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Ein Konzertbericht mit Fotos von Bodo Kubatzki
plus zusätzlichem Pressematerial (Textillustration)



Wir befinden uns im Herbst des Jahres 2019. Fast alle Medien thematisieren die friedliche Revolution in der DDR vor dreißig Jahren, den damit verbundenen Fall der Mauer, die beide deutsche Staaten 28 Jahre teilte und den Weg zur Deutschen Einheit.a 20191107 1043970374 Immer wieder wird dabei die Frage aufgeworfen, ob die Einheit tatsächlich vollzogen ist. Dazu gibt es nach wie vor unterschiedliche Auffassungen und sicherlich noch viel zu tun, fast dreißig Jahre nach der sogenannten Wiedervereinigung. Die Band ARGOS ist ein gutes Beispiel dafür, dass ein Miteinander von Musikern aus Ost und West funktionieren kann.

Die Band wurde 2005 von Multiinstrumentalist THOMAS KLARMANN sowie Sänger und Keyboarder ROBERT GOZON in Mainz gegründet. Die beiden wollten ein Album einspielen und stellten erste Ergebnisse ihrer gemeinsamen Arbeit bei MySpace ins Netz. In Mecklenburg-Vorpommern wurde der Schlagzeuger ULF JACOBS (LOUSY LOVERS, MUTABOR, BAD PENNY) darauf aufmerksam und bot an, die Schlagzeugspuren, die mit einem Drum Computer eingespielt waren, durch sein Schlagzeugspiel zu ersetzen. Ulf trommelte diese dann im Studio seines Freundes ENRICO FLORCZAK in Greifswald ein und wurde festes Bandmitglied. 2008 erschien dann das erste Album "Argos". Gitarrist Enrico bot in der Folge an, Gitarrenparts für das zweite Album der Band beizusteuern. "Circles" erschien im Jahr 2010 mit Enrico als Gitarristen der Band. Fortan arbeiteten die vier Musiker intensiv an gemeinsamen Songs, begannen sich zu treffen und zusammen zu proben. Aus dem Projekt, das vorher über das Internet zusammengehalten wurde, entwickelte sich eine echte Band, obwohl die Musiker in knapp 650 Kilometer voneinander entfernten Orten leben. Inzwischen kann die Band, die 2016 mit Keyboarder THILO BRAUSS zum Quintett anwuchs, stolz auf fünf Studio-Alben und diverse Liveauftritte zurückblicken.

b 20191107 1106421708Da diese Liveauftritte eher rar gesät sind, freute es mich sehr, von der geplanten Minitour "Artrock Night - An Evening Of Progressive Rock Music" im Oktober hier in Mecklenburg-Vorpommern zu hören. Sofort stand für mich fest, dass ich die Band an den drei Konzertabenden fotografisch begleiten werde. Als Gäste bei der Tour hat ARGOS die rumänische Band YESTERDAYS eingeladen, die als Akustik-Trio die Konzerte eröffnen sollten. Für mich war diese Band bis dahin eine unbekannte. Der Kontakt zwischen ARGOS und YESTERDAYS kam ebenfalls über das Internet zustande. Gitarrist ÁKOS BOGÁTI-BOKOR steuerte Gitarrenparts für Ulfs Soloalbum bei und dieser spielte wiederum Schlagzeugparts für YESTERDAYS ein. Das Internet und soziale Medien machen so etwas problemlos möglich.

Genug der einleitenden Worte. Die Minitour startete am Donnerstag im Kamp Theater zu Bad Doberan. Das Städtchen, nahe der Ostsee gelegen, ist in Musikerkreisen vor allem als "Zappa-Stadt" bekannt. Seit 1990 findet hier alljährlich die Zappanale statt. Man sollte meinen, dass viele Freunde progressiver Rockmusik Gefallen an einer Artrock Night im Ort finden würden. Dem war leider nicht so. Trotz beeindruckender Location mit großer Bühne, tollem Licht und super Sound, hätte ich mir für die beiden Bands mehr Publikum gewünscht.

c 20191107 2051937800YESTERDAYS boten in der Trio-Besetzung einen Querschnitt ihrer vom transsilvanischen Folk und Progressive Rock beeinflussten Musik. Mich wunderte zunächst, dass Sängerin STEPHANIE SEMENIUC in ungarischer Sprache sang. Später ließ ich mir erklären, dass die Band aus der Region Siebenbürgen (Transsilvanien) in Rumänien stammt, in der sehr viele Ungarn leben und daher dort auch Ungarisch gesprochen wird. In den Akustik-Versionen der Songs kam der Folk-Einfluss deutlicher zum Vorschein als auf den Studio-Versionen, die durch Schlagzeug und Keyboards proggiger klingen. Kopf der Band ist ÁKOS BOGÁTI-BOKOR, der an der Akustik-Gitarre durch Virtuosität ebenso überzeugt, wie beim Einsatz der Loops, die er über verschiedene Effekt-Geräte und über seine Stimme erzeugt. GÁBOR KECSKEMÉTI bereichert den Sound durch sein Spiel auf der Querflöte. Da die Songs von YESTERDAYS ziemlich komplex sind, lockern die Musiker ihr Programm durch Material ihres Nebenprojekts FUNK YOU auf. Der Song "It's not the End of the World", erzählt die Geschichte der Ex-Sängerin der Band, die das Geld, was für die Produktion eines neuen Albums gedacht war, gestohlen hat. Das Stück geht richtig ins Ohr und die neue Sängerin Stephanie zeigte, dass ihre Stimme auch schwarz klingen kann.

