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Ein Bericht von Christian Reder

 

Es ist 20:00 Uhr, der Konzertsaal ist bis auf den letzten Platz mit Publikum gefüllt. Die ersten Töne erklingen. Bass und Schlagzeug bilden das rhythmische Fundament, auf das der Gitarrist seine ersten Töne setzen kann. Noch bevor sich der Frontmann in die ausgebreiteten Arme seiner Band fallen und das angestimmte Lied gesanglich mit Inhalt füllen wird, hat er noch etwas zu sagen:a 20200315 2004147200 "Schön, dass Ihr alle gekommen seid", sind die begrüßenden Worte des Sängers, die er auch stellvertretend für seine Musikerkollegen neben sich auf der Bühne ins Mikro spricht. Die Musiker der Band freuen sich riesig über den Zuspruch der Leute, die nur wegen ihnen und ihren Songs gekommen sind. Und sie selbst sind gekommen, um eben für diese Leute - ihren Fans - sämtliche musikalischen Pfeile abzuschießen, die sie im Köcher haben. Dafür haben sie geübt, sich vorbereitet und diverse Feinheiten abgestimmt. Jeder weiß, dass es eben nicht nur damit getan ist, die Anlage und die Instrumente anzuschließen, den Sound zu checken und dann mal eben loszulegen. Ein Konzert beginnt schon Tage vorher. Es braucht eine gute Vorbereitung. Mehrfach wurde geprobt, überlegt und anschließend ein Programm für eben diese Mugge erstellt. Es wird neben dem Spielspaß auch Konzentration nötig sein, um eine gute Show für die Leute abzuliefern. Auch das Publikum kommt nicht unvorbereitet und hat gewisse Vorstellungen von dem, was es da geboten bekommen möchte. Textsicher sind sie alle und auch bereit, dies unter Beweis zu stellen. Manch einer da unten im Saal möchte in den nächsten knapp zwei Stunden von all dem abschalten, was ihn in der letzten Woche so sehr ausgepowert hat. Mit live gespielter Musik vergessen, was für ein Scheiß das Leben manchmal so mit sich bringen kann. Ein Anderer will sich von den Künstlern auf der Empore in eine andere Zeit versetzen und mit der dazu passenden Musik an Momente in seinem Lebenslauf erinnern lassen, die es ihm warm ums Herz werden lassen. Ein anderes paar Menschen will zu den Liedern ihrer Band einfach nur abfeiern, tanzen bis es in den Beinen zieht und Mitsingen, bis die Stimme beginnt ihren Geist aufzugeben. In dem einen Moment tanzen bis der Arzt kommt, im Nächsten sacht wippend der schönen Ballade zuhören und die von ihr ausgehende Magie tief in sich einsaugend. Eben alle Facetten eines Konzerts erleben. Am Ende des Tages wollen alle ausgepowert aber zufrieden nach Hause gehen, die Tanks geflutet mit Glückshormonen und aufgeladen mit Energie für die oft viele Nerven kostenden Aufgaben der kommenden Woche. Und diese große Aufgabe gelingt es der Band auch zu erfüllen, denn das hat sie bisher immer geschafft.

