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Ein Konzertbericht von Christian Reder mit Fotos
von Robert Grischek (oben) und Christian Reder

 

Viele Großveranstaltungen werden derzeit wegen des neusten Export-Schlagers aus China abgesagt. "Corona" heißt das Ding, wegen dem z.B. die Reisemesse ITB in Berlin und die Leipziger Buchmesse ihre Tore nicht wie geplant öffnen werden. Mitten in Zeiten von hysterischen Reaktionen, die dieser unsichtbare Eindringling bereits ausgelöst hat, startete gestern Stoppok mit seiner Band die Tour zum neuen Album "Jubel",a 20200305 1878565617 und das knackig aufgelegte Ensemble hatte gleich zu Beginn dieser Tour einen Grund zum Jubeln: Die "Kaue" in Gelsenkirchen war schon lange vor diesem Mittwochabend ausverkauft. Niemand von den angereisten Konzertgästen wollte sich das Erlebnis entgehen lassen, wie das Quartett in die 21 Konzerte umfassende Rundreise durch Deutschland startet.

Um kurz nach acht ertönte ein Intro. Wobei Intro das falsche Wort ist. Als "Einlaufmusik" wurde der Titel "When I'm 64" von den BEATLES gewählt, zu der nacheinander Bassist Reggie Worthy, Schlagzeuger Wally Ingram, Multiinstrumentalist Sebel (Keyboard, Gitarre, Percussion) sowie Sänger, Gitarrist und Genialist in Sachen Komposition und Textdichtung Stefan Stoppok aus dem Backstage-Bereich nach vorne traten. Passt, denn seit dem 21. Februar ist Stoppok 64 Jahre alt. Kaum zu glauben, aber wahr! Zwar prangte im Bühnenhintergrund in großen Lettern der Albumtitel "Jubel", aber dieser Aufforderung hätte es gar nicht bedurft, denn schon die bloße Anwesenheit des Meisters nach Betreten der Bühne löste bereits einen solchen aus, auch ohne dass bis hierher ein Ton erklungen war. Stimmung und gute Laune waren also schon mal anwesend, was sich auch an der locker-leichten Begrüßung Stoppoks ablesen ließ. Dort löste sich offenbar wohl auch die Spannung zeitgleich mit dem ersten Schritt in Richtung Arbeitsplatz. Nun folgte dann auch das heiß erwartete und ebenso heiß ersehnte neue Programm in Haupt- und Nebentönen. Die Haupttöne waren natürlich die Lieder, derer das Orchester gleich 20 (ohne Zugaben) aus dem umfangreichen Repertoire der letzten 40 Jahre ausgewählt hatte. Neben Klassikern wie "Denk' da lieber nochmal drüber nach", "Zwischen Twentours und Senorenpass" und "Du brauchst Personal" gehörten auch insgesamt neun Titel vom brandneuen "Jubel"-Album dazu, womit fast die komplette neue Langrille ihre Live-Umsetzung erleben durfte. Stoppoks Anhänger, die den Weg zum Tourauftakt gefunden hatten, bekamen knapp einen Monat Zeit, sich das neue Textmaterial drauf zu drücken, um es während des Live-Vortrags auch mitsingen zu können. Und es hatte seine Hausaufgaben gemacht: Die Leute vor der Bühne zeigten eine beeindruckende Textsicherheit bei den erst am 7. Februar mit der Album-VÖ in Umlauf geratenen Songs. Da ging auf beiden Seiten der Veranstaltung ordentlich die Post ab.

Das gestrige Konzert in der "Kaue" war mein erstes in dieser Location. Was den Sound betrifft, dürfte die ehemalige Waschkaue der Zeche Wilhelmine Victoria für jeden Techniker eine große Herausforderung sein. Der Saal ist nicht sonderlich lang bzw. tief, dazu kommt eine zweite Etage (Empore), die ebenfalls beschallt werden muss.b 20200305 1082162881 Wenn dann noch - so wie gestern - vor ausverkauftem Hause gespielt wird, schluckt das Auditorium eine Menge von den gespielten Tönen, so dass hinten im Raum ein eher breiiger Sound ankommt. So jedenfalls empfand ich das. Bewegte man sich aber weiter in die Mitte oder in die Außenbereiche der Bühne, war das schon wieder komplett anders. Da bekam man einen tollen Sound auf die Ohren, der keine Wünsche offen ließ. Aber auch auf der Bühne hatte man mit dem Ton so seine Probleme, womit ich auch bei den gerade genannten "Nebentönen" wäre. Eigentlich stand die Band in einer Quintett-Besetzung da oben, denn neben den vier Musikern gesellte sich von Anfang an ein eher nervender Brummton aus einer der Boxen dazu, der sich partout nicht vertreiben lassen wollte. "Damit müssen wir heute wohl leben", meinte Stoppok schon nach der vierten gespielten Nummer. Aber irgendwann nahm man das nicht mehr wirklich wahr, was auch an dem eingangs schon als "knackig" bezeichneten Vortrag der Band sowie an den tollen Songs lag, die die volle Aufmerksamkeit auf sich zogen.

