000 20181126 1598678928
 
Ein  Konzertbericht von  Thorsten Murr mit
Fotos von Thorsten Murr und T.S. Polivka



Das Lucerna in Prag
Das in der Innenstadt Prags gelegene Lucerna, ein siebenstöckiger Gebäudekomplex, in dessen Erdgeschoss sich eine glitzernde Einkaufspassage befindet, war das erste moderne Mehrzweckgebäude in Prag. Es wurde von 1907 bis 1920 erbaut. Das Haus war einst von Vaclav Havel geplant worden, dem Großvater des gleichnamigen Schriftstellers und tschechischen Staatspräsidenten.a 20181126 1568800875 Um zu den Parkettplätzen des prunkvollen "Großen Saals", dem Ort des Konzertes, zu gelangen, bewegt man sich zunächst durch einen eleganten Eingangsbereich, und dann die Treppen hinunter, vorbei an den Rängen des Saales, drei Stockwerke in die Tiefe. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass sich in Prag allerhand in der Tiefe abspielt. Sei es die Metro, zu deren Bahnsteigen man nur mit wirklich langen und erstaunlich schnellen Rolltreppen gelangt oder seien es die riesigen Kellerräume, die sich unter den vielen von der Straße her klein erscheinenden Kneipen und Bars ausdehnen. Die Sicherheitsleute sind hier alles andere als ein auf Abschreckung getrimmter Rauswerfer-Trupp: In ihren schwarzen Anzügen und Bluesbrothers-Hüten geben sie dem heutigen Ereignis einen feinen Glanz und zusätzliche Würde. So geht es also auch. Sehr schön. Wir haben Sitzplätze im Parkett, nicht ganz vorn, aber auch nicht weit hinten. Alles bestens. Nur schade, dass ich keine Fotoerlaubnis bekommen habe und mal wieder improvisieren muss.

Opening: Starker Bluesrock von Luboš Andršt & Energit
Den Abend eröffnet eine tschechische Bluesband, die sowohl augenscheinlich als auch vom musikalischen Eindruck her schon eine Weile im Geschäft ist. Besetzung: Gitarre, Bass, Drums und Keyboard. Irgendwie erinnern sie mich an Engerling, nicht so sehr vom Stil her, eher vom Gefühl. Von der Generation her passt der Vergleich auf jeden Fall. Es geht mächtig rockig ans Werk. "Rock Me Baby", "The Thrill Is Gone" - aufgeführt wird eine Reihe vertrauter internationaler Bluesklassiker, fein gespielt, handwerklich solide und sehr angenehm arrangiert. Die Gitarre klingt phasenweise sehr nach B.B. King. Ich fühle mich schon wie zu Hause - aber es geht mir ja meistens so, wenn die Musik einsetzt. Einen unserer tschechischen Sitznachbarn bitte ich, mir den Namen der Band aufzuschreiben. Er notiert ihn, geht auf mein Interesse ein und bedeutet mir in einem Mix aus Deutsch, Englisch und Tschechisch, dass es sich um eine in Tschechien sehr angesehene Band handelt. Er selbst sei übrigens Veranstalter eines großen Southern-Rock-Festivals ...

"Luboš Andršt & Energit" heißt das Ensemble. Im Internet erfahre ich, dass der Gitarrist Luboš Andršt, um die 70 Jahre alt, in der Tat eine zentrale Figur der tschechischen Bluesszene ist und bereits zweimal die Ehre hatte mit B.B. King - so klang es ja bereits - zu spielen. Mir gefällt die Band richtig gut, zumal sie stark rocken. Es gibt jede Menge Videoclips von dem Abend, auch von den früheren Auftritten mit B.B. King. Heute nun ist Luboš Andršt der Opener für (Oh, darf ich das so schreiben?) eine der letzten noch lebenden schwarzen Blues-Ikonen, Mr. Buddy Guy.

b 20181126 1347878868Die lebende Legende: Buddy Guy
Nach einer Pause betritt dann die Begleitband des Hauptacts die Bühne. Und kurz darauf erscheint auch der Star. Mit einem Medley des Albums "Damn Right I've Got the Blues" geht es auf die Reise - eine Reise, die über etliche Highlights der amerikanischen und englischen Bluesgeschichte führt. Mir wird bewusst, dass es heute eher eine Art Blues-Revue wird als ein Blueskonzert.

