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Ein Konzertbericht mit Fotos von Bodo Kubatzki
sowie drei Videoclips von Frank Iffert am Ende



Die StadtHalle Rostock ist an diesem dunklen Dienstagabend im November des Jahres 2019 hell erleuchtet. Vor den Eingängen drängen sich hunderte Menschen im mittleren und gehobenen Alter und hoffen, zügig eingelassen zu werden. Doch diese Menschen wollen nicht zur Geburtstagsparty der PUHDYS. Sie wollen erleben, was Ian Anderson mit seiner Band JETHRO TULL im 52. Jahr nach Gründung der Band musikalisch noch so zu bieten hat.a 20191126 1981034176 Die Feier anlässlich des 50. Gründungstages der PUHDYS findet in einem bescheideneren Rahmen im Saal 2 der StadtHalle statt. Ein Jubiläumskonzert konnte es nicht werden, denn die PUHDYS existieren seit 2016 nicht mehr. Dafür gibt es eine Geburtstagsfeier, zu der die drei Drummer von STAMPING FEET aus Berlin eingeladen haben. Trommler Sven, Sohn des ehemaligen PUHDYS-Gitarristen Dieter "Quaster" Hertrampf, ist Mitglied dieser Truppe, die deutschlandweit mit ihrer Drum-Performance für gute Stimmung sorgt. Er hatte die Idee, den Bandgeburtstag der PUHDYS mit Talkrunden und Musik würdig zu feiern. Im Veranstaltungsservice Kleinschmidt fand Sven einen Partner, der die Geburtstagsparty mitorganisierte.

Der Einladung zur Party sind neben fünf PUHDYS-Musikern und ihren Gästen auch etwa 500 Fans der ehemaligen DDR-Rockband gefolgt. Kurz nach 20:00 Uhr wird die Party mit einem rhythmischen Feuerwerk durch STAMPING FEET eröffnet. Gemeinsam mit Sven Hertrampf trommeln in dieser Band Robin Gehlhar und Basti Reznicek (Sohn von Lise und Hans-Jürgen "Jäcki" Reznicek). Letzterer tobt immer mal wieder wie ein Wirbelwind über die Bühne, legt so manche Breakdance-Einlage hin und animiert das Publikum zum Mitklatschen. Es kommt sofort gute Stimmung in dem ansonsten etwas steril wirkenden Saal auf. Wir befinden uns vor einer Bühne mit Überbreite, die zweigeteilt ist. Rechts gibt es ein riesiges Arsenal an vor allem Schlaginstrumenten. Die linke Bühnenseite ist für die Talkrunden hergerichtet. Vor Bildwänden befinden sich gemütliche Sitzgelegenheiten, ein kleiner Tisch und auf der rechten Seite eine kleine Bar. Im Laufe des Abends lerne ich, dass es sich dabei um "Quasters-Mampe-Stube" handelt. Es ist die Bühnendekoration, die Ex-Puhdy QUASTER für sein aktuelles Bühnenprogramm "Ich bereue nichts" nutzt. Es sei nur am Rande erwähnt, dass dieses Bühnenbild von dem Grafiker Arno Funke gestaltet wurde, der von 1988 bis 1994 unter dem Pseudonym Dagobert als Kaufhauserpresser die deutschen Ermittlungsbehörden auf Trapp hielt.

Während die Musik des PUHDYS-Songs "Rockerrente" eingespielt wird, begrüßen Moderator Mario Geyermann und Sven Hertrampf den ehemaligen PUHDYS-Musiker und -Mitbegründer Harry Jeske, der von den Fans mit stehenden Ovationen willkommen geheißen wird. Der 82-jährige kann leider nicht mit auf die Bühne kommen, da er im Rollstuhl sitzt. Aber er ist dabei.b 20191126 1901402738 Die Musiker Peter "Eingehängt" Meyer (79), Gunther Wosylus (73) und Dieter "Quaster" Hertrampf (74) finden sich nach und nach auf der Bühne ein. Eigentlich sollte jetzt auch Peter "Bimbo" Rasym (66) erscheinen. Er scheint jedoch abhandengekommen zu sein. Quasters Freund und "Schatten" Frank Töfling, der an der Bar sitzt und an diesem Abend auch Fragen an die Musiker per SMS entgegennimmt, wird sofort aktiv, greift zum Handy und zitiert "Bimbo" auf die Bühne. Nur wenige Augenblicke später kommt dieser angelaufen und kann unter Beifall begrüßt werden. Er habe gerade noch einen kleinen Spaziergang an der frischen Luft unternommen, als der Anruf kam, denn man hätte ihm gesagt, er sei erst um halb zehn dran. In dem Zusammenhang wurde auch gleich klargestellt, dass er künftig nicht mehr "Bimbo" genannt werden möchte.

