalte der Songs waren eine Mischung aus erster Inspiration und anschließendem handwerklichen Arbeiten daran. Man bediente sich da an eigenen Beobachtungen im Alltag und Gedanken, die letztlich zu Texten wurden. Um dies alles in Musik zu kleiden und für die Nachwelt festzuhalten, waren die Musiker in verschiedenen Studios und hatten auch ein paar interessante Gastmusiker dabei, u.a. den aus der Band von Marius Müller-Westernhagen bekannten Gitarristen Jay Stapley sowie den Schlagzeuger Tim Lorenz (Rainbirds, Club der toten Dichter). Trotzdem man mit dem eben erwähnten "Paradiesvogel" bereits ein Album veröffentlicht hatte, war man in Sachen Studioarbeit noch ziemlich unbeleckt. Da war Dieter Falk, der seine Spuren als Musiker und Produzent vorher schon bei PUR, Pe Werner und Joy Fleming hinterlassen hatte, für SCHULZE eine große Hilfe und Glücksfall zugleich. Die Jungs um Sänger Frieder Sigloch hatten zwar eine bestimmte Vorstellung, wie das neue Album klingen sollte, wussten zu dem Zeitpunkt aber nicht, wie man es bei der Produktion umsetzen muss. Das lag in der Natur der Dinge, denn alle Musiker von SCHULZE hatten neben der Band noch einen Hauptberuf oder waren freiberuflich unterwegs. Sie waren keine Profis.

Neben dem Sänger Frieder Sigloch gehörten noch die Keyboarder Wolfgang Sperl und Udo Rinklin, Gitarrist Volker Wagner, Bassist Markus Kort und Saxophonist Helmut Mittermaier zur festen Besetzung von SCHULZE. Konzerte gab die Band damals immer nur an Wochenenden, eben weil die Jungs beruflich noch anderweitig tätig waren, hatte aber mit 60 Muggen im Jahr einen gut gefüllten Kalender. Umso mehr legte die Plattenfirma Hansa und auch die Band selbst große Hoffnungen in dieses zweite Album. Es sollte kommerziell ein Erfolg werden und die Band wie mit einem Fahrstuhl in die obere Etage der deutschen Musikszene bringen. Aber wie eingangs schon erwähnt, hatten die Radiostationen im Land einen großen Anteil daran, dass es kein Erfolg werden konnte. So erinnert sich Frieder Sigloch noch daran, wie das damals auf Senderreise war, als Redakteure ihnen klar auf den Kopf zu sagten, dass man in der Sendung das Album zwar erwähnen und drüber sprechen, aber keinen Song daraus spielen könne. Die Begründung wurde dann auch gleich mitgeliefert: Man hätte dafür einen anderen deutschsprachigen Song aus dem Programm nehmen müssen, da der Hörer "zwei deutsche Lieder in einer Stunde nicht ertragen" würde. Und einen unbekannten Titel gegen einen Bekannten zu tauschen? Unmöglich! Zwei oder drei Hörer könnten wegschalten.

So blieb dieses Album auch nur eine Randerscheinung und ist dennoch ein Klassiker. Die Lieder auf "Ich häng an Dir" sind zeitlos im Arrangement, erstklassig im Sound und sowohl kompositorisch als auch texterisch auf einem hohen Niveau. Wenn man überlegt, dass der Produzent vorher schon bei PUR tätig war und deren Platten dagegen stellt, hat seine Arbeit für SCHULZE ein deutlich besseres Ergebnis erzielt. Es befindet sich nicht ein Song auf der CD, den man als "Füllmaterial" bezeichnen könnte. Jeder Song hätte damals das Zeug zur Single-Veröffentlichung gehabt, nicht nur der als solche ausgekoppelte Titel "Morgen".

