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Ein Bericht mit Fotos von Christian Reder + off. Pressematerial der Band (Textillustration)


Zeitlos unschön
Wenn eine Band oder ein Künstler über eine Reihe Songs verfügt, die so richtig zeitlos sind und schon seit Jahren an Aktualität eher zu- als abnehmen, ist das für die Betroffenen eigentlich ein Segen. So bleibt man immer aktuell und der Zeitgeist behält einen konstanten Ruhepuls. Im Falle von TON STEINE SCHERBEN, deren Songinhalte oft das Unschöne im Leben aufgegriffen und auf Schieflagen in der Gesellschaft hingewiesen haben,a 20190706 2016265598 kann man in Bezug auf die Aktualität ihrer Lieder eher nicht von einem Segen sprechen. Statt dass manch ein "Menschenfresser" oder "Sklavenhändler" inzwischen ausgestorben oder zumindest in seinem Vorkommen weniger geworden ist, haben sich so manche Exemplare sogar vermehrt und Missstände noch verschärft.

Die Wurzeln unter dem dicken Stamm
Die Band wurde 1970 gegründet, mitten in "unruhigen Zeiten". Die großen Studentenproteste nahmen zwei Jahre zuvor ihre Anfänge. Den jungen Leuten ging es damals darum, den Mief und den Staub, der sich auf den Alltag und über die deutsche Vergangenheit legte, wegzublasen und Licht ins Dunkel zu bringen. Außerdem konnte man sich mit der Lebensweise der "Alten" nicht so richtig anfreunden. Das Konservative engte manch einen zu sehr ein. Im Geburtsjahr der Scherben 1970 kam in Deutschland auch das Phänomen der Hausbesetzung auf. Junge Menschen unterstrichen mit diesen Aktionen ihren Wunsch nach bezahlbarem Wohnraum und machten damit auf Wohnungsmangel und Obdachlosigkeit aufmerksam. Auch war dies ein Protest gegen spekulativen Leerstand und hohe Mieten. Themen, die auch TON STEINE SCHERBEN in ihren Liedern behandelten. Bei einem Blick ins deutsche Land kann man sie immer noch finden, diese sogenannten Spekulanten und Kaputt-Modernisierer, die ganze Stadtteile zerlegen und gewachsene Gesellschaftsstrukturen zerstören. Wohnungsmangel und Mietwucher sind heute sogar noch größere Probleme als damals.

Ohne Rio? Geht das?
Von den Gründungstagen von TSS bis zu ihrem Ende im Jahre 1985 hatte ein gewisser Rio Reiser dort das Mikrofon in der Hand. Er schrieb Texte und war das Gesicht einer Kapelle, die gleich mehrere Generationen mit inhaltsreicher Musik und dem Soundtrack zum Aufbegehren versorgte. Insgesamt fünf Studio-Alben, ein Live- und ein Best-of-Album, dazu diverse Singles sowie Theatermusik und Hörspiele produzierte die West-Berliner Politrockband, ehe sie sich nach einer Tour und mit ´ner Menge Schulden im Gepäck auflöste. Rio machte solo weiter - sogar sehr erfolgreich - und seine Mitstreiter suchten sich andere Beschäftigungen. Als Rio 1996 noch jung an Jahren starb, wurde die Hoffnung der Fans auf ein Comeback ihrer Band zusammen mit dem langjährigen Sänger begraben.b 20190706 1610408525 Wer sollte einen wie Rio Reiser dort ersetzen? Das konnte man sich weder für die Position am Mikro noch für die des Texters vorstellen. Doch fast 30 Jahre nach der Auflösung gingen die Scherben im April 2014 wieder auf Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Neben den Gründungsmitgliedern R.P.S. Lanrue (Gitarre) und Kai Sichtermann (Bass), gehörten Schlagzeuger Funky K. Götzner, Lanrues Schwester Elfie-Esther Steitz (Gesang, Chor), Schlagzeuger Maxime S.P. (Sohn des 2012 verstorbenen Spliff-Bassisten Manfred Praeker), Keyboarder Lukas McNally, Nicolo Rovera (Gesang, Gitarre) sowie Lanrues Tochter Ella Josephine Ebsen (Gesang, Gitarre) und AnayanA (Gesang, Chor, Percussion), Tochter der 2004 verstorbenen Britta Neander, zur Besetzung. Die Band bediente sich verschiedener Gastsänger, und so traten u. a. Madsen, Max Prosa, Sebastian Krumbiegel und GYMMICK mit den Scherben auf und übernahmen den Part ihres verstorbenen Frontmannes. Aus dieser großen Besetzung entwickelte sich 2015 eine kleinere, die mit einem Akustik-Set durch das Land reist. Diesem Splitter-Projekt gehört das Rhythmus-Gerüst der Scherben, bestehend aus Bassist Kai Sichtermann und Perkussionist Funky K. Götzner an, das sich GYMMICK als Sänger dazu geholt hat. GYMMICK ist ein 46-jähriger Franke, der 2001 den Rio-Reiser-Songpreis als bester Solist gewann. Dies ist aber nicht der einzige Berührungspunkt, den der junge Mann mit seinem Vorgänger hat. Bei einem Auftritt in Fresenhagen, wo die Scherben bekanntermaßen ja seit 1975 einen alten Bauernhof besitzen, lernte er Rios Mutter kennen, die ihn sofort total dufte fand und an seinem Talent und Gesang richtig viel Freude hat. Weitere Auftritte u.a. mit der Ton Steine Scherben Family, Die Schröders, Sven Panne, Vicky Vomit und den Monsters of Liedermaching folgten. Inzwischen ist er bei diesem Akustik-Projekt der Scherben die ständige Vertretung Rio Reisers und am Freitag gastierte er damit im Bochumer "Kulturrat". Ich war höchst neugierig ...