Bevor die ersten Gespräche geführt werden, spendiert der Veranstalter eine Geburtstagstorte und der "Schatten" schenkt eine Runde Halb & Halb aus, einen magenfreundlichen Likör der ehemaligen Likörfabrik Carl Mampe. So erschließt sich dann auch der Name von "Quasters-Mampe-Stube". Nachdem die Musiker auf sich angestoßen und denjenigen zugeprostet haben, die nicht mehr unter den Lebenden weilen, wird schnell noch klargestellt, weshalb Ex-Drummer Klaus Scharfschwerdt und Dieter "Maschine" Birr nicht zur Party erschienen sind. "Maschine" wandelt bekanntlich auf Solopfaden und hat derzeit nicht den besten Draht zu seinen ehemaligen Kollegen. So ist er der Einladung nach Rostock nicht gefolgt. Klaus Scharfschwerdt sei aus terminlichen Gründen verhindert, heißt es. Doch immerhin sind heute Abend fünf Musiker der PUHDYS dabei.

Endlich können die Talkrunden beginnen. Zunächst geht es um Gunther Wosylus. Von 1969 bis 1979 saß er bei den PUHDYS hinter dem Schlagzeug. Der Familie wegen verließ er die Band und widmete sich verschiedenen Projekten.c 20191126 2021368193 Eines davon war das erste private Tonstudio, das er in der DDR einrichtete. Hier wurde 1985 u. a. der Erfolgssong der Gruppe PERL, "Zeit die nie vergeht", aufgenommen. Neben Sänger und Gitarrist Michael Barakowski (†) gehörte Sven Hertrampf dieser Band als Schlagzeuger an. So schließt sich auch hier ein Kreis. 1986 siedelt Wosylus schließlich in den Westen über und hält sich dort in verschiedenen Berufen über Wasser. Seine Liebe zur Musik verliert er jedoch nicht. Davon können wir uns auch an diesem Abend überzeugen, als zunächst der o. g. PERL-Song erklingt, gesungen von Frank Proft, begleitet von jungen Musikern der Band EINGEHÄNGT und natürlich von Gunther Wosylus an einem Electronic-Drum-Set. Die Nummer kann mich in dieser Version nicht überzeugen. Dafür überrascht mich die Coverversion des PUHDYS-Songs "Zeiten und Weiten", gesungen/gesprochen von Gunther, unterlegt mit Electronic-Beats aus seinem Drum-Set. Das Publikum klatscht nicht nur begeistert mit, es unterstützt Gunther auch gesanglich beim Refrain.

Bei der nächsten Talkrunde wird über Gründungsmitglied und Ex-Bassist Harry Jeske gesprochen. Da Harry aus gesundheitlichen Gründen selbst nicht antworten kann, beantwortet Peter Meyer die Fragen des Moderators. Offensichtlich scheint er Harry wohl am besten von allen PUHDYS-Mitgliedern zu kennen. So erfahren alle die, die es bisher nicht wussten, dass Harry gemeinsam mit Peter Meyer und Quaster bereits vor der Gründung der PUHDYS in der Udo Wendel-Combo musiziert hat. Auch geschichtliche Fakten wurden kurz erläutert, wie die Frage, weshalb der 19. November 1969 als Geburtstag der PUHDYS gilt oder wie der Name PUHDYS zustande kam. Auch diese Dinge werden kurz noch mal erläutert. Wir erfahren weiterhin, dass Harry Jeske ein hervorragender Geschäftsmann war und dass er viele wichtige Beziehungen hatte. So koordinierte er stets die organisatorischen Belange der Band. Wir hören außerdem, dass er sich selbst im Alter von 55 Jahren noch zu jung für's Heiraten hielt, bis er in der Philippinin Erma seine große Liebe fand. 1997 spielt Jeske schließlich sein letztes Konzert mit den PUHDYS in Rostock.

