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Ein Bericht mit Fotos von Christian Reder

Manche Begegnungen finden an ungewöhnlichen Orten und zu ungewöhnlichen Anlässen statt, so wie meine mit der Musik und dem Menschen Holly Loose. Immer wieder trat der Frontmann der Kapelle LETZTE INSTANZ in den vergangenen Jahren in meiner Gegend auf. Solo mit Lesungen oder zusammen mit eben erwähnter Band, doch irgendwie hat das nie mit uns gepasst.a 20190519 1800860371 Gern hätte ich ihn schon längst mal live erlebt, aber es kam ständig was dazwischen. Gestern passte aber alles, wobei es eigentlich gar nicht sein "Abend" war, den wir da besucht haben. Im Bochumer "Atelier 77" feierte die 14-jährige Cassandra mit der Familie und Freunden ihre Konfirmation. Zu so einem Anlass könnte man sich einen Alleinunterhalter mit Keyboard in den Saal stellen, der einem die Hits und Schlager der Saison auftischt oder man holt sich seine Lieblings-Band und lässt parallel zur eigenen Festivität eine öffentliche Bandprobe laufen. Letzteres hätte was und das bliebe nachhaltig in der Erinnerung. Diese Option wurde dann schließlich von Cassandra und ihren Eltern gezogen und so standen Holly Loose und sein Ensemble gestern inmitten der Familienfeier und "probten" dort was das Zeug hielt.

Schon bei unserem Eintreffen in Bochum lag eine gespannte Aufregung in der Luft. Das gemeinsame Musizieren war für 20:00 Uhr angesetzt und die Musikanten saßen eine knappe Stunde davor noch draußen - wartend bei Kaffee, Bier und Zigaretten. Ein kurzer und kräftiger Schauer zog zuvor übers Land, streifte das Gelände hier aber nur kurz und hatte inzwischen der Sonne Platz gemacht. Trotz wärmender Sonnenstrahlen, von denen es in den letzten Wochen bekanntermaßen ja viel zu wenige gab, wollte man doch lieber rein ins "Atelier" und endlich loslegen. Nichts ist langweiliger und lästiger wie Warten - das ist kein exklusives Problem von Musikern, denn die Leute vor der Bühne kennen dies ja auch. Man hatte Bock zu spielen und scharrte schon mit den Hufen. Einen Teil dieser Wartezeit nutzten Holly und ich dazu, uns über seine Solo-Arbeit zu unterhalten. Holly stellte mir als erstes seine Band vor. Neben ihm als Sänger stehen Stephan Klement (Gitarre), Sebastian Meyer (Schlagzeug), Georg Bauersfeld (Piano) und Silke Meyer alias Frau Schmitt (Violine) mit ihm gemeinsam auf der Bühne. Frau Schmitt, die der eine oder andere Leser sicher auch von der Gruppe SUBWAY TO SALLY kennen dürfte, steuert zusätzlich noch den Background-Gesang bei. Diesen Part teilt sie sich mit Hollys Tochter Lou Liberté Burchardt und Hollys Ehefrau Peggy Hoffmann. Für das Treffen am Samstagabend in Bochum war Lou aber verhindert, so dass der Chor dieses Mal nur aus zwei Damen bestand. Überhaupt ist bei Loose und seiner Formation alles ziemlich familiär - nicht nur was die Verwandtschaftsgrade innerhalb der Kapelle betrifft. Weiter erzählte mir der Musiker, dass nach seinem Erstlingswerk "Melancholia", das im Herbst 2018 veröffentlicht wurde, mit "Memoria" bereits die zweite Solo-Scheibe in der Entstehung sei. Sie wird am 2. Dezember d.J. erscheinen und Holly arbeitet bereits jetzt schon fleißig am Werden dieser Platte. Der Sänger, Komponist und Autor klärte mich außerdem noch darüber auf,b 20190519 1317543754 dass die später stattfindende Bandprobe eng mit seinem Auftritt im Oberhausener "Gdanska" verbunden sei. Dort spiele er mit seiner Band nämlich am 16. November und werde eben erwähntes neues Album live präsentieren. Die Vorfreude sei schon groß, merkte er an, und diese Nachricht löste auch bei mir gleiches aus. Langsam begaben wir uns ins Innere, man stärkte sich noch am Buffet und stand pünktlich um 20:00 Uhr an seinem Arbeitsplatz ... auf der Bühne.

