lindigottgr 20131129 2034833453Vor rund 30 Jahren, am 25. Oktober 1983, war es Udo Lindenberg, einem der Urväter des deutschen Rock, nach langen Jahren des Bittens und Flehens, mit taktischem Geschick und natürlich einer gehörigen Portion der für ihn so typischen, anarchischen Respektlosigkeit und liebenswerter Frechheit, möglich, erstmals (und Zeit ihres Bestehens auch letztmalig) in der DDR öffentlich aufzutreten. Seit Anbeginn seiner Karriere war dem legendären Panikrocker das deutsch/deutsche Verhältnis ein ganz besonderes Anliegen im Rahmen seines künstlerischen Wirkens, wie gleichsam der strikte Kampf gegen jegliche Ausprägung von Unfreiheit, Mief, Spießigkeit und totalitärem Gehabe. Mehrfach hatte Udo in seinen Liedern auf gefühlvolle, fragile, zugleich kritische und zugespitzt deutliche Art und Weise, ohne erhobenen Zeigefinger oder nationalistisches Pathos, die deutsche Frage thematisiert. In "Mädchen aus Ostberlin - Wir woll'n doch einfach nur zusammen sein" beschrieb er schon 1973 die selbst erlebte Liebe eines Westdeutschen zu einem wilden, freakigen Ostberliner Mädchen, die aber aufgrund der irrsinnigen Mauer, der damit verbundenen Regularien und Widrigkeiten, nie so recht ausgelebt werden konnte. In "Rock'n'Roll Arena in Jena" äußerte die selbsternannte "Nachtigall von Billerbek" drei Jahre darauf den lang gehegten Wunsch, wenigstens ein einziges Mal für seine unzähligen ostdeutschen Freunde in Jena, Leipzig, Halle oder anderswo aufspielen zu dürfen - was von den verknöcherten, verblendeten DDR-Oberen, die Lindenberg gerade mal für einen "mittelmäßigen Schlagersänger aus der BRD" hielten, stetig und rigoros abgelehnt worden war. Nachdem der Kalte Krieg Anfang der 80er Jahre, nach Ausrufung des sog. "NATO-Doppelbeschlusses" im Dezember 1979 und dem daraufhin erfolgten Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan, einen neuen, letzten, zugleich eisigen und brandgefährlichen Höhepunkt erlebte, gerieten Udos Ambitionen, endlich eine Konzertreise durch den "Arbeiter- und Bauernstaat" durchzuführen, erneut auf die Tagesordnung.

