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Ein Bericht mit Fotos von Dajana Gehn




"Leinen los", hieß es im wahrsten Sinne des Wortes. Am 26. Juni 2019 stach André Herzberg mit seinen Produzenten und Musikern Hans Rohe und Karl Neukauf auf dem Musikfloß in Lychen in See. Lychen ist ein idyllischer Landstrich in der Uckermark. Lychen wird auch Flößerstadt genannt.a 20190628 1168961955 Das Unternehmen Treibholz veranstaltet seit 10 Jahren im Sommer auf dem Musikfloß Veranstaltungen. Die unterschiedlichsten Künstler treten dort bereits auf. Und obwohl es ein kleines verstecktes Örtchen ist, kommt man gar nicht so leicht an die Karten ran. Die sind nämlich extrem begehrt und so waren viele Veranstaltungen schnell ausverkauft.

Gegen 19:00 Uhr durften wir aufs Floß. Also so dachte ich, dass es sich um ein Floß handelt. Aber nein, es sind irgendwie drei Flöße an dem Musikfloß befestigt. Auf jedem Floß gab es eine Art Mini-Finnenhütte. Das war richtig gut organisiert. Bei einem Stand gab es alkoholische Getränke, an dem mittleren die nicht alkoholischen Getränke und an dem letzten super leckeres Essen. So gab es nirgends lange Schlangen. Auf den Flößen standen Bänke zum Sitzen. Man konnte sich eine Decke nehmen und diese als Kissen oder bei kühlen Temperaturen zum Umhängen benutzen. Gegen 19:30 Uhr gab es eine kleine Einführung. Das Floß legte ab und schipperte knappe 20 Minuten zu einer kleinen Bucht. Die Band war bereits mit an Bord. Obwohl heute einer der heißesten Tage war, war es dort angenehm kühl und ein recht frischer Wind wehte.

Um 20:00 Uhr kamen André Herzberg, Hans Rohe sowie Karl Neukauf auf ihren Teil des Musikfloßes. Scherzhaft meinte André, dass wir sie eigentlich ja noch gar nicht sehen könnten. Wir sollten uns einen geschlossenen Vorhang vorstellen. Letztmalig vor Beginn stimmten sie ihre Instrumente und der Mundharmonikagürtel wurde umgeschnallt. Der imaginäre Vorhang erhob sich und das André Herzberg Trio stand vor uns.

Am 9. November 2018 erschien sein letztes Solo Album "Was aus uns geworden ist", welches von Hans Rohe und Karl Neukauf produziert wurde. Hans Rohe ist kein Unbekannter in der Musikszene. Er spielte u.a. in der Band von Nina Hagen und bei Mr. Ed Jumps The Gun und ist momentan beim Berliner Beat Club und Butterfly On A Wheel aktiv.b 20190628 1274418968 Wie kaum ein anderer gibt er den Songs mit seinen Gitarrenklängen einen unvergleichlichen Sound und haucht den Songs die entsprechenden Emotionen ein. Karl Neukauf ist wie Hans ein wahrer Multiinstrumentalist. Was sie für Klänge/Sounds aus ihren Instrumenten zaubern, grenzt an Magie. Allein beim Song "Grau" wird es nur allzu deutlich. Dieser Titel wird natürlich neben der Stimme von André Herzberg vor allem auch durch diese wahnsinnig gut gespielten Instrumente getragen. Sie verleihen dem Song eine Tiefe, die mehr als nur unter die Haut geht und dazu noch der perfekt darauf abgestimmte Gesang von André Herzberg. Karl Neukauf veröffentliche letztes Jahr bereits sein viertes Album ("Hinter Geranien und Gardinen"). Wer ihn noch nicht gehört hat, sollte das unbedingt nachholen und ihn für sich entdecken.

Diese drei wunderbaren Musikern standen vor uns auf der Bühne und eröffneten mit dem Song "Bis hierher" ein ganz fabelhaftes Konzert. André wollte uns an diesem Abend Songs aus dem Repertoire seiner 30-jährigen Karriere präsentieren. Vorrangig aber die Stücke aus seinem aktuellen Album. So ganz nebenbei meinte er, dass ihn ja vielleicht ein paar Leute auch als Sänger der Gruppe PANKOW kennen, und Romane würde er auch schreiben. Viele im Publikum nickten. Wer hat diesen Namen noch nicht gehört?

