gertigr 20121118 1670917351Gerti Möller war schon viele Jahre als Sängerin aktiv, bevor mit "Ich bin eine Frau" im Jahre 1982 ihre Debüt-Langspielplatte bei AMIGA erschien. Vorher hatte man ihre Stimme bereits auf zahlreichen Singles verewigt. Auch auf den Alben "Horst Krüger Ensemble", der gleichnamigen Gruppe von Horst Krüger, "Geh durch die Stadt" des Horst Krüger Septetts sowie der Langrille des Rock-Musicals "Rosa Laub" ist sie zu hören. Von den ganzen Rundfunkproduktionen und anderen Aktivitäten der Sängern wollen wir an dieser Stelle gar nicht erst reden. All das musste sie zuerst absolvieren, ehe das DDR-Plattenlabel AMIGA ihrer einzigartigen Stimme eine eigene Platte kredenzte. Da war sie schon fast 52 Jahre alt... In der BRD hätte eine Sängerin mit ihren Qualitäten zu diesem Zeitpunkt längst schon zig Langrillen und noch mehr Singles veröffentlicht, aber in der DDR war das nun mal anders...

Insgesamt 13 Lieder finden sich auf "Ich bin eine Frau" wieder. Die Kompositionen stammen durch die Bank von Gertis langjährigem musikalischen Partner Horst Krüger, der gleichzeitig auch Bandleader der Studioband und somit auch für die Arrangements verantwortlich war. Die Texte lieferte überwiegend Kurt Demmler (11 Stück). Zwei steuerte Gisela Steineckert bei. Und die Texte scheinen Gerti wie auf den Leib geschneidert zu sein, insbesondere der Album-Eröffner "Ich bin eine Frau", denn da heißt es: "Ich bin eine Frau, fast noch schwarz, fast schon grau..." Ein Text, den eine 52-jährige Sängerin ohne Eitelkeiten und Allüren aus Überzeugung singen konnte. Mit sphärischen Keyboard-Klängen untermalt und völlig unaufgeregt singt Gerti Möller ein Lied über das Älterwerden. Musikalisch würde man das heute wohl in die Schublade "Chill Out" einsortieren. Erst durch Gertis Gesang wird aus dieser musikalisch doch eher unspektakulären und ruhig vor sich hin plätschernden Nummer ein großes Lied! Etwas flotter geht's dann bei "Heute nacht" zur Sache. Angejazzt und mit leichten Latino-Anleihen arrangiert, gibt uns die Sängerin Einblicke in das Thema "Aufreißen". "Heute nacht, heute nacht. Das ist so eine Nacht, in der man die beste Beute macht", heißt es da. Gewagt, möchte man sagen, wenn man an die Zeit denkt, in der die Nummer erschien und dass hier keine 20-jährige singt, sondern eine reife Frau... Das ist schon große Kunst. "Das Pillenlied" schippert musikalisch dann wieder in ruhigerem Fahrwasser. Auch hier reibt man sich zuerst ungläubig die Ohren. Inhaltlich geht es um DIE Pille, um das unbeschwerte Liebemachen ("Ist ein Kind Dein Wille nicht, mein Kind vergiss die Pille nicht") und um die "Randerscheinungen" beim Konsum ("Manche wird davon schwer - zwei, drei Kilo und mehr"). Das hätte Anfang der 80er mal in der verschlossenen und verkniffenen BRD veröffentlicht werden sollen... Den Aufschrei, den das ausgelöst hätte, kann man sich heute noch lebhaft vorstellen. Fast undenkbar, möchte ich behaupten. Gerti Möller und ihr Texter Kurt Demmler waren da ihrer Zeit weit voraus und packten dieses heiße Eisen einfach mal an. Da verzeiht man den "Reim Dich, oder ich krieg Dich"-Charakter so mancher Textzeilen doch gerne... Nicht gerade Demmlers größte Leistung als Texter.
Nur vom Piano begleitet, erzählt Gerti Möller bei "Abkehr" die Geschichte einer Frau und ihrer Beziehung, in der beide (aber insbesondere sie) mit den Gedanken und Träumen schon längst woanders sind. Die Beziehung ist längst Routine, es gibt Streit und die Harmonie ist futsch, "dann kommt es vor, Du träumst einen, und der kann Deiner nicht sein". Am Ende die Erkenntnis, dass man den Mann aus den Träumen im eigenen Leben nicht wieder erkennt. Tragisch, aber so ist das Leben... Liebe kommt - Liebe geht.
"Wie wahr" ist musikalisch eine echte Achterbahnfahrt. Die Mischung aus Sprechgesang und großer Vokalakrobatik im Refrain sorgen für Gänsehaut beim Hören. Die Strophen werden lediglich durch Keyboard- bzw. Pianoklänge begleitet, während Gerti mehr spricht, als singt... Die ganze Schönheit dieses Stücks entfaltet sich erst im Refrain, wenn Richard Clayderman-like eine Pianomelodie mit einsetzendem Schlagzeug und Basslauf den Klangteppich für eine wahrlich begeisternde Gesangsleistung Gerti Möllers bildet. Hier holt die Sängerin alles aus sich raus. Der Text ist Poesie pur, der für Interpretationen reichlich Platz lässt. Es wird das Bild des Flusses gezeichnet, der Wünsche und Hoffnungen, als kleine Schiffchen gefaltet und auf ihn gesetzt, nicht weiterbefördert, sondern an den Rand gespült hat, der einem beim Eintauchen aber auch eine ganze Menge geben kann. Leben und zerstörte Hoffnungen liegen dicht beieinander.
