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Ein Bericht von Dajana Gehn mit Fotos von Bodo Kubatzki

 

Noch nie habe ich mir so viel Zeit gelassen um einen Bericht über ein Konzert zu verfassen. Die ganzen unterschiedlichen Gefühle, die auf mich einwirkten, mussten erst ein wenig verarbeitet werden. Es war ein extrem emotionaler Abend, der noch lange nachwirkte. Der einen lange nicht los ließ.

a 20190623 1991472003Ich hörte hier und da mal was von einem Andreas Hähle. Dirk Zöllner sprach öfter von ihm, wenn er vom Lied "Idylle im Krieg" sprach. Erst am 25. Oktober 2018 erlebte ich ihn das erste Mal live. Dort fand das Gedenkkonzert für Holger Biege statt. Andreas Hähle Rückkehr nach überstandener Krebserkrankung. Ich war total neugierig auf ihn, denn bisher hörte ich immer nur von ihm, wenn andere respektvoll, schwärmerisch von ihm berichteten. Es muss ein sehr interessanter Mensch sein, dachte ich mir. Als er die Bühne unter großen Applaus betrat, stand er da. Einfach nur da. Ganz allein und trotzdem nahm er in diesem Moment den ganzen Raum ein. Es herrschte absolute Stille im Neu Helgoland. Hähle nahm das Mikrofon und trug "Meistens leb ich still" vor. Er las nicht einfach vor. Er lebte die einzelnen Worte. Es offenbarte sich eine unglaubliche Bandbreite seiner Stimme. Man hing förmlich an seinen Lippen. Was für ein Mann. Was für ein Poet. Man wünschte ihm und seiner geliebten Lika alles Glück der Welt und nach der schweren Krankheit noch so viel gemeinsame Zeit. Aber nur kurze Zeit später kehrte der Krebs zurück. Kaum fand diese traurige Wahrheit den Weg in die Welt, löste sie eine enorme Welle der Solidarität aus. Grit Maroske startete unverzüglich eine Aktion, bei der man Andreas Hähle finanziell unterstützen konnte. Es wurde mit Hilfe von André Kemnitz-Voigt, Christian Reder, Franzi Münch und vielen anderen Helfern und Künstlern ein Benefizkonzert im Bornholm II in Berlin organisiert. Dirk Zöllner verzichtete bei seinen Konzerten sowie Lesungen auf seinen Verkauf von CDs etc. und stellte stattdessen einen liebevoll gestalteten Karton auf, wo jeder vom Publikum etwas spenden konnte. Schon in kurzer Zeit kam ein beachtlicher Betrag zusammen, um Andreas und Lika eine kleine von vielen Sorgen nehmen zu können. Des Weiteren wurde über Facebook eine Seite eröffnet: Andreas Hähle Gedächtnispreis. Hier erfuhr und erfährt man alle wichtigen Informationen, Neuigkeiten oder wie man helfen konnte/kann. Diese Welle der Hilfsbereitschaft war unglaublich.

b 20190623 2063693276"Eine Stimme für die Seele" verstarb am 24. April 2019, seine Worte hingegen werden ewig leben, ewig Bestand haben und noch ewig in seinen Büchern und Songs, die er für andere Künstler schrieb, Gehör finden. Worte sterben nicht.

An einem recht warmen 20. Juni 2019 fand ein Gedenkkonzert für Andreas Hähle in der Berliner WABE statt. Jeder wusste, dass das ein sehr ergreifender Abend werden würde. Schon vor Beginn lagen sich Freunde in den Armen, tauschten Erinnerungen über Begegnungen mit Hähle aus. Manchen schien es jetzt schon schwer zu fallen die Tränen zurückzuhalten. Aber wozu seine Tränen verbergen? Tränen tragen unsere innere Schmerzen nach außen. Wir waren alle da, um Andreas Hähle zu gedenken. Er hätte es wahrscheinlich gar nicht gewollt, dass man an solch einem Abend traurig ist. Wahrscheinlich saß er zwischen uns auf einem Stuhl und beobachtete aufmerksam das Geschehen und wie die Künstler seine Texte vortrugen.