Als er Ende 1982, nach der so komplexen und schwerverdaulichen, wie chronisch unterschätzten Heavy-Metal-Power-Orgie "Keule", seinen Wechsel von der Hamburger Plattenfirma Teldec zur ebenfalls in der Hansestadt ansässigen Deutschen Grammophongesellschaft/Polydor vollzogen hatte, legte er dort sein höchst ambitioniertes, enorm politisches und zeitkritisches Opus "Odyssee" vor, das von den nachgewachsenen Früh-80er-Teenagern (wie etwa dem Verfasser dieser Zeilen) enorm positiv und heißbegehrt aufgenommen wurde, wie es zugleich von den "Politpoppern in Bonn" (Udo L. in "Straßenfieber", 1981) kontrovers diskutiert wurde. Udos darauf enthaltener, klingender 'Liebesbrief' an den DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker "Sonderzug nach Pankow" - dieser basierte auf Glenn Millers allseits bekanntem Big-Band-Klassiker "Chattanooga Choo Choo" - erwies sich in der BR Deutschland als veritabler Top-5-Singlehit und sorgte dafür, dass sich die SED-Bonzen nun erneut mit dem unberechenbaren Provokateur Udo L. auseinandersetzen mussten. So lud man ihn nach langem Hin und Her zu einem Festival unter dem Motto "Rock für den Frieden" in den Ostberliner Palast der Republik ein. Voraussetzung östlicherseits: Udo verzichtet hierbei auf die Aufführung des in der DDR inzwischen verbotenen "Sonderzuges", im Gegenzug dazu würde ein Vertrag paraphiert, der Udo und seinem Panikorchester im Sommer 1984 eine mehrtägige Konzertreise durch die DDR ohne programmatische Vorschriften ermöglichen solle. Udos Auftritt vor 30 Jahren in Ost-Berlin sorgte für immensen medialen Wirbel; Veranstaltungsort und geladenes (ergo: vollkommen linientreues, an Udos Musik eigentlich desinteressiertes) Publikum waren von der Stasi durchsetzt, Udo durfte gerade mal 15 Minuten lang singen und wagte es, auf der Bühne nicht nur (wie von der DDR-Führung erhofft) die geplante Aufstellung der US-amerikanischen Pershing-II-Marschflugkörper in Westdeutschland zu kritisieren, sondern verdammte in einem Atemzug auch die sowjetischen SS20-Raketen (DDR-Sprech: Friedensraketen), bevor er das betont bzw. absichtlich naiv ausgestaltete Kinderlied "Wozu sind Kriege da?" anstimmte. Der mediale Theaterdonner in West und Ost war immens; im November 1983 wurden die ersten modernisierten US-Mittelstreckenraketen - allen Protesten zum Trotz - im schwäbischen Mutlangen stationiert. Die Kriegsangst der Menschen in Ost und West wuchs behände, aber in der Panikfamilie wurde nun frohgemut und zielstrebig damit begonnen, die vertraglich zugesicherte DDR-Tournee vorzubereiten. Diese sollte im Anschluss an die reguläre 1984er-BRD-Konzertreise von Udo und Orchester stattfinden, die ebenfalls für Mai/Juni des "Orwell-Jahres" angesetzt worden war.

Als klingender Aufhänger für die wiederum als großspuriges, grelles, überaus provokatives und daher nicht unumstrittenes Revuespektakel ausgearbeiteten Showvorstellungen, erschien Anfang Februar 1984 Udos zweite Studioproduktion bei Polydor. Diese nannte sich "Götterhämmerung", schloss qualitativ nahtlos an ihren gefeierten Vorgänger "Odyssee" an und sorgte in vielerlei Hinsicht für breite Diskussionen, in den Medien und Feuilletons, wie auch in der Familie des damals knapp 13-jährigen Holger Stürenburg. Doch auch in der DDR, so etwa bei "Honies Kronprinz" (Zitat: Udo), dem FDJ-Chef Egon Krenz, landete das Werk auf dem volkseigenen Schallplattenspieler, und dort hielt sich - wie ich noch schildern werde - die Begeisterung über die so plakative, wie provokative Ausrichtung von "Götterhämmerung" in engsten Grenzen, verbunden mit für Udo und seine ostdeutschen Fans äußerst unschönen Folgen. Als ich mir, rund zwei Monate vor meinem 13. Geburtstag, die LP in der Hamburger Spitaler Straße, Freitagnachmittag, 10. Februar 1984, nach der Schule zulegte, war ich sogleich nach dem ersten Anhören der zwölf schier göttlichen neuen Lindenberg-Hämmer umgehend in das schwarze Vinyl verschossen - und blieb dies nicht nur den gesamten Sommer 1984 über, sondern letztlich bis heute, weshalb ich nun beschlossen habe, die Scheibe fast 30 Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung an dieser Stelle ausführlich zu würdigen!