Seit November letzten Jahres läuft in meinem Autoradio die CD "Was aus uns geworden ist" rauf und runter. Ich kenne jedes Wort, jede Textzeile. Es ist einfach ein großartiges Album. Live wurden die Songs hier und da ein wenig anders gesungen, hier und da auch mal Wörter hinzugefügt oder weggelassen, wie z.B. bei "Meine Regel". Aber das tat der Qualität der Songs keinen Abbruch. André erzählte von der Orientierungslosigkeit nach dem Fall der Mauer. Erst war alles immer gleich und auf einmal war alles anders. Es war ihm gelungen aus der Ratlosigkeit Lieder hervorzubringen, die er auf sein erstes Solo Album ("André Herzberg") packte. Der nächste Song entstand aus einem Traum: "Ich hab dich sterben sehen".

Wir wurden aufgeklärt, was es mit dem Notenständer auf sich hatte, der auf der Bühne stand. Ganz trocken meinte André, dass ihm mit zunehmendem Alter seine eigenen Texte nicht mehr einfallen. Das war schon seit Anbeginn seiner musikalischen Laufbahn.c 20190628 1546721011 Anfang der 70er Jahre fuhren sie noch mit der Straßenbahn zu Auftritten. Schon da trug er eine Mappe mit den Liedtexten mit sich rum. Einmal kam er trotzdem ohne Texte zu einem Auftritt. Da sie damals noch englisch sangen und das keiner konnte, mogelte er sich so durch. "Manchmal mogle ich heute noch", fügte er schelmisch hinzu und das Publikum lachte.

Aus seinem zweiten Album "Tohuwabohu" aus dem Jahr 1994 sang er den bekannten Song "Du hast es nicht bemerkt". Mich beschlich ein wenig das Gefühl, dass dieses Lied viele im Publikum nicht kannten. Aber nun lernten sie es kennen und wippten auf den Bänken dazu mit. Anschließend sprach Herzberg von der Liebe. Viele Liebeslieder hatte er bereits geschrieben. Er ist der Ansicht, dass man doch immer im Leben irgendwie nach der Liebe sucht und sich freut, wenn man sie gefunden hat. Und darum singt er auch gleich das nächste Liebeslied: "Alles wegen dir".

"Losgelöst" heißt das dritte Solo-Album aus dem Jahre 2004. André sinnierte, dass es einen Platz gibt, der so schön ist wie der heutige. Alles lächelte. "Ras Abu Galum" - ein kuscheliger Ort in Ägypten. Der Song handelt von der Schönheit des Moments, vor allem wenn man ihn zu zweit genießen kann. Nun kam André auf seine beiden Mitmusikern zu sprechen. Es macht so großen Spaß, Musik mit solch großartigen Musikern zu machen. Man weiß dabei nie, was daraus entsteht. Es ist ein wahres Abenteuer. Zuerst stellte er Karl Neukauf näher vor. Er spielte am Mittwoch nicht nur Keyboard, sondern auch Gitarre und ersetzte sozusagen noch das Schlagzeug. Karl erzählte von seinem besten Schulfreund. Auf Facebook kann er leider seinen Werdegang in Foren verfolgen, der ihm nicht zusagt. Sein Freund hat sich sehr verändert. Und aus dieser Mischung von Freundschaft und dem neuen Weg, den sein Freund eingeschlagen hat, entstand der Song "Falscher Feind", den Karl sang. Karl hat eine tiefe, klare und angenehme Singstimme/Stimmfarbe. Sein Text war inhaltlich aktueller denn je. Ich nehme an, dass doch einige Menschen im Publikum solch einen "Freund" kennt. Ein beeindruckender Song, der uns ein wenig nachdenklich in die Pause entließ.

Während das Musikfloß in der ersten Halbzeit in einer Bucht lag, wurden nun die Anker gelichtet und wir setzten uns langsam in Bewegung. André erzählte zu Beginn der zweiten Hälfte, dass er sich immer mehr als Sänger fühlte. Mit Instrumenten hatte er es noch nie so. Ich bin der Meinung, er spielt hervorragend Gitarre, Klavier und Mundharmonika.d 20190628 1568426035 Jedenfalls hatte er mit den neuen Musikern gleich ein gutes Gefühl. Er wagte sich in ein großes Abenteuer. Er schrieb die Texte und wusste nicht, wie sie klingen würden. Aber über das Ergebnis ist er mehr als erfreut. Bei dem Titel "Unerträgliche Leichtigkeit des Seins" bediente er sich bei einem tschechischen Autor, dessen Roman so hieß. Er wusste den Namen nicht mehr. Aber er gab zu, "Ja, den Titel habe ich geklaut." Der Autor heißt Milan Kundera. Er veröffentlichte diesen Roman in Frankreich während seines Exils.

