10 Jahre - eine Frau und ihre Band:

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Ein Bericht mit Fotos von Bodo Kubatzki



Es ist noch keine 20 Stunden her, dass ich die Jubiläumsfeier anlässlich des 50. Geburtstags der PUHDYS mit gemischten Gefühlen verlassen habe. Nun sitzen meine Frau und ich im Berliner Jazzclub in der Kunstfabrik Schlot, um gemeinsam mit Andrea "Timmi" Timm und ihrer Band sowie mit diversen Gästen, ein weiteres Bandjubiläum zu feiern. Auch wenn die Künstlerin schon seit 10 Jahren mit ihren drei Musikern aktiv ist, habe ich davon bisher kaum Notiz genommen.a 20191128 1102521521 Zwar durfte ich "Timmi & Band" schon einmal live erleben, doch war dies nur ein kurzer Auftritt im Jahr 2017, als im Berliner Neu-Helgoland dem Geburtstag von Reinhard Fissler gedacht wurde. Ich erinnere mich an Folk-Songs mit deutschen Texten. Um heute nicht ganz unvorbereitet nach Berlin zu kommen, ließ ich mir von Andrea das bisher einzige Album der Band "Halbes ganzes Leben" aus dem Jahr 2008 zusenden.

Etwas verwundert schaute ich auf das Erscheinungsdatum. Das Album kam doch schon vor 11 Jahren heraus. Wie passt das zum 10. Bandjubiläum? Dieser Widerspruch wird dann gleich zu Beginn des Konzerts aufgeklärt. Andrea Timm hat viele ihrer Songs gemeinsam mit ihrem Gitarristen und Komponisten Axel Stammberger geschrieben. Sie stand dann auch mit ihm sowie mit Schlagzeuger Michael "Micha" Behm und Bassist Marcus "Basskran" Schloussen im Jahr 2008, nach Veröffentlichung des Albums, in Berlin auf der Bühne. Der Entschluss, gemeinsam als ANDREA TIMM & BAND weiterzumachen, wurde erst ein Jahr später gefasst.

Bei der freundlichen Begrüßung durch Timmi mussten die Anwesenden erfahren, dass Marcus Schloussen an diesem Abend aus gesundheitlichen Gründen leider nicht dabei sein wird. Kurzfristig eingesprungen ist dafür Lexa Thomas, der sich in der Berliner Musikszene als Bassist und als Produzent einen Namen gemacht hat. Außerdem wird er an diesem Abend noch gemeinsam mit Micha Behm zu hören sein. Timmi und Band präsentieren zunächst drei Songs, die auch auf dem Album zu finden sind. Die Stücke "Nie Illusion" und "Schnee von gestern" erzählen mit ihren lyrischen Texten von der Liebe, vom Träumen, von Sehnsucht und Hoffnung. Es sind Texte, die das Leben schreibt. Und es sind stille Lieder in typischer Singer-/Songwriter-Tradition, die zum Zuhören verleiten. Die Melodien werden von den Instrumentalisten dezent untermalt, wobei Axel Stammberger immer mal wieder ein feines Solo auf der Gitarre spielt. Das nächste Lied ist etwas beschwingter und erzählt eine Geschichte über Kaffee. Die Melodie ist bekannt, denn es handelt sich um eine Coverversion des MIKE & THE MECHANICS Songs "Another Cup of Coffee". Die deutsche Version übers Alleinsein endet schließlich in der Kernaussage "Don't look back, don't give up...", ein richtiges Credo, denke ich.b 20191128 1578107802 Es schließt sich mit "Moment to go" ein Song an, der sich nicht auf dem Album befindet. Danach spricht Andrea liebevoll über ihre Tochter, die nun auch schon etwas über 30 Jahre alt ist. Ihr hat sie das berührende Lied "Flügel" gewidmet.