"Götterhämmerung" betrat schon in musikalischer Hinsicht oft unerwartetes Neuland. Der gewohnte gitarrenlastige, brachial-harte Hammerrock des ursprünglichen Panikorchesters war noch radikaler, als sich teilweise bereits auf "Odyssee" angekündigt hatte, und zudem immer häufiger witzig-skurrilen New-Wave-Einsprengseln und so knackigen, wie fraglos wahnwitzigen Synthipop-Experimenten, ab und an leider aber auch ein paar verspäteten (von der Kritik daher auch ganz und gar nicht goutierten) Kommerz-NDW-Lappalien gewichen, welche einerseits zeitnah und modern ertönten und auf diese Weise den tief im Hardrock der 70er verwurzelten Paniksound genüsslich entschlackten, andererseits nicht selten einen sanfteren, einschmiegsameren, böse Zungen mögen sagen latent schlagerhaften Udo L. an den Tag legten, als es noch zwei, drei Jahre zuvor bei dem oft knallharten, aufpeitschenden Blues- und Heavyrock-Gewitter, das vorangegangene LPs, z.B. wie "Keule" (1982), "Dröhnland-Symphonie" (1979) oder "Udopia" (1981) mehrheitlich geprägt hatte, der Fall gewesen war. Das seinerzeit so vielgeschmähte wie -zitierte und -diskutierte Computerzeitalter hatte nun also auch im Panikuniversum Einzug gehalten; alle möglichen Synthesizer, Keyboards, Synthibässe und Schlagzeugcomputer gewannen zunehmend an Boden; sogar an tanzbare, bassbetonte sexy Funky-Kaskaden aus dem Rechner wagte sich der große Experimentator auf seiner 84er-Scheibe locker heran. Mag die musikalische Untermalung auf "Götterhämmerung" auch öfter mal radiogerecht, einschmeichelnd und marktorientiert ausgefallen sein; textlich haute Udo dagegen nahezu durchgehend wie ein junger Gott mit dem Vorschlaghammer auf die Irrsinnigkeiten und Absonderlichkeiten der damaligen Ära feste druff. In lyrischer Hinsicht brillierte Udo auf "Götterhämmerung" ein ums andere Mal in grandioser Manier, spießte die absurdesten Ereignisse des Zeitgeschehens penibel sarkastisch, flapsig und trefflich, prallgefüllt mit amüsanten Wortschöpfungen und Jonglierereien feinster Machart, auf, legte sich mit verschiedensten Autoritäten an, streifte nicht selten aus purer Absicht geschmackliche Grenzen der Wortwahl, wurde hierbei aber niemals bösartig, verletzend oder gar billig. Die zwölf Titel auf "Götterhämmerung" beinhalteten zwar nicht die spezifische Hitsingle (zumal Udo bis dato ja eh mehr Albumkünstler denn Singlehit-Lieferant war, was sich erst ab ca. 1987 mit radiotauglichen Balladen a la "Horizont" oder "Ich lieb Dich überhaupt nicht mehr" ändern sollte), repräsentierten aber eine fulminante, in sich geschlossene, mal spritzig-satirische, mal liebevoll-ironische Abrechnung mit dem Denken, Handeln und Fühlen zur Jahreswende 1983/84. Thematisch nahm Udo auf seinem musikalischen 1984er-Statement zur weltpolitischen Lage zwischen Raketenstationierung und anbrechender Kohl-Wenderepublik kein Blatt vor den Mund. Rührselige Zeitzeugen können also mittels dieser phantastischen LP nochmals die hochschlagenden Emotionen jener Tage mit einem ironischem Abstand Revue passieren lassen, Geschichtsstudenten, zeitgeschichtlich interessierte Menschen, wie fragende Nachgeborene, erhalten Dank dieser Liedersammlung einen nahezu perfekten Überblick über all das, was 1984 zeitgeistig von Rang und Namen war - mag es heutzutage, 30 Jahre später, vielleicht auch noch so bizarr, fragwürdig oder sogar womöglich heimelig, brav und bieder wirken.

