Achtung: mit Videoclip am Ende der Seite!



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Ein Bericht mit Fotos und Videoclip von Christian Reder

 

"Der Blues ist ein Tier, das einen überfällt, ob man will oder nicht." So leitet die PETER NONN BLUES BAND ihren Pressetext ein und erläutert dem interessierten Publikum, wie man sich selbst von diesem Tier beißen und mit dem Blues-Virus infizieren lassen hat. Dass dieses wilde Tier schon längst nicht mehr nur in Chicago oder den Baumwollfeldern des US-Amerikanischen Südens lebt, ist hinlänglich bekannt. Auch der von ihm verbreitete Erreger hat den Globus längst im Griff.a 20190608 1573535334 Sogar bis in die "Hauptstadt des Aspirin"(Leverkusen), wo die PETER NONN BLUES BAND herkommt, hat es dieses Ungetüm geschafft. Bandchef Peter Nonn und vier weitere Herren hat es sogar ganz übel erwischt. Sie sind in Sachen Blues deshalb auch schon eine Weile sogar missionierend unterwegs, bauen ihr Operationsbesteck auf verschiedenen Bühnen auf und berichten in Form von Tönen, heißen Rhythmen und einer bemerkenswerten Spielfreude über ihre Erfahrungen mit dem "Virus" und den Umgang damit. Natürlich verweigern sie jegliche Behandlung dagegen. Im Gegenteil: Sollten die Symptome ihrer "Erkrankung" mal abklingen, was ja nur äußerst selten passiert, sehen sie schnellstens zu, dass sie einen Rückfall erleiden. Wer selbst schon infiziert war oder sich dringend noch anstecken wollte, hatte gestern in Bochum die Gelegenheit dazu, als die PETER NONN BLUES BAND zu einer Sitzung ihrer Selbsthilfegruppe einlud. Feine Sache ... da sind wir also mal hingegangen.

Gut, ich selbst bin ja auch schon etwas länger vom Virus betroffen. Dafür hat ein Berliner Freund gesorgt, der mit ganz perfiden Tricks dafür gesorgt hat, dass ich ihn mir auch einhandle. War auch ich früher immer dem Irrglauben verfallen, der Blues sei nur was für alte Herren, erfreue ich mich nun in meinem jugendlichen Alter über die prickelnden Symptome und äußerst heißen Nebeneffekte. Vieles habe ich schon entdeckt und lieben gelernt. Allen voran Chris Kramer, Jürgen Kerth oder auch die East Blues Experience. Aber je mehr man seine Infektion pflegt, umso mehr Erreger kann man entdecken. Die im ersten Absatz schon genannte PETER NONN BLUES BAND ist einer davon. Seit 1974 und nunmehr 45 Jahren musiziert das Ensemble um Peter Nonn (Gesang, Ukulele, Gitarre, Mundharmonika) bereits. Neben ihm auf der Bühne stehen in der aktuellen Besetzung der Argentinier Mario di Cara, der für Percussion und bei einer Nummer auch für das Gitarrenspiel verantwortlich ist, der US-Amerikaner Tom Reinke, der Dobro, Mandoline, Ukulele, 5-String, Banjo und Gitarre spielt, Uwe Sönnichsen am Bass und Ralf Grottlan an den verschiedensten Mundharmonikas. Aus Leverkusen angereist breitete die Band im Bochumer "Kulturrat" ihren engmaschig und aus verschiedensten Stoffen gewebten American Roots Music-Teppich aus, der von dem Quintett unplugged hergestellt wurde. Beim Eintreffen im "Kulturrat" fiel mir sofort die über und über mit Instrumenten vorbereitete Bühne auf. Zig Saiteninstrumente warteten in den Ständern auf ihre Einsätze. Im Hintergrund allerlei Percussion-Instrumente und ein kleines Schlagzeug-Set, aber die Krönung war im rechten Bereich der Bühne zu sehen ... Dort standen zwei Koffer, randvoll gefüllt mit unzähligen Mundharmonikas. Was hatten die - vor allen Dingen Ralf Grottian - hier vor? Die Antwort darauf sollte ich schon unmittelbar nach dem Beginn der Mugge live und in Farbe erleben ...