Als sehr angenehm und immer wieder amüsant empfand ich die Zwischentexte Stoppoks, der natürlich auf die aktuellen Geschehnisse unserer Zeit einging. Und die werden derzeit überall von dem schon namentlich genannten China-Souvenir beherrscht. Seine größte Angst, so Stoppok, sei die, dass morgen einer am "Corona-Virus" erkranken würde und wir alle, die wir in der Kaue den Tourstart miterlebt haben, deshalb geschlossen in Quarantäne müssten. Bei näherer Betrachtung, und auch weil die Stimmung in der "Kaue" so extrem gut war, änderte er dann seine Meinung. Er bat darum, das Wort "Angst" wieder zu streichen, denn eigentlich wäre das doch geil, wenn man zwei Wochen zusammen Zeit verbringen könnte. Ein Gast aus dem Saal rief, dass er dann auch einen funktionierenden Verstärker mitbringen würde, damit man die zwei Wochen auch ohne lästigen Brummton beim Musikmachen erleben könne. "Feine Ideen" wurden da gesponnen. An anderer Stelle äußerte der Musiker sein Unverständnis darüber, dass die Leute bei ihren Hamsterkäufen das komplette Toilettenpapier-Vorkommen des Landes aus den Läden holen und bei sich zu Hause einlagern würden.c 20200305 1492748184 Bei ihm stünden da ganz andere Dinge als erstes auf der Einkaufsliste. Bier zum Beispiel, oder Nagellack für seine Frau. So heiter kann man also mit einem doch so ernsten Thema umgehen, und den Leuten somit ein Stück weit auch die Angst vor etwas nehmen, worauf sie eigentlich auch keinen Einfluss haben. Danke dafür!

Auf der Bühne rappelte und schepperte es ordentlich. Die vier Musiker (und ihr Brummton) gaben dort alles und die ausgewählten Songs auf ihrer Setlist besorgten den Rest für ein gelungenes Konzert. Fast das komplette neue Album zu spielen, ist auf der einen Seite zwar mutig, auf der anderen Seite macht es bei diesem Künstler aber absolut Sinn. Stücke wie "Kein Update", "Geld oder Leben" oder auch "Lass sie rein" passen ausgezeichnet zu den Songs aus den letzten Jahren. "Verjubeln" ist sogar eins dieser Stücke, die direkt in Ohr und Blutbahn gehen, und das aufgrund seiner Partytauglichkeit völlig zurecht den Schlusspunkt des regulären Programms bildet. Die neuen Titel fügen sich nahtlos in das bis hierhin erschaffene Repertoire ein, sind stilistisch natürlich eng verwandt und von der textdichterischen Machart typisch Stoppok. Was nicht überall funktionieren dürfte - und das hat definitiv auch was mit der Einstellung des Publikums zu tun - läuft bei Stoppok einwandfrei und ohne Stottern. Dies ließ sich gestern ganz wunderbar an der Stimmung im Saal ablesen, die von Anfang an knisterte und im Verlauf der Show richtig aufloderte.

Apropos "Show". Stoppok und seine Musikanten brauchen keine Show. Sie sind die Show! Irgendwelchen Effekt-Firlefanz oder Hochglanz-Elemente auf der Bühne sucht man vergeblich, vermisst sie aber auch überhaupt nicht. Es ist viel spannender zuzuschauen, wie ansprechend die vier Musiker ihr Tagwerk verrichten, mit wieviel Können sie ihre Instrumente spielen und mit wieviel Spaß sie die Lieder an den Mann und die Frau bringen. Aufgrund der vollen Halle ist es mir leider nicht gelungen, diese Spielfreude beim Schlagzeuger und auch bei Sebel links auf der Bühne fotografisch einzufangen.d 20200305 2073429628 Die Foto-Ausbeute ist dieses Mal insgesamt leider sehr übersichtlich, weil es keinen Graben gab und die Leute alle dicht an dicht vor der Bühne gedrängt standen. Da will man dann ja auch niemandem mit seiner Kamera auf den Keks gehen. Ich hoffe, dass ich die ausgesprochen gute Stimmung trotzdem mit diesem Beitrag hier rüber bringen konnte.

