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Ein Bericht mit Fotos von Bodo Kubatzki
+ zusätzlichen Fotos (Universal, Land MV)




Feuer frei: "RAMMSTEIN gehen 2019 auf große Europatour!", verkündet der Ticket-Händler Eventim im November 2018 im Internet. Bei dieser Tour werden sie auch ein Konzert in Rostock spielen, in der Stadt, die für lange Zeit Heimat von Frontmann Till Lindemann gewesen ist. Diese Ankündigung sorgt bereits im Vorfeld für einige Aufregung, denn der Run auf die Tickets ist enorm, und das Bestellen selbiger ein kleines Abenteuer. Ich selbst musste meinen Online-Bestellvorgang wegen Zeitüberschreitung zweimal abbrechen. Doch alle guten Dinge sind drei, sagt man. So zähle ich mich dann nach knapp 40 Minuten zu den Glücklichen, die Karten ergattern konnten.a 20190620 1961473078 Dass es dann auch noch mit einer Akkreditierung klappt, sprich mit einer Fotoerlaubnis für die ersten drei Songs, erfüllte mich mit großer Freude. Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, liegt die gigantische Show einen halben Tag hinter mir, und ich stelle mir die Frage, wie fasse ich die Faszination, die mich gestern Abend ergriffen hat, in Worte. Hier der Versuch ...

RAMMSTEIN warten mit einem Support-Act auf, den ich verpasse, da wir akkreditierten Fotografen erst kurz vorm Beginn des RAMMSTEIN-Konzertes ins Stadion geführt werden. Die Band hat das Klavierduo JATEKOK als Special Guest verpflichtet. Die beiden jungen französischen Pianistinnen zählen zu den besten und weltweit bekanntesten klassischen Klavierduos. Im Ostseestadion interpretieren sie RAMMSTEINs Album "Klavier" vierhändig auf zwei weißen E-Pianos. Meine Frau erzählt mir später, dass die dahinperlenden Klavierläufe leider nicht jeden im Publikum erreichten. Die meisten Fans warteten offensichtlich auf die Original-Songs im strammen Vierviertel-Takt.

Es ist kurz vor halb neun. Ich stehe im sogenannten Graben, direkt vor der Bühne, und bin von unzähligen Security-Leuten umgeben. Aus den Lautsprecherboxen erschallt Händels "Music for the Royal Fireworks" als Intro für die RAMMSTEIN-Show. Während der letzten Takte des Intros betritt Christoph "Doom" Schneider die Bühne, stellt sich hinter sein riesiges Set aus Trommeln, Toms und Becken, breitet die Arme aus und schlägt beim letzten Ton des Intros auf die Trommeln, was einen ohrenbetäubenden Knall und eine gigantische Explosion auslöst: Feuer frei! Es geht los ...

b 20190620 1595906163RAMMSTEIN eröffnen ihr Konzert mit dem Song "Was ich liebe" von ihrem neunen Album. Für RAMMSTEIN-Verhältnisse ist dies ein ziemlich zahmes Stück, zumindest, was die Musik anbelangt. Bei den Texten gilt es, schon ab diesem Song genau hinzuhören, falls man sie noch nicht auswendig kennt. Die Botschaften sind oft geschickt verklausuliert, wie beim folgenden Klassiker "Links 2 3 4" im zackigen Stechschritt-Rhythmus, bei dem rote Fahnen mit dem RAMMSTEIN-Logo ausgerollt werden. Ja, der gesamte Bühnenaufbau wirkt jetzt wie ein gigantischer Exerzierplatz mit zweideutigen Symbolen. Die Band provoziert bewusst. Der Song "Links 2 3 4" ist eine Reaktion auf die Vorwürfe rechter Gesinnung, mit der die Band sich immer wieder konfrontiert sah und sieht. So heißt es im Text: "Sie wollen mein Herz am rechten Fleck / Doch sehe ich dann nach unten weg / Da schlägt es links...". Das verstehe ich als eine eindeutige Positionierung.

