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Klaus Dinger war neben Ralf Hütter und Florian Schneider eines der ersten Mitglieder von Kraftwerk. Auf dem Debüt-Album der Band ist Dinger am Schlagzeug zu hören. Nach Kraftwerk folgten die Stationen "Neu!" und "La Düsseldorf". Er gilt als Erfinder des so genannten Motorik-Beats. Im März 2008 verstarb Dinger einen Tag vor seinem 62. Geburtstag an Herzversagen. Dinger war einer der Musiker, die auf meiner persönlichen Wunschliste für ein "Stargast"-Interview gestanden haben. Ich hätte ihm gerne einen Block im Journal von Deutsche-Mugge gewidmet, zählt er und seine Musik (speziell die von La Düsseldorf) doch zu meinen absoluten Favoriten. Leider ist es nicht mehr möglich, Dinger zu einem Gespräch einzuladen. Hinterlassen hat er uns eine ganze Menge für die Ohren und die Sinne, z.B. dieses Album von 1985 mit dem Titel "Neondian".


Der Liebe, wahrscheinlich seiner Liebe zu einer ganz bestimmten Frau, hat er zwei komplette Lieder gewidmet, nämlich den Opener "Mon Amour" und das letzte Lied der Scheibe "Jag Älskar Dig". Zwischen diesen Titeln tummeln sich vier teils äußerst skurrile Nummern. Eine der Fragen, die ich Dinger in einem Interview gerne gestellt hätte, ist die, was er sich bei dem zweiten Lied ("Pipi AA") auf diesem Album gedacht hat. Dass er offensichtlich nicht viel von den Fernsehmachern seiner Zeit und den Konsumenten dieser Produkte gehalten hat, kann man aus dem Text dieses Songs eindeutig entnehmen ("Fernseharschloch auf dem Schirm... Fernseharschloch vor dem Schirm"). Trotzdem bleiben Fragen über Fragen... Eindeutig wird seine Meinung und, um es mal vorsichtig zu formulieren, seine ablehnende Haltung zu Amerika im gleichnamigen Titel. Der Text ist nur eine Aneinanderreihung von Worten zwischen denen Dinger eindeutige Aussagen gepflanzt hat ("America, Don't Say You Fight For Freedom, You Stole Your Land From Indians"). Er läßt an der Politik des Landes kein gutes Haar - die USA, damals noch regiert von Ronald Reagan, den er hier mal flott mit einem der schlimmsten Kriegstreiber der Geschichte verglich ("Adolf Hitler Now's A Hollywood Cowboy"). Dafür findet er aber in der Kultur des Landes sofort Sympathieträger ("Marylin + Elvis, Dylan, Doors and Velvets are the best of you"). "America" ist eine "Neon-Punk"-Nummer der Extraklasse.


Außerdem findet man eine neu eingespielte Version von La Düsseldorfs "Cha Cha 2000", die hier (wie passend) "Cha Cha 2000/85" betitelt wurde. Nicht vergessen möchte ich den letzten bisher noch nicht genannten Titel, der dem Album auch seinen Namen gibt: "Néondian". Eine wundervolle Synthiepop-Nummer, die den Puls der Zeit (Mitte der 80er) traf und seiner Zeit weit voraus war. Dinger entlockte den Instrumenten hier Töne, die man erst viel später in den 90ern beim unsäglichen Diskogeschrammel diverser "DJs" wiederhören sollte. Der ein oder andere von diesen Pseudomusikern sollte sich diese Scheibe hier nochmal anhören um zu merken, wie man es richtig macht. Alles in allem ist "Néondian" ein sehr starkes Album. Klaus Dinger führte hier seine Musik fort, die er bei La Düsseldorf schon vorher auf drei Alben angefangen hatte. Großartige Synthieteppiche breiten sich aus und räumen harten Beats, Gitarren- und E-Bass-Einlagen den nötigen Platz sich zu entfalten und die Lieder der Platte zu etwas Großem reifen zu lassen.


Kurios an diesem Album ist, dass es nirgendwo erwähnt wird. Bei Wikipedia ist von "Néondian" keine Rede, hier wird das Album „Die Engel des Herrn“ von 1992 als erstes Solo-Album Dingers genannt. Warum das so ist, weiß ich nicht. Fakt ist aber, dass "Néondian" ein Mittelding aus Soloalbum und 4. La Düsseldorf-LP zu sein scheint. Nicht nur, dass mit "Cha Cha 2000/85" ein La Düsseldorf-Titel mit auf der Platte ist, Dinger war auch bei der Vorgängerband kreativer Kopf und Musiker zugleich. Wie dem auch sei: Ich möchte dem Leser diese Platte ans Herz legen. Wer sie einmal gehört hat, wird sie so schnell nicht wieder vergessen. Die Lieder bleiben im Ohr und hinterlassen bleibenden Eindruck. Dingers Botschaft, die er beim Albumtitel in Klammern dazu gesetzt hat, möchte ich hier ebenfalls nicht unter den Tisch fallen lassen: "Klausi scheißt auf Hollywood". Auf die heutige Zeit übertragen kann man diese Aussage nur unterschreiben! Danke Klaus für diese tolle Platte und für alles andere auch!
(Christian Reder)

 

VÖ: 1985; Label: Teldec; Titel: Mon Amour · Pipi AA · Néondian · America · Cha Cha 2000/85 · Jag Älskar Dig; Bemerkung: inzwischen auch wieder auf CD als Deutsche und Japanisce Veröffentlichung erhältlich; Musiker: Klaus Dinger (Gesang, Gitarre, Keyboards, Produktion, Komponist, Texter) · Jaki Liebezeit (Percussion) · Charly T. Charly (Drums) · Raoul Walton (Bass) · Bodo Staiger (Gitarre) · Nikolaus van Rhein (Synthie, Programming)






   
   
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