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Ein Konzertbericht mit Fotos von Bodo Kubatzki



Eigentlich hatte ich mich auf einen entspannten Freitag eingestellt, an dem meine Frau und ich die Feierabendsonne im Garten genießen wollten. Dann lese ich am Morgen, dass MANUEL SCHMID - die Stimme der STERN-COMBO MEISSEN - und der ehemalige Schlagzeuger "der Combo", MICHAEL BEHM, in Ahrenshoop auf dem Darß "Lieder und Geschichten aus einem abhanden gekommenen Staat!" zum Besten geben werden.a 20190929 1563252042 Das ist doch besser, als abends schließlich vor der Mattscheibe zu landen und sich von vermeintlichen Promis einer Freitagabend-Talkshow bespaßen zu lassen, denke ich so bei mir. Die Karten sind telefonisch schnell bestellt. Freundlich werde ich darauf hingewiesen, dass es im Dornenhaus Ahrenshoop nicht viele Plätze gibt, doch meine Reservierung noch rechtzeitig erfolgt.

Das malerische Ostseebad Ahrenshoop auf der Halbinsel Fischland-Darß weist eine traditionsreiche Vergangenheit als Fischerdorf auf. Seit über 125 Jahren ist es aber auch ein Ort, an dem sich Künstler verschiedenster Genres niedergelassen haben. Vor allem sind es Maler, Bildhauer und Keramiker, die mit ihren Ateliers und Werkstätten Ahrenshoop zu einem lebendigen Ort der Kunst werden lassen. Auch Musiker sind hier ansässig, wie der in Berlin geborene Komponist und Pianist LUTZ GERLACH, der mit MICHAEL BEHM 1995 das Jazz-Album "Yadsò" eingespielt hat.

Das 350 Jahre alte Dornenhaus (siehe Foto von Familie Löber mit dem Motiv des Hauses rechts) ist Teil der Künstlerkolonie Ahrenshoop. Der Keramiker Friedemann Löber und seine Frau Renate erwarben 1995 das denkmalgeschützte Gebäude mit seinem für die Region typischen Reetdach, richteten dort eine Werkstatt ein und retteten es somit vor dem Verfall. Neben der Herstellung traditioneller Fischlandkeramik steht das Haus inzwischen offen für wechselnde Einzelausstellungen sowie für Lesungen und Konzerte. An diesem Freitagabend sorgen MANUEL SCHMID und MICHAEL BEHM dafür, dass die Kapazität des Dornenhauses kaum ausreicht, um allen Gästen einen Sitzplatz zu gewähren. Doch das Ehepaar Löber erweist sich als flexibel. Hier und da wird noch ein Stuhl aufgestellt, ein Pärchen findet Platz auf einer alten Truhe. Der Gastgeber genießt das Konzert im Stehen. Auch wir bekommen lediglich in der letzten Reihe Sitzgelegenheiten mit eingeschränkter Sicht. Doch von hier stört es auch nicht so sehr, wenn ich zum Fotografieren aufstehe.

Kurz nach 20.00 Uhr begrüßt Renate Löber die Gäste. Sie stellt die beiden Künstler vor, zwei Musiker unterschiedlicher Generationen, die jedoch durch ihr einstiges bzw. jetziges Wirken bei der STERN-COMBO MEISSEN einen gemeinsamen Bezug haben. "Lieder und Geschichten aus einem abhanden gekommenen Staat!" lautet das Motto der heutigen Veranstaltung. Für die Lieder zeichnen beide Musiker verantwortlich. MICHA sitzt hinter seinem Schlagzeug, das irgendwie in der Ecke des Raumes Platz fand. MANUEL spielt sein Keyboard, dem er vorrangig Pianoklänge entlockt, und singt dazu. Mit seinen 35 Jahren ist er offensichtlich der Jüngste an diesem Abend. Schon vor einigen Jahren hat er begonnen, das musikalische Erbe des sogenannten "Ostrock" am Leben zu erhalten. Dabei ist er sowohl solistisch als auch in verschiedenen Band-Konstellationen landesweit unterwegs.b 20190929 1533263537 Nachhören kann man dies auf seiner Live-CD "Deine Liebe und mein Lied". Wie es zu der Zusammenarbeit mit MICHAEL BEHM kam, vermag ich nicht zu sagen. Zum ersten Mal erlebte ich die beiden im Februar 2017 in Berlin-Müggelheim gemeinsam auf der Bühne, anlässlich einer Gedenkveranstaltung für REINHARD FISSLER, dem leider viel zu früh verstorbenen Sänger der STERN-COMBO MEISSEN. Vielleicht entstand dabei ja die Idee, ein gemeinsames Programm zu konzipieren.