Um 20:00 Uhr betraten die fünf Herren aus dem Rheinland die Bühne und legten beherzt mit ihrer Version des Songs "Poison Ivy" los. Dem Einen oder Anderen mag die Nummer von der Gruppe THE COASTERS bekannt vorkommen, aber auf jeden Fall von den ROLLING STONES kennt man das Stück sehr gut. Präsentiert wurde diese und all die anderen Nummern im Set in einer für Blues-Bands eher untypischen Besetzung. Peter Nonn und Tom Reinke steuerten beide ihre Zutaten mit verschiedensten Saiteninstrumenten bei. Nonn selbst spielte überwiegend zwei akustische Gitarren, griff im Verlauf des Konzerts aber auch zu einer silbernen Dobro und übernahm bei einem Song auch die Mundharmonika.b 20190608 1375952754 Sein Kumpel Tom hingegen wechselte ständig zwischen Mandoline, Banjo und einer aus dem Jahre 1937 stammenden Dobro, die er - im Gegensatz zu Peter Nonn - vor seinem Bauch liegend und mit Plättchen spielte, hin und her. Hinter ihnen agierte die Rhythmus-Fraktion, bestehend aus Schlagzeug und Bass, und neben ihnen der Harp-Spieler mit der Riesenauswahl in den Koffern. Und Ralf Grottian, der sich fleißig aus diesen Koffern bediente, wäre das Eintrittsgeld schon allein wert gewesen, denn er hatte seine eigene Show in der Show. Immer wieder fummelte er eine besondere Harp aus seinen Koffern, um der jeweiligen Nummer die besondere Klangfarbe zu geben. Manchmal bediente er auch gleich mehrerer Harps in nur einem Stück und hatte mächtig viel zu tun dabei. Er zog immer wieder die Blicke des Publikums auf sich, wenn er zu Ausflügen auf seinen kleinen Instrumenten ansetzte und den verschiedenen Songs seinen Stempel aufdrückte. Dabei suchte er immer wieder den Blickkontakt zu seinen Kollegen und lieferte sich beim Song "Beaumont Lafayette" sogar ein Duell mit Tom Reinke und seinem Banjo, der die Bälle annahm die ihm Grottian zuspielte, um dann - nach eigenem Hinzufügen seines Einsatzes - gekonnte Pässe zurück zu spielen. Herrlich! Später durfte der Harper dann beim Song "Walking Blues" zeigen, dass in ihm außerdem auch ein ausgesprochen guter Sänger steckt ...

Eher ruhig und unauffällig verrichtete Uwe Sönnichsen am Bass seinen Dienst. Mit cooler Gelassenheit spielte er seine vier Saiten und fiel dabei eigentlich nur wenig auf. In den Instrumentenwechselpausen seines Kollegen Tom Reinke nutzte Bandchef Peter Nonn dann aber immer wieder die Gelegenheit, mittels Erzählens von Bassistenwitzen seinen Kollegen in Szene zu setzen. Einzig beim Song "I Can't Be Satisfied" nutzte Sönnichen die Gelegenheit bei der Bandvorstellung für ein Basssolo, als er mit einem verschmitzten Lächeln plötzlich die Pipi-Langstrumpf-Melodie auf seinem Instrument erklingen und in den Song einfließen ließ. Szenenapplaus Inklusive. In diese Nummer brachte auch Ralf Grottian diverse Fremdkompositionen ein, z.B. Sequenzen aus dem Traditional "Oh Susanna" oder Johnny Cashs "Ring Of Fire". Speziell beim Vortrag dieser Nummer war die Dichte an erlebbaren "Spezialeffekten" seitens der Band besonders groß. Weitere besondere Momente in dem Konzert waren u.a. der Vortrag des Stücks "Linin' Track", bei dem alle fünf Musiker ihre Instrumente bei Seite legten und das Lied a capella und im Chor- bzw. Satzgesang vortrugen. Gänsehautmoment!!! Ebenso muss das Stück "Willin'" genannt werden, für das der Schlagwerker Mario di Cara nach vorn an die Bühnenkante kam und sich eine Gitarre umschnallte. Dabei fiel sofort auf, wie klein der Mann eigentlich ist, umso größer war jedoch seine Leistung an den von ihm gespielten Instrumenten. Das eben schon erwähnte "Beaumont Lafayette" muss an dieser Stelle ebenfalls nochmals genannt werden. Hier ließ die Band ihren Vortrag sogar zu einem Blues-Train anwachsen. Wie ein echter Zug nahm das Lied immer mehr Fahrt auf, schnaubte und dampfte. Zugführer war hier Ralf mit seinen Mundis, der das komplette Kollegium neben sich mit riss und den Saal damit förmlich anzündete. Eine Wiederholung fand diese als Zugfahrt angelegte Darbietung im letzten Stück des Sets, "Mystery Train", bei dem dann Mario den Zugführer gab und den "Train" genauso auf Hochtouren brachte wie Ralf bei "Beaumont Lafayette". An Höhepunkten im Programm mangelte es jedenfalls im Bochumer "Kulturrat" nicht.c 20190608 1562412311 Davon gab es reichlich, und man kann sie in einem Bericht gar nicht alle unterbringen. Interessantes Detail noch am Rande ... Für den gesamten Sound war die Band selbst verantwortlich. Sie hatte ihre eigene Anlage dabei und zauberte einen klaren und transparenten Ton in den Saal, der in Lautstärke und sauberer Trennung der einzelnen Instrumente absolut perfekt war!