André Kemnitz-Voigt eröffnete den Abend. Er sprach ein paar Worte und bat dann Lika Hähle auf die Bühne. Man hatte sofort einen Kloß im Hals. Was für eine starke und tapfere Frau. Erst vor kurzem fand die Beerdigung ihres geliebten Mannes statt und nun stand sie vor uns. Gefasst. Es muss sie unheimlich vor Kraft gekostet haben. Sie bedankte sich für unser Kommen und bei allen Menschen, die spendeten. Sie bedankte sich bei den Künstler, die heute noch auftreten werden und ganz besonders bei Christian Reder und seiner Frau Nicola, die leider nicht dabei sein konnten.c 20190623 1881691969 Lika hoffte, dass durch die Liveübertragung von Rockradio Christian und Nicole ihre lieben Grüße vernehmen würden. Ein weiterer Dank ging an Grit Maroske, die nun ebenfalls die Bühne betrat und sichtlich mit den Tränen zu kämpfen hatte. Wie wir alle mittlerweile im Publikum. Lika bedankte sich für das ins Leben rufen des Andreas Hähles Gedächtnispreises, dieser wäre ganz in seinem Sinne gewesen. Als Spende überreichte Lika das Jackett an Grit. Beide konnten nicht mehr reden. Wir im Publikum kämpften inzwischen auch immer mehr mit den Tränen. Ich muss es noch einmal wiederholen, was für eine starke Frau. Jeder konnte nachvollziehen, dass sie wortlos die Bühne verließen. Es musste auch nicht mehr gesagt werden. Es war alles gesagt.

André Kemnitz-Voigt begrüßte die Moderatorin des Abends Ulrike Gastmann. Einigen ist sie vielleicht bekannt von ihrer wöchentlichen Kolumne in der Leipziger Zeitung "Zeit". Sie beschrieb Hähle als einen Zauberer für Worte und diesen Zauber wollten wir heute Abend zelebrieren.

Der erste Künstler des Abends war Jan Preuß. Normalerweise ist er mit seiner Band: Jan Preuß und die geheime Gesellschaft unterwegs. Sie interpretieren Lieder von Rio Reiser oder Gundermann u.v.m. Auf der Trauung von Lika und Andreas trat er das erste Mal Solo auf. Heute Abend würde er es wieder tun. Zuerst sang er ein Lied von Marlene Dietrich. Recht ungewohnt, ist man es doch eher gewohnt, dass sich Frauen darin probieren. Jan erzählt, dass er Hähle schon gefühlt ewig kennt und darum fühle es sich ein bisschen eigenartig an, auf seinem Gedenkkonzert für ihn zu singen, aber auch irgendwie schön. Wieder spürte man die verschiedenen Gefühlslagen von Trauer und Dankbarkeit für Hähle. Diese Achterbahn der Gefühle verging den ganzen Abend nicht. Er sang "Einmal sind wir reich" und "Der Traumtänzer". Das ganze Publikum war bewegt. Für Ulrike Gastmann war es sicherlich nicht leicht nach solchen emotionalen Songs und ergriffenem Publikum den nächsten Künstler anzumoderieren. Sie wollte natürlich, dass die Trauer nicht Überhand nimmt.d 20190623 2099320433 Wir wollen erinnern und den wunderbaren Texten in einzigartigen Kompositionen vertont lauschen. Ulrike verwies noch auf den Stand im Foyer der WABE, womit man der Familie Hähle weiterhin finanziell unter die Arme greifen kann.

Manuel Schmid lernte Andreas beim Benefizkonzert für Reinhard Fißler kennen. Er sieht in Hähles Arbeiten eine Mischung aus Werner Karma und Kurt Demmler. Andreas kam mit einem Stapel von Texte auf ihn zu und meinte, die kann er haben. Für seine CD "Seelenparadies" schuf Hähle eine gute Vorlage. Manuel sang "Leben nur wieder leben" (Text: Kurt Demmler). Ein Lied, welchen Hähle sehr gerne in seiner Sendung bei Rockradio spielte. Das erste kleine Schmunzeln dieses Abends bescherte uns Manuel als er den nächsten Song ankündigte. Den Titel musste er nicht nennen, es reichte schon seine Beschreibung: Das was Musiker am wenigsten haben. Das Lied "Geld" erklang. Zum Abschluss sang er "Seelenlieder". Diesen Song widmete er 2016 Reinhard Fißler.