Ja, geht ...
Neugierig insbesondere darauf, wie jemand Rio Reiser als Sänger ersetzen will und wie das mit diesen Liedern funktionieren soll, wovon viele eigentlich nur mit der Stimme Rios den Adressaten erreichen können. Als ein paar Minuten nach 20:00 Uhr (Die Herren von den Scherben sind definitiv keine Maurer, denn die sind stets pünktlich) das Trio die Bühne im Bochumer "Kulturrat" betrat, bekamen die Konzertbesucher im Saal recht zügig eine Antwort auf die eben gestellten Fragen. "Mein Name ist Mensch" vom 1971er Debüt-Album "Warum geht es mir so dreckig" bildete die Einleitung in ein über zwei-stündiges Konzert mit Scherben-Songs und Rio-Reiser-Solotiteln. Um Euch nicht lange auf eine Antwort warten zu lassen möchte ich schon an dieser Stelle bemerken, dass GYMMICK stimmlich sehr stark an Rio erinnert. Er kann die Songs ausgezeichnet transportieren und verfügt über eben eine dieser kratzigen und teils auch dreckigen Stimmfarben, die man für Protestsongs der Marke TON STEINE SCHERBEN braucht und mit der man absolut berechtigt ist, in die großen Fußspuren des Vorgängers zu treten.c 20190706 1208354299 Aber er kann auch die ruhigen Nummern, die vom Zwischenmenschlichen handeln und eben nicht so laut heraus gerufen werden müssen, singen, und berührt das Publikum damit sehr. So manch ein Gänsehautanfall war da vorprogrammiert, u.a. bei "Für immer und Dich", bei dem diese emotionale Steigerung beim Vortragen eine fesselnde Wirkung auslöste. Das muss man erst mal schaffen!

'ne Tüte Buntes
Das Trio brachte eine Mixtur aus verschiedenen Liedern auf die Bühne. Wie schon erwähnt, waren nicht nur die Scherben-Songs im Programm sondern auch solche, die Rio als Solist zu Hits machte. Zwischen den einzelnen Liedern erzählte GYMMICK immer wieder etwas dazu. So erfuhren wir - zumindest die, die davon noch nix wussten -, dass Songs wie "Alles Lüge" und auch "König von Deutschland" nicht erst für Rios Solokarriere entstanden sind, sondern schon in den 70ern geschrieben und teilweise auch von TON STEINE SCHERBEN live gespielt wurden. Interessant war auch die Hintergrundgeschichte zum Titel "S.N.A.F.T.". GYMMICK erzählte, dass irgendwann auch mal die anderen Scherben-Musiker den Auftrag bekamen, Lieder für ein Album beizusteuern. Für dieses Lied waren Kai und Funky verantwortlich. Während Kai die Melodie schrieb, versuchte sich Funky am Text. Dieser hatte vorher aber noch nie einen geschrieben und tat sich damit sehr schwer. Er ließ sich in Fresenhagen deshalb kurzerhand mit den Füßen nach oben an einen Baum hängen, damit die Ideen in den Kopf fließen konnten. Und siehe da … es dauerte nicht lange, bis der Inhalt des Songs zu Papier gebracht werden konnte. Unkonventionell aber offenbar effektiv.

Neues einer alten Bekannten
Zwischen den bekannten Werken mischte das Trio auch neue Lieder, die u.a. auf der 2017 erschienen neuen Doppel-CD "Radio für Millionen" veröffentlicht wurden. Dieses Album ist mit fast allen alten Scherben-Mitgliedern aufgenommen worden, beinhaltet auch neu eingespielte Titel älteren Datums, und von den neuen Liedern daraus hörten wir am Freitagabend das Stück "Am Jenseits". Ebenfalls neu und in akustischer Live-Fassung dargeboten, ist das Lied "Wenn Du schön wohnst", das für die Obdachlosenzeitung "Straßenkreuzer" geschrieben wurde.d 20190706 1647799682 Es handelt auch von Obdachlosigkeit und außer auf dem Album kann man es auch auf YouTube in Form eines Clips finden. Beides Titel, die in der Tradition der Scherben-Songs von einst stehen und an deren Text Rio selbst noch schrieb, die Notizen dann aber irgendwie nur ablegte und nicht weiter verfolgte. Den Faden nahmen jetzt seine ehemaligen Kollegen auf und machten Lieder daraus.