Zu Beginn der A-Seite der LP landet der futuristische Megaheld und 'Digital-Spion' "Commander Superfinger", eine Art "Gerhard Gösebrecht" des "Orwell-Jahres", mit dem "Galaxi-Taxi" auf der geschundenen, von Hunger, Ungerechtigkeit und Raketenmassen verschandelten Erde und rettet mal eben so, nur mit ein paar Handgriffen und ein wenig Superfinger-Schnippen, die Welt vor allem Unheil - eine flotte, fetzige, vorantreibende Synthi-Rock-Nummer mit eingängigem Computer-Groove, tanzenden, pumpenden Synthibässen und einer Vielzahl Lindenberg-typischer Wortspiele auf höchstem Niveau.
Sogleich ertönt der wundervoll schrille und betörend provokativ und respektlos ausformulierte, gehetzte Synthi-Rock-Hymnus "Russen", der besonders durch seinen parolenartigen Refrain "In 15 Minuten sind die Russen auf dem Kurfürstendamm" besticht (siehe Videoclip am Ende der Seite). Dieser als erste Single ausgekoppelte (aber niemals in den Verkaufshitparaden notierte) Udo-Meilenstein erzählte die drastisch überkandidelte, ironisch zugespitzte Vision eines friedlich-feuchtfröhlichen Einmarsches der Sowjetarmee in Westberlin, mit Wodka, Wolga-Schönheiten, russischen Eiern, Sekt, Kaviar - "und das KaDeWe wird Partysitz vom KGB" (Textzitat). Während konservative Kreise Udos "Russen"-Ode als "verharmlosend" kritisierten, bewies der Künstler gerade mit diesem Lied, mit dem er, wie er seinerzeit sagte, dazu beitragen wollte, "Feindbilder abzubauen", einmal wieder seine gnadenlos respektlose Aufspießung noch so ernsthaft erscheinender Themenkreise - eine Haltung, für den ihn Freigeister in Ost und West schon damals zutiefst verehrt haben, die aber zugleich zu einer enorm polarisierenden Wahrnehmung seiner Person führte bzw. diese noch verstärkte.
Mit dem musikalisch nur mittelmäßigen, textlich übermäßig aufgesetzt und uninspiriert wirkenden Riff-Rocker "Narkosegespenst" (dessen inhaltliche Intention ich bis heute nicht ganz verstanden habe), sollte vermutlich der auf "Götterhämmerung" ansonsten schmählich vernachlässigten Headbanger-Fraktion kurzzeitig gehuldigt werden; der matte Gitarrenrocker, der klingt, als hätte man ihn schon zigfach vorher gehört, zählt eindeutig zu den schwächeren Momenten auf hier vorgestellter LP.
Das knappe, klirrend kalte Elektrochanson "Gerhard Gnadenlos" beginnt mit einem stillen, auf den ersten Blick verträumt-düsteren Pianointro, um daraufhin in einen radikale Seelenlosigkeit und Eiseskälte versprühenden, stakkatohaften NDW-Punk-Verschnitt aus dem Synthesizer, mit monotonen Schreibmaschinenanschlägen als Grundrhythmus, umzuschlagen bzw. auszuarten. Der turbokapitalistische Geldmagnat "Gerhard Gnadenlos" ist eine weitere Phantasiefigur aus Udos weiten Panikwelten, der einer Frau Liebe vorgeheuchelt hatte, um ihr nur wenig später per eingeschriebenem Brief in Form einer Absage auf eine Bewerbung mitzuteilen, dass er sich "zur Abwendung der Firmenpleite" leider derzeit keinerlei emotionale Regungen leisten könne, weshalb er ihr nun auf diesem unpersönlichen Wege einen "abschlägigen Bescheid" hinsichtlich ihrer Liebesbekundungen zukommen lassen müsse. Ein bitteres Lied, das mit dem niederschmetternden Nachsatz "nach Diktat verEIST" endet und eine latente, um die Ecke gedachte Kritik an der zunehmenden Computerisierung und Technisierung des menschlichen Daseins darstellt.
Um allgemein vorherrschende Gefühllosigkeit geht es auch in der zwar zunächst hintergründig, aber trotzdem kraftvoll und munter voranrockenden, auf den ersten Blick jedoch sehr zurückhaltend arrangierten Mid-Tempo-Ballade "Sie wollte Liebe", in der von Menschen - zunächst einem jungen Mädchen, später einer erwachsenen Ehefrau - berichtet wird, die sich ureigentlich Liebe und Zuneigung von ihrem näheren Umfeld (Eltern, Ehemann) erhoffen, von diesem aber ausschließlich mit gefühlfreien Sachwerten, z.B. einer Taschengelderhöhnung, einem neuen Fernseher, einem Videospiel, besänftigt werden - weshalb sich die Unverstandenen schleunigst aus ihrem gewohnten Leben verabschieden und zu neuen Ufern aufbrechen. Ein ebenso aufwühlender, wie mutmachender Plot, den Udo in warmen, weichen, einfach ausgewählten, aber dennoch absolut den Kern der Sache treffenden Worten mit einer romantischen, im wahrsten Sinne des Wortes schönen, eingängigen Popmelodie im New-Romantic-Kontext verbindet, gepaart mit saftigen Bässen und punktgenau eingesetzten Gitarrenriffs.
"Hallo D.D.R" - mit diesem rasanten, lauten, schnellen, erwartungsfrohen Schlachtruf zur Einstimmung auf das geplante "Rocken und Rollen durch die DDR" (Textzitat) im Sommer '84, zu dem es dann bekanntlich aufgrund der Engstirnigkeit und Verbohrtheit der DDR-Obrigkeit doch nicht kommen sollte, endet hymnisch und hoffnungsvoll die erste Seite von "Götterhämmerung", die - wie beschrieben - lyrische Brisanz mit ungewohnter Stilvielfalt und größtenteils sehr ansprechenden musikalischen Neuerungen kongenial verbindet.

