dsmbig 20121118 1227880843Betrachtet man mit heutigem Abstand die zum Zeitpunkt der Entstehung von "Die Sixtinische Madonna" bereits zehnjährige Karriere der Dresdner Band und vor allem die bis dato veröffentlichten drei LP, kommt man zu dem Schluß, daß alles bisherige einzig und allein dem Zweck diente, genau dieses Werk erschaffen zu können. Die Jazz-Rockige Abgefahrenheit der ersten Platte "Electra-Combo", die strenge, doch eingängige Art, Klassisches zu adaptieren, die LP Nr.2 ("Adaptionen") zu einem großen Erfolg werden ließ und schließlich auch die kommerziellen, poppigen Phasen des dritten Albums "Electra 3", die sich folgerichtig in den Rundfunk-Wertungssendungen tummelten, wurden für "Die Sixtinische Madonna" in einem dreisätzigen Opus homogen und ausgewogen zusammengefaßt, um einen Chor erweitert und schließlich live aufgeführt, mitgeschnitten und auf Vinyl gepreßt. Das Ergebnis konnte sich durchaus hören lassen, bestach und besticht noch heute mit kompositorischer und technischer Perfektion, angefangen von einem Thema-bezogenen Intro, in dem die musikalischen Leitlinien der folgenden drei Parts kurz vorgestellt und miteinander verwoben werden und am Ende in den ersten Teil "Der Maler" münden.

VÖ:
Label:

Titel:

 

 

 

 

Line up:

 

1980
AMIGA

DIE SIXTINISCHE MADONNA
· Der Maler
· Das Bild
· Der Betrachter
SCHEIDUNGSTAG
JAHRMARKT
ERINNERUNG

Bernd Aust (sx, fl, cl, voc)
Rainer Uebel (keyb)
Gisbert Koreng (g, voc)
Wolfgang Riedel (bg, voc)
Manuel von Senden (voc, syn, perc)
Peter Ludewig (dr, perc, voc)

Bemerkung: Erschien mit anderem Cover über POOL/Teldec auch in der BRD ("Die Sixtinische Madonna" + "Tritt ein in den Dom"). AMIGA-Variante auf CD erhältlich (+ Bonustrack "Über Feuer").

In diesem geht es recht feierlich und balladesk zur Sache, die Entstehung des Bildes und die Beziehung des Schöpfers zu seinem Werk wird eher nachdenklich-ausladend nachvollzogen.
Den Hauptteil des Stückes stellt Teil 2 "Das Bild" dar. Hier regiert Bombast pur, kommt der Chor zum vollen Einsatz und schwillt die musikalische Untermalung zu einem Sturm aus großartig in Szene gesetztem Instrumentarium an, der abrupt in einen leisen Teil übergeht und so gekonnt zu "Der Betrachter", dem finalen Part, überleitet.
Der wiederum gibt sich betont rockig, bezieht sich auf die Hektik des Alltags, in der die Betrachtung des Bildes als Ruhepunkt zum Tragen kommt. Am Ende wird noch einmal bombastisch eine Zusammenfassung des Gehörten geliefert, nach deren Abschluß erst nach einer vollkommen ruhigen Sekunde der tosende Beifall einsetzt. Das textliche Konzept der "Madonna" - umgesetzt von Kurt Demmler - folgt in gerader Linie einem Schema, das die religiöse Bedeutung des Bildes konsequent negiert und dafür rein menschliche (und auch politische) Ansichten in den Vordergrund rückt, die im dritten Teil in einer Hommage an die Frau schlechthin gipfeln. Ob das den Intentionen des Malers Raffael entsprochen hätte, darf getrost bezweifelt werden, es richtete sich doch eher an den Gegebenheiten und Realitäten der DDR aus. Das mag mancher als aufgesetzt und nur allzu Regime-konform empfinden - es ist letztlich aber nur eine Interpretation von vielen möglichen. Und eine interessante dazu, die man schließlich nicht teilen muß.
Der Haken an der Sache war vor allem die Dauer der Suite, die für eine LP-Seite zu lang, für zwei aber zu kurz geraten war. CDs gab es ja noch nicht und so mußte das Stück nach zwei Dritteln auseinandergerissen werden - der fließende Übergang von Teil 2 zu Teil 3 entfiel somit und raubte der Sache einiges an Überzeugungskraft, zumal das große Finale deshalb nicht am Ende der Platte, sondern mittendrin plaziert war, an das sich drei "normale" Electra-Songs anschlossen. Die sind nun zwar nicht als schlecht zu bezeichnen, passen mit ihren vergleichsweise profanen Alltagsthemen aber überhaupt nicht zum Madonna-Konzept und verhindern so eine nachhaltige Wirkung des eigentlichen Grundmaterials. Wer will schon auf einem "Jahrmarkt" über ein Gemälde nachdenken? Man hätte den freien Platz besser freigelassen oder der Suite noch einen vierten Teil hinzugefügt.
Dennoch bleibt "Die Sixtinische Madonna" ein Meilenstein deutschen demokratischen Art-Rocks, der Electra auf dem Höhepunkt ihres musikalischen Schaffens zeigt und die Quintessenz aus zehn Jahren Bandgeschichte auf den Punkt manifestiert. Insofern bilden die drei "Bonustracks" bereits den Auftakt für ein neues Kapitel Electra-Musik, mit dem die Band ihr Repertoire dem Zeitgeist anpaßte, ohne sich dabei selbst zu verleugnen. (kf)

 


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