Es ist 20:01 Uhr. Der Betreiber des Konzertsaals öffnet nach einem kurzen Moment, in dem ihm das eben beschriebene Szenario durch den Kopf ging, wieder seine Augen. Der Konzertsaal ist leer. Niemand ist gekommen. Kein Konzertbesucher, kein Musiker, kein Angestellter.b 20200315 1790145568 All die Vorbereitungen, die auch er in der Woche vor dem eigentlich für den heutigen Abend angedachten Konzert hatte, waren umsonst. Die Einkäufe der Getränke und Lebensmittel für die Verpflegung von Gästen und Musikern ebenso, wie die Planung für den Personaleinsatz und den Ablauf des Konzerts. Der neuste "Export-Schlager" aus China hat dafür gesorgt, dass sein Laden heute geschlossen bleibt. Dabei handelt es sich aber keineswegs um ein neues Produkt aus dem Bereich der Unterhaltungselektronik für die Freizeitgestaltung daheim, das sein Angebot für die Menschen etwa hat uninteressant werden lassen, sondern vielmehr um einen "neuartigen Virus", der sich bereits im Dezember des vergangenen Jahres entweder von einem chinesischen Wochenmarkt oder dem direkt nebenan gelegenen Versuchslabor auf den Weg hierher gemacht hat, um unser aller Leben lahm zu legen. Das soziale Leben wird gerade überall herunter gefahren. Nicht nur ein bisschen, sondern komplett! Und es betrifft nicht nur seinen Laden. Es betrifft alle, wo sonst das Leben pulsiert, wo viele Menschen zusammen kommen und wo gesellschaftliches Miteinander stattfindet. Vor einer Woche hieß es noch, Deutschland sei gut vorbereitet, Konzertsäle und Fußballstadien waren ebenso voller Menschen wie Märkte und Ausstellungen. Wer das laut sagte, muss wohl eine gewaltig große Spa(h)nplatte vor dem Kopf haben, denn so einen Virus hat niemand im Griff. Und so kam es ja auch. Keine sieben Tage später erleben wir etwas, was es so noch nie gegeben hat. Nichts geht mehr. Nichts findet mehr statt. Und ob nach dieser zwangsweisen Auszeit überhaupt wieder alle ihre Türen öffnen können, ist mehr als fraglich. Keiner verdient derzeit Geld. Die Künstler nicht und die Betreiber von Konzertbühnen ebenso wenig. Die regelmäßig anfallenden Kosten laufen aber trotzdem weiter. Man muss keine kaufmännische Lehre gemacht haben, um auszurechnen, wohin die Reise geht. Die Sachbearbeiter der Insolvenzabteilung beim Amtsgericht umme Ecke lassen bereits grüßen. Am besten macht man die Augen gleich wieder zu und flüchtet zurück in den gerade noch so schön ausgestalteten Traum, wäre da nicht diese unüberhörbar laute Stille. Eine Stille, die Endzeitstimmung und Angst, nicht nur wegen und vor einer eventuellen Infektion mit einem designten Krankheitserreger, auslöst ...

c 20200315 1850807156Keiner kann sagen, wann das Leben wieder in jeden Winkel unseres Alltags zurückkehren wird. Niemand weiß, ob das Blut dann auch wieder in die kleinsten Adern unserer Kulturlandschaft zurückfließen wird oder ob mit jedem Tag des zwangsweisen Abbindens ihrer Gliedmaßen nicht mehr und mehr "Zellen" absterben und am Ende unwiederbringlich verloren sein werden. Den Gastronomen und Betreibern von Bühnen können wir derzeit nicht helfen, das Unheil abzuwenden. Das kann nur die Politik. Aber den Künstlern im Land können wir zumindest ein Stück weit helfen, auch wenn sie nicht live spielen können. Wie? In dem wir gerade jetzt unser Konsumverhalten überdenken. Jeder kann jetzt seinen Lieblingsmusikern oder seiner favorisierten Band damit helfen, indem er ihnen eine, zwei oder drei CDs, DVDs oder Bücher (vielleicht auch 'n Shirt) aus ihrem Fanartikel-Shop abkauft. Da die meisten Musiker längst nur noch mit dem Live-Spielen etwas verdienen können, weil der Hörer und Seher lieber auf digitale Quellen wie Streaming-Dienste zurückgreift und den Kauf von physischen Tonträgern fast eingestellt hat, könnte man doch zumindest jetzt - in der Krise - wieder die "Oldschool" besuchen. Vielleicht bringt gerade die existenzielle Gefahr für alle die, die uns in normalen Zeiten immer gut mit Kultur und Spaß versorgt haben, all die Leute da draußen wieder dazu, gerade von den kleineren Künstlern im Lande doch wieder Tonträger zu kaufen. Mit so einem Einkauf unterstützt und ernährt Ihr nämlich die Künstler direkt und keinen dazwischen geschalteten Mitesser, den eigentlich kein Schwein bräuchte, wären wir nicht alle so bequem und geizig geworden, dass wir uns für 9,99 EUR im Monat auf der Couch sitzend alles an Musik aus dem Internet saugen würden, was der Markt so hergibt.

In der Hoffnung, dass der Spuk bald vorbei ist und Veranstalter wie der aus diesem Beitrag beim nächsten Augenaufschlag wieder das sehen können, was derzeit nur mit geschlossenen Augen zu sehen ist. Ach ja: Schön, dass Ihr gekommen wäret!






Fotostrecke:

... auch der Fotograf war nicht da!




   
   
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