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Wenn man jung ist, gibt es immer wieder Ereignisse im Leben, denen man heißblütig entgegenfiebert. Was für Kinder der Heilige Abend oder das Osterfest ist, stellt für Jugendliche oft der Beginn der neuen Staffel einer Fernsehserie, der Aufführungsstart eines Kinofilmes mit dem Lieblingsstar, oder eben das Erscheinungsdatum einer lang erwarteten neuen Schallplatte bzw. CD dar. Für mich als Musikfreund, waren in der Jugendzeit in erster Linie jeweils neue Produktionen von besonders goutierten Bands und Sängern das Objekt meiner Begierde. Oft konnte ich wochenlang deren aktuellste klangliche Stellungnahme kaum erwarten, zumal der Musikmarkt in den 80er Jahren bei weitem noch nicht so gnadenlos durchkommerzialisiert und verplant war, wie heutzutage, wo es den Plattenfirmen eigentlich gar nicht mehr um die Musik als Kunstform an sich geht, sondern nur noch um den höchstmöglichen Einstieg eines neuen Tonträgers in die Verkaufscharts. Deshalb werden Veröffentlichungstermine stets direkt auf die Konkurrenz abgestimmt. Die entsprechende Plattenfirma möchte bei einem Käufersegment doch auf jeden Fall die Nase vorn haben, was Verkaufszahlen in der ersten Woche nach VÖ betrifft; die Konkurrenzcompany solle dagegen bittschön das Nachsehen haben. So verschiebt sich oft das Erscheinen eines längst fertig gestellten Tonträgers auf einen solchen penibel eruierten Zeitpunkt, in dem möglichst kein anderer Medienmulti eine neue Scheibe derselben Stilrichtung auf den Markt wirft.

Dies war in meiner Jugend noch völlig anders. Oft wurden geplante VÖ-Termine unbeabsichtigt nicht eingehalten, nicht etwa aus Kommerzgründen, sondern schlicht, weil die Platte einfach noch nicht fertig produziert, abgemischt, gepresst war - was bei uns 80er-Kindern dazu führte, dass wir, wenn die Neuerscheinung einer Scheibe in der Luft lag, oft Woche für Woche Nachmittags nach der Schule in die Innenstadt pilgerten - und dort nicht selten niederschmetternd zu hören bekamen, das Erscheinen verzögere sich nun noch mal um ein paar Tage, wir mögen doch bitte nächste Woche wiederkommen. So ich mich erinnere, sehnte ich mir seinerzeit drei LPs ganz besonders herbei, deren Erscheinen zwar in einem gewissen Zeitrahmen bekannt, nicht aber auf den Tag genau datiert war, wie dies heute zumeist der Fall ist. Dies war z.B. im April 1987 "Never let me down" von David Bowie, ein Jahr darauf "Ö" von Herbert Grönemeyer - zum ersten Mal fieberte ich rundherum um Pfingsten 1984 einer LP unermüdlich und ungeduldig entgegen. Dabei handelte es sich um "Zwesche Salzjebäck un Bier", das (nicht nur von mir) sehnlichst herbei gewünschte, fünfte Studiowerk der Kölschrocker BAP.

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Diese hatten mit ihren vorherigen LPs "Für Usszeschnigge" (1981) und "Vun drinne noh drusse" (1982) alle Rekorde gebrochen, absolvierten 1982/83 eine fast ein Jahr lang andauernde Mammuttournee und hatten deren überzeugendste Momente für die im Herbst 1983 vorgelegte Live-Doppel-LP "Bess demnäxh" mitgeschnitten. Unsere damalige Nachbarin in Hamburg-Lokstedt war die Schwester von Udo Lindenbergs Panik-Sekretärin Gabi Blitz und arbeitete im Büro des Konzertveranstalters Karsten Jahnke. Immer wieder lieh sie mir brandneue LPs derjenigen Künstler aus Informationsgründen und bei Gefallen zur Überspielung auf Leerkassetten aus, deren laufende Tournee von ihrem Chef, Karsten Jahnke, veranstaltet wurde. So erhielt ich Anfang Oktober 1983 mit "Bess demnäxh" die allererste "BAP"-Scheibe meines Lebens von ihr als Ausleihe. Erst verstand ich kein Wort von dem, was der Sänger da von sich gab, doch die musikalische Umsetzung in einem erdigen, echten, rockigen Sound, der an den der STONES, der KINKS, von SPRINGSTEEN oder DYLAN angelehnt war, begeisterte mich sofort, so dass ich Dank dieser Doppel-LP, die ich mir bald daraufhin, in den Herbstferien 1983 bei "Oberpollinger" in München, auch selbst zulegte, mit gerade mal zwölf Jahren zum absoluten BAP-Fan avancierte, was ich bis heute, trotz mancher schwächerer Arbeiten der Truppe und teils unnötig wirkender Bandsumbesetzungen, in ausgeprägtester Form geblieben bin.