Mit Tanja-Maria Hirschmüller wird der erste Gast des Abends begrüßt und es beginnt zu swingen. Tanja singt nicht nur die wunderschöne Nummer "Bienvenue Dans Ma Vie" von der kanadischen Jazz-Sängerin NIKKI YANOFSKY, nein, sie veredelt den Song auch mit ihrem virtuosen Saxophonspiel. Beim letzten Song, bevor es mit Gastprojekten weitergeht, greift Tanja zur Klarinette, um gemeinsam mit Timmi & Band das schon etwas ältere Stück "Alles schon da" erklingen zu lassen.

Nun präsentiert Timmi die ersten Gäste des Abends, die eigene Projekte vorstellen. Als erstes hören wir ein Nebenprojekt von Schlagzeuger Micha Behm, der heute einen Bart trägt, wie ein Weihnachtsmann. Dies sei Absicht, denn tatsächlich spielt er jedes Jahr in der Weihnachtszeit den Weihnachtsmann und erfreut damit viele Kinder. Gemeinsam mit Bassist Lexa Thomas spielt er Stücke ihres Improvisationsprojekts NÝ LANDY. "Mal sehen, was dabei rauskommt", meint Micha, "und wer mehr hören will, im Internet gibt es eine dreistündige Version vom dem, was jetzt kommt". Recht ausgiebig zeigen beide Musiker, dass sie ihre Instrumente virtuos beherrschen. Lexa entlockt seinem Fretless-Bass sphärische Klänge, weiß aber auch gemeinsam mit Micha, einen gewaltigen Groove zu entwickeln. Nach gut 20 Minuten sagt Timmi, die gerade neben mir steht: "Ob die wohl bald ein Ende finden? Sie hatten nur 10 Minuten und überziehen jetzt". Doch auch mir macht es Spaß, den beiden zuzuhören und zuzusehen. Der Berliner Liedermacher Jörg-Peter Malke, der gemeinsam mit Axel Stammberger, Marcus Schloussen und Schlagzeuger Uwe Hildebrand mit der Band SUEDPARK musikalisch unterwegs ist, ist als nächster Gast angesagt. Mit typisch "Berliner Schnauze" präsentiert er den Song "Stichworte",c 20191128 1305453110 seine kleine Abrechnung mit der "Politik" und einen Song, den man vor dreißig Jahren in Ost-Berlin nicht hätte spielen dürfen "Lass uns abhaun". Beim ersten und dritten Song lässt es sich Timmi nicht nehmen, mitzusingen. Auch dieser Gastbeitrag gefällt nicht nur mir.

Den meisten Anwesenden ist bekannt, dass Axel Stammberger auch in der Band von VERONIKA FISCHER Gitarre gespielt hat. Aus diesem Grund erklingt dann vor einer Pause das Lied "Dass ich eine Schneeflocke wär". Dazu bittet Timmi auch Marion Bock zur gesanglichen Unterstützung auf die Bühne. Marion, eine gute Freundin von Timmi, die sich seinerzeit als Heilpraktikerin auch liebevoll um den erkrankten Reinhard Fissler gekümmert hat, lässt es sich nicht nehmen, Timmi & Band mit einem Blumenstrauß zu überraschen. Auch Tanja-Maria gesellt sich mit auf die Bühne. So wird der Song mit viel Gefühl von drei Sängerinnen interpretiert.

In der kurzen Pause kommen wir mit einigen Leuten ins Gespräch. Alle zeigen sich sehr angetan von der tollen Atmosphäre in diesem gemütlichen Jazzclub. Überhaupt finde ich es erstaunlich, dass für die Veranstaltung kein Eintritt verlangt wird. Dafür geht zum Ende des Konzerts ein Hut rum, in den man Geld hineintun kann, was einem die Veranstaltung wert ist. Dies sei im Jazzclub der Kunstfabrik Schlot die übliche Verfahrensweise, erklärt der Clubbetreiber zum Beginn des Konzerts.