Auch wenn André ganz offen und locker über das Thema Depressionen sprach, so ist es mir dennoch immer ein wenig unverständlich, wie es Menschen im Publikum geben kann, die über gewisse Bemerkungen lachen. Seine Offenheit ist bewundernswert. Ich möchte auch gar nicht näher darauf eingehen. Selbst André meinte, es ist keine große Sache zur Psychotherapie zu gehen und schaden kann es auch nicht. "Ich brauche keine Tablette nehmen. ich schreibe Lieder." Mehr brauchte er dazu nicht sagen. Trotz der Thematik erklang mein Lieblingslied vom Album "Was aus uns geworden ist": "Grau". Das Lied könnte ich in Endlosschleife hören. Die gezielten Einsätze des Pianos, die melodische Gitarre und die Stimme von André, die zum Ende des Liedes immer lauter, flehender werden - ein Meisterwerk für mich.

Anschließend lockerte André die Stimmung gleich wieder auf, indem er meinte, "Von da arbeiten wir uns langsam wieder hoch." Es folgte u.a. "Losgelöst" aus dem gleichnamigen Album. "Ich war mal ein Rockmusiker, der sich gerne bewegt hat und darum stehe ich manchmal bei Songs auf", erklärte André so ganz nebenbei und sorgte für Lacher. Ich nehme an, wenn er im November 2019 mit seiner Gruppe PANKOW auf Tour geht, werden wir einen richtig losgelösten Rocker erleben, der über die Bühne wirbelt.

André hätte nichts dagegen, so sagte er, wenn wir tanzen. Das nächste Lied biete sich dafür an. "Ich kann dir nichts bieten". Im Instrumentalteil umarmte André seine Gitarre und meinte, "Jetzt kommt der Teil mit dem Tanzen", schmiegte sich an sie und drehte sich im Kreis mit ihr. Ein göttliches Bild. André Herzberg tanzt mit seiner Gitarre. Er ist ein wahrer Meister der Mimik und Gestik.

e 20190628 1749988524Hans Rohe singt auf dem Album den Song "Prolet" und stellte uns diesen nun live vor. Bescheiden wie er ist, betonte Hans, dass der Text von André Herzberg ist. Aber du, Hans, hast in wunderbar interpretiert. Der letzte Titel des Abends war "Was uns verbindet". Ursprünglich war er für die Verwendung auf dem Album eines Ostrock-Projekts geplant. Ein gut gewählter Abschlusssong. "Was uns verbindet ist ein Traum."

Das Floß war schon fast wieder an der Anlegestelle angekommen. Also war noch genug Zeit für eine Zusage. Die ließen wir uns nicht nehmen. Der Song "Langeweile" durfte nicht fehlen. Zu meiner großen Verwunderung kannten die wenigsten Menschen auf dem Floß das Lied. Gott sei Dank fanden sich zwischenzeitlich Leute, die mit mir lauthals den Refrain mitsangen. Es war ein ganz einzigartiger Abend. Und ich hörte einige sagen, dass sie dieses Trio zum ersten Mal erlebten und sehr begeistert und positiv überrascht waren. Ich freue mich nun auf die PANKOW-Tour im November. Und wer im November noch nichts vorhat, sollte sich das auch nicht entgehen lassen.



Termine:
• 24.08.2019 - Carlsthal - Kräuterhof (Konzert)
• 13.09.2019 - Neubrandenburg - Marstall (Konzert)
• 14.09.2019 - Dresden - Friedrichstatt Palast (Konzert)
• 15.09.2019 - Panketal - Studio 7 (Konzert)
• 21.09.2019 - Suhl - Kulturbaustelle (Lesung)
• 26.09.2019 - Leipzig - Neues Schauspiel (Konzert)
• 27.09.2019 - Berlin - Schloss Schönhausen (Lesung)
• 13.10.2019 - Schöneiche - Kulturgießerei (Lesung)
• 18.10.2019 - Berlin - Mittelpunktbibliothek (Lesung)

Alle Angaben ohne Gewähr! Die Tour wird fortgesetzt
Nähere Infos und weiter Termine auf Andrés Homepage.



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von André Herzberg: www.andreherzberg.net









   
   
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