Für 1984 stand nicht nur eine erneute, umfangreiche Konzertreise der Jungs um Sänger/Texter/Geschichtenerzähler Wolfgang Niedecken an, sondern aus diesem Anlass natürlich auch die Veröffentlichung einer brandneuen LP der gefeierten Kölsch-Heroen. Inzwischen hatte ich mir alle Vorgängeralben meiner neuen Rockidole zugelegt, war zuvorderst vom Debüt "BAP rockt andere Kölsche Leeder" (1979) und "Für Usszeschnigge" (1982) angetan - und sehnte mich nun, in den Wochen nach meinem 13. Geburtstag am 15. April 1984, heiß und innig nach der angekündigten neuen LP von BAP. Auch wenn das gesamte Jahr 1984 mit unzähligen herausragenden Alben aus dem Spektrum Deutschrock aufwartete - alleine im Frühjahr des "Orwell-Jahres" waren mit Lindenbergs "Götterhämmerung", Maffays "Carambolage" und "MorgenGrauen" von Hans Hartz drei ultimative Genre-Klassiker erschienen -, so freute ich mich ganz besonders auf "Zwesche Salzjebäck un Bier". Am Freitag, dem 25. Mai 1984, war es dann endlich soweit: Ich erwarb mir pünktlich zum Erscheinungsdatum eine LP, die mich bis heute ungebrochen faszinierte, nie mehr losließ, und von deren Liedern nicht wenige dauerhaft mit unverbrüchlichen Jugenderinnerungen verbunden bleiben.

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War "Von drinne noh drusse" in gewisser Hinsicht das "Exile on Mainstreet" von BAP gewesen, so sei "Salzjebäck" unser "Sheik Yerbouti", erläuterte BAP-Chef Niedecken dem Verfasser dieser Zeilen im Jahr 2000 seine ureigene Klassifizierung der Neun-Lied-Scheibe. Tatsächlich überwogen auf "Salzjebäck" sowohl experimentellere, als auch ruhigere Klänge; Stones-gemäßer, hymnischer Blues-Rock fand darauf kaum statt. Da nach dem reißenden Umsatz der Vorgänger-LPs das Aufnahme-Budget für BAP 1983/84 so hoch war, wie nie zuvor, war es möglich geworden, z.B. den etwas zähen, fast siebenminütigen Eröffner "Bahnhofskino" mittels eines von BAP-Gitarrist Klaus "Major" Heuser ausbaldowerten Streicherarrangements mit echten Instrumentalisten (und nicht nur mit Strings aus dem Synthesizer) einzuspielen, was dem prononciert apokalyptischen, einwenig sympathisch verquast, aber zugleich sehr stimmungsvoll, atmosphärisch daherkommenden Rockdrama ein gewisses kammermusikalisches, nahezu semi-klassisches Ambiente verlieh. Wenn ein Top-Act, ein Verkaufsgarant, wie BAP es damals zweifelsohne waren, eine neue, mit zig Vorschusslorbeeren bedachte Produktion mit einer extrem stillen, nur ganz hintergründig, kaum spürbar brodelnden, überwiegend düster, dunkel, nächtlich, gediegen arrangierten Monumental-Klangkaskade voller quergedachten Tiefgangs, lyrischer Anspielungen auf Biblisches, Philosophisches und Historisches, beginnen lässt, ist dies zweifellos ein Wagnis, das der Band jedoch auf phänomenale Weise zu gelingen vermochte. Der Hörer wusste sofort: "Salzjebäck" ist nicht von vornherein ein Album zum Drauflosrocken und Mitsingen, sondern viel mehr eine Art gesungenes, breitgefächertes, lyrisches Epos zum Zuhören, Nachdenken, Mitdenken und Mitfühlen.

