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Ein Bericht mit Fotos von Christian Reder + zusätzlichen
Fotos von Moni Schwarza und Ben Wolf (Textillustration)



Ich bin morgens auch immer müde. Und dass ich am Abend munter werde, ist ebenfalls kein Geheimnis. Darum ist die von der Gruppe LAING so herrlich neu verpackte Trude Herr-Nummer, mit der sie im September 2012 beim Bundesvision Song Contest antraten, auch irgendwie zu meiner kleinen persönlichen Hymne geworden.a 20190126 1989966138 Aber der Song war nur der mediale Türöffner für die Berliner Gesangsgruppe LAING um Leadsängerin, Songwriterin und Produzentin Nicola Rost. Schon damals hatten sie andere und vor allen Dingen eigene Lieder im Gepäck, die ebenfalls zu begeistern wussten. Zu finden auf ihrer ersten Veröffentlichung, der 2011 erschienenen EP "030/57707886". Seitdem sind ein paar Jahre ins Land gezogen und drei Alben erschienen. Das neueste Werk heißt "fotogena" und ist im September des letzten Jahres erschienen. Damit befindet sich LAING derzeit auf großer Deutschland-Tour und machte am Freitagabend Station in der Essener "Zeche Carl".

Im Ruhrpott macht der Winter gerade eine Pause. Den in der Woche gefallenen Schnee fraß ein seit dem Nachmittag fallender Nieselregen auf und die Wettervorhersagen warnten vor gefrierender Nässe und Glatteis. Dies konnte mich aber nicht davon abhalten, den kurzen Weg nach Essen auf mich zu nehmen, um eingangs erwähntes Konzert der Gruppe LAING zu besuchen. Der Abend hatte für mich einen doppelten Reiz, konnte ich neben den Damen von LAING im Vorprogramm doch eine gute alte Bekannte wiedertreffen, die ich zuletzt noch im vergangenen November mit einem ihrer anderen Musik-Projekte sah. Es war auch mein erster Konzert-Besuch in der "Zeche Carl", wo laut all den aushängenden Plakaten sonst wohl eher die Comedy-Fraktion ihre Heimstatt hat. Die Lokalität gehört definitiv zu den charmanten Veranstaltungsorten hier im Pott und ist eine der zahlreichen Industrie-Denkmäler. Die Gebäude der vielen hier früher mal ansässigen Zechen bieten sich für ein Umfunktionieren zu einer Konzerthalle regelrecht an.

Der Saal war bei meinem Eintreffen schon gut gefüllt und sollte zu Beginn der Mugge auch komplett ausverkauft sein. Ich hatte zumindest kaum noch freien Platz entdecken können. Die Leute hatten Bock auf LAING, und die traten im Verlauf ihrer Tour nicht zum ersten Mal vor ausverkauftem Hause auf. Wer zu spät kommt, den straft bekanntlich das Leben und so waren die guten Plätze natürlich alle vergeben. Zum Fotografieren war das hier alles andere als Optimal, zumal man sich später im Saal auch kaum noch bewegen und von einem Ort zum anderen begeben konnte. Daher bin ich mit der Ausbeute meiner Bilder dieses Mal auch alles andere als zufrieden.

Der Abend wurde pünktlich um 20:00 Uhr mit dem Vorprogramm von KING MAMI eröffnet. KING MAMI ist nicht nur der Spitzname des männlichen Teils dieses Duos, sondern eben auch der Name des Projekts, hinter dem "die künstlerische Liebe auf den ersten Blick von Luci van Org und Daniel Zillmann" steckt.b 20190126 1213006416 Luci van Org muss man hier längst niemandem mehr vorstellen, denn sie und ihre zahlreichen Projekte waren in den letzten Jahren immer wieder ein Thema hier. Egal ob die Band UEBERMUTTER, ihre Lesungen oder auch ihre vielen Kooperationen mit anderen Künstlern, die Berliner Musikerin und Autorin war schon öfter bei Deutsche Mugge zu Gast. Mit den MEYSTERSINGERN stand sie im Herbst 2014 sogar auf der "Deutsche Mugge-Bühne" in Castrop-Rauxel. Über Daniel Zillmann sollten an dieser Stelle dann doch noch zwei bis drei Worte verloren werden. Ihn kennt man als Schauspieler u.a. aus Leander Hausmanns 2005er Kinofilm "NVA", dem 2006er Till Schweiger-Streifen "Wo ist Fred?" und aus diversen TV-Produktionen ("Tatort", "Wilsberg", "Der Turm", "Bella Block" u.v.a.). Auch als Synchronsprecher ist er tätig und seine Stimme war z.B. in den Animationsfilmen "Hotel Transsilvanien" (in der Rolle des Murray), "Home" (in der Rolle des Kyle) und "Zoomania" (in der Rolle des Clawhauser) zu hören. Rollen in Hörspielen und in Theaterstücken kommen noch dazu, und auch in der Musikwelt treibt der stattliche Herr sein Unwesen. Zillmann war Leadsänger der Band NORMA JEANE BAKER und schloss sich im Jahre 2016 mit Luci für das Musikprojekt KING MAMI zusammen. Eine fünf Titel umfassende EP ist bereits fertig und wird während der Tour, auf der sie die Gruppe LAING begleiten, schon fleißig verkauft. An dem ersten Album wird noch gearbeitet. Die Songs dieser EP waren in der halben Stunde vor dem Hauptprogramm auch Bestandteil ihrer Aufführung.