Als dritte Künstlerin betrat Petra Uhle die Bühne. Sie ist eine Singer/Songwriterin. Vielen ist sie bekannt von der damaligen Band PARDON, einer Rockband aus Berlin. Petra stieß durch Zufall auf einen Text von Hähle, den er für Ines Paulke schrieb. "Himmelblau". Ines Paulke nahm sich leider 2010 das Leben. Sie war eine sehr vielfältige Künstlerin - war Sängerin der Band DATZU, arbeitete mit Arnold Fritsch, war im Ensemble vom Traumzauberbaum und und und. Petra Uhle erzählte, dass sie Hähle über das Mondlichtprojekt kenne. Heike Gaida, eine wunderbare Lyrikerin, vertonte mit den verschiedensten Künstlern ihre Texte. André Drechsler war Hauptkomponist und Produzent. Ein Gänsehautmoment als Petra Uhle "Himmelblau" von Ines Paulke sang. Das Lied schloss sie mit Hähles Worten: Man sollte nie etwas ohne Warmherzigkeit tun.

e 20190623 1097703944Besonders gesegnet fühlte sich Manfred Maurenbrecher. Ulrike Gastmann nannte ihn den "Godfather of Liedermacher". Maurenbrecher ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Er veröffentlichte schon über 20 Alben und schrieb für die verschiedensten Künstler Texte. Seine Zusammenarbeit mit Hähle begann 2014. Beide waren sich einig, dass sich zwar politisch denkende Menschen sind, aber wenn so was vertextet wird, es nichts wird. Für das nächste Lied ging er gedanklich in die Zukunft und verfasste seine Gedanken in einen Text. Man muss Manfred Maurenbrecher zuhören, denn seine Lieder sind nicht wie typische Lieder aufgebaut mit Strophe, Refrain, Strophe und wieder Refrain. Er singt seinen Text mit seinen Gedanken, den man einfach folgen muss. Auf dem Vier Winde Hof (Tino Eisbrenner veranstaltet dort sein "Musik statt Krieg Festival") gab es den einzigen Auftritt zwischen Maurenbrecher und Hähle. Es sollten eigentlich noch viele folgen. Den Song "Aufstehen" sangen sie dort zum ersten und letzten Mal und am Donnerstag erfolgte sozusagen die zweite Uraufführung.

Nach der Pause kamen Jule Werner und Band auf die Bühne. Was für eine Stimmfarbe. Leider erlebte ich Jule Werner und Band bisher immer auf Gedenk- oder Benefizkonzerte. Das muss sich ändern. Denn diese Band versteht nicht nur ihr Handwerk, sondern verbindet irgendwie Rockmusik, Blues und Soul. Jule bedankte sich bei Hähle, der sie an die Hand nahm. Sie habe ihm viel zu verdanken. Vorher sang sie auf Englisch, konnte mit deutschsprachiger Musik für sich nicht so viel anfangen. Jule Werner und Band rockten die Bühne unter anderem mit "Duft" sowie "Geh aus meinem Leben".