Doch sogleich nach diesem sphärisch schwebenden, in sich gekehrten Einführungslied, geht's rockig, direkt und konsequent geradeaus weiter mit dem aufwühlenden, drallen, bläserverstärkten Heavy-Talking-Blues "Drei Wünsch frei", einer brillanten, zeitkritischen Betrachtung von Rüstungsorgien und überwachungsstaatlichen Tendenzen im "Orwell-Jahr" 1984, das inhaltlich satirisch und betont skurril beginnt, sich dann aber im Laufe der Zeit zu einer bitteren Anklage gegen Krieg, Raketenstationierung, Hungersnöte und Umweltzerstörung ausbreitet, ausweitet, eskaliert - um von einer märchenhaften Feengeschichte im surrealen Kontext zum Schluss unsanft und brachial in der düsteren Realität anno Domini 1984 anzukommen.

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"Drei Wünsch frei" etablierte sich schnell als oft gewünschter Live-Favorit, wurde einige Wochen nach der Albumveröffentlichung als erste Single ausgekoppelt, konnte sich aber in den Verkaufshitparaden nicht etablieren, während die LP - wie konnte es anders sein? - bald nach Erscheinen auf den ersten Rang der "Media Control"-Listen schoss!

Über Wolfgangs wilde Jugendzeit in der Kölner Südstadt berichtet der sich langsam aufbauende, von unerwarteten Trompetenklängen durchzogene, spürbar amerikanisch arrangierte Road Song "Diss Naach es alles drinn". Bei diesem unendlich stimmungsvollen, sogleich nachempfindbaren, wehenden Rock-Epos, stand unmittelbar und unverkennbar des BAP-Frontmannes nach Bob Dylan, zweites großes Vorbild Bruce Springsteen musikalisch (und letztlich auch inhaltlich) Pate. "Diss Naach ess alles drinn" ist nichts anderes als Wolfgangs persönliches "Thunder Road" - eine jugendlich-sehnsüchtige, sehr originäre Beschreibung jener "Glory Days" (um beim "Boss" zu bleiben) zwischen Oberstufe und Studienbeginn, als in der dunkel-schummrigen Kölner Südstadt der ausgehenden 60er Jahre juvenile Träume von grenzenloser Freiheit und Unabhängigkeit bereits dann erfüllt waren, wenn man mit Kumpels in einem alten, klapprigen Auto ein paar Mal spätabends durch die Nacht kurvte. Es geht in diesem grazilen, pianogetriebenen Hymnus, wehmütig und selbstironisch gleichermaßen rückblickend, um die traurig geendete Jugendliebe zu einer gewissen Sonja, um bizarre Nächte in alternativen Studentenkneipen und scharfen Spielsalons - und eben immer wieder um die schnellen, heißen Runden voller Sehnsucht nach der großen, weiten Welt, im blau/weißen 69er-Ford Escort, von der Altstadt über Rodenkirchen zum Bayerkreuz und wieder zurück.

Wiederum akustisch, streicherverziert, mit von "Major" gezirpter Konzertgitarre, lässt "Sendeschluss" die A-Seite von "Salzjebäck" sanftmütig ausklingen: Ein grazil vertonter Brief einer desillusionierten 15-jährigen an ihr Idol Wolfgang N., in dem sie ihm alle ihre pubertären Sorgen und Nöte mit ihren desinteressierten Eltern und verständnislosen Lehrern notiert hatte, in der Hoffnung, sie könne künftig mit der BAP-Familie durch die Lande reisen, was aber natürlich auch jenseits jeglicher Realisierbarkeit liegt. Ein gefühlvolles, trotzdem sehr ernstes, beinahe hoffnungsloses Bild von einer typischen Kleinbürger-Jugend in einer sich immer schneller drehenden Welt, in der sich viele junge Menschen ungebraucht und Fehl am Platze fühlten. Düster und traurig, aber punktgenau von Wolfgang und den Seinen voller Intensität und Ehrlichkeit ausformuliert und musikalisch skizziert.