Für einen pfundigen Eklat in den Medien, wie in der Familie des Verfassers, sorgte seinerzeit der knallig-grelle Funkrocker "Nonnen", im Mai 1984 ausnahmslos als Maxisingle ausgekoppelt - einmal bei Radio Bremen im Rahmenprogramm einer TV-Sportsendung vorgestellt und daraufhin sogleich auf dem Index gelandet. Was damals via "Bild" unter dem Motto "Udo: Skandal um 'Nonnen'-Song" hohe Wellen schlug, wirkt heute gerade mal wie ein etwas daneben gegangenes, weniger gelungenes, auf Teufel komm' raus brachial-provokatives Udo-Lied, das sicherlich niemals böse oder gar blasphemisch gemeint war, aber in einer - m.E. nicht unbedingt notwendigen Weise - mit damaligen gesellschaftlichen Tabus brach. Der mit kessen, jazzrockigen Saxophon-Passagen verfeinerte Disco-Ohrwurm sollte - laut Udo - eine "Liebeserklärung" an die Klosterfrauen dieser Welt darstellen, wurde aber aufgrund der oft harsch flapsigen Wortwahl ("Sie wollen / dass uns der Highlige Geist erscheine") von katholisch-konservativen Kreisen oft als ungehörig und subversiv aufgefasst. Die 6:50-minütige Maxisingle im "Radikal-Klerikalen Turbo-Mix" floppte immens, wurde bis heute niemals auf CD wiederveröffentlicht, genießt aber als rare Vinyl-Scheibe durchaus einigen Kultstatus und entsprechenden Seltenheitswert. Mein katholisch-konservativer Vater verbot mir - nachdem der "Nonnen-Skandal" ausgerechnet in derjenigen Ausgabe der "Bild" im Mai 1984 als Aufmacher herhalten musste, in der im Innenteil über die Verleihung eines wissenschaftlichen Preises an ihn berichtet wurde - Udo hatte ihm wohl die Schlagzeile vermasselt ... ;-) - das häusliche Abspielen der dazugehörigen LP. Ich dagegen übersetzte trotzig-pubertär das umstrittene Liedchen über die "süßen Nönnchen" (Textzitat) zur allgemeinen Erheiterung meiner damaligen achten Klasse im langweiligen Lateinunterricht in ebenjener Sprache zu "Monachae". Udo selbst nutzte dasselbe Playback im Mai ein Jahr darauf mit einem neuen Text versehen für das in gewollt madigem Englisch dargebotene "Germans", eine genial derbe, augenzwinkernde Verhohnepiepelung des typisch deutschen Spießbürgers.
Auf das funkige Skandalon "Nonnen" folgte auf Seite 2 von "Götterhämmerung" zunächst das fraglos geschmeidige, aber letztlich nichtssagende, vor sich hin plätschernde, sehr amerikanisch inszenierte Synthi-Pop-Dramachen "Extremisten", musikalisch entfernt an Springsteens Großstadtoden erinnernd und letztlich übermäßig an Udos Vorjahressingleerfolg "Du knallst in mein Leben" angelehnt, woran jedoch sogleich ein weiterer überaus geschichtsträchtiger, bis heute enorm bedeutsamer Klassiker aus dem Hause Lindenberg anschließt.
Brodelnde, nervöse, bedrohliche Unruhe ausstrahlend, setzt sich der Düsterrocker "Sie brauchen keinen Führer" mit schon damals aufkeimendem Neonazismus und Skinhead-Ungeist auseinander, der sich leider bis heute in einigen unbelehrbaren (meist kahlen) Köpfen festgesetzt hat und von Udo bereits 1984 auf überzeugende, deutliche, aber niemals pathetische oder übertriebene Weise gesanglich angegangen wurde. Inzwischen gehört das im mittleren Tempo gehaltene Rockepos zum regelmäßigen Repertoire bei Udo-Konzerten; ein ernsthaftes Anti-Nazi-Lied, das sich in seiner Intensität und Ehrlichkeit wohltuend von drögem, kalkulierten Betroffenheitspop oder linksradikalem Agit-Prop-Pogo auf diesem Gebiet abhebt.