ARGOS auf großer Bühne, das habe ich zum letzten Mal 2015 beim Prog The Castle Festival in Heidelberg erlebt. Die Band hat sich als Team gefestigt und zelebriert ihre Songs in Bad Doberan mit Leidenschaft. Ihre Musik ist beeinflusst vom Progressive Rock der 70er Jahre und vom Canterbury-Sound. Meist sind es längere Stücke mit diversen Taktart-Wechseln, gespickt mit langen Keyboard- und Gitarrensoli, die es zu hören gibt. Selten ist es leichte Kost, die sofort ins Ohr geht. Doch auch so etwas hat ARGOS zu bieten, wie das Stück "Parade Of Unpainted Dreams", dessen Refrain-Zeile "Tick-tock, here comes the clock. It's time to empty the wine..." schnell im Gehör haften bleibt. Der Gesang von Robert Gozon, der in den Anfangsjahren der Band bei Konsumenten oft Stein des Anstoßes war, wirkt souverän und gehört für mich ebenso zu den Markenzeichen der Band wie Enricos virtuoses Gitarrenspiel, Thilos wilde Keyboardsoli und Thomas Spiel auf der Querflöte. Die Jungs von ARGOS spielen ein abwechslungsreiches Set von Songs ihrer fünf Alben, was nicht nur mir an diesem Abend gefällt, wie der Beifall zeigt.

d 20191107 1117444298Am Freitag in Stralsund läuft das Programm ähnlich ab, wie in Bad Doberan. Nur ist die Location eine völlig andere. Wir befinden uns in der Anker Werkstatt, einem kleinen verrauchten Club mit entsprechender Atmosphäre. Das Podest bietet kaum Platz für das Equipment beider Bands. Dafür sind die Musiker ihrem Publikum ganz nahe, so dass sich die gute Spiellaune beider Bands sofort bei den positiven Reaktionen der Gäste widerspiegelt. YESTERDAYS überraschen neben den Songs, die ich bereits in Bad Doberan kennenlernen durfte, mit einer weiteren Funk-Nummer. Bei ARGOS gab es immer wieder Szenenapplaus, wenn Enrico in die Seiten griff, wenn Robert leidenschaftlich ins Mikro schrie oder wenn Ulf seine rasanten Breaks trommelte. Beide Konzerte fanden bei den anwesenden Fans begeisterten Zuspruch, auch wenn es mehr Gäste hätten sein dürfen.

Am Samstag in Greifswald ist schließlich Heimspiel für Ulf und Enrico angesagt. Das Kulturzentrum St. Spiritus besticht durch eine angenehme Atmosphäre, in der ich schon verschiedene Bands erleben durfte. Die Konzertankündigung hat für regen Publikumsandrang gesorgt, so wie man sich das für gute Konzerte wünscht. Für den abschließenden Gig von YESTERDAYS hatten sich die Musiker eine Überraschung einfallen lassen. So beendete die rumänische Band ihr Set gemeinsam mit den ARGOS -Musikern Thomas am Bass und Ulf am Schlagzeug. Gemeinsam interpretierten sie zwei Songs. Zum einen kamen wir in den Genuss, das Stück "All You Have Is Now" von Ulfs 2012er Soloalbum "Clouds" zu hören. Dann leiteten die ersten Takte des GENESIS-Klassikers "Turn It On Again" in das Stück "Almost Like Love" über, ein eingängiger YESTERDAYS-Pop-Song, der von Ulf Jacobs besonders geschätzt wird. Eine tolle Idee und ein würdiger Abschluss der YESTERDAYS-Konzerte.e 20191107 1927117913 Bei ARGOS hatte ich das Gefühl, dass sich die Musiker an diesem Abend besonders viel Mühe geben. Kein Wunder, erzählte mir Enrico im Anschluss, denn die "Musiker-Polizei" sei bei heimischen Gigs immer anwesend und würde gleich jeden Fehler registrieren. Doch keine Bange, es gab nichts zu bemängeln. Die Songs gefielen den Gästen. Selbst das Stück "Cruel Symmetry" mit über 20 Minuten Spiellänge sorgte für uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Einer meiner favorisierten ARGOS-Songs ist "The Hunter's Last Stand", der durch seine Dynamik und Enricos Gitarrenspiel besticht. Live wurde nicht nur dieses Stück kraftvoll dargeboten. Überhaupt ziehe ich den Hut vor dem, was Enrico auf der Gitarre leistet. Das gleiche gilt für Thilo, der an allen drei Abenden eher im Hintergrund stand, dafür aber immer wieder mit seinen flinken Fingern auf den Tasten für Staunen bei den Gästen sorgte. Rhythmisch wird das Ganze druckvoll und präzise durch Bassist Thomas Klarmann und durch Lokalmatador Ulf Jacobs zusammengehalten. Robert verleiht den Songs, deren Texte von ihm und von Thomas stammen, mit seiner Stimme das ARGOS-typische Gesicht. Die Musiker sind zu einer gesamtdeutschen Progressive Rock Band verschmolzen, die live auf ganzer Linie überzeugen kann. Bleibt den Jungs nur zu wünschen, dass sie sich häufiger auf den Bühnen des Landes präsentieren können.



Setlist (Argos, Bad Doberan, 24.10.2019)
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