Die B-Seite der hier vorgestellten LP beginnt mit einem noch recht tristen, aber dennoch ganz sacht schon einwenig auf das kommende Frühjahr aufmerksam machenden Februarnachmittag im Kölner Römerpark. Ergrauter, nach und nach wegtauender Schneematsch ist noch zu sehen, als Wolfgang Niedecken etwas tat, was Tausende andere junge Väter im Allgemeinen auch so tun, selbst wenn man dies von einem ‚großen Rockstar' wie ihm kaum erwartet hätte:

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Er fuhr seinen kleinen Sohn Severin im Kinderwagen durch den trüben, wolkenverhangenen Römerpark, sinnierte über seine Ehe mit Carmen, die ihren Zenit offenbar längst erreicht hatte - und sieht plötzlich ein kleines Mädchen auf einem Fahrrad ein ums andere Mal an ihm vorbei fahren und dabei lautstark rufen "Alexandra, wo bess Do"? Dieses Bild eines nach seiner Freundin fahndenden Mädchens auf dem Rad geht Wolfgang auch dann noch nicht aus dem Kopf, als er nach anbrechender Dunkelheit wieder in seine damalige Wohnung am Ubierring geht, seinen Sohnemann zu Bett bringt und sich die erste Flasche Rotwein öffnet ... Am nächsten Morgen erwacht der Sänger aus seinem Rausch, sieht mehrere leere Rotweinflaschen um sich herumstehen und findet einen handgeschriebenen, neuen Liedertext, den er offenbar am Vorabend weinselig zu Papier gebracht haben muss. Aus diesen Fragmenten, die, wie Wolfgang mir 2000 erzählte, im Nachhinein kaum noch geändert wurden, entstand das wohl intensivste Lied der 1984er-LP: "Alexandra - Nit nur Do", bis heute auf fast allen "BAP"-Konzerten seit jenen Tagen zum umjubelten Einsatz gekommen, verband Wolfgangs depressiv-melancholische Gedankenspiele, die ihm an jenem Februarabend nach dem Spaziergang mit Severin durch den Kopf gegangen waren, mit einer typischen Komposition des damaligen BAP-Gitarristen "Major" Heuser. Fast sechs Minuten lang, verströmen Wolfgangs sinnierende Überlegungen zu "Majors" kongenialen, verzwickten Gitarrenspielereien, die in einem ellenlangen, sphärischen, weitschweifenden, schier unendlich wirkenden Solo ihren gleißenden Höhepunkt finden, ja geradezu eine Explosion, ihr in sich Zusammenstürzen erlebend - ein wahrlich hinreißendes, hoch emotionales, lyrisch, wie musikalisch radikal ausuferndes Epos voller Intimität, Romantik, Abgeklärtheit, Vergangenheitsbewältigung und ängstlichem Schauen in die Zukunft nach einer mutmaßlich zu Ende gehenden Beziehung. Im hymnischen Refrain spricht Wolfgang das ihm bis heute unbekannt gebliebene Mädchen "Alexandra", das am Nachmittag vor Verfassen des lyrischen Ergusses von seiner Freundin per Fahrrad gesucht wurde, direkt an: "Alexandra, jevv et zo: Mancheiner föhlt sich he em Stech jelooße. Alexandra, nit nur do." Er selbst war von einer Liebschaft offenbar genauso im Stich gelassen worden, wie die kleine Alexandra von ihrer Spielkameradin. Für mich rein subjektiv nicht nur der qualitative Höhepunkt von "Zwesche Salzjebäck un Bier", sondern vielleicht sogar eines der aussagekräftigsten, intensivsten und überzeugendsten Lieder der Kölschrocker überhaupt. Auf jeden Fall ein Titel, der mich seit nun knapp 30 Jahren durch manche Höhen und Tiefen des Lebens begleitet hat und den ich zu keinem Zeitpunkt missen möchte!