Die Auswahl der von der PETER NONN BLUES BAND vorgetragenen Songs war sehr abwechslungsreich und an keiner Stelle langatmig. Das Wort "Blues" im Bandnamen rührt wohl noch aus der Anfangszeit her und ist heute das pure Understatement. Über den Blues ist die Band längst hinaus, denn auch Jazz- und Country-Elemente kann man in ihrer Musik wiederentdecken. Manch ein Tupfer Weltmusik und Spuren von klassischem Rock kann man im Gesamtbild auch entdecken. Die drei Stunden Freude in musikalischer Form, die das Ensemble seinem Bochumer Publikum zu Gehör und in die Herzen brachte, vergingen wie im Fluge. Leider war das Konzert durch eine Pause unterbrochen, die es für meinen Geschmack nicht gebraucht hätte. Man war bis zum Song "Mercury Blues", den ich bisher eigentlich nur von Alan Jackson in einer Country-Fassung kannte, so richtig schön eingeheizt worden. Zum Glück gelang es dem Leverkusener Quintett, das Publikum an exakt dieser Stelle nach der 20-minütigen Unterbrechung auch wieder aufzunehmen und abzuholen, so dass die Pause der guten Stimmung keinen Abbruch tat. Lange Rede, kurzer Sinn: Der Besuch bei der PETER NONN BLUES BAND in Bochum hat sich gelohnt. Ich habe eine weitere fantastische Kapelle entdeckt, die sich in meiner Hitparade der besten Konzerte des Jahres weit nach oben gespielt hat. Die vielen Blues-Standards und -Klassiker, die sich die Band ausgesucht hat, spielen sie nicht einfach nur nach oder irgendwie lieblos dahin, sondern pflanzen jedem Stück ihre eigene Seele und ihre eigene Idee ein, so dass letztlich viele neue Versionen entstehen und alte Blues-Songs neu entdeckt werden können. Jeder der fünf Musiker versteht sein Handwerk und weiß mit seiner Kunst am Arbeitsgerät auf ganzer Linie zu überzeugen. Peter Nonn als Frontmann überzeugte zudem auch als Entertainer und wortreicher Gastgeber, der mit einer gehörigen Portion Humor und interessanten Details zu den einzelnen Liedern immer wieder würzige Zwischenmoderationen einstreute, um kleine Pausen zu überbrücken oder das nächste Lied zu erklären.d 20190608 1255950174 Dass alle fünf Aktiven nicht nur Kollegen sondern offensichtlich auch Freunde sind, konnte man dem Geschehen auf der Bühne sehr gut ablesen. Da griff nicht nur ein Rädchen ins andere, da wurde untereinander gescherzt, aufeinander reagiert und miteinander agiert. Und man gab dem Publikum das Gefühl, ein Teil dieser Familie zu sein.

Eigentlich wäre ich gar nicht zu Hause gewesen und in die Versuchung gekommen, dieses Konzert zu besuchen. Eigentlich wäre ich zur Beisetzung eines Freundes in Leipzig und nicht in meinem Kiez gewesen. Manchmal spielt das Leben aber nicht mit und macht uns bei bereits festen Plänen einen dicken Strich durch die Rechnung. "Schuld an allem ist eben das Leben, die Sau" (Hähle). Es gab am Freitag für mich zwei Optionen: 1.) zu Hause auf der Couch hocken und sich bei dümmlichem Kram im TV dauernd Gedanken darüber zu machen, dass man doch lieber woanders gewesen wäre und einen Freund auf dem letzten Gang begleitet hätte. So wie man es am Mittwoch und Donnerstag schon in allen Facetten praktiziert hat ... Oder 2.) sich von einem exzellenten Musikanten-Verbund mit einer über den Blues hinausgehenden bunten Palette mitreißender Songs die Leitungen freiblasen lassen und für drei Stunden alles vergessen, was die gerade überwiegend schwarz-weiß gefärbte Welt für einen so bereit hält. Was hättet Ihr gemacht? Ich habe meine Bisswunde vom Blues-Biest wieder aufgeknibbelt und von der PETER NONN BLUES BAND weiter infizieren lassen. Nun hab ich wieder einmal dieses herrliche Fieber und heize dieses jetzt nach dem Schreiben meines Beitrags mit den beiden CDs der Band weiter an. So schön kann eine Infektion sein ...



Setlist:
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Termine:
• 10.06.2019 - Leichlingen - Alter Stadtpark
• 16.06.2019 - Leverkusen - Neustadtfest, Augustastrasse
• 05.07.2019 - Monheim - Spielmann
• 27.07.2019 - Köln - Wildwechsel
• 30.08.2019 - Leverkusen - Waldhaus Römer
• 28.09.2019 - Leverkusen - Topos

Alle Angaben ohne Gewähr! Nähere Infos und weitere Termine auf der bandeigenen Homepage



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage der Peter Nonn Blues Band: www.pnbb.de
• Homepage des Kulturrat in Bochum: www.kulturrat-bochum.de




Fotostrecke:





Videoclip: "Turning Point"