KING MAMI lieferten in Essen ein Vorprogramm ab, das weit mehr als nur ein "Anheizen" für den Haupt-Act war. In der ersten Reihe vor der Bühne fanden sich diverse Konzertbesucher wieder, die textsicher die Lieder des Duos mitsangen. Sowas sieht man sonst eher selten ...c 20190126 1249313512 Musikalisch und inhaltlich boten Luci und Daniel zudem etwas völlig anderes, als es das zu erwartende Hauptprogramm versprach. Zwar ist auch ihre Musik überwiegend elektronisch erzeugt, aber sowohl von der Performance als auch von den Inhalten unterscheidet es sich doch sehr. Los ging es mit dem Song "My Time", und das Duo ließ das Publikum vom ersten Ton an wissen, dass es hier ordentlich zur Sache gehen wird. Die auf der EP zu findenden Songs sind feinster Elektro-Pop, der alles andere als von der Stange ist oder am Reißbrett entworfen wurde. Der Beat fährt ins Bein, die Melodien sind herrlich anders und graben sich tief ins Ohr, aber das Hauptaugenmerk liegt auf den Gesangsleistungen der beiden Künstler. Während sich Luci mehr im Hintergrund bewegt und den gesanglichen Vortrag ihres Kollegen abrundet, fällt Daniel Zillmann durch seine enorme Röhre auf. Da ist ordentlich Bums in der Stimme, und dieser Bums begleitet die Zuhörer über die volle Distanz des vorgetragenen Programms. Auch in den ruhigen Momenten ihres Auftritts sticht der Mann in dem glänzenden "Schlafanzug" mit den Hochwasserhosen heraus. Luci veredelt dies mit ihrer Stimme als höchst aufregender Kontrast zu ihrem Bühnenpartner. Dazu steuert sie Tanzeinlagen bei und greift bei zwei Songs auch zur Gitarre. In der Sprache, mit der sie ihre Botschaften transportieren, sind sich die beiden wohl noch nicht einig, denn es gibt sowohl deutsche als auch englische Texte. Inhaltlich geht es bei dem Berliner Duo definitiv nicht um 08/15-Themen. Es wird über die eigenen Eltern gesungen und darüber, dass man ihnen aus lauter Dankbarkeit für alles das Haus bezahlen wird, wenn man erst mal zu Geld gekommen ist ("Euer Haus") und man thematisiert das eigene Übergewicht, um gleichzeitig auch klar zu stellen, dass das durchaus seinen Reiz hat, wenn man mehr auf den Hüften hat ("Jabba The Hot"). Insgesamt war der Auftritt von KING MAMI ruck zuck vorbei. Die sechs Titel, von denen einer so brandneu war, dass er nur akustisch und ohne Elektrosounds vorgetragen wurde ("Another 10 Days"), rauschten wie ein D-Zug an einem vorbei und man war überrascht, wie kurz eine halbe Stunde sein kann. Das machte Spaß und Lust auf mehr. Man darf gespannt sein, was von KING MAMI zukünftig noch kommen wird, vor allem auf das komplette Album.

d 20190126 1120176465Nach einer für meinen Geschmack viel zu langen Umbaupause von 30 Minuten (!) und ersten lauten Aufforderungen des Publikums, die Damen von LAING mögen doch endlich an ihren Arbeitsplatz kommen, erlosch um 21:00 Uhr das Licht im Saal. Als die Scheinwerfer kurz darauf Licht auf die Bühne warfen, hatten die Protagonistinnen längst ihre Plätzen eingenommen und befanden sich mitten im Vortrag des ersten Stücks. Mit dem Titel "Camera" von ihrer im September 2018 erschienenen LP "Fotogena" legte das Gesangs-Trio, bestehend aus Nicola Rost, Jahonna Marschall und Josefine Werner, druckvoll los und auch Tänzerin Marisa Akeny hatte im hinteren Bühnenbereich links auf ihrem Podest den ersten Einsatz. Und schon an dieser Stelle des Konzerts und über die Textzeile, "Du weißt, wenn du jetzt nicht schießt, mach ich's mir Selfie", war einem klar, warum man sich auf den Weg in die "Zeche Carl" und zu LAING gemacht hatte: Es ist dieser kesse Wortwitz, diese Spielerei mit der "modernen" Sprache, diese kokette Art des Vortrags und vor allem die großartige gesangliche Darbietung dieser Band, die einen magisch anziehen. Es gibt bei LAING nicht nur was für die Ohren, sondern auch eine ganze Menge fürs Auge!