Das zweite Medley besteht aus den Muddy-Waters-Stücken "Hoochie Coochie Man" und "Nineteen Years Old", dem 1938 von Tampa Red aufgenommenen "Love Her With a Feeling" und dem Hendrix-Brecher "Purple Haze" - womit in etwa vorweg genommen wird, in welchem stilistischem Spektrum wir uns heute bewegen werden. Buddy Guys Band besteht aus einem zweiten Gitarristen, der von Zeit zu Zeit bemerkenswerte und bluestypisch ausgedehnte Soli beisteuert, während derer sich der Chef ganz lässig in den Hintergrund begibt oder sich aufs Singen beschränkt, Drums, Bass und Keyboard. Im späteren Verlauf kommen zu einem Stück zwei junge Sängerinnen hinzu, wobei ich allerdings nicht verstehen kann, um wen es sich dabei handelt. Leider kann ich auch nicht herausfinden, wie die anderen Musiker der Band heißen.

Selbstverständlich klingt alles perfekt, und auch mit der gleich am Anfang des Auftrittes gerissenen Gitarrensaite wird kokettiert - Buddy Guy kann natürlich auch auf nur fünf Saiten Erstaunliches spielen - bis ihm ein Ersatzinstrument gereicht wird.

c 20181126 1243078595Blues-Revue von Willie Dixon bis Cream
Die Setlist besteht größtenteils aus Coverstücken - John Lee Hooker, Willie Dixon, B.B. King, Peggy Lee, Clapton, Hendrix. Es ist ja oftmals so, dass man bei vielen Klassikern und Standards des Genres gar nicht mehr weiß, wer den Song eigentlich einst geschrieben und dabei wiederum bei einem noch älteren Künstler abgeschrieben hat. Aber geht es darum? Ich denke, die Blueser sind diesbezüglich alle ziemlich entspannt. Jeder covert jeden, und alle sind miteinander glücklich.

Bei diesem unterhaltsamen Surfen durch die Bluesgeschichte zeigt Buddy Guy auch, dass er zwischen den verschiedensten Stilen variieren kann. Mal klingt seine Gitarre wie von B.B. King, dann wieder wie von Jimi Hendrix. Ziemlich zum Schluss gibt's dann auch die Cream-Hits "Strange Brew" und "Sunshine Of Your Love". Lachend macht er sich einen Spaß daraus, die Klampfe mit den Zähnen zu spielen, hinter seinem Rücken, über seinem Kopf und schließlich auch noch mit einem Handtuch auf dem Griffbrett. Kunststückchen, die beim Publikum gut ankommen. Blues kann eben auch Spaß machen! Überhaupt ist es bemerkenswert, mit welcher Lockerheit und Offenheit sich der 82-jährige Buddy Guy gegenüber seinem Publikum verhält, und wie er es schafft, den guten alten Blues so unterhaltsam zu zelebrieren, dass man meinen könnte, man sei in einem Pop-Konzert gelandet.

Bestes Entertainment
Hatte ich vor Beginn des Konzertes noch damit gerechnet, heute einen ernsthaften, in sich gekehrten und in der Musik aufgehenden alten Bluesman zu erleben, so entpuppt sich die Legende als perfekter, strahlender und ausgesprochen gut gelaunter Entertainer, der den Blues auf der Bühne wohl weniger als Lebenseinstellung begreift,d 20181126 1008727958 umso mehr aber als Projektionsfläche für eine gleichermaßen virtuose und von aufblitzendem Humor getragene Gitarrenshow. Das großgepunktete Hemd, heute schwarze Punkte auf weißem Grund, gehört genauso dazu wie die gepunktete Signatur-Gitarre, die man von Fotos und Plattencovern kennt, und die heute bei einigen Stücken zum Einsatz kommt. Ich bin übrigens bei weitem nicht