Zu knackigem Rock wird sich in "Morgen" vorgenommen, dass eben ab "morgen" das Leben komplett umgekrempelt wird. Nach dem Motto "Morgen, morgen, nur nicht heute", verschiebt man die einschneidenden Maßnahmen auf einen späteren Zeitpunkt, weil man sich letztlich gar nicht vom bequemen Leben trennen möchte. Diese mit unüberhörbarem Augenzwinkern vertonte Müßiggang-Hymne war 1994 auch in meinem Umfeld schwer angesagt und wurde kurz vor dem Wochenende als Soundtrack zum Start in die freien Tage eingesetzt. Auch später in meiner Zeit als DJ rockte und rollte die Nummer im deutschen Block meines Programms, und griff vielen Leuten gepflegt ans Tanzbein.
Dem Album "Ich häng an Dir" seinen Namen gegeben hat eine wunderschön dahin gleitende Ballade, die von der Schwierigkeit handelt, sich von einer gescheiterten Beziehung zu lösen und das Leben ohne "sie" weiter zu leben. Darin verbaut sind ein toller Refrain, der einem so schnell nicht aus dem Ohr gehen will, und ein wunderbares Saxophon- und Gitarrensolo. Das gleiche Thema in einer ähnlichen Verpackung, nur mit einer anderen Grundstimmung wird uns in "Sommerlang" zu Gehör gebracht. Das Lied handelt vom Alleinsein nach dem Ende einer Beziehung. Die damit einhergehende Traurigkeit wurde in dieser Nummer besonders gut eingefangen und bekommt weniger optimistische Töne mit auf den Weg als in "Ich häng an Dir". Vielleicht hat man den Song auch deshalb ans Ende - quasi an den Ausgang des Albums - geparkt.
Apropos "gleiche Machart": Genau wie "Morgen" kommt auch "Ich weiß nicht wie" daher. Luftig und locker leicht arrangiert, flott gespielt und mit einem Schuss Humor wird hier über völlig neue Situationen und die ersten Male im Leben gesungen. Gute Laune pur für Ohr und Seele.
Heraus aus den anderen Liedern dieses Albums sticht der "Walzer", bei dem neben dem Gesang nur ein Klavier, ein dezent im Hintergrund schwebender Synthie-Teppich und ein Cello zum Einsatz kommen. "Leg nicht Deine Hand zwischen meine Beine, leg mir Deine Seele aufs Herz", heißt es im Refrain dieser traurig klingenden, nah an der Klassik ruhenden Nummer über eine besondere Liebe und die Gedanken dazu. Gänsehaut-Garantie und der Wunsch, das Lied umgehend nochmals hören zu wollen, inklusive.
Darüber, was echte Traumfrauen sind, und dass diese mehr können, als nur mit den "Wimpern zu klimpern", erzählt die wieder flotter arrangierte und weit aus positiver ausgefallene Nummer "Traumfrauen". Um die Augen haben sie "1000 kleine Falten", weil sie schon viel gelacht und mit ihrer Lebensfreude viel Mut gemacht haben, lernen wir hier und haben Spaß an einem weiteren Song, den man gerne öfter hören mag.
Für mich das Highlight auf dieser Platte ist aber der Song "Nie wieder tanzen". Eine spannende Mischung aus traurig singenden, weinenden und wütend gespielten Gitarren (die Dire Straits lassen grüßen) und einem sich in Verlauf der Nummer dazu gesellenden Saxophon, breiten sich auf einem düster gewobenen Rhythmus-Teppich aus Bass und Schlagzeug aus, das fast hypnotisch den Takt vorgibt. Nach hinten raus klagen die Instrumente in einem instrumentalen Teil noch nachdrücklicher, denn es geht in dem Lied um die Grausamkeiten des Krieges, die die Frauen der Soldaten zu erleiden haben, wenn der Mann nicht mehr zurückkehrt. Grundlage waren die Jugoslawienkriege in den 90ern (oder auch Balkankrieg genannt). "Ein grausamer Krieg, der alles überrollte. Der Nachbarn zu Feinden macht." Dieses Lied ist aber auch auf jeden anderen Krieg und seine Folgen für die Menschen übertragbar, denn egal über welchen Krieg wir auch reden … Krieg ist scheiße! Dies ist nur ein kleiner Auszug aus dem, was dieses 13 Lieder umfassende Werk mitbringt.

Die Band veröffentlichte nach "Ich häng an Dir" noch drei weitere Alben und war bis Anfang des neuen Jahrtausends aktiv. Im Jahre 2003 wollten die Musiker ihrer Band SCHULZE ein würdiges Ende bereiten und aufhören zu spielen solange die Leute noch traurig sind, wenn sie nicht mehr auftreten, als dass sie traurig sind, dass sie es immer noch tun. Der große Durchbruch ist SCHULZE in etwas über 10 Jahren Existenz leider nie gelungen, was aber nicht an den eigenen Songs oder den Fähigkeiten der einzelnen Musiker gelegen hat. Gerade die einzigartige und jederzeit wiedererkennbare Stimme ihres Sängers sowie die feinen Song-Ideen der Kreativabteilung dieses Ensembles hätten weit mehr verdient als das, was unterm Strich nach all den Jahren Tätigkeit dabei herausgekommen ist. Vielmehr haben Plattenfirmen und Medien mit unklugen und dummen Entscheidungen dafür gesorgt, dass "Ich häng an Dir" für SCHULZE leider nicht so ein Brustlöser wie "4630 Bochum" für Herbert Grönemeyer oder "Steppenwolf" für Peter Maffay wurde, obwohl es handwerklich und inhaltlich in einer Liga spielt.

Etwas Hoffnung für die Fans auf ein Wiedersehen gibt es aber, denn 17 Jahre nach dem Ende von SCHULZE sind Sänger Frieder Sigloch, der heute im Hauptberuf Lehrer ist, und Keyboarder Udo Rinklin, der als Produzent zuletzt die neuen Alben von Laith Al-Deen und Heinz Rudolf Kunze aufgenommen hat, wieder dabei, neue Lieder zu schreiben und aufzunehmen. In welcher Form das letztlich erscheinen wird, ob unter dem Namen SCHULZE oder einer anderen Firmierung, wird man sehen … Wir halten Euch da jedenfalls auf dem Laufenden und empfehlen bis dahin, diese Perle deutscher Rockmusik zu entdecken und zu genießen - falls nicht schon geschehen.
(Christian Reder)





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