Ich nehme an, Timmi hat wieder auf ihre Uhr geschaut und gemerkt, dass es schon relativ spät geworden ist. Daher entschließt sie sich, den zweiten Teil des Programms allein einzuleiten. Sie greift sich ihre Gitarre, erzählt, dass sie durch den Folk der 60er Jahre stark beeinflusst wurde und präsentiert uns den BOB DYLAN-Klassiker "Don't think twice, it's alright". Danach ist die Jugend an der Reihe. Schlagzeugschüler von Micha Behm nehmen gemeinsam mit ihrem Dozenten die Bühne ein und zelebrieren ein beeindruckendes rhythmisches Feuerwerk. Sie nennen das Ganze FIRST DRUM AFFAIRE und wollen bei ihrem Spiel ihren ganz eigenen Rhythmus finden.d 20191128 1169547633 Dabei benutzen sie alles, was ihnen in die Hände kommt. Man sieht, dass es den jungen Burschen und dem nicht mehr ganz so jungen Herrn mit dem weißen Bart viel Freude macht, mit den Schlegeln, Pfeifen, Schüttelrohren und anderen Perkussionsinstrumenten zu agieren. Ich assoziiere dabei Getrommel im afrikanischen Busch, und - sorry - das Bild von Rumpelstilzchen am Feuer, wenn ich sehe, wie Micha Behm um seine Trommeln herumtanzt und ausgelassen über die Bühne springt.

Als weitere Gäste sind die HONEYMELONDIES angesagt, drei junge Damen, mit denen Timmi gemeinsam im Chor der Humboldt-Universität singt. Hinter den HONEYMELONDIES verbergen sich Jana Tomankova, Isabella Healy-Oppen und Jenny Böhm. Wir hören zunächst das Lied "Haben sie schon mal im Dunkeln geküsst?", das 1942 durch die Sängerin und Schauspielerin Evelyn Künneke bekannt geworden ist. Im gleichen Stil geht es mit dem beschwingten Frühlingslied "Spring, Spring, Spring" von Paul und Teresa Jennings weiter. Die drei Mädels werden dabei von Elfi Grimm am Flügel begleitet. Dies ist eine weitere Farbe in dem abwechslungsreichen Programm des Abends.

Timmi & Band setzen ihr Konzert fort. Der Song "Barfuß", geplanter Titelsong für ein neues Album, erhält durch Tanja-Marias Spiel auf der Klarinette eine besonders warme Note. Bei "EndScheidung" sagt der Name schon, worum es in dem Stück geht. Dieser Block endet mit "Winter über dem Land", einer Komposition von Axel zu einem Text von Timmi.

e 20191128 1463056689Was folgt, ist auch für Timmi eine Überraschung. Die Newcomer Band JAMIE DARK um Schlagzeuger Jonas, der schon mit der FIRST DRUM AFFAIRE zu hören war, lässt es zu fast mitternächtlicher Stunde noch mal so richtig krachen. Die vier Musiker/-innen, die sich mit Spitznamen Lonny (Gitarre), Johnny (Schlagzeug), Lila (Bass) und Alex (Gesang) nennen, präsentieren ihre Songs "Rub", "Mister Mirror" und "Come Around" in einer energiegeladenen Performance. In ihren Stücken vermischen sie Rock, Punk, Funk und Rap zu einem eigenen Stil. Dafür ernten sie so viel Beifall, dass sie noch die Zugabe "Snitch" dranhängen.

Kurz vor dem Finale spielen Timmi & Band noch die beiden Stücke "Freundin" und "Mitte", um dann gemeinsam mit fast allen Beteiligten Künstlern den BEATLES-Song "With a little helb from my friends" zu intonieren.

Ich glaube, dank der Hilfe vieler Freunde ist diese Jubiläumsfeier eine ganz besondere geworden, nicht nur für die beteiligten Musiker, auch für die zahlreichen Gäste. Wir zwei Rostocker haben uns von der ersten Minute an sehr wohl in der Runde gefühlt. So machen wir uns nachts, kurz vor eins, gut gelaunt auf den Heimweg. Ein Dank geht an Timmi und ihre Mitstreiter, die uns diesen Abend verschönt haben.
 

   
   
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