Das Stück "Und immer danach" schließt sich musikalisch an. Gleiche Machart mit dem Unterschied, dass Gerti sich nun wieder komplett auf's Singen und weniger auf's Sprechen konzentriert. "Und immer danach" ist das erste Stück auf dieser Platte, bei dem der Text nicht von Kurt Demmler stammt. Gisela Steineckert schrieb die Zeilen für dieses Lied und lässt das Lied-Ich beschreiben, wie leicht ihm alles "immer danach" fällt und dass es nunmehr ein Teil mit dem Partner ist. Hier wird der Phantasie jedenfalls nicht viel Freiraum gelassen, um zu interpretieren, was wohl vor dem "immer danach" passiert sein mag. Eine Hymne für Verliebte!
In Sachen musikalischer Ausrichtung hat sich Komponist und Arrangeur Horst Krüger nun scheinbar in diesem Fahrwasser festgefahren, denn auch "Fahre weiter" zeigt keinerlei Veränderungen in Arrangement und Sound. Wie bei "Wie wahr" erzählt Gerti in den Strophen wieder Geschichten, in denen sie auf's Singen verzichtet und tatsächlich erzählt. Erst im Refrain bekommt der Song eine musikalische wie gesangliche Wendung. Im typischen Stil der späten 70er hat Krüger hier ein Chanson geschrieben und arrangiert, der sich inhaltlich mit der gewissen Zufriedenheit im Leben beschäftigt, in der man auf Veränderungen nicht mehr ganz so große Lust hat und diese lieber den Jüngeren überlässt. Man möchte sein Leben viel lieber so weiterleben, wie man es sich inzwischen mit all seinen Erkenntnissen und Erfahrungen eingerichtet hat ("Hab doch meinen kleinen Wohlstand, und der reicht mir - reicht mir").
Nach dem Stück "Manchmal", das sich musikalisch ohne merkliche Unterschiede den drei Songs davor anschließt und in dem es inhaltlich um die eigenen Unzulänglichkeiten geht, wird bei "Edith" der Stil komplett gewechselt - in jeder Hinsicht. Es wird musikalisch flotter, das Schlagzeug rappelt im Militär-Stil und Gerti Möller singt im feinsten Berlinerisch und so, wie eine sich in Hochform befindliche Nina Hagen Ende der 70er / Anfang der 80er. Es geht um Emanzipation, um Lebenslust und um die Gelegenheit, am Wochenende mal die Korken knallen zu lassen. Edith wird aufgefordert, die hohen Hacken anzuziehen und mit zum Wechselball, also einem Tanzvergnügen, zu kommen und es mal so zu machen, wie es "die Kerle sonst immer tun". Mit allem, was dazu gehört...
So flott, wie die "Edith" das Nachtleben von Berlin unsicher machte, so besinnlich und ruhig begibt sich die Sängerin anschließend auf die "Suche nach der Zärtlichkeit". Im gleichnamigen Song beginnt - nur von Gitarre begleitet - die Suche nach etwas, was sie bisher nur von alten Dichtern her kannte und selbst noch nicht kennenlernte. Dieses Stück macht wieder einmal deutlich, dass Gerti Möller vermag, einen Song nur durch ihre Stimme zum Leben zu erwecken. Die Gitarre hätte es eigentlich nicht gebraucht...
Fast schon kindlich singt uns die Möller anschließend ein Lied über ihren Kater Kurt. Das Stück heißt dann auch "Mein Kater Kurt", wobei man im Verlauf erst mitbekommt, dass hier eigentlich nicht von einer Katze, sondern vom Lebensgefährten die Rede ist. Der Song - ganz im Stile eines Berliner Schlagers der 20er Jahre bzw. aus der Kabarettwelt - lebt wie so viele andere Lieder auf dieser Platte nur vom Gesang Gerti Möllers, die sich hier lediglich vom Piano begleiten lässt. Für mich eine der stärksten Nummern auf dem Album.
Locker und leicht arrangiert folgt das Stück "Vielleicht im Mai". Durch Streicher und eine optimistische Klaviermelodie wird eine frühlingshafte Stimmung erzeugt. Im krassen Gegensatz dazu steht das letzte Stück auf der Platte, "Zirkuswelt". Wie's der Name schon verrät, hat Horst Krüger Zirkusluft vertont. Musik aus der Manege bildet die Grundlage für Gerti Möllers Gesang. Er erinnert ein wenig an Katja Ebsteins "Theater", aber der Verdacht eines "Abguckens" zerstreut sich im Verlauf des Stücks komplett.

