000 20190716 1416058628
Ein Bericht mit Fotos von Patrick Baumbach




Das Fest ist vorbei ...

"Das Fest ist vorbei (...), der Hofstaat sich mit schwerem Kopf in seine Koje quält" - so hat es Freygang einst gesungen und einen ähnlichen Eindruck könnte derjenige gehabt haben, der das Treiben samstagnachts nach Konzertschluss auf dem Oettersdorf Open Air beobachtet hat.a 20190716 1268754596 Es war der letzte Auftritt von FREYGANG, bzw. der FREYGANGBAND, wie sich die Gruppe nach André Greiner-Pols Tod Ende 2008 nannte. Doch beginnen wir am Anfang, schließlich war Freygang nicht die einzige Band, die zum Open Air aufgespielt hat.

Die Wettervorhersage für das Wochenende verhieß schon nichts Gutes: von schauerartigem Regen, örtlichen Gewittern und nur recht mäßigen Temperaturen war die Rede. Die Realität sollte das noch toppen. Nach meiner Anreise am Freitagnachmittag und dem glücklicherweise noch trockenen Aufbau von Zelt und Pavillon sollte bald ein Gewitter über den Festplatz fegen, das es in sich hatte. Mit vier Kumpels versuchten wir - endlos scheinend - unseren Pavillon gegen Wind und Wetter zu verteidigen. Es fühlte sich an wie eine Nordatlantiküberquerung in einer Nussschale. Und so waren wir zu Beginn des Festivals auch schon bis auf die Knöchel durchnässt. Der Zeltplatz glich teilweise einem Schlachtfeld und so manches Zelt und so mancher Pavillon waren als solche nicht mehr zu erkennen (unserer sollte immerhin noch bis zum nächsten Nachmittag überleben ;-)). Also schnell zum Aufwärmen ins Festzelt und die ersten Bands anhören!

Los ging es mit den GRAUEN REBELLEN, zwei noch sehr rüstigen aber nicht mehr ganz so jungen Musikanten und mit SAITENWUSEL. Ein entspannter, gelungener Einstieg. Schon folgte eines der Highlights des Open Airs: BRÖSELMASCHINE. Die Mannen und Frauen um Peter Bursch, dem "Gitarrenlehrer der Nation", brachten leicht psychedelisch angehauchten Krautrock und zeigten meisterhaftes Können bei perfektem Sound. Mit Vollgas auf die Ohren begeisterten OHRENFEINDT ihre Fans. Lässigen und hochvirtuosen Blues gab es von ENGERLING, die die Kunden wieder heftig mittanzen und -singen ließen. Spät in der Nacht spielte noch Mike Kilian mit STARFUCKER auf und brachte die größten Hits und einige rare "Bonbons" der Stones zu Gehör. Erstaunlich, wie nah Mike Kilians Stimme an die von Mick Jagger herankommt. Wer dann immer noch nicht genug hatte, konnte mit DJ Bunzel wie jedes Jahr noch bis in die frühen Morgenstunden weiterfeiern.

Der nächste Morgen zeigte sich wettertechnisch nicht wesentlich besser: grau in grau. Zumindest blieb es (zeitweise) trocken. Gegen Mittag läuteten die Thüringer Blueser KURZ & LANG den zweiten Konzerttag ein. In ihrer authentischen Art brachte die Band Blues-Klassiker und tolle Eigenkompositionen auf die Bühne.b 20190716 1782195550 Weiter ging es mit KIRSCHE & CO, die das Festzelt mit ihren kultigen Songs richtig anheizten. Da das Konzertprogramm zum Oettersdorf Open Air immer sehr voll ist, konnte ich nicht alle Bands sehen, zumal ich für FREYGANG fit sein und auch nochmal den Grill anschmeißen wollte. Den Nachmittag und frühen Abend bestritten jedenfalls noch DIE GOLDENEN REITER, WANDERER, KORNBLUMENBLAU, MONSTERS OF LIEDERMACHING und INutero.

Kurz vor 22 Uhr war es dann soweit und auch ich stand wieder pünktlich vor der Bühne, um das letzte Konzert der FREYGANGBAND zu erleben. Im Publikum trugen einige altbekannte FREYGANG-Fans Dreispitze und erinnerten so an den Kapitän, André Greiner-Pol. Die Musiker enterten ein letztes Mal die Bühne. Besonders gefreut habe ich mich darüber, dass sich Gitarrist Egon Kenner (der in den letzten zwei Jahren leider nicht mehr mit von der Partie war) für dieses Konzert noch einmal die Ehre gab. Los ging es mit dem Opener "Berlin", ein Song von der 1991er Platte "Wenn der Wind sich dreht". Es folgte Hit auf Hit aus den 42 Jahren FREYGANG, alte wie neue. "Der König", der munter alle Todesurteile unterschreibt, ertönte ebenso wie das "Tanzlokal". "Die Dnjeprschlepper" grüßten das Publikum und die groovige "Resolution der Kommunarden" lud zum Tanzen und Mitsingen ein. "Das rollende Fass" rollte mit schweren Gitarrenriffs heran. Eine besonders emotionale Erinnerung an den kürzlich verstorbenen südafrikanischen Musiker Piet Botha gab es mit dem Titel "Von der Käuflichkeit des Menschen", das FREYGANG und Piet einst gemeinsam sangen. Ein Gitarrenduell par excellence lieferten sich Brian Bosse und Egon Kenner bei "Wounded Knee". Schwere Gitarrensalven feuerte auch das "Bluesgewehr" in Richtung des Publikums. Nach knapp 25 Songs und einigen tröstenden Worten durch die Musiker war das Konzert dann leider vorbei und die FREYGANGBAND damit Geschichte.

c 20190716 1116500872Das Open Air klang danach noch mit der EAST BLUES EXPERIENCE, der hervorragenden Rory Gallagher-Tribute-Band DOUBLE VISION und am nächsten Morgen mit BORDSTEIN aus. Nach wahren Wolkenbrüchen konnte das Festivalgelände am Ende übrigens mühelos Woodstock Konkurrenz machen.

FREYGANG habe ich in den letzten 15 Jahren unzählige Male live erlebt. Viele schöne Erinnerungen verbinden sich mit diesen Konzerten. Die Auftritte der Band waren immer mehr als "bloße" Konzerte. Es waren Treffen mit zahlreichen Freunden aus ganz Deutschland. Es waren exzessive Tanz- und Mitsingfeten, bei denen hektoliterweise Bier und Spirituosen vernichtet wurden. Der Szene wird eine der ganz wichtigen Bands fehlen, auch wenn es gerade in den letzten Jahren vielleicht auch einige eher mittelmäßige Konzerte gab. Der letzte Auftritt der Band war jedenfalls ein würdiger Abschluss, ein wildes Gitarrenfest und ein Schwelgen in Erinnerungen.

Die Musik von FREYGANG wird in den Köpfen und Herzen der Fans weiterleben. Wer die Musik nochmal live erleben möchte kann dies zumindest in nächster Zeit noch bei MONOMANN tun (ein Live-Projekt zum sehr empfehlenswerten Buch "Bluessommer" von Kay Lutter, u.a. mit Brian Bosse). Weiterhin haben sich einige Tribute-Bands zusammengetan, etwa BLUESGEWEHR und HOFGANG. Und wer weiß, vielleicht ist das Fest am Ende ja doch noch nicht ganz vorbei?






Fotostrecke:


Bröselmaschine





Kirsche & Co.





Engerling





Freygangband




Videoclips:









   
   
© Deutsche Mugge (2007 - 2019)
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.