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Ein Konzertbericht mit Videoclip und Fotos von Petra Meißner

 

Wir sind Glückspilze: Unser 13. Konzert nach der Corona-Lockerung war der Knaller schlechthin. Alle 12 Konzerte seit Juli waren großartig, emotional und taten gut. Das vom letzten Sonnabend war aber nun wirklich etwas besonders. Es kam eine Einladung für eine private Veranstaltung von der Band holderFOLK. Diese Musiker, ganz aus der Nähe des Striegistals, hatten mein Mann und ich voriges Jahr in Großberg kennengelernt (Bericht siehe HIER).a 20201001 1077269261 Zu unserer Überraschung war der Bandname schon Programm. Sie pflegen die wunderschönen Lieder der Ost-Folk-Band WACHOLDER, die es leider nicht mehr gibt. Das ist nun nichts Außergewöhnliches. Wenn Bands die Bühne für immer räumen, gibt es ganz fix Musiker, die sich auf das Erbe stürzen. Das ist gut so, die Lieder sind kulturelles Vermächtnis und damit sie keinen Rost ansetzen, müssen sie regelmäßig gespielt werden.

Das Ungewöhnliche war diesmal: holderFolk spielte ein komplettes Konzert mit einem Gründungsmitglied der Band WACHOLDER, also keinem Geringeren als Jörg "KO" Kokott persönlich. Dass ein Musiker aus der Originalbesetzung mit einer Band gemeinsam spielt, die ihre Lieder covert, das ist im heutigen Musikgeschäft die absolute Ausnahme, und es gehört Größe dazu. Wir kommen wirklich viel rum, aber sowas sehen wir selten. Für uns war das wie eine Reise zurück. Wir erinnerten uns an die tollen Konzerte mit Wacholder aus unserer Jugendzeit im Ratskeller in Hainichen und anderswo. In Erinnerung geblieben sind uns die Lieder. Nicht zuletzt wegen einer AMIGA-Platte von WACHOLDER, die bei uns in Dauerschleife lief.

Das Bühnenbild des Abends vor Augen, glaubte man, die Zeit sei stehengeblieben. In einem alten Koffer war die erste Wacholder Platte "Herr Wirt, so lösche uns`re Brände" drapiert, dahinter brannte auf einem Tischchen eine Kerze. Ein symbolträchtiges Bild. holderFOLK hält diese Kerze am Brennen. Als sie zu Beginn tatsächlich das Lied vom Herrn Wirt spielten, hatte ich WACHOLDER vor Augen, wie sie 2008 noch mal gemeinsam eine Tournee spielten und bei Kuno in Hainchen zu Gast waren. Auf Solopfaden sind die ehemaligen Bandmitglieder von WACHOLDER schon seit 2001 unterwegs, mit gewaltiger Kreativität entwickeln sie jedes Jahr neue Programme und Ideen. Ist ja auch nicht schlecht, aus einer Band werden drei. Übrigens spielt Scarlett O`, auch ein Gründungsmitglied von WACHOLDER, am 25. Oktober 2020 in Hainichen.

b 20201001 1610852643Fans sind komisch, die wollen immer die alten Sachen hören. Ich nehme mich da nicht aus, obwohl ich auch neugierig auf neue Lieder bin. Wir im Osten sind auf diese Songs eben geprägt. Dieser Sehnsucht nach einem Zeitgefühl kommt holderFOLK entgegen. Sie spielen die Titel als echte Folk-Songs und man merkte, genau das wollen die Leute wieder hören. Textsicher und begeistert sang das Publikum mit. Ohrwürmer handgepflegt ist das Motto der Band. Die holderFOLKER sind vier Musiker aus dem Raum Freiberg. Astrid ist die Geigerin, Kerstin spielt Flöte und Akkordeon, Stefan ist der Gitarrist und Reiner spielt Ukulele und Mandoline. Sie singen drei-, teils vierstimmig und wechseln sich dabei ab. Die Nummer 5 war diesmal Jörg Kokott aus HC City. Dabei hätten Uneingeweihte sicher gar nicht gemerkt, wer da an der Bass-Ukulele werkelt. KO hielt sich dezent im Hintergrund und ließ die Band machen. Ein Projekt, was bei den Amateurmusikern in einem kleinen Proberaum begann, hat sich zu einem Folk-Programm mit fast 60 einstudierten Titeln gemausert. Der Kontakt zu KO kam zustande, als die Kinder der Akteure ihren Eltern einen Workshop mit Jörg Kokott zum Geburtstag schenkten.

Aber zwei eigene Titel hatte KO dann auch im Gepäck. "Krieger über 50" mag ich besonders, damit kann man sich gut identifizieren, auch wenn die 50 lange zurück liegt. Das zweite Lied war "Erinnerung an Marie", ein Song für ein Brecht Programm, was er langfristig ins Auge gefasst hat. Wie viele andere, die ihr Geld mit der Musik verdienen, ist Kokott von Corona stark gebeutelt. Alle Termine wurden ihm dieses Jahr abgesagt. Kultur erscheint nicht systemrelevant. Dabei kann man auch in Pandemie Zeiten vernünftig und mit Abstand veranstalten. Wir waren seit Juli schon 13 Mal zu Konzerten unterwegs, selbst zu größeren, und man soll es nicht glauben, wir leben noch. Macht es den Veranstaltern nicht unnötig schwer, haltet euch an die Konzepte. Nur so kann die Kultur wenigstens noch auf Sparflamme köcheln, bis bessere Zeiten kommen. Alle Konzerte waren übrigens sehr gut besucht. Es ist meiner bescheidenen Meinung nach mehr machbar, als gemacht wird.c 20201001 1590868511 Als die besten Titel von holderFOLK empfand ich "Landgang" von Kokott und Krawczyk sowie den Nachwende-Titel "Deutsches Trinklied" von Matthias Kießling. Das alte Handwerkerlied "Lustig, lustig ihr lieben Brüder" hatte von Astrid gleich noch drei Corona-Strophen verpasst bekommen. Nach dem Wacholder-Block wurde es international. Auch von anderen Liedermachern spielt holderFOLK Stücke. Waders "Kleine Stadt" war dabei, ebenso "Bella Ciao" und Wenzels "Kamper Trinklied".

Noch nicht verraten habe ich euch, wo wir eigentlich waren. Wir lernten das Kastanienhof Theater in Reichenau kennen. Diese private Spielstätte befindet sich in einem alten Bauernhaus. Gespielt wird auf dem Dachboden. Die Theaterprofis Silke Führich und Reinhardt Schuchart betreiben dieses kleine Theater und inszenieren die Stücke mit Laienschauspielern aus den umliegenden Dörfern. Leider war das Theaterstück schon ausverkauft. Das Konzert war sozusagen ein zusätzliches Bonbon für die Gäste nach der Aufführung. Wir lernten so den ausgebauten Kuhstall des Hauses kennen. Dort spielte holderFOLK. Die rustikale Kulisse passte so ganz und gar zu den Folk-Leuten, die Stimmung hätte nicht besser sein können. "Ich suche den Funken, der die Dunkelheit erhellt" heißt es in einem Irischen Lied der Gruppe. Diesen Funken haben sie bei Silke und Reinhardt gefunden. Man merkte es sofort, dort sind auch Leute mit Herzblut am Werk, die das Gleiche wollen wie die Folk-Band, den Menschen Hoffnung und Zuversicht geben und handgespielte Live-Musik.




 

Videoclip:

 

 

 

 

 




   
   
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