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...  über  das  neue  ostdeutsche  Selbstbewusstsein

und Lieder, die zu politisch für den Rundfunk sind
Ein Bericht mit Fotos von Petra Meißner



Darauf war ich schon lange scharf, aber wie es im Leben so ist, mal gab es keinen passenden Termin und mal keine Karten mehr. Nun hatte es geklappt. Wir buchten Tickets am Bühnenrand in Dresden im Boulevard Theater zum hautnah spezial "30 Jahre Mauerfall".a 20191123 2007101566 So richtig gespannt war ich nicht nur auf die zwei Talkgäste, die habe ich schon oft erlebt und ich weiß um deren Kompetenz und Schlagfertigkeit. Eher interessierte mich, wie sich Kai Suttner, in PUHDYS-Fankreisen als Hassel bekannt, als Moderator so macht.

Der Hassel ist ja eine Institution bei Bands und Fans, bestimmt 25 Jahre ist er als Tourbegleiter für diverse Ostbands und seit einiger Zeit auch als Manager tätig. Um es salopp zu sagen, und es ist durchaus freundlich gemeint: Kai hat sich im Ostrock-Zirkus hochgedient. Angefangen hat er als erste Reihe-Fan bei der Ostband Nummer Eins, als sie Anfang der 90iger wieder aus den Startlöchern kamen. Er arbeitete auch für Hans die Geige. Bald wurde aus dem "Mädchen für alles" der Tourbegleiter und Fahrer sowie Fanartikelverkäufer für verschiedene Ostbands. Seit einiger Zeit ist er auch mit Managementaufgaben befasst. Seine Moderationsfähigkeiten erlebte ich bisher nur, wenn er als Verkaufsförderer bei großen Konzerten auf der Bühne Fanartikeltüten an den Mann oder die Frau bringen musste. Als er seinen Job als Künstlerbetreuer noch nicht hautamtlich machte, war er Sportartikelverkäufer. Die Schlittschuhe, die wir bei ihm erworben haben, sind noch auf dem Boden. Er ist noch jung, aber ich glaube, wenn Kai mal seine Memoiren schreibt, da kommt was zusammen. Kaum einer hat so wie er hautnah den Werdegang der Ostbands verfolgen können, und das nicht nur im Rampenlicht. Ob er mal aus dem Nähkästchen plaudert? Im Moment wohl eher nicht, denn sein Job ist jetzt auch Talkmaster für Promis aus Kunst und Politik, da muss man schweigen können.

b 20191123 1941954827In dieser Rolle war er in Dresden Gastgeber für Gregor Gysi und Toni Krahl. Auf der Bühne waren Tonis Gitarren aufgebaut, das ließ uns auch auf musikalische Beiträge hoffen. Bei zwei solchen hochkarätigen Gästen könnte man als Moderator bestimmt ins Schwitzen kommen, die beiden kennen sich seit 1963 und leicht hätten sich die Dialoge verselbständigen können. Kai fungierte ganz geschickt als Stichwortgeber und behutsam achtete er darauf, den roten Faden der Veranstaltung straff in den Händen zu halten. Thema war der 30. Jahrestag des Mauerfalls. Interessantere Gäste hätte man dazu in dem ausverkauften Theater in Dresden gar nicht finden können.

Zu Gregor Gysi gehe ich regelmäßig. Neben brillanter Unterhaltung gibt er den Besuchern seiner Veranstaltungen auch immer eine Tüte Zuversicht mit, dass die Verhältnisse in diesem Land, so wie sie jetzt sind, so nicht für immer bleiben müssen. Anfang der 90iger Jahre war ich persönlich in einer sehr schwierigen Lage, ich war mir nicht sicher, wie die Erfolgsaussichten meiner Kündigungsschutzklage sind, nahm meinen ganzen Mut zusammen und fragte Gregor nach einer Veranstaltung um Rat. Nach Schilderung der Lage meinte er: "Was ist dir lieber, willst du Recht bekommen, das wirst du sicher, oder willst du glücklich werden?" Ich entschied mich für letzteres und nahm einen Vergleich an. Ich habe mich beruflich neu orientiert und bin tatsächlich glücklich geworden. Seit dem hat er einen Fan mehr. Wer die zuletzt erschienenen Bücher von Gysi ("Ein Leben ist zu wenig") und Krahl ("Toni Krahls Rocklegenden") gelesen hat, kennt viele Geschichten schon und natürlich auch ihre persönlichen Mauerfallerlebnisse. Aber sie wurden so anschaulich geschildert, dass es eine Freude war, diese Sachen live und in Farbe zu verfolgen.