d 20191126 1961974352Peter "Eingehängt" Meyer muss als nächster Rede und Antwort stehen. Er berichtet von der kurzen Zeit, als er in der kleinen Stadt Ketzin an der Havel als Musiklehrer tätig war. Dort traf er auch auf den Schlagzeuger Udo Jacob, der das "U" im Namen der PUHDYS beisteuerte. Meyers Zeit als Lehrer war nur kurz. Gern erinnert er sich daran zurück, wie er mit den Schülern am See Begräbnis spielte. Die Luftmatratze diente als Sarg und ein Trekkerschlauch als Kranz. Den Kindern hätte es Spaß gemacht, meint Meyer. Überhaupt zeigt er sich an diesem Abend von seiner humorvollen Seite. Auf einem eingeblendeten Bild sieht man, wie er einst beim Konzert auf der Berliner Waldbühne mit dem Saxofon in der Hand auf einer Kuh eingeritten kommt. Auf Drängen seiner Kollegen muss er schließlich den "Arbeiterchor" zum Besten geben, der zu allgemeiner Aufheiterung führt.

Auch wenn an diesem Abend nicht sehr viele Rostocker anwesend sind, geht es in der nächsten Talkrunde um die Beziehung der PUHDYS zur Hansestadt, insbesondere zum Fußballverein FC Hansa. Während das Video mit der Vereinshymne "FC Hansa, wir lieben dich total" eingespielt wird, begrüßt der Moderator Herrn Dr. Peter-Michael Diestel, der sich als letzter Innenminister der DDR und ehemaliger Präsident des FC Hansa einen Namen machte. Strotzend vor Selbstbewusstsein berichtet Diestel über seine Bekanntschaft zu den PUHDYS. "Ich bin genauso alt, wie die Herren hier, nur sehe ich 25 Jahre jünger aus", wirft er grinsend ein. Er behauptet auch, die PUHDYS nie gehört zu haben, bis der Kontakt zu ihnen hergestellt wurde. Der FC Hansa wollte eine Hymne haben und die PUHDYS waren in der Lage, diese zu schreiben. Das war 1994. Zu dieser Zeit spielte der Verein noch in der ersten Bundesliga.e 20191126 2076595143 Es läge nur daran, dass der Verein solch eine tolle Hymne hätte und ein so gutaussehender Vereinspräsident sich um alles kümmerte. Alle die danach kamen, wurden immer hässlicher und der Verein konnte nur absteigen.

Nach diesem Ausflug in die Welt des Fußballs, ist wieder Musik angesagt. Peter Meyer und sein Projekt "EINGEHÄNGT" betreten die Bühne. Gemeinsam mit Meyer stehen Sänger und Gitarrist Frank Proft, die beiden Mädels Melanie und Sandra (Bass) sowie erstmalig Schlagzeuger Robin von den STAMPING FEET mit auf der Bühne. Wir hören PUHDYS-Klassiker, wie "Kein Paradies", "Lebenszeit" oder "Melanie", erleben aber auch ein neu arrangiertes "Es war schön", das Frank Proft im Duett mit Undine Lux singt. Weitere PUHDYS-Songs folgen. Die Melodien sind bekannt und werden lauthals mitgesungen. Ich bekomme langsam Durst und gehe mir ein Bier holen, nachdem Peter Meyer dann auch noch das Saxofon umgehängt hat. Die Atmosphäre wird durch die Musik etwas lockerer nach den langen Gesprächsrunden. Doch kann mich das Projekt "EINGEHÄNGT" nicht überzeugen. Ich vermisse den professionellen Anspruch. Meine Entscheidung mit dem Bier erweist sich als richtig, denn es ist bereits 22:45 Uhr und es folgt endlich eine Pause.