f 20190623 1211837875Als nächsten kamen André Drechsler, Tobias Unterberg und das Duo Infernale (Dirk Zöllner, André Gensicke). André Drechsler kennt man von der Gruppe Jessica, aber auch als Produzent hat er sich einen Namen gemacht und wirkte schon bei Hörbuchproduktionen mit. Normalerweise tritt Tobias Unterberg unter dem Name b.deutung auf. Er spielt grandios das Cello und stand unter anderem schon mit Deine Lakaien sowie Subway to Sally auf der Bühne. Dieses unterschiedliche Quartett spielte "Strohfeuer" und "Wo ist der Hund". Erst jetzt erzählte Dirk Zöllner ein wenig über seine Begegnungen mit Hähle. Er offenbarte, dass er damals bei seiner ersten richtigen Begegnung mit Andreas unbedingt in dessen Band als Gitarrist einsteigen wollte. Die Richtung ging ins Esoterische. Daraus entstammt auch der Song "Idylle im Krieg". Dirk Zöllner hatte extremen Liebeskummer und schrieb dementsprechende Texte. Hähle hingegen machte daraus fröhliche Texte wie z.B. "Wenn der Himmel mir am Arsch hängt". Normalerweise ein Song, wo wir alle aufstehen und tanzen. Aber irgendwie waren wir im Zwiespalt. Wäre es angemessen bei einem Gedenkkonzert aufzustehen und fröhlich mitzusingen und zu tanzen? Andreas Hähle hätte das vielleicht gefallen. Trotzdem stand heute keiner auf. Dirk erzählte weiter, dass es schon schwer genug ist Musik gemeinsam zu machen, aber gemeinsam Texte zu schreiben, das ist schon ein Drahtseilakt. Aber mit Hähle ging das gut.

Als letzter Act des Abends traten UNBEKANNT VERZOGEN auf. Vorher bedankte sich Ulrike bei allen Beteiligten wie Marc Lippuner und seinen Mitarbeitern der WABE, Nina Baum für das köstliche Catering, Grit Maroske, André Kemnitz-Voigt und allen Künstlern. Ulrike liebt die Gruppe UNBEKANNT VERZOGEN. Etwas seitlich der Bühne saß Patricia Heidrich. Man merkte ihr förmlich an, dass das heute kein Auftritt wie jeder andere für sie sein würde. Sie war emotional sehr ergriffen. Nach der liebevollen Anmoderation von Ulrike kam sie langsam zum Mikrofon gelaufen, währenddessen nahm Gerald Zaczyk am Keyboard Platz. Patti erzählte von ihrer Begegnung mit Hähle im Dezember vor 10 Jahren. Gerald fügte hinzu, wie sie Hähle davon berichtete, welche Schule ihre Söhne demnächst besuchen würden. So entstand ein Gespräch über Melli Beese.g 20190623 1645241130 Hähle war so fasziniert, dass er Patti eine Woche später einen Text in die Hand drückte und sagte, "Nun mach was draus." Ein wunderschöner Text, aber mit sechs Strophen? Wie vertonen? Irgendwie wurde es geschafft. "Melli Beese" erklang. Zum Schluss des Liedes kamen noch Thomas Eichler sowie Karsten Schützler auf die Bühne. Nun waren UNBEKANNT VERZOGEN vollständig. Karsten erzählte als er 2012 zur Band stieß, stellte ihm Hähle viele Texte zur Verfügung. Er verliebte sich in "Kinder auf dem Balkon". Patti kam auf das Gedenkkonzert von Holger Biege am 25. Oktober 2018 im Neu Helgoland zu sprechen. Hähle hatte gerade seine Krebserkrankung überstanden und Patti seit drei Jahren. Gemeinsam wollten sie einen Text über die Chemotherapie schreiben, aber bereits am nächsten Tag hatte Hähle den Text fertig. "Lautloses Tropfen" erklang. Wieder Gänsehaut wie schon so oft an diesem Abend. Patti lockerte die Stimmung gleich wieder auf. Alle Künstler kamen auf die Bühne und sie sangen zum Finale "Piratenbräute". Sie meinte zum Publikum: Es geht nicht um schön, sondern um viele. Recht hatte sie. Den Text hatten sie auf der Rückseite des Flyers gedruckt und so konnten wir mitsingen.

Nach über drei Stunden ging ein phänomenales Gedenkkonzert zu Ende. Andreas Hähle, der sicherlich bei uns war, hätte seine Freude daran gehabt. Ich könnte mir vorstellen, dass er nun an seinem Schreibtisch sitzt und einen wunderbaren Text über diesen einmaligen Abend schreibt, um ihn für die Ewigkeit festzuhalten. So wie die Erinnerungen an Begegnungen und gemeinsame Erlebnisse den Hähle uns für immer festhalten lässt.










   
   
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