Mit einem Intro und dem Stück "Irgendwann" ließen Holly und seine Truppe die Bandprobe beginnen. "Mein Name ist Holly Loose und hinter mir das Kabinett des Glücks." Mit diesen Worten begrüßte der Musiker direkt im Anschluss an den Opener die Leute im Saal. Er klärte sie kurz auf, warum und weswegen die Band gekommen war und warum sie ihre "Probe" ausgerechnet dort stattfinden ließ: "Dieser Auftritt ist einzig und allein für Cassandra!" Die Konfirmandin dürfte vor Stolz, dass ihr Lieblingssänger ausgerechnet für sie an diesem Tag dort steht und singt, um das Doppelte gewachsen sein. Und dass es Cassandras persönliche Mugge war, unterstrich Holly Loose im Verlaufe der folgenden 60 Minuten immer wieder mit persönlichen Ansprachen, in denen er die einzelnen Songs erklärte und dem Mädchen gute Ratschläge mit auf den Weg gab. Die Band fuhr mit dem langsam dahin gleitenden Song "Supernova" fort, der die Botschaft, stets auf sich selbst zu hören und der inneren Stimme zu vertrauen, in sich trägt. Diesen Tipp gab er im Anschluss auch an Cassandra weiter, damit sie entspannt durchs Leben kommen möge. Auch die anderen Songs im Set fielen nicht durch übertriebene Lautstärke oder flotte Rhythmen auf. Passend zum Titel des Albums ist die Musik der Band eher von einer gewissen Traurigkeit gezeichnet - instrumental zurückhaltend, reduziert und gefühlvoll umgesetzt. Sie geht einem direkt unter die Haut. Etwas, das auch die Stimme des Sängers schafft. Rau und tief ist sie, und wenn es sein muss auch mal sanft und weich. Den Hörer aber stets direkt berührend, wärmt Holly Loose mit seinem Instrument die Seelen aller, die ihm lauschen. Die Lieder werden von seiner Stimme getragen und zusammen mit den schon erwähnten Arrangements und der akustischen Umsetzung der Lieder durch seine Band durchwandert man während des Vortrags eine unglaublich vielschichtige Landschaft aus wunderbarer Musik und ebenso wunderbaren Inhalten. Die beiden ersten Stücke des Sets gaben da nur einen kleinen Fingerzeig auf das, was da noch folgen sollte.

"Der Stein" z.B., der von Einsamkeit handelt. Aber Einsamkeit muss ja nicht grundsätzlich etwas Schlechtes sein, wie Holly in der Anmoderation selbst sagte. Immerhin bietet sie einem Gelegenheit, in sich hinein zu hören und Dinge in aller Ruhe zu durchdenken. Auch "Muscheln am Strand", das etwas flotter arrangiert ist und eine sehr private Geschichte erzählt,c 20190519 1422715292 erfüllt alle Kriterien für einen gelungenen Song, der den Zuhörer erreicht und ihn in Regionen des Körpers berührt, wo andere Künstler nicht einmal mit einem Skalpell hinkommen würden. Dies wird nicht zuletzt auch durch die besondere Vortragsweise Looses ausgelöst, der bei dieser Nummer eher sprechend als singend zu Werke geht. Feierte man in Bochum an diesem Tag zwar das Leben, ließ uns Loose aber nicht vergessen, dass zum Leben auch der Tod gehört und dass auch ein "Engel sterben kann". Im Lied "Unsere Zeit" wird der Tod zum Thema. Das Bewusstsein, dass eben nicht alles für die Ewigkeit ist und man selbst auch irgendwann "dran" ist, sollte man immer im Hinterkopf behalten. Auch hier wird die Musik einmal mehr auf das Nötigste reduziert, ohne dabei langweilig zu werden. Ein Kunststück, das Frontmann und Band sehr gut beherrschen, wie wir bis zu diesem Punkt des gemeinsamen Musizierens schon mehrfach bemerken konnten und das auch am Ende des Tages eine der vielen positiven Erkenntnisse war. Erwähnen möchte ich unbedingt noch die von Holly Loose und seiner Band unglaublich gut in Szene gesetzte Theodor Fontane-Ballade "John Maynard". Looses Art des Vortrags sowie die auf den Punkt gebrachte musikalische Umsetzung durch die Musiker machen aus dem Stück etwas, das einem nicht wieder aus dem Kopf geht. Die Nummer beginnt sacht und steigert sich Stück für Stück, sowohl instrumental als auch vom Gesang. Es dauert nicht lang und ein wohliger Schauer läuft Dir den Rücken runter. Ein weiteres Mal landet der Protagonist mit seiner Kunst tief unter der Haut und tief im Inneren der Leute, die ihre Begeisterung ob dieses Erlebnisses schon während des Vortrags kaum verbergen konnten. Diese Begeisterung entlud sich dann auch direkt im Anschluss in Form von Jubel und Standing Ovation.