Kurt Demmler und Gisela Steineckert haben Gerti Möller Texte geschrieben, die eine knapp über 50-jährige mit ihrer Lebenserfahrung und ihren Sehnsüchten überzeugend singen konnte. Es sind Weisheiten, Erfahrungen oder Ratschläge, die man an die jüngere Generation weitergeben kann ("Das Pillenlied"), aber auch solche, die den gleichaltrigen Hörern aus dem Herzen sprechen. Es sind Texte über die Tatsache, dass das Leben nicht mit 40 endet ("Heute nacht") und natürlich auch über das Zwischenmenschliche, z. B. über die Liebe und wie sich eine solche auch abnutzen kann ("Abkehr"). Es sind die ausformulierten Gedanken einer Frau in den besten Jahren, vertont von einem Mann, der sie selbst sehr gut kannte (und noch heute kennt). Horst Krügers Kompositionen und musikalische Umsetzungen im Studio gehen Hand in Hand mit den Botschaften im Text. Gefühlvoll umgesetzt, so dass eine große Stimme den Liedern Seele einhauchen konnte. Es ist das Gesamtpaket, das hier überzeugt. Einige Lieder hätten auch ohne Instrumentierung funktioniert. Gerti Möller ist eine Sängerin, die einzig mit ihrer Stimme ein Album mit Leben füllen könnte. Trotzdem ist die Musik auf der Scheibe sehr wichtig. Sie sorgt für die Abwechslung. Überhaupt hat man sich hier nicht für ein Genre festgelegt. Für Schlager in seiner heute gängigen Definition ist das hier alles viel zu anspruchsvoll. Für Chanson sind die Ausarbeitungen in der Musik viel zu breit gefächert. Pop und Rock passt hier nicht wirklich. Viel mehr ist "Ich bin eine Frau" eine Melange aus den ansprechendsten Musikstilen, die Krüger bei der Umsetzung geschickt zum Einsatz brachte. Er ließ seine Erfahrung aus jahrelanger Musikertätigkeit einfließen, verschloss sich aber auch nicht den anderen Einflüssen, derer er sich vorher vielleicht noch nicht so bedient hatte. Wenn es so was gibt, dann dürfte "Ich bin eine Frau" ein reines Frauenalbum sein. Männer werden hier weniger angesprochen. Trotzdem kann ich als Mann sagen, dass es sich um ein Meisterwerk deutscher Musik handelt. "Ich bin eine Frau" ist ein für die damalige Zeit sehr innovatives Album, das Dinge anspricht, die man in Liedform zu der Zeit eigentlich gar nicht vermutet hätte. Gerti Möller mag mit ihren Liedern zwar nur einen Teil der Menschen ansprechen, aber die mit den richtigen Worten. Es ist der Soundtrack einer Generation von Frauen, die Anfang der 80er große Schritte in Richtung Emanzipation gegangen sind. Gerti Möller zeigt auf ihrem Debüt-Album dermaßen viele Facetten ihres gesanglichen Könnens, dass es eine wahre Freude ist, ihr zuzuhören. Auch wenn die Themen mich kaum bis gar nicht ansprechen, bewundere ich trotzdem ganz automatisch die Art und Weise, wie sich die Sängerin hier entfaltet. Und da wird es mir sicher nicht allein so gehen...
(Christian Reder)

VÖ: 1982; Label: AMIGA (Best-Nr.: 845 214); Titel: Ich bin eine Frau - Heute nacht - Das Pillenlied - Abkehr - Wie wahr - Und immer danach - Fahre weiter - Manchmal - Edith - Von der Suche nach der Zärtlichkeit - Mein Kater Kurt - Vielleicht im Mai - Zirkuswelt; Musiker: Horst Krüger und Studioband; Bemerkung: Bis heute nicht wieder neu aufgelegt worden und auch noch nicht auf CD erschienen!

   
   
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