Weniger fürs Auge ist die Band, denn ein großes Instrumentarium suchte man auf der Bühne vergeblich - was auch die eben schon erwähnte lange Umbaupause so unerklärlich machte. Die Begleitband der drei Sängerinnen und der Tänzerin besteht nämlich nur aus einem Mann: Schlagzeuger Alex Schildhauer spielt neben dem Schlagzeug auch die elektronische Musik aus dem Laptop ein, so liegt all die Verantwortung für das Gelingen auf seinen Schultern. Und das meisterte er in Essen mit Bravour. Das hatte zwar gar nix mit Rock'n'Roll zu tun, aber das, worum es in der Live-Show von LAING geht, fand an der Bühnenkante vorn und hinten links auf dem Podest statt: Gesang und Tanz, perfektes Styling (die Damen wissen sich kleidungsmäßig immer wieder neu in Szene zu setzen) und satter Sound, treibende und zum Tanzen animierende Beats und die durch die Bank bemerkenswerten Texte sind die wichtigsten Zutaten dieser Show,e 20190126 2091280064 die das Publikum von der ersten Minute an fesseln. So auch in Essen, wo der rappelvolle Saal in bester Party-Laune war und den vier Damen und dem einzelnen Herrn auf der Bühne immer wieder mit Applaus und Zwischenrufen für ihre Leistung dankte.

Die Setlist des Abends bestand aus einer ausgesprochen gut zusammengestellten Mischung von Songs ihrer bisher erschienenen drei Alben. Dabei ging es Schlag auf Schlag und die Dramaturgie in der Reihenfolge gab den Damen recht, denn der Spannungsbogen wurde an keiner Stelle des knapp zwei-stündigen Programms unterbrochen. Im Vordergrund stand natürlich das aktuelle Album "Fotogena", dessen Schriftzug auch als Neonleuchtreklame im Bühnenhintergrund vor all dem Lametta gut sichtbar für jeden aufgehängt war. Nach dem Operner "Camera" folgten aus eben dieser neuen Platte noch die Titel "Nein", "Du bist Dir nicht mehr sicher", "Hoch ist die richtige Richtung", "Organspende", "Nieselregen", "Puzzle" und "Unberechenbar", und präsentierten eben diese Langrille in voller "Live-Schönheit". Dazu bzw. dazwischen wurden dem Publikum von den vorher veröffentlichten Platten u.a. die bekannten und beliebten Hits "Safari", "Zeig deine Muskeln", "Paradis naiv", "Maschinell" und natürlich der BVSC-Beitrag "Ich bin morgens immer müde" gereicht. Dies mit einem erfrischenden und spritzigen Vortrag, bei dem das Ensemble mit Solo- und Satzgesang auf ganzer Linie überzeugen konnte. In ihren Liedern verpacken die Mädels allerlei Beobachtungen aus dem wilden Leben. Sei es der Selbstdarstellungswahn der Selfie-Generation, der ständige Drang sich selbst zu optimieren oder das Zwischenmenschliche, mit all seinem Problemen und Feinheiten, LAING besingen die Welt der Erwachsenen, deren Probleme sich mit denen der BRAVO-lesenden Teenager-Fraktion nur auf den ersten Blick unterscheiden.

f 20190126 1478836049LAING setzen sich nicht nur mit ihren Studio-Produktionen deutlich von der Mainstream-Pop-Sülze ab, mit der der Rundfunk seine Hörer inzwischen narkotisiert, sondern macht auch live auf der Bühne eine ganze Menge Spaß. Nach wenigen Takten fällt gar nicht mehr auf, dass da eine Band fehlt, denn sowohl die drei hübschen Damen an den drei Mikrofon-Lampen-Ständern in der Bühnenmitte, als auch ihre tanzende Kollegin im Hintergrund sind Eye- und Earcatcher zugleich. Da ist Bewegung im Spiel, die Stimmen harmonieren und transportieren die pointierten und frechen Inhalte ans Ohr des Konsumenten und bilden ein Gesamtkunstwerk, von dem man sich knapp zwei Stunden lang einfach nur berieseln lassen muss. Am Ende geht man gut ernährt und ebenso gut unterhalten nach Hause und zehrt davon noch eine ganze Weile. Oder man hat sich so in Stimmung bringen lassen, dass man zum Wiederholungstäter wird und eine oder zwei weitere der noch ausstehenden Rest-Shows der Tour mitnimmt. Mich gelüstet es im Moment jedenfalls nach einer Zugabe von zwei bis sechs Stunden ...



LAING auf Tour ...
• 26.01.2019 - Bremen - Lagerhaus
• 27.01.2019 - Osnabrück - Lagerhalle
• 29.01.2019 - Frankfurt/M. - Zoom
• 30.01.2019 - Hannover - Musikzentrum
• 31.01.2019 - Berlin - Astra

Alle Angaben ohne Gewähr! Nähere Infos auf der Homepage von LAING



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von LAING: www.laing-musik.de
• Off. Homepage von Daniel Zillmann aka KING MAMI: www.danielzillmann.de
• Off. Homepage von Luci van Org: www.lucivanorg.de
• Homepage der "Zeche Carl" in Essen: www.zechecarl.de






Fotostrecke:

 
Vorprogramm: King Mami
 


   
   
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