Die Band scheint sich gesucht und gefunden zu haben. Hier greift ein Rädchen ins andere und zwischen den Musikern herrscht eine spür- und hörbare Harmonie. Besonders schön zu hören ist auch der Einsatz der beiden Damen als gesangliche Verstärkung für Holly Loose. Frau Schmitt und Frau Hoffmann sind für das Weichzeichnen von Looses dunkler Stimme verantwortlich und sorgen für ein harmonisches Gesamtbild, das an mancher Stelle auch mal Enyas Anwesenheit im Saal vermuten lässt. Zwischen Schwermut und Traurigkeit ist bei Holly Loose und seiner Band auch viel Leichtigkeit und Hoffnung dabei. Die Lieder sind mehr als nur eine Einladung, in die Musik und Geschichten einzutauchen. Sie sind die Freikarten für diese Reise, auf die man herzlich eingeladen wird und während der man von jedem der Musiker mit Herzenswärme und großer Freude an dem, was man dort tut, begleitet wird.

Bevor die Bandprobe ein Ende fand, ließ es sich Holly nicht nehmen, der Konfirmandin noch einen Text vorzulesen, in dem es um das Erwachsenwerden und die verschiedenen Bräuche in der Welt ging, wie dieser Schritt aus der Kindheit heraus vollzogen wird. Am Ende übergab er dem Mädel ein selbstgebackenes Brot, auf dass sie niemals hungern müsse, und eine Flasche Wasser gegen den Durst.d 20190519 1446519939 War Cassandra durch diese tolle Mugge mit den vielen persönlichen Ansprachen und dem eben erwähnten Schlussvortrag schon reichlich beschenkt, gab es mit einer eigenen Version von "Hallelujah" - im Original vom kanadischen Singer-Songwriter Leonard Cohen - noch eins oben drauf. Gefühlt jeder zweite Casting-Show-Bewerber wählt dieses Stück inzwischen als Bewerbungsunterlage aus und man meint, es deshalb schon nicht mehr hören zu können. Holly entschädigte mit seinem mit einfachen Worten nicht zu beschreibenden Vortrag jedoch für so viele erlittene Blessuren, die man sich beim Anhören so mancher Versuche eingefangen hat. Loose "glänzte" und "leuchtete" an diesem Abend einmal mehr und wurde so tatsächlich der Stern der Sterne.

Manche Begegnungen brauchen eben diesen einen besonderen Anlass, um endlich stattfinden zu können. Ein normales Konzert von Holly oder seiner "Instanz" wäre sicher auch in guter Erinnerung geblieben, aber dieses Konzert in Bochum wird es ganz besonders tun. Nicht, weil der Anlass und das Umfeld so ungewöhnlich war, sondern weil einfach alles gepasst hat. Das Wetter draußen vor der Tür mit seinem Wechsel aus tiefdunklen Wolken, kurzen Regenschauern und dem aufreißenden Himmel mit anschließendem Sonnenschein, das man durch die beiden großen Fenster gut beobachten konnte, bot den passenden Hintergrund zu dieser inhaltlichen Mischung, die die Musiker dort perfekt dargeboten haben. Ein besseres Bühnenbild kannst Du Dir nicht malen. Bei aller Schwermut, die das Programm in sich trägt, helfen die Stücke einem doch, nach stressigen Tagen im Alltag wieder runter zu kommen ... anzukommen. Solltet Ihr in Eurer Nähe ein Plakat entdecken, auf dem ein Konzert von Holly & Band angekündigt wird, überlegt nicht lange. Hingehen, Energie tanken und eine Menge von dort mit ins Leben nehmen. Es lohnt sich!



Setlist:
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Termine:
Alle Termine von Holly (solo und mit Band) findet Ihr HIER



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Holly Loose: www.holly-loose.com





   
   
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