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Im ersten Moment wird der eine oder andere Leser sicher gedacht haben, "Jetzt drehen sie bei der Mugge völlig durch! Peter Gabriel? Was ist daran deutsch?". Nur die Wenigsten wissen, dass Gabriel zwei seiner früheren Alben sowohl in Englisch als auch in Deutsch veröffentlicht hat. So auch sein 1980er Werk "Melt“, wie das Album in Anspielung auf das auf dem Cover dargestellte, zerfließende Gesicht Gabriels auch genannt wird.
Nun weiß der Musikfan natürlich nur zu gut, dass sich englische Songs nur sehr schwer so ins Deutsche übersetzen lassen ohne völlig zerstört zu werden. Es so hin zu bekommen, dass vom Inhalt nichts verloren geht, aber die Übersetzung auch zur Musik passt, ist sehr schwer. Bei manchen - gerade in den 80ern - veröffentlichten "deutschen Versionen" internationaler Hits ging dem Hörer deshalb desöfteren mal das "Gehör zu Bruch". Doch das ist bei "Melt" nicht der Fall! Interessantes Detail hierbei war Gabriels Idee, den Ablegern seiner Plattenfirma im Ausland seine LP in der jeweiligen Landssprache gesungen, anzubieten. Außer der deutschen Tochter der Virgin nahm keine andere Tochterfirma dieses Angebot an, weshalb "Melt" nur zweisprachig erschien. Schade auch deshalb, weil den Rezensenten interessiert hätte, wie Gabriels Songs auf Italienisch oder Spanisch geklungen hätten. Bei der deutschen Version ist es jedenfalls sehr ratsam die Ohren zu spitzen und diverse Anspielungen und verschlüsselte Botschaften zu entdecken. Gleich ins Auge (oder besser "ins Ohr") springt einem die Textstelle in "Spiel ohne Grenzen", mit der Anspielung auf das Dritte Reich, bei dem auch die Italiener nicht verschont bleiben ("Adolf zündet Bücher an, Enrico macht auch mit"), natürlich mit der deutlichen Aussage "Krieg muss man schwänzen - Spiel ohne Grenzen".
Außerdem kommt man in den Genuss der deutschen Fassung eines seiner größten Hits, der u.a. auch von den Simple Minds gecovert wurde: "Biko". Die wörtliche Übersetzung der vom Rezensenten in seiner Signatur verwendeten Textzeile "You can blow out a candle, but you can't blow out a Fire" wird nicht wörtlich übersetzt ("Du kannst zwar eine Kerze auspusten, aber Du kannst kein Feuer auspusten") sondern mit "Du löscht gerade noch eine Kerze, doch nicht ein großes Feuer" so übersetzt, dass es - wie oben erwähnt - mit der Musik harmoniert. "Melt" ist Gabriels drittes Album, das er 1980 veröffentlichte. Während die Musik, im Vergleich zu den beiden Vorgängern, wesentlich fröhlicher daher kommt, sind hier erstmals auch Elemente von Weltmusik zu hören. Gabriel ist bekannt für seine Experimentierfreude bei der Produktion neuer Alben. Dies war seinerzeit auch auf "Melt" zu hören, wo erstmals der sogenannte "Gated-Reverb-Schlagzeugsound" eingesetzt wurde. Als Bespiel für diese Art Schlagzeugsound ist hier Phil Collins' Hitsingle "In the Air Tonight" zu nennen, die weltweit erfolgreich war.
Die Platte beinhaltet insgesamt neun Songs, bei denen u.a. auch schon sein langjähriger und bis heute aktiver Bassist Tony Levin ebenso zu hören ist, wie Kate Bush im Background, mit der Gabriel erst 1986 ein komplettes Duett singen wird. Inhaltlich hat "Melt" nur Stärken und keinerlei Schwächen aufzuweisen. Musikalisch war das Album bei seiner Veröffentlichung innovativ und wegweisend für andere Künstler (siehe oben erwähntes Beispiel mit Phil Collins). Peter Gabriels Werke sind keinesfalls etwas für Fans weichgespühlter Popmusik. Wieviel Einfluss Gabriel bei Genesis hatte, hört man auf seinen CDs - also auch hier - sehr deutlich. Seine Solowerke können deshalb auch nur Vermutungen zulassen, wie Genesis wohl geklungen hätte, wäre er nicht ausgestiegen. Sein hier besprochenes drittes Werk jedenfalls hat die volle Punktzahl verdient!
(Christian Reder)

 

VÖ: 1980; Label: Virgin; Titel: Eindringling · Keine Selbstkontrolle · Frag mich nicht immer · Schnappschuss (Ein Familienfoto) · Und durch den Draht · Spiel ohne Grenzen · Du bist nicht wie wir · Ein normales Leben · Biko; Bemerkung: Auf LP und CD bei Virgin erschienen; Musiker: Peter Gabriel (voc) · Phil Collins & Jerry Marotta (dr) · John Giblin & Tony Levin (bg) · David Rhodes, Paul Weller, Robert Fripp, Dave Gregory (git) · Larry Fas, P.G. (synths) · Dick Morrissey (sax) · P.G. (piano) · Kate Bush (b-voc.)

   
   
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