Ja, und seine heißgeliebten, oft strapazierten (wenn auch in diesem Falle nur auf den ersten Blick als solche erscheinenden) pubertären Schweinigeleien konnte Udo selbstverständlich auch auf "Götterhämmerung" nicht außer Acht lassen. Doch in dem heftig-deftigen, überdrehten, enorm temporeichen Gitarren-Rock'n'Roller "I love me selber" wurde nicht vulgär und effekthaschend mit dümmlichen Masturbations-Phantasien für den Herrenabend aufgefahren, sondern vielmehr Mut und Kraft eines jeden zu mehr Selbstbewusstsein, ein generelles und unverbrüchliches Bekenntnis zu sich selbst, gerade von mit sich hadernden, zaudernden Menschen keck und süffisant eingefordert. Man solle sich selbst erst lieben, ein positives, reines Verhältnis zu sich besitzen, erst dann könne man auch von anderen Menschen tief ins Herz geschlossen werden: "Drum prüfe / bevor man sich so radikalo bindet / dass man sich selber / erst mal Spitze findet" (Textzitat). "I love me selber" ist ein genialischer, treffsicherer Hardrocker der besten Güteklasse, der ganz besonders vom enorm schnellen, brennenden, ja: gnadenlosen Gitarrenspiel des langjährigen Panik-Gitarreros Hannes "Feuer" Bauer lebt.
Im dezenten Tangorhythmus aus dem Synthesizer persifliert Udo nun die Privat-TV-hörige "Familie Kabeljau", just zu jenem Zeitpunkt, als die "geistig-moralische Wende"-Regierung, von links ebenso heftig kritisiert, wie aus wertkonservativer Perspektive, nicht umhin kommen wollte, auch in Deutschland kommerzielle Rundfunk- und Fernsehstationen rechtlich zuzulassen, womit letzten Endes der bis heute rapide ausgebreiteten Verflachung der Medienkultur und der damit einhergehenden Verdummung eines Großteils der gemeinen Zuschauer ein prestigeträchtiger Grundstein gelegt wurde. Zwar klingt der sarkastische Synthi-Tango musikalisch wie ein computergesteuerter Abklatsch von Udos 1976er-Fußballer-Parodie "Bodo Ballermann", spießt aber in lyrischer Hinsicht punktgenau das von TV, Videospielen, "Krieg der Sterne" und "Atari" verblödete Empfinden der bundesdeutschen Durchschnittsfamilie ein Jahr nach der vom damaligen Postminister Christian Schwarz-Schilling begonnenen Verkabelung des einheimischen TV-Lebens fulminant auf (Ein Video mit dem Song ist ebenfalls am Ende dieser Seite zu finden).
Mit dem defensiv-düsteren Weltuntergangswalzer "Der große Frieden", in dessen Reimen per Zufall, unvorhergesehen und ungeplant die Startknöpfe in Alaska bzw. Murmansk an den dortigen Rüstungskontrollschirmen gedrückt werden und die somit losgesandten Raketen aus Ost und West mittels Auslöschung der gesamten Menschheit eben einen zynischen "großen Frieden" schaffen, endet ein phänomenales klingendes Geschichtsreferat über die mittleren 80er Jahre, das Udo Lindenberg ganz besonders als brillanten Lyriker, gewitzten Wortakrobaten und bissigen Kommentator des Weltgeschehens zeigt, untermalt von modischen, oft mehr poppigen, denn hardrockigen Klängen, öfters dem Computer entsprungen, denn handgemachter instrumenteller Arbeit des Panikorchesters.

