000 20191123 1077497238
"Notizen" mit Fotos von Thorsten Murr



Ein denkwürdiger Ort, der Alexanderplatz
Auf dem Alex steht eine angemessen große Open-air-Bühne. Auf dem durch lose Zaunelemente begrenzten Veranstaltungsareal, das etwa ein Viertel des Platzes diesseits der Bahnlinie umfasst, sind Infotafeln verstreut, die über die Ereignisse vom Herbst 1989 informieren, während auf die Fassaden der Behrensbauten permanent Videoschnipsel mit Szenen der damaligen Ereignisse projiziert werden.a 20191123 1686141656 Am 4. November 1989, es war ein Sonnabend, waren hier über 400.000 Bürger der DDR zusammengekommen, um erstmals seit vier Jahrzehnten einen friedlichen, freien und offenen Dialog über die Zukunft ihres Landes zu führen. Arbeiter und Bauern trafen auf die Repräsentanten ihres Arbeiter- und Bauernstaates, Bürgerrechtler trafen auf Parteifunktionäre, Künstler und Intellektuelle auf Geheimdienstler. Es gab sehr viel zu sagen damals, viel scharfe Kritik kam zur Sprache, aber auch viele Vorschläge, wie es weitergehen solle. Ein historischer Ort - heute dekoriert mit den Logos von Saturn, Alexa-Shopping-Center, Sparkasse, C&A, Kaufhof und Primark. Denkwürdig, in vielerlei Hinsicht ...
Machtvoll und souverän: Pankow
Etwas fremd mutet es an, Pankow an diesem Hotspot heutiger Konsumkultur zu erleben - wären da nicht die Hunderten Fans, etliche mir bekannte Musikfreunde sind darunter, vor der Bühne. Während die Straßenbahnen in der Nähe vorbeifahren und Tausende zu den Shopping-Adressen strömen, legt die Band ordentlich los: "Keine besseren Zeiten", "Ich bin ich" - Pankow zeigen, dass sie auch auf größeren Bühnen machtvoll klingen und ihre originellen und scharfen Texte direkt in die Ohren und Herzen ihrer Zuhörer abfeuern können. Alsbald gelingt es mir, das Skurrile der Szene auszublenden und nur noch dem Geschehen auf der Bühne zu folgen.

Die Ansagen von André Herzberg sind angenehm unpathetisch, wenn auch so manches Stück aus der Setlist an diesem Ort ganz besondere Assoziationen weckt. "Aufruhr in den Augen", "Wieder auf der Straße" und zum Ende hin natürlich "Langeweile" - ja, denke ich, das ist mein persönlicher Soundtrack der Monate vor Wende und Mauerfall. Bei Pankow kam für mich schon immer alles zusammen: Stil, Sound, Haltung, Berlin - und selbstverständlich Pointe! Es ist bis heute so geblieben, heute sogar noch mehr.b 20191123 1908179890 "Meine" Pankows rocken den Alex, und das Publikum klatscht mit, singt mit und tanzt mit. Und weil es weder Eintrittskarten noch Einlasskontrollen gab, ist es ein bisschen wie in "Rock and Roll im Stadtpark"!

Bernau bei Berlin: Das Ofenhaus wird eingeheizt!
Gleich am Abend drauf geht's raus nach Bernau, eine halbe S-Bahn-Stunde von Berlin-Pankow entfernt. Das Ofenhaus ist ein schmuck gemachter Veranstaltungsort auf einem ehemaligen Industriegelände. Ob Pankow in Pankow oder Pankow in Bernau - es ist ein Heimspiel, was ganz sicher nicht daran liegt, dass auch ein paar Berliner Fans im Publikum sind. Nach dem Konzert auf dem Alex ist der Kontakt zwischen Band und Publikum hier sehr unmittelbar. Pankow rockt, und das Bernauer Publikum ist verdammt gut drauf - von Anfang an ist Bewegung im Saal, ohne eine Spur von Zurückhaltung, der man mancherorts im Land Brandenburg immer mal wieder begegnet.