Einen - klanglich vielleicht etwas zu sehr zurückhaltenden, womöglich gar lauen - Schleicher mit durchaus gekonnten Country-Einsprengseln mittels Fiedeln und Steel Guitar, stellt das treffliche Klagelied "Jojo" dar, eine garstig knisternde Mixtur aus Vorstadt-Folk-Chanson, schwülstigem Akustik-Blues, schönschauriger Moritat und erzählendem Bänkelgesang, die jedoch musikalisch trotz wiederum ca. fünf Minuten Spieldauer irgendwie nicht aus sich herauskommen mochte, und in erster Linie durch ihre bildhafte Lyrik über vielfältig gescheiterte Existenzen besticht. Wolfgang besingt in "Jojo" klassische Verlierertypen, liebenswerte Menschen, die aber einfach nicht das im Leben zu erreichen vermochten, was sie sich eigentlich vorgenommen hatten. Es geht um z.B. eine alte, verbiesterter Kriegerwitwe, die nur noch ihren fett gemästeten kleinen Hund hat, der unverbrüchlich zu ihr steht und niemals wegläuft, während sie von allen Freunden und Verwandten verlassen worden war. Filigran beschreibt Wolfgang darüber hinaus den idealistischen Widerstandskämpfer, der auch im Dritten Reich unverbrüchlich zur KP stand, deshalb nach Sibirien ins Strafbataillon geschickt wurde und, weit nach Kriegsende heimgekehrt, feststellen muss, wie es sich all die ‚gewendeten' Globkes und Filbingers in der Wirtschaftswunderrepublik gemütlich gemacht hatten.

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Schlussendlich beschreibt Wolfgang die alternde Prostituierte "Antoinette, die bürjerlich Erika heiß", deren beste Tage im Milieu mit Champagner und Nerz längst vorbei waren, die aber immer noch Nacht für Nacht an der Ecke Mainzer Straße/Maternusstraße steht und auf Freier wartet, von denen immer weniger kommen. Dichte Bilder, sensibel, mitfühlend dargebotene Geschichten zwischen Sentimentalität und leiser Hoffnung, prägen das eher sehr introvertiert und flüsternd inszenierte Folk-Countrymelodram, dessen recht eintönige Melodie mehr als notwendiges Transportmittel des hochwertigen Textes dient, denn als klassischer BAP-Song im gewohnten Sinne anzusehen ist.

Der einzige reale Riff-Rocker im Sinne von STONES oder KINKS auf "Salzjebäck" ist die faszinierende Bildbeschreibung "Zofall un je ganz klei bessje Glöck". Ein Bild eines spanischen bildenden Künstlers diente Wolfgang hier ebenso als Inspirationsquelle, wie Bob Dylans schier diabolisches Melodram "Simple Twist of Fate" (1975, aus "Blood on the Tracks"). In vier Strophen, ohne Refrain, dargeboten zu drallen, dampfenden Gitarrenwällen mit viel gehetztem Bluesfeeling, erzählt Wolfgang eine surreal anmutende Novelle über einen verlassenen Mann, der mit seiner Geliebten Schluss gemacht hat, sich nicht eingestehen will, dass er doch viel mehr unter der abrupten Trennung leidet, als er sich und seiner Ex-Partnerin gegenüber eingestehen mag. Er ist "per Zofall" in derjenigen Stadt gelandet, in der er ihr damals Lebewohl gesagt hatte, er erkennt den Park wieder mit seinen Gerüchen nach Holunderbeeren und rekapituliert, wie seine große Liebe damals "wie eine Brücke gesprengt" wurde. Er irrt durch die Stadt, am Kanal entlang, sieht das Hotel, in dem sich die beiden einst vergnügten - und zerstritten. Zwischen Traum und Wirklichkeit geht die Story auf zwei Ebenen - Was erlebt sie gerade? Was er im selben Moment? - bis er sich am Schluss, in der letzten von vier mit famosen Formulierungen vollgepfropften Strophen, nachdem er das Hotelzimmer, in dem noch ein Brief von ihr zu liegen schien, verlassen und "nohm Hafen raff" gestrauchelt war, schwört, eben jene Frau zurückgewinnen zu wollen, doch dazu braucht er eben nur "nur 'ne Zofall un e janz klei' bessje Glöck, Mann..." (Textzitat).