Schlagzeuglegende MICHAEL BEHM, der langsam auf die siebzig zugeht und somit einer anderen Generation angehört als MANUEL, ist prädestiniert dafür, Geschichten aus der Zeit zu erzählen, in der auch ich selbst noch Musik gemacht habe. Und das macht er an diesem Abend aufgrund seines riesigen Erfahrungsschatzes, den er sich in den verschiedensten Bands der DDR aneignen konnte, sehr unterhaltsam und humorvoll. MICHA berichtet darüber, wie er im Jugendclub in der Langhansstraße in Berlin-Weißensee den jungen HOLGER BIEGE kennenlernte, dessen Freund und Wegbegleiter er bis zu seinem Tod bleibt. "Sagte mal ein Dichter" und "Deine Liebe und mein Lied" lassen dabei musikalische Erinnerungen an den Sänger und Liedermacher wach werden, kongenial von MANUEL SCHMID gesungen und von MICHA am Schlagzeug begleitet. MICHA spricht über die oft lyrischen Liedtexte von damals, die neben ihrer Poesie oft auch Botschaften zwischen den Zeilen enthielten. Insbesondere der Text von "Sagte mal ein Dichter", geschrieben von FRED GERTZ, habe auch heute nichts von seiner Bedeutung verloren.

MICHAEL erzählt über seine Zeit als junger Schlagzeuger, als er sich mit seiner Band einer Einstufungskommission vorstellen muss und die Band das Prädikat "Oberstufe" erlangte. Er berichtet über seinen Wechsel ins Profilager, wo viel Flexibilität von ihm abverlangt wird. Zeit zum Üben ist oft nicht ausreichend vorhanden, oder er nimmt sich diese Zeit einfach nicht. Spielen können auf Zuruf, das eignet er sich schnell an. Improvisieren, das mag er. Die Jahre bei NEUE GENERATION, einer Band die sich der "schwarzen Musik" widmet, und später die Zeit bei BAJAZZO, wo er den geliebten Jazz spielen darf, prägen ihn. Er lernt VERONIKA FISCHER und FRANZ BARTZSCH kennen, wechselt in deren Band. VRONIs "Auf der Wiese" und "Zu groß der Hut" sowie der 4PS-Songs "Nachtigall" zeugen von dieser Zeit.

MICHAEL thematisiert auch das Reisen. Er erzählt von den ersten Fahrten in den Westen, wo er in einem Club in Westberlin ein Plakat seines Idols BILLY COBHAM hängen sieht, der erst einige Tage vorher dort aufgetreten ist. Aus Ehrfurcht will er auf sein Schlagzeugsolo verzichten, lässt sich jedoch vom Veranstalter überzeugen, es doch zu spielen, denn wenn es vom Herzen kommt, muss es auch gut sein. MICHAEL spricht auch über das Reisen in die damalige Sowjetunion, wo den Musikern viel Wärme und Zuneigung entgegenschlägt.c 20190929 1140137276 Zu diesem Zeitpunkt trommelt er bereits bei der STERN-COMBO MEISSEN, der er von 1979 bis 1982 und von 1996 bis 2008 angehörte. Hier lernt er REINHARDT FISSLER kennen, mit dem er oft das Hotelzimmer teilen muss. Auch über diese Zeit weiß er viel zu berichten. Mich als ehemals Neubrandenburger interessiert natürlich ganz besonders die Story, die sich im Hotel Vier Tore zugetragen haben soll. Was das Ganze mit der FISSLERs braunen Aktentasche zu tun hat, sollte sich jeder selbst anhören, der Gelegenheit hat, MANUEL und MICHA bei einer ihrer gemeinsamen Veranstaltungen zu erleben.

Natürlich spielen uns die beiden auch Musik der STERN-COMBO. Ein ganz besonderes Highlight für mich ist dabei "Die Erde schweigt", gesungen von beiden. Auch "Der eine und der andere", im Original von MICHAEL BEHM und REINHARD FISSLER eingesungen, fehlen an diesem Abend nicht. Nach gut zwei Stunden Liedern und Geschichten erfüllen die beiden noch Wünsche aus dem Publikum. So kommen wir in den Genuss von VERONIKA FISCHERS "In jener Nacht", interpretiert von MANUEL. Das Duett mit VRONI gab es eine Woche zuvor in Meißen zu hören, wo sich anlässlich des Jubiläumskonzerts "55 Jahre STERN-COMBO MEISSEN" viele der ehemaligen Musiker dieser Artrock-Legende ein Stelldichein gaben. Leider konnte ich nicht dabei sein. Dafür hatte ich heute das Vergnügen, ein Konzert mit zwei sehr sympathischen Künstlern in fast privater Atmosphäre erleben zu dürfen. "Das Ende vom Lied", eine Komposition von MAREK ARNOLD mit einem Text von KURT DEMMLER, ist dabei nicht nur ein würdiger Abschluss-Song. Vielmehr zeigt MANUEL, dass diese Art anspruchsvoller Musik weiterbestehen wird.

Ein großes Dankeschön geht an das Ehepaar Löber, das diese wunderbare Veranstaltung in ihrem Zuhause ermöglicht hat. Wir sind beim nächsten Mal gern wieder dabei.



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Manuel Schmid: www.manuel-schmid.com
• Off. Homepage von Michael Behm: www.michael-behm-drums.de
• Homepage des Dornenhaus in Ahrenshoop: www.dornenhaus.de
 
 
 

   
   
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