c 20191123 1081829399Auch Geschichten von vor dem Mauerfall waren zu hören. Gregor Gysi erzählte, wie er einmal Toni als Anwalt unterstützt hatte, als der Namensstreit mit dem City-Geiger und seiner Managerin Traudel und dem Rest der Band die Geschäftsgrundlage von City ins Wanken brachte. Er beleuchtete die rechtliche Seite und man freute sich über den Sieg. Gregor meinte dann, "Ich darf jetzt aber nicht zu viel quatschen, oben in letzter Reihe sitzt Georgi Gogow." Das war keiner seiner üblichen Gags, der große Meister des straffen Bogens war tatsächlich da. Passend zu der Zeit vor der Wende spielte dann der CITY-Frontmann "Wand an Wand". Mit musikalischen Beiträgen hatte ich nicht gerechnet und davon stand auch nichts in der Ankündigung. Umso größer war die Freude über die CITY-Songs. Das war noch das Tüpfelchen auf dem I.

Thematisch landeten die Drei dann "In Zeiten wie diesen". Jeder hat seine eigne Sicht auf die Dinge und konnte die dank der gekonnten Gesprächsführung in Ruhe ausbreiten. Gysi ist ja manchmal schwer zu bremsen, aber Kai kriegte das hin. Als Toni den Titel "Die Sonne, die Sterne" spielte, bekamen die Zuschauer Gänsehaut. Auf der CD "Das Blut so Laut" ist das einer meiner Favoriten. So pur, nur Toni Krahl und seine Gitarre, hat mich diese Geschichte eines entlassenen Mörders auf Tramptour wieder total berührt. Der letzte Abschnitt des Gesprächs dieser Zeitzeugen drehte sich um "Unser Land". Der gleichnamige neue Titel von CITY war hierfür der Aufhänger. Warum läuft hier so viel schief? Gysi zeigte die Fehler auf, die nach der Wende begangen wurden und erörterte die Ursachen dafür. "Unser Land" wird kaum im Radio gespielt und das Lied wurde als zu politisch abgestempelt. Wieder eine der vertanen Chancen. Toni sagte dazu: "Vielleicht ist das der Grund, warum die deutsche Radiolandschaft den Song nicht spielt.d 20191123 2050885042 Die uns zugeschriebene Rollenverteilung sieht nämlich vor, dass der Ostler jammert, dass er abgehängt irgendwo in Brandenburg im Kämmerlein sitzt und Hassbotschaften ins Netz stellt." Das letzte Mal, dass Songs von CITY mit der Begründung "zu politisch" nicht gesendet wurden, war 1997.

Auch diesmal überreichte Gysi den Besuchern symbolisch wieder eine Wundertüte. Ich bin dabei sie für mich auszupacken, indem ich oft über seinen Begriff "neues ostdeutsches Selbstbewusstsein" nachdenke. Das ist ein weites Feld. Er forderte unter anderem, die Leistungen der Ostdeutschen vor der Wende und auch danach beim Umbau des Landes besser zu würdigen und er sprach über die Fehler der Wiedervereinigung, über Mentalitätsunterschiede und die Treuhand. Um es mit CITY zu sagen: Und manchmal gibt es Hoffnung für die Welt ...

Für mich war der Abend nicht nur Unterhaltung, ich hab viele Denkanstöße mitgenommen. Der Moderator Kai Suttner hat seine Sache als Gastgeber ganz toll gemacht. Er hat eine angenehme Art und drängt sich nicht in den Vordergrund. Nicht zugetraut hatte ich ihm diese Schlagfertigkeit. Gysi zog ihn ständig damit auf, dass er Toni doch bei der Redezeit bevorzugt, da er ja schließlich sein Manager ist. Kai meinte ganz locker: "Also Gregor, über das Thema Manager können wir ja dann mal hinter der Bühne reden." War sicher für mich nicht die letzte Veranstaltung aus der Reihe "hautnah" von Kai Suttner. Auch für 2020 hat er sich schon wieder viele interessante Gäste eingeladen.

 

Bitte beachtet auch:
• Homepage von Kai Suttner mit Terminen: www.hassel-music.de

 


   
   
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