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Ein Konzertbericht mit Fotos von Hartmut Helms + Pressefotos (Textillustration)



Mein Musikgeschmack wurde in den 1960er Jahren geprägt. Künstler wie Bob Dylan, die Beatles und Rolling Stones sowie The Who, The Small Faces und The Byrds hielten die Prägestempel dafür in ihren Händen. Als dann noch Jimi Hendrix sowie Cream in die gleiche Kerbe kloppten, begann (m)eine wilde Reise, die sich fünf Dekaden später noch immer in voller Fahrt anfühlt.a 20190504 1714719904 Seither habe ich einige hundert Konzerte gesehen, darunter Ikonen wie Deep Purple (Mark II), Czeslaw Niemen und mehrmals sogar Colosseum, auch zu deren Abschiedstour, und mir viele andere einmalige Erinnerungen eingefangen. Als ich erfuhr, dass drei Herren - nämlich Hiseman, Clempson & Clarke - als JCM weitermachen würden, hatte ich sofort das Gefühl, eine Supergruppe wie die legendären Cream sei aus der Taufe gehoben. Doch Hiseman erlag völlig überraschend einem Tumorleiden und mein Traum, dieses Power-Trio live zu erleben, schien endgültig geplatzt. Doch mit Ralph Salmins, Musiker und Professor für Percussions und Pauken, fanden die beiden "Hinterbliebenen" mehr als nur einen "Ersatzmann" und ausgerechnet am 1. Mai dieses Jahres, dem "Kampf- und Feiertag der Werktätigen", wollen JCM in der Kulturbastion Torgau mit uns "In Memory Of Jon Hiseman" feiern. Also bin ich wieder zwei Stunden auf den Pisten, um diesmal vor dem Bühnenrand der Bastion, wo ich bis vor fünf Jahren oft und gern gute Live-Musik genießen durfte, stehen zu können. Ich bin endlich wieder da angekommen, wo ich herkam: Weder "Ostrock" noch "Westmusik", sondern einfach nur fette Rockmusik und volle Breitseite auf die Zwölf.

In der Kulturbastion kann man sich die "Breitseite voll auf die Zwölf" direkt an der Bühnenkante und in Armlänge zu den Musikern abholen. Dort stehen heute locker hundert Jahre Bühnen- und Studioleben als Musiker auf der Bühne. Eine geballte Ladung Energie, wie man sie im Heute nur noch sehr selten zu Gesicht, geschweige denn zu hören bekommt. All diese Erfahrungen haben sie in das neue Album "Heroes" (Helden), eine Hommage an ehemaligen Weggefährten der Bandgründer, gepackt. Genau deshalb stehe ich vor dieser Mini-Bühne. Ich will die Songs vom Album, das meinem Musikempfinden so sehr nahe kommt, nun auch endlich live hören. Die Stimmung um mich herum ist gelöst, das Haar der meisten grau und wer noch genug davon hat, trägt es stolz lang und länger. Meine Mai-Nelke wird von einigen "bewundert", aber das ist auch Absicht. Schließlich besang einst sogar John Lennon den "Working Class Hero". Passt doch!

Die erste musikalische Verbeugung der Band gilt mit "The Kettle" dem Colosseum-Mitbegründer sowie exzellenten Saxophonisten Dick Heckstall-Smith. Die Nummer poltert geradezu in den engen Schlauch über die Köpfe der Stehenden hinweg. Sänger und Bassist MARK CLARKE gibt gleich zu Beginn alles. Kein Warmlaufen, kein langes Fackeln: "Why the kettle dry?" Wann wurde schon einmal ein trockener Wasserkocher besungen? Rock'n'Roll macht's möglich.