Nach Erscheinen des Albums, inkl. großen Werbeaufwands und hausgemachten "Nonnen"-Skandals, folgte jedoch bald das böse Erwachen. Unter läppischen Begründungen wurde die so heiß ersehnte DDR-Tournee von Udo und seinem Orchester seitens der DDR-Führung mir nichts Dir nichts abgesagt. Der Traum von einer mit auf den letzten Platz ausgefüllten "Rock'n'Roll-Arena in Jena" war bis auf Weiteres ausgeträumt. In erster Linie für die Tausenden Panikfreunde in Ostdeutschland, die sich so sehr auf die Konzertreise ihres Idols gefreut hatten, sendete der SFB II am 13. Mai 1984 eine Live-Übertragung von Udos Auftritt im Rahmen der "Götterhämmerung"-Rockrevue in der Berliner Deutschland Halle, der am 26. Mai 1984 bundesweit in der ARD in verkürzter Form ausgestrahlt wurde. Zeitzeugen, wie Jüngeren, die sich für die deutsch/deutsche Vergangenheit interessieren, und hierbei nicht auf erdige Rock- und Popklänge, verfeinert mit gnadenlos zutreffenden Reimen und gesungenen Gedanken, verzichten wollen, sollten versuchen, diese legendäre Scheibe von Udo Lindenberg aus dem Frühjahr 1984 zu ergattern. Vielleicht erbarmt sich ja auch Udos damalige Plattenfirma, die heutzutage UNIVERSAL heißt und nicht mehr in Hamburg, sondern in Berlin residiert, zum 30-jährigen Jubiläum der Erstveröffentlichung eine "digital remasterte" Neuauflage von "Götterhämmerung" zu präsentieren, der man z.B. erwähnten "Turbo-Mix" des "Nonnen"-Skandalsongs hinzufügen könnte, ebenso wie eine DVD mit o.g. Konzertmitschnitt für die ARD vom 13. Mai 1984 im damaligen Berlin-West!
(Holger Stürenburg)


VÖ: 1984; Label: Polydor; Titel: Commander Superfinger · Russen · Narkosegespenst · Gerhard Gnadenlos · Sie wollte Liebe · Hallo DDR · Nonnen · Extremisten · Sie brauchen keinen Führer · I Love Me Selber · Familie Kabeljau · Der große Frieden; Bemerkung: Bei Polydor auf LP, Kassette und CD. Inzwischen nicht mehr im Handel erhältlich (Stand: 29.11.2013); Musiker: Udo Lindenberg (Gesang) · Dave King, Steffi Stephan (Bass) · Dave King, Hannes Bauer, Peter Hesslein (Gitarre) · Dave King, Hendrik Schaper, Kristian Schultze, Udo Gerhard (Keyboards) · Bertram Engel, Hotte Hammer (Schlagzeug); Produzent: Dave King, Udo Lindenberg

 
 

Videoclips:

"Russen" (live im 'Musik Conwoy' der ARD am 23. Januar 1984)


"Familie Kabeljau" (1984 in "Flashlights") + Kurzinterview


 

   
   
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