Ich versuche, während der ersten drei Songs so viel Eindrücke wie möglich mit meiner Kamera einzufangen. Gitarrist Richard Z. Kruspe kommt im schwarzen Mantel mit rotem Kragen auf die Bühne, die Fingernägel rot lackiert. Auch beim Outfit von Trommler Doom dominieren die Farben Schwarz und Rot. Der zweite Gitarrist, Paul Landers, trägt einen ärmellosen Overall aus rotem Schlangenleder und hat viel Spaß dabei, seinen Mikroständer immer mal wieder umzukicken. Bassist Oliver Riedel ist von Kopf bis Fuß in ein Kostüm gehüllt, das ihn wie eine schwarze Viper wirken lässt. Keyboarder Christian "Flake" Lorenz kommt im goldenen Glitzerkostüm auf die Bühne. Das will optisch irgendwie nicht so richtig zu den anderen passen. Doch RAMMSTEIN-Fans wissen, dass dies so sein muss, denn Flake spielt eine Sonderrolle in der Band. Sänger Till erscheint in einem langen Mantel, dessen Stoff wie Krokodilleder aussieht, behangen mit diversen Schulterschnüren. Er wirkt wie ein General, der das Kommando über das gesamte Geschehen hat. Und so ist es auch. Dominant singt und brüllt er die Botschaften der Songs in die Menge, meist begleitet von stampfenden Rhythmen und brachialen Gitarrenriffs, aber auch zunehmend von Electronic- und Keyboardsounds. "Zeig mir deins, ich zeig dir meins" heißt es im nächsten Song. Dabei geht es natürlich um Tattoos. Auch in diesem Stück, das mit deutlicher Härte performt wird, kann man Tills gekonnten Umgang mit Worten raushören. "Wenn das Blut die Tinte küsst / Wenn der Schmerz das Fleisch umarmt", so etwas muss einem erstmal einfallen.c 20190620 1025758937 Es ist ein starker, neuer Song mit einem eingängigen Refrain, der leider viel zu schnell zu Ende geht. Damit ist auch die Zeit abgelaufen, in der ich der Band ganz nah sein darf.

Schnell bringe ich die Fotoausrüstung zu meinem Auto, welches ich bereits am Vormittag in der Nähe des Ostseestadions geparkt habe. Dann geht es wieder ab ins Stadion zu meiner Frau, nicht ohne vorher noch ein Bierchen im schicken RAMMSTEIN-Becher mitzunehmen. Als ich endlich den Platz auf der Ost-Tribüne gefunden habe, erlebe ich noch die letzten Takte des Songs "Puppe", bei dem Till einen riesigen Kinderwagen über die Bühne schiebt, während er seine Wut über den Verlust seiner erschlagenen Schwester hinausbrüllt: "Und jetzt reiß ich der Puppe den Kopf ab / Und dann beiß ich der Puppe den Hals ab / Jetzt geht es mir gut!". Mit einem riesigen Flammwerfer bringt Till den Puppenwagen zum Brennen. Feuer frei!

Ich erlebe den Rest der Show aus meiner bequemen Sitzposition. Im Rund des Stadions sehe ich die begeisterten Fans, unter ihnen Pogo tanzende Grüppchen. Nach dem etwas ruhigeren Song "Diamant" über das wunderschöne, aber eiskalte Mädchen, gibt es eine kleine Unterbrechung. Zu dem an Musik von KRAFTWERK erinnernden Remix des Songs "Deutschland", für den Gitarrist Richard Z. Kruspe verantwortlich zeichnet, kommen vier der Musiker als leuchtende Strichmännchen auf die Bühne und vollführen einen Tanz, der bei mehr Dunkelheit sicher besser zur Geltung gekommen wäre. Mit verfremdeten Computerstimmen singen sie immer wieder das Wort "Deutschland". Klar, dass die Rockfassung folgen würde. Der Song, dessen Text das Thema Vaterlandsliebe ebenso aufgreift, wie die immer noch vorhandenen innerdeutschen Konflikte, sorgte nicht erst nach Veröffentlichung des provokanten Videos für Diskussionen in den Medien. Darf man angesichts unserer unheilvollen Geschichte die Zeilen "Deutschland, Deutschland über allen" singen, wie es tausende Fans im Ostseestadion tun? Ich meine ja, wenn man den Kontext des gesamten Songs betrachtet.