b 20190504 2088645148Mit einem Song von Tempest, einem der Splitterprojekte der Herren, erleben wir fulminantes Spiel auf Gitarrensaiten, im Doppel mit dem Bass gespielt. Doch ehe CLEM CLEMPSON so richtig über dieselben fegen kann, reißt ihm tatsächlich der hohe E-Draht. Doch der Mann zieht den Song, inklusive einem wilden Solo, bis zum Schluss durch und entlockt MARK CLARKE am Gesang ein leises Lächeln. Respekt! In dem Augenblick ist die einsame Klasse der Musiker für alle sichtbar! Es ist ein echtes Vergnügen, das Miteinander der beiden Saitenzauberer aus nächster Nähe zu beobachten. Auch beim folgenden Song "Weird Of Hermiston", einem Stück von Jack Bruce aus dem Album "Songs For A Taylor" (1969), genieße ich den exklusiven Umgang mit dem Original, bei dem ein Piano die Hauptrolle spielt. Dieses neue Arrangement von JCM verwandelt den Klassiker in eine zeitgemäße neue Variante und MARK als Sänger kommt dem Timbre eines Jack Bruce auch verdammt nahe. In solchen Momenten spüre ich, dass es gut war, den Weg aus dem Harz nach Torgau gewählt zu haben. Mit "Rivers" von Gary Moore, aus den Zeiten von Colosseum II, lassen sie eine weitere schöne Ballade folgen. Auch diesmal gelingt es den drei Könnern, das Fehlen eines dominierenden Instruments, der Orgel, auf wundersame Weise zu kaschieren. Ein Mal mehr erweist sich MARK CLARK als einfühlsamer und ausdrucksstarker Sänger, der bei Colosseum oft im Schatten von Chris Farlowe eine Nebenrolle am Mikrofon einnahm. Hier kann er auf ganzer Linie seine Stimme zur Geltung bringen. Ich bin, direkt vor ihm stehend, echt begeistert.

Was mich an dieser Musik auch fasziniert, das ist deren Ursprünglichkeit. Immerhin schrieb eine Jazz-Sängerin namens Ida Cox schon 1927 diesen Song, aus dem Humble Pie, mit Steve Marriott und Peter Frampton als Gitarristen und Sänger, einen vom Blues durchtränkten heavy Rocker schmiedeten. Auf dem Doppel-Live-Album "Rockin' The Fillmore" (1971) veröffentlicht und nachzuhören. Den Klassiker haben JCM in unsere Tage transformiert und zur Hölle, dieses "Four Days Creep" klingt noch immer schweißtriefend und so lasziv, dass einem davon acht Minuten lang schwindelig werden könnte. Mein Körper wiegt sich im zähflüssigen Blues-Riff der Gitarre, die Füße stampfen die wuchtigen Bass-Töne in den Boden, die dem Rhythmus folgen. RALPH SALMINS schlägt differenzierte Abläufe auf Becken sowie die Felle und treibt die beiden Saitenhexer an. Für einige Minuten könnte man glauben, Cream wären auferstanden, um "Spoonful" neu zu interpretieren.c 20190504 1506344338 Aber heute musizieren nicht Clapton und Bruce, sondern CLEM CLEMPSON und MARK CLARKE mit einem bestens aufgelegten RALPH SALMINS im Rücken und allen Dreien gelingt es, mit den "vier Tage kriechen" eine kleine Horde älterer Fans zu verzaubern. Ob Cream oder JCM, das Gefühl jedenfalls scheint mir selbst nach Jahren das gleiche zu sein und wen interessieren schon Übersetzungen in deutsche Worte?!