Natürlich hat so ein Tour-Auftakt seine kleinen und mittelgroßen Fehler. Das bleibt ja auch gar nicht aus, denn die Band spielt in dieser Besetzung ja immer nur eine Tour und nicht das ganze Jahr an jedem Wochenende. Außerdem kann niemand was für einen defekten Verstärker. Trotzdem war das erste Konzert der "Jubel-Tournee" ein gelungener Auftakt ohne dicke Klopper oder Ausfälle, und tatsächlich ein Grund für "Jubel" bei allen Beteiligten. Die von mit beschriebene Spielfreude der Musiker, die tolle Auswahl der Lieder, bei der die großen Hits "Dumpfbacke" und "Aus dem Beton" in den Zugaben geparkt wurden, und Stoppoks Entertainer-Qualitäten sorgten für einen kurzweiligen Abend, der trotz voller Setlist und entsprechend großzügiger Spielzeit wie im Fluge verging. Es ist kein Honig um den Bart des Künstlers schmieren wenn ich sage, dass man die Gründe für so viel Publikumszuspruch nicht lange suchen muss. Hier wird ehrliche Arbeit in jedem Bereich geleistet. Es ist kein Dienst nach Vorschrift, der inkl. Zugaben nach exakt 90 Minuten beendet ist, kein routiniertes Runterspielen der Lieder und kein gestellt oder aufgesetzt wirkender Kontakt mit den Konzertbesuchern. Das Gegenteil ist der Fall. Stoppok gehört zweifelsfrei mit zum Besten, was man in Sachen deutscher Musik live und auf Platte/CD derzeit erleben kann. Und das schon seit Jahren. Wer sich selbst davon überzeugen oder mal wieder ein konzertantes Highlight erleben möchte,e 20200305 2016192801 hat jetzt im März an vielen Orten in Deutschland die Gelegenheit dazu. Heute sind Stoppok und seine Jungs z.B. in Erfurt, morgen in Berlin und übermorgen in Leipzig. Nix wie hin, sich einheizen lassen und ordentlich jubeln!



Setlist:
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Termine:
• 05.03.20 - Erfurt - HsD/Gewerkschaftshaus
• 06.03.20 - Berlin - Kesselhaus in der Kulturbrauerei
• 07.03.20 - Leipzig - Anker
• 08.03.20 - Dresden - Reithalle Strasse E
• 10.03.20 - Freiburg im Breisgau - Jazzhaus
• 11.03.20 - Stuttgart - Theaterhaus
• 12.03.20 - Remchingen - Kulturhalle Remchingen
• 13.03.20 - München - Ampere/Muffatwerk
• 14.03.20 - Frankfurt/M. - Batschkapp
• 15.03.20 - Kreuztal - Eichener Hamer
• 18.03.20 - Wuppertal - LCB Live Club Barmen
• 19.03.20 - Münster - Jovel
• 20.03.20 - Köln - Gloria-Theater
• 21.03.20 - Duisburg - Steinhof (ausverkauft)
• 22.03.20 - Stadtlohn - Lokschuppen
• 25.03.20 - Unna - Lindenbrauerei
• 26.03.20 - Wilhelmshaven - Kulturzentrum Pumpwerk
• 27.03.20 - Bremen - Kulturzentrum Schlachthof
• 28.03.20 - Hamburg - Fabrik
• 29.03.20 - Isernhagen - Blues Garage
• 06.06.20 - Worpswede - Music Hall (Artgenossen)
• 12.06.20 - Dresden - Parktheater/Großer Garten (Solo)
• 10.07.20 - Wunstorf - Küsters Hof
• 11.07.20 - Schneverdingen - Sommer-Festival "Blues, Roots & Song"
• 20.08.20 - Würselen - Burg Wilhelmstein
• 21.08.20 - Bensheim - Rex Musiktheater
• 22.08.20 - Kamp-Lintfort - Zechenpark Landesgartenschau NRW
• 23.08.20 - Dortmund - Spiegelzel (Solo)

Alle Angaben ohne Gewähr!



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Stoppok: www.stoppok.de
• Interview mit Stoppok (02/2020): HIER









   
   
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