Meine Eindrücke von den vergangenen Konzerten in Potsdam und auf dem Alex verstärken sich: Hier wird locker und frisch aufgespielt, mit Freude am Rock and Roll und an sich selbst. Sicher ist die Show nicht mehr ganz so jugendhaft und ausgelassen wie vor dreißig oder gar vierzig Jahren - aber wer will das? André Herzberg zeigt ein weiteres Mal, dass er durch und durch ein exzellenter Performer ist. Jürgen Ehles Riffs klingen scharf und prägnant, während seine Solos fast schon lässig eingestreut werden, dadurch aber umso beflügelnder - nicht nur für "Gabi" - wirken. Indes stiefelt André Drechsler mit seinem Tieftöner immer wieder über die Bühne und hat ganz offensichtlich einen Riesenspaß daran, den Laden hier aufzumischen. Auch der "Sitzfraktion", Stefan Dohanetz an den Drums und Kulle Dziuk am Keyboard, ist die Freude ins Gesicht geschrieben - aus manch anfänglichem Lächeln wird im Verlauf des Abends immer öfter ein Lachen!c 20191123 1782448895 Die Zu-Zugabe, das besinnliche "Wunderbar", wird von Jürgen Ehle gesungen. André Herzberg lässt sich entschuldigen, weil es ihm nicht gut ginge. Das überrascht - denn gemerkt hatte man davon zuvor absolut nichts.

Neuenhagen bei Berlin: Bürgerhaus wird zur Rock-and-Roll-Hölle
"Wieder ein Kulturhaus, wieder keine Weltstadt ..." - in Neuenhagen, ein paar Kilometer östlich vom Berliner Stadtrand entfernt, gastieren Pankow im Bürgerhaus. Ein modernes Gebäude mit hellem Vestibül und einem großen Saal, der gut gefüllt ist. Auch hier weiß das Publikum genau, warum es zu dieser Band gekommen ist. Die Stimmung ist vom ersten Ton an großartig, so als hätten wir es wirklich ausschließlich mit eingefleischten Pankow-Fans zu tun. Kaum einer steht still auf seinem Platz. Das befeuert ganz offensichtlich auch die Band, denn die spielt heute um ein weiteres rockiger und gleichzeitig gelöster auf als bei den Auftritten zuvor.

André Herzberg scheint gesundheitlich wieder fit zu sein, und allen Akteuren macht es sichtlich Spaß, diese Show mit voller Energie zu zelebrieren. "Er will anders sein" kommt anders daher - in einer von Herzberg originell gerappten Version. Das gibt dem Stück einen lässigen Charakter und ist der Textverständlichkeit der Strophen zuträglich. Wer aber im Saal kennt den Text denn nicht? Der Sound ist exzellent, alles ist sehr direkt - und fast könnte man befürchten, dass ein paar Fans vor Begeisterung auf die Bühne klettern. Das passiert natürlich nicht, denn überwiegend haben wir es ja mit Mittfünfzigern zu tun, die aber umso fröhlicher mitwippen und mitsingen.d 20191123 1675621148 Ich habe schon sehr viele Konzerte der verschiedensten Bands erlebt, aber was eine Woche zuvor in Bernau und jetzt in Neuenhagen abgeht, ist wirklich besonders. Als seien die einst jugendlichen, hungrigen Rockstars in ihnen wiedererwacht, erzeugen Pankow eine bemerkenswerte Bühnenpräsenz, glühen und strahlen förmlich vor Selbstsicherheit und vor Freude am Musizieren. Herrlich!

Zu Pankow gehn!
Mein Zwischenfazit zur Tour: Pankow ist so unglaublich fetzig, dass es selbst mich als jahrzehntelangen Fan umhaut. Wie auch schon über meine zwei anderen Lieblingsbands geschrieben hatte: Vor Beginn der Show glaubt man zu wissen, was gleich passiert. Aber wenn es passiert, ist man überwältigt! Wieder und wieder. "Das Zauberwort heißt Rock and Roll"!



Termine:
• 23.11.2019 - Dresden - Schlachthof
• 29.11.2019 - Leipzig - Täubchenthal
• 30.11.2019 - Berlin - Kesselhaus Kulturbrauerei

Alle Angaben ohne Gewähr! Weitere Infos auf der Pankow-Homepage.



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Pankow: www.electrocadero.de/pankow




Fotostrecke:


Berlin
 
 
 
 
 

   
   
© Deutsche Mugge (2007 - 2019)
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.