Die STAMPING FEET eröffnen auch den zweiten Teil des Programms. Ich habe den Eindruck, dass viele Anwesende durch dieses rhythmische Trommelfeuer wieder wach werden. Nun muss Quaster Rede und Antwort stehen. Das macht er mit viel Humor. Es kommt die Frage, wie oft er verheiratet gewesen sei. "Viermal, das reicht!" sagt er, denn alle guten Dinge wären vier. Wie meist bei den Konzerten der PUHDYS zelebriert er auch heute sehr komödiantisch die beiden Stücke "Wenn der weiße Flieder wieder blüht" und etwas später, nach Drängen durch seine Kollegen auch "Lolita".f 20191126 1302027387 Wir erfahren, wie Quaster zu seiner ersten Lederjacke kam, und dass er handwerklich sehr geschickt sei, denn schließlich hätte er im Berliner Glühlampenwerk gelernt. In diesem Zusammenhang erläutert er anhand eines Bildes, wie er seinen Wecker elektrisch mit einer Sirene verbunden hat, um morgens nicht mehr zu verschlafen. Wir erfahren, dass Quaster seinen Blinddarm in Bulgarien losgeworden ist, und dass es für ihn sehr komisch war, von seinen Kollegen dort allein zurückgelassen zu werden. Das Gespräch kommt auch auf seinen Ziehsohn Beathoven, den ehemaligen Keyboarder von ROCKHAUS, der leider den Kampf gegen den Krebs verloren hat. So sympathisch, wie ich Quaster hier erlebe, habe ich ihn auch in den 80er Jahren kennengelernt, als wir mit unserer Amateurband zweimal im Vorprogramm der PUHDYS auftreten durften.

Als letzter in der Runde wird schließlich Peter Rasym befragt. Am 5. Oktober 1997 stand er zum ersten Mal hier in Rostock als Vertretung für Harry Jeske mit den PUHDYS auf der Bühne. 5 1/2 Tausend Leute waren damals bei dem Konzert anwesend. Es kam sofort die Frage, ob er bei Harry Jeske in große Fußstapfen getreten sei. Peter Rasym antwortete, dass er Harry nicht das Wasser reichen könne, was das Geschäftliche anbelangt. Als Musiker wollte er auch endlich mal Ruhe haben, denn als Bassist müsse man bei den PUHDYS nicht so viele Bewegungen machen. Inzwischen spielt Rasym den Bass bei LIFT. Es hätte die Schlagzeile gegeben: "Ex-PUHDYS-Bassist mach jetzt Musik gemeinsam mit Mördern". Dazu hat Rasym einiges zu berichten. Er arbeite derzeit als Musiktherapeut mit Menschen, die sich in Sicherungsverwahrung befinden. Darunter gäbe es Mörder. Das gemeinsame Musizieren mit diesen Menschen bereite ihm Freude. "Die wollen auch nur raus", meint Rasym. "Und dabei hilfst du ihnen", vervollständigt Moderator Geyermann den Satz mit einem Grinsen im Gesicht.

g 20191126 1515622882Zum Abschluss des Abends gibt es noch mal Musik. Diesmal nehmen Quaster und sein Schatten, Peter Rasym und Gitarrist Stefan Schirrmacher (ex-NEUMIS ROCK CIRCUS, ex-DATZU, FRANK SCHÖBEL BAND) auf der rechten Bühnenhälfte Platz. Es folgen Songs wie "Ich bereue nichts", "Geh zu ihr", "Hiroshima" u. a. Die Jungs spielen sogar ein Weihnachtslied von MASCHINE: "Wenn du nicht wärst". Das Stück wird von Undine Lux gesungen. Den Song "Es war schön" bekommen wir dann auch noch mal zu hören, diesmal in Quasters Version. "Mach dir um mich keine Sorgen" ist das letzte Stück vor dem großen Finale, zu dem sich alle Musiker des Abends mit auf die Bühne gesellen. "Lebenszeit" erklingt nun auch zum zweiten Mal, dafür diesmal mit viel Schlagzeug-Power, ebenso wie "Alt wie ein Baum". "Hey, wir woll'n die Eisbär'n sehn" bildet dann den krönenden Abschluss. Dies ist ein Stück, das ich überhaupt nicht mag. So versuche ich, noch schnell ein paar Fotos vom Finale einzufangen, bei dem es keinen mehr auf den Plätzen hält. Die Fans sind begeistert, singen und klatschen mit. Nachts gegen 01.00 Uhr herrscht Partystimmung.

Ich verlasse die Veranstaltung mit gemischten Gefühlen. Sicher war der PUHDYS-Geburtstag Anlass genug, mit den Fans zu feiern. Das Schwelgen in Erinnerungen ist sicherlich schön. Doch sollte man sich fast drei Jahre nach dem Ende der Band nicht auf neue Projekte stürzen, wie es die beiden Ex-PUHDYS-Musiker machen, die heute nicht dabei waren? Ich meine ja.




   
   
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