Im Zuge von Udo Lindenbergs vieldiskutierter "DDR"-Visite auf dem fast nur mit linientreuen FDJ-Mitgliedern gefüllten "Rock für den Frieden"-Festival vor 30 Jahren im Ostberliner Palast der Republik, erhielten auch BAP, die ebenfalls über unzählige freigeistige Freunde in Ostdeutschland verfügten, das Angebot für eine Tournee durch den Arbeiter- und Bauernstaat. Diese war für Jahresbeginn 1984 anberaumt worden. Doch schon im Herbst des Vorjahres merkte die Band schnell, welch übles Spiel die DDR-Verantwortlichen mit ihr zu spielen gedachten. Nach einem auf harmlos getrimmten Playback-Auftritt im DDR-Fernsehen waren Interview-Passagen mit Wolfgang Niedecken ohne sein Wissen und Zutun in einer Art und Weise staatlicherseits zusammengeschnitten, gekürzt und somit vollkommen verfremdet worden, dass sie nun genau diejenige politische Intention wiedergaben, die die DDR-Obrigkeit von ihm erwartet hatte, die er aber niemals so in dieser Form getätigt hatte. Als sich dann im Vertrag zur geplanten Tour zusätzlich noch der Passus befand "Die Künstleragentur der DDR behält sich Programmänderungen vor", entschloss sich die Band, nach einigen Stunden harter Verhandlungen im Ost-Berliner "Hotel Unter den Linden", am Vorabend des lange anvisierten und schon ausverkauften ersten Auftritts eben im Palast der Republik, Kehrt zu machen und auf die von allen freudig erwartete Konzertreise durch 14 ostdeutsche Städte zu verzichten. Sie hatte nämlich aus Anlass dieses ersten offiziellen konzertären Besuchs in der DDR eigens einen knackigen, provokativen, kritischen, zugleich aber auch sehr liebevoll und menschlich formulierten Begrüßungshymnus für all ihre Freunde dort geschrieben, der allerdings zuvor noch auf keinem Tonträger veröffentlicht worden war. Dies war der schnelle Bluesrocker "Deshalv spill mer he", in dessen Text BAP - so naiv, wie idealistisch, so gerechtfertigt, wie unverblümt - mit der verbotenen DDR-Friedensbewegung und deren Motto "Schwerter zu Pflugscharen" sympathisierten, außerdem, noch weitaus drastischer, als zuvor Kollege Lindenberg, die Verschrottung aller Mittelstreckenraketen - aus West UND Ost - einforderten: "en SS 20 zo nem Traktor un en Pershing zo ner Lok" - und zu allem Überfluss die verknöcherten Politbüro-Bonzen als "Klique, die sich Volksvertreter nennt" so anarchisch, wie zutreffend verulkten. Dieses aufmüpfige Lied kannten die DDR-Kulturfunktionäre natürlich noch nicht, weshalb sie nicht wollten, dass BAP dies in ihr Tour-Repertoire integrieren. BAP weigerten sich, auf die Aufführung dieses neuen Liedes auf der anstehenden DDR-Tournee zu verzichten, verließen verärgert und desillusioniert die "Deutsche Desillusions Republik" (Udo L.), blieben also standhaft gegenüber allen subtilen Drohgebärden, Bevormundungen und Zensurvorhaben der DDR-Kulturbehörde, enttäuschten zwar ihre Fans in Ostdeutschland, blieben aber eben ihrem lang gehegten Motto treu, sich von nichts und niemandem einplanen, vor keinen Karren dieser Welt spannen zu lassen, wenn sie nicht einwandfrei dahinter stünden.

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"Deshalv spill mer he" fand, knapp ein halbes Jahr nach der Absage der DDR-Tournee, einen Ehrenplatz auf "Zwesche Salzjebäck un Bier" - ein wahrhaft historisches Lied, das zum Politikum Widerwillen wurde und mit dem BAP zweifelsohne deutsch/deutsche Geschichte schrieben, bis es ihnen 1990, nach dem Mauerfall, endlich problemlos möglich war, ihre Ost-Anhänger mittels Live-Konzerten, nach so langer Wartezeit, kennenzulernen und in ihr Herz zu schließen!