Mit zunehmender Abenddämmerung wird die Show der Band explosiver und theatralischer. Feuerwerk, weißer Rauch, schwarzer Rauch, Schwaden aus schwarzen Papierschnipseln, bunter Konfettiregen, wechselnde Lichtstimmungen - in diesem Ausmaß bekommt man so etwas nur bei RAMMSTEIN zu sehen. Dazu spielt die Band Hit an Hit. Natürlich muss Flake bei "Mein Teil" wieder in den Kessel, um geröstet zu werden. Dafür darf er Till anschließend von der Bühne stoßen.d 20190620 1335349429 Flake spielt wie immer den Clown. Oft muss er bei der Show "leiden", so wie eben. Dann sieht man ihn wieder auf seinem Laufband agieren oder über die Bühne hampeln. In seinem Buch "Flake - Der Tastenficker" schreibt er selbst dazu: "Die Leute denken ja, dass auf der Bühne die Kunstfigur Flake steht beziehungsweise zappelt ... Selbst wenn das bekloppt aussieht, müssen die Leute davon ausgehen, dass es so sein soll und nicht auf einen geistigen Defekt meinerseits zurückzuführen ist." Im Übrigen kann ich die beiden Bücher von Flake wärmstens empfehlen. Sie sind auch für Leute geeignet, die keine RAMMSTEIN-Fans sind.

Mit "neuer deutscher Härte" geht die Show weiter. "Du hast" hat jeder Fan im Ohr und kann es lauthals mitsingen. Bei "Sonne" spürt man die Hitze der Feuersalven selbst in den Rängen des Stadions noch. Bei der Ballade "Ohne dich" schwenken Tausende die zuvor verteilten Feuerzeuge. Mit diesem Lied endet der erste große Block des Konzerts. Kurze Zeit später ertönt frenetischer Beifall auf unserer Seite des Stadions. Security-Leute führen die Musiker zu der kleinen Bühne mit den zwei weißen Pianos des Duos JATEKOK. Direkt vor unseren Füßen erleben wir eine fantastische Version des Songs "Engel", gesungen von den sechs Musikern, begleitet von den beiden Mädels auf ihren Klavieren, im Hintergrund das Lichtermeer aus Feuerzeugen und Handys. Das ist Gänsehaut pur. Till Lindemann bedankt sich mit den Worten: "Wir sind zuhause - Danke Rostock!". Während des nicht enden wollenden Beifalls eilt Till zur Bühne zurück. Die anderen Musiker werden, in drei Schlauchbooten sitzend, vom Publikum auf Händen zur Bühne getragen.

Dort wird es sofort wieder laut. In zwei Zugabenblöcken spielt die Band weitere fünf Songs. Bei "Pussy" reitet Lindemann auf einem Riesenpenis und verschießt Unmengen von Sperma auf das Publikum. Ob dies Schaum ist, oder es wieder Papierschnipsel sind, vermag ich von unserer Position aus nicht zu erkennen.e 20190620 1386884325 Auf jeden Fall ist das 2019 keine Provokation mehr, sondern ein bekannter Teil einer RAMMSTEIN-Show, ebenso wie die nochmalige Explosion diverser Pyrotechnik und das Aufsteigen von Feuersalven am Ende des Konzertes.

Ich habe weiß Gott schon viele großartige Stadion-Konzerte erlebt. PINK FLOYD, GENESIS und ROGER WATERS gehören dabei zu den beeindruckendsten Events. Doch die diesjährige RAMMSTEIN-Show übertrifft alles bisher Gesehene. Man muss die sechs Musiker, die in brachialer Härte immer wieder provozierend über Liebe, Hass, Sex, Gewalt und Tod singen, einfach mal erlebt haben. Die Tour geht weiter und laut Presse soll es tatsächlich an den Abendkassen noch Tickets für die eigentlich ausverkauften Konzerte geben.


Termine der Europa Stadion-Tour (nur DE):
• 22.06.2019 - Berlin - Olympiastadion ***ausverkauft***
• 02.07.2019 - Hannover - HDI Arena ***ausverkauft***
• 13.07.2019 - Frankfurt/Main - Commerzbank-Arena ***ausverkauft***

Alle Angaben ohne Gewähr. Nähere Infos und evtl. weitere Termine auf der Rammstein-Homepage



Bitte beachtet auch:
• off. Homepage von Rammstein: www.rammstein.de
• Homepage des Veranstalters Aust Konzerte: www.aust-konzerte.com
• Rezension zum aktuellen Album "Rammstein": HIER 



Fotostrecke:

Hinweis: Laut einer Vereinbarung zwischen der Rammstein GbR und Deutsche Mugge wurde geregelt, dass die Fotos in dieser Fotostrecke nur ein Jahr ab dem Tag der Veranstaltung im Zusammenhang mit diesem Bericht online zur Verfügung stehen dürfen. Die Bilder genießen besonderen Schutz. Das Kopieren, Vervielfältigen und die Nutzung der Bilder zu einem anderen Zweck sind strengstens untersagt.





   
   
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