Der Abend gestaltet sich zu einer Reise durch die Rock-Historie. Mit jedem weiteren Song verbinden sich Namen, die ein Stück davon geschrieben haben. Wir bekommen auch, Gott hab' sie selig, Stücke von Colosseum, wie "Skelington" und die "Morning Story", zu hören. Dafür steigt CLEM CLEMPSON auf seine akustische Gitarre um und MARK wird sogar zu dem "der mit dem Bass tanzt". Der Mann lebt diese Songs, wie den "Tommorow's Blues", mit allen Fasern seines großen Musikerherzens und drückt sie tatsächlich in tanzenden Bewegungen aus. Es ist hinreißend, die drei rockenden Herren zu erleben. Nichts von dem, was hier geschieht, fühlt sich wie eine einstudierte Show an. Vieles entspringt dem Augenblick, der sich nicht an der am Boden liegenden Set-List orientiert. Manchmal schleicht sich, wie beim "Tomorrow's Blues", sogar ein wenig Swing in die fließenden Abläufe. Nichts ist unmöglich, alles kann geschehen.

Das Konzert in der Bastion reiht einen Höhepunkt an den nächsten, dabei steht uns das furiose Finale erst noch bevor. Es liegt etwas in der Luft, als sich CLEMPSON und CLARKE für ein Solo des Drummers dezent zur Seite begeben. Es knistert, die Spots scheinen zu flackern und ein paar Leute drängen mit ihren Handys nach vorn, um den Moment, der einige Minuten andauern wird, einzufangen. Eben noch hat RALPH SALMINS, der Drums-Professor, brachial den Rhythmus vorgegeben. Plötzlich wird es leise, also richtig still, denn das, was da gerade geschieht, löst sich immer mehr in feine rhythmische Details auf, wird filigraner, dezenter und scheinbar auch irgendwie breiter in seiner klanglichen Ausdehnung. Der Mann zaubert mit den Sticks, mit den Besen und letztlich mit den bloßen Händen, streichelt seine Becken und über die Felle, wobei er, im wahren Sinne des Wortes, bisher "unerhörte" Klangvarianten erzeugt und sein Publikum überrascht.d 20190504 1853772518 Ich glaube, schon einige Schlagzeug-Soli gehört und gesehen zu haben, doch dieses hier, aus den Händen von RALPH SALMINS, hat seine Bezeichnung "solistisch" auch wirklich verdient und erinnert vielleicht am ehesten an die Spielauffassung eines Ginger Baker. Nach dem Konzert werde ich es ihm sagen und ein verschmitztes Lächeln in seinen Augen entdecken.

Ohne Bruch geht das Solo in das abschließende Instrumentalstück "The Inquisition" aus Colosseum II Tagen über. Noch einmal erleben wir CLEMPSON, CLARKE & SALMINS im Rausch des Zusammenspiels und die knisternde Atmosphäre eines Power-Trios. Spannung und die pure Leidenschaft paaren sich beim Spiel exzellenter Könner ihres Faches. Genau das ist es auch, was mich total begeistert und was ich mit in die nächsten Tage und Wochen nehmen werde: Energie, Lust und Leidenschaft. Während auf der Bühne noch eine Zugabe abgefackelt wird, stehe ich noch völlig benommen von dem gerade Erlebten. Als sich die drei Herren zum Abschied verneigen, wird mir bewusst, dass dies hier noch ein richtiges Rock-Konzert war. Pulsierende Lebenslust in wilde und leise Töne gegossen, um das Leben zu kommentieren und Freude zu verbreiten. Vielen Dank dem Trio JCM und danke auch Uwe für die Möglichkeit, dabei sein zu können. Auch wenn der Weg nach Torgau um vieles länger ist als früher, das Empfinden unter Gleichgesinnten zu sein, hat mich gefühlt ein paar Jahre jünger gemacht. Es ist nur Rock'n'Roll, aber ich liebe es!



Termine:
• 04.05.2019 - Worpswede - Musichall
• 05.05.2019 - Dortmund - Musiktheater Piano
• 13.06.2019 - Ulm - Ulmer Zelt

Angaben ohne Gewähr! Nähere Infos und weitere Termine auf der bandeigenen Homepage



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von JMC: www.jcmband.com
• Homepage der Kulturbastion in Torgau: www.kulturbastion.de





Fotostrecke:



 

 


   
   
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