Nach so viel Nachdenklichkeit, Düsternis, Zeitkritik, Abgeklärtheit und Ängstlichkeit in Noten, endet hier vorgestellte LP liebenswert ruhig, bedächtig und doch noch einwenig hoffnungsvoll. "Schloof Jung, schloof joot" ist ein zerbrechliches Gute-Nacht-Lied für Wolfgangs kleinen Sohn Severin, das diesen auffordert, in seinen Träumen alle Übel dieser Welt hinter sich zu lassen, über alle Berge und Meere in die absolute Schwerelosigkeit zu fliegen - ein leises Wiegenlied, das ein wahrhaft fulminantes Album grandios und hoch emotional beschließt!

Am 15. Juni 1984 begann die fast ein Dreivierteljahr andauernde Tournee zu "Zwesche Salzjebäck un Bier" mittels zweier Open-Air-Abende nacheinander in der Römischen Arena im niederrheinischen Xanten, woraus ein 45-minütiges ZDF-Special mit ersten Eindrücken des neuen Liveprogramms der Kölschrocker - u.a. "Alexandra ...", "10. Juni", "Zofall ...", "Verdamp lang her" - zusammengeschnitten wurde, das während der Sommerferien 1984 ausgestrahlt wurde, aber bis heute leider noch nie auf DVD neuveröffentlicht wurde.

Als ich Wolfgang 2000 erzählte, dass "Salzjebäck" mein bis damals (und natürlich auch bis heute) Lieblingsalbum von BAP sei, meinte er, aus der Zeit heraus, also aus der Sicht der Fähigkeiten der Band im Frühjahr 1984, sei es auch das bestmögliche Werk gewesen. Heute gäbe es Besseres, Vielseitigeres. Dieser Betrachtung mag ich mich nicht anschließen - klar, dass Wolfgang dies damals so sagen musste, immerhin wollte er vor knapp 14 Jahren ja seine neue BAP-Formation und das semiakustische Album "Tonfilm" vorstellen, und die neueste Scheibe ist eh immer die beste ... - denn für mich ist "Salzjebäck" nicht nur das ambitionierteste und vielfältigste, dichteste und zugleich aus allen nur möglichen Sichtweisen interpretierbare Meisterwerk meiner Kölner Rockhelden, wegen derer ich im Herbst 1984, obwohl ich damals zum ersten Mal im Leben überhaupt enn Kölle am Rhing jewese benn, Woot för Woot den dortigen Kölschen Dialekt jeliehrt hann, (um mich im langweiligen Lateinunterricht anderweitig bei Laune zu halten), sondern zugleich ein unverbrüchlicher Part meines Lebens, dessen künstlerische Intention, Qualität und Aussagekraft mich heute noch genauso intensiv in ihren Bann ziehen, wie damals - und dies kann ich von nicht allzu vielen Schallplatten und CDs, die so im Laufe der letzten 20, 30 Jahre auf den Markt gekommen sind, unwiderruflich behaupten!
(Holger Stürenburg)


VÖ: 1984; Label: Musikant/EMI; Titel: Bahnhofskino · Drei Wünsch frei · Diss Naach ess alles drinn · Sendeschluss · Alexandra, nit nur do · Jojo · Zofall un e janz klei' bessje Glöck · Deshalv spill' mer he · Schloof Jung, schloof joot; Bemerkung: Bei Musikant/EMI 1984 auf LP, Kassette und CD veröffentlicht. Im Jahre 2006 als Doppel CD mit den Bonustracks: Nackt Im Wind (Urversion, Schladming, 1985) · Nackt Im Wind (Band für Afrika, Single, 1985) · Drei Wünsch frei (Live, Köln, 1988) · Sendeschluss (Live mit Streichorchester, "Bei Bio", WDR, 1984) · Alexandra, nit nur do (Live, Köln, 1988) wiederveröffentlicht (Stand: 08.02.2014); Musiker: Wolfgang Niedecken (voc, g) · Klaus 'Major' Heuser (g, voc) · Steve Borg (b) · Jan Dix (dr) · Manfred Boecker (perc) · Alexander Büchel (key); Produzent: BAP und Helmut Rüssmann



Videoclips:

 
"Alexandra nit nur du" (live in Xanten 1984)


"Deshalv spill mer he" (live in Frankfurt 1984)


"Drei Wünsch frei" (live 1989)


 

   
   
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