polpbg 20121118 1332191999Moment mal: Was macht eine Platte, die weder aus Ostdeutschland, noch aus Osteuropa stammt, auf der nicht deutsch gesungen wird und die in der DDR noch nicht mal erhältlich war, zum "Klassiker des Monats" auf DIESER Website!? Eine gute, vielleicht nicht ganz unberechtigte, auf jeden Fall aber ziemlich engstirnige Frage... Zum einen sehen wir das (weiterhin unbestrittene) Hauptthema von "Deutsche-Mugge" nicht als Dogma an, das uns für alles andere drumherum Scheuklappen aufzwingt. Wieso auch? Zum anderen kamen die Poppys aus Frankreich, einem Land, dessen Kunst und Kultur in der Medienlandschaft der DDR sehr stark vertreten war. Künstler wie Gilbert Bécaud, Mireille Mathieu, Joe Dassin, Georges Moustaki u.v.a. gaben sich bei Funk, Fernsehen und auf Platte gegenseitig die Klinke in die Hand und waren mehr als nur Ergänzung zum einheimischen Angebot. Und schließlich waren gerade die Poppys nicht nur regelmäßig und weitläufig in der DDR auf Tour, sondern auch dermaßen beliebt, daß sie die hiesige Bevölkerung quasi adoptiert hatte.

VÖ:
Label:
1971
Barclay
Titel:
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Des chansons pop
Non je ne veux pas faire la guerre
Love, Lioubov, Amour
Car les gens sont faits de la sorte
Noël 70
Pour que le monde un jour soit
meilleur
Ami Jésus
Isabelle, je t‘aime
Non ne criez pas
Le tourbillon du Pakistan
Non, non rien n‘a change
Let the sunshine in
Line-up:
Gérald (11), Denis (14), Jules (12), Bruno (12), Harry (14), Paul (10), Hubert (13), Antoine (13), Albert (13), Maurice (13), André (13), Marcel (14), Guy (11), Benoit (12), Jacques (12), Alain (12), Pierre (10)

Jeder, der in den 70er Jahren in der Deutschen Demokratischen Republik zu Hause und nicht gerade mit Taubheit geschlagen war, kennt den französischen Knabenchor oder zumindest einige seiner Lieder garantiert. Die Poppys gehörten genauso zu uns wie etwa Harry Belafonte, Dean Reed oder die Olsenbande! Grund genug, ihnen an dieser Stelle einen Erinnerungsstein zu setzen. Oder?
Wollte man das Wesen der Poppys auf einen kurzen Satz zusammenfassen, könnte man von dem "französischen Thomanerchor auf Pop" sprechen. Im Grunde funktionierte das Ensemble ähnlich. Es bestand ausschließlich aus Knaben im schulfähigen Alter, deren "Karriere" meist mit dem Stimmbruch endete, um einem "Ersatz" Platz zu machen. Die Jungen trainierten hart, um ihre Stimmen und ihre Körper für Auftritte und Aufnahmen fit zu halten und waren in der Regel hervorragende Schüler, die ihre Zugehörigkeit zur Gruppe als Auszeichnung verstanden, die man sich immer wieder neu verdienen mußte.
Begonnen hatte alles im Oktober 1970, als Francois Bernheim vom Barclay-Label "Les Petits Chanteurs d'Asnières" (Die kleinen Sänger von Asnières) auffielen, ein Chor, der schon 1946 von Jean Amoureux ins Leben gerufen worden war. Bernheim gefiel, was er hörte und kam auf die Idee, aus dem Knabenchor eine Popgruppe zu machen, diese groß aufzuziehen und zu etablieren. Der Gedanke erwies sich schnell als genial, bereits die erste Single "Noël 70" sorgte europaweit für Aufsehen und katapultierte die Poppys in die Hitparaden. Weitere Hits folgten ("Isabelle, je t‘aime", "Non, non rien n‘a change", "Des chansons pop" u.a., die zu dieser LP zusammengefaßt wurden) und machten aus den Kinderstars, die hauptsächlich über Frieden, Liebe und Völkerverständigung sangen, Millionenseller, die in den Niederlanden sogar erfolgreicher als die Beatles waren!

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Wie oben erwähnt, blieb der Ruhm der Poppys in der DDR ebenfalls nicht ungehört und schon bald waren die Jungen auch hierzulande eine feste und beliebte Größe. Eine Schallplatte erschien jedoch mit einiger Verspätung leider erst 1982, als die "großen Zeiten" längst wieder abgeklungen waren.
Hört man sich ihre Lieder heute an, verwundert es nicht, daß sie so vehement die Herzen ihrer Zuhörer eroberten. Sie sind recht einfach gestrickt, bestechen aber durch ausgefeilte Gesangsarrangements, die das Ohr umschmeicheln und durch die jungen Stimmen etwas Unbeschwertes und Reines vermitteln, das einen anrührt. Dieser Eindruck wurde noch bestärkt, wenn man die Poppys dazu sehen konnte. Sie waren ehrlich, ungekünstelt und sympathisch.
Doch die Konstellation war eine so spezielle, daß sie nicht auf Dauer funktionieren konnte und folgerichtig schwoll die große Erfolgswelle im Laufe der Zeit wieder ab und schrumpfte auf ein "Normalmaß" zurück. Zwar wurde das Konzept noch eine Weile durchaus erfolgreich weitergeführt, die großen Hits waren aber nicht mehr zu toppen. Es gab seither schon einige Versuche, die Poppys wiederzubeleben oder mit anderen Projekten zu kopieren - das Original indes blieb stets unerreicht. Und eigentlich ist das auch gut so... (kf)

 


   
   
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