Kein Schnickschnack und andere Fisimatenten
Für die zuletzt genannte Nummer wechselte GYMMICK ans Klavier, wo er auch schon für den Song "Sternschnuppen" im ersten Teil des Konzerts und beim später noch folgenden "Jenseits von Eden" Platz genommen hatte. Sowohl da als auch an seinen beiden Gitarren lieferte der Musiker eine solide Arbeit ab. Wer vor dem Besuch des Konzerts auf große musikalische Feinkost spekuliert hatte, war eh fehl am Platz. Keiner der drei Künstler hatte große Momente an seinem Instrument, sondern lieferte einfach nur grundsolide und ohne viele Mätzchen seinen Teil fürs Ganze ab. Die dabei entstandene Mischung aus Cajon, Bass und Gitarre bzw. Klavier bildeten nur den Soundteppich für GYMMICKs Gesang und den Transport der Songinhalte. Bass- oder Gitarrensoli? Fehlanzeige … Irgendwelche Schnörkel auf einem der mitgebrachten Instrumente? Ebenso. Aber es fehlte einem auch irgendwie nicht. Das Trio verstand es prima, bei der einen Nummer den benötigten Beat und bei der anderen Nummer die entspannte Stimmung im Saal zu erzeugen. Das Ohr - zumindest meins - hing sowieso fast ausschließlich am Sänger und seinem Hauptinstrument, der Stimme. Und wie beeindruckt man davon sein konnte, schrieb ich weiter oben bereits. Gerade für ihn wäre dieses Projekt ein Job, in dem er noch ein paar Jährchen weiterarbeiten kann. Während seine beiden jeweils um 20 Jahre älteren Bühnenkollegen irgendwann demnächst sicher die Apparatur in die Garage stellen werden, muss er bis zur Rente ja noch ein paar Tage länger arbeiten. Und er ist nun mal der wichtigste Teil in diesem Verbund, auch wenn die Dienstältesten hinter und neben ihm die größeren Namen und längeren Karrieren haben.

Diagnose: Lebt ...
Der Abend im Bochumer "Kulturrat" war ein sehr schöner und kurzweiliger. Das Licht und der Ton sind dort immer ein Genuss, auch gestern wieder. Die Band lieferte eine tolle Show ab, die Auswahl der Titel war perfekt abgestimmt. Außer den drei Musikern trat auch immer wieder eine junge Frau namens Tine in Erscheinung, die offenbar das Mädchen für alles und der vierte Protagonist bei der akustischen Variante der TON STEINE SCHERBEN-Kapelle ist. Sie hatte nicht nur den Fanartikelstand in ihrer Hand, sondern mischte auch an der Technik mit, reichte den Künstlern Handtücher und sorgte immer wieder dafür, dass GYMMICK einen Satz neuer Saiten auf seine Klampfe bekam, die er dermaßen strapazierte, dass die eine oder andere Saite riss. Und in den Momenten dazwischen fand sie immer noch Zeit, um zur Musik ihrer Band zu tanzen.e 20190706 1736641889 Ein großes Glück für jede Band, wenn man so eine gute Seele mit im Band-Bus sitzen hat. Von mir gibt es an dieser Stelle eine absolute Besuchsempfehlung für einen der Auftritte dieses Akustik-Projekts. Hinsetzen, die Inhalte aufnehmen und sich einfach mal in die Zeit zurückversetzen lassen, deren Probleme damals eigentlich keine anderen waren wie die, die man heute auch noch vorfinden kann. Nur eben andersfarbig und teilweise in verschärfterer Form.



Setlist
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Termine
• 16.08.2019 - Wargolshausen - Kommunikationshof
• 17.08.2019 - Ditzingen - Zeltcafe
• 30.08.2019 - Berlin - Dampfer-Tour
• 31.08.2019 - Berlin - Dampfer-Tour
• 06.09.2019 - Wermelskirchen - AJZ Bahndamm
• 19.09.2019 - Krefeld - Südbahnhof
• 20.09.2019 - Soest - Alter Schlachthof
• 26.09.2019 - Münster - Sputnikhalle
• 27.09.2019 - Köln - Luxor
• 28.09.2019 - Frankfurt/M. - Nachtleben
• 09.10.2019 - Augsburg - Spektrum
• 10.10.2019 - Gundelfingen - Kulturgewächshaus Birkenried
• 11.10.2019 - Dachau - Kulturschranne
• 12.10.2019 - Meidelstetten - Gaststätte Adler
• 17.10.2019 - Nürnberg - Hirsch
• 18.10.2019 - Ingolstadt - Kulturzentrum Neun
• 19.10.2019 - Sindelfingen - IG Kultur
• 25.10.2019 - Geislingen a.d. Steige - Rätsche
• 26.10.2019 - Schramberg - Zodiak
• 14.11.2019 - Bonn - Harmonie
• 15.11.2019 - Hilden - Area 51

Alle Angaben ohne Gewähr!



Bitte beachtet auch
• Off. Homepage von Ton Steine Scherben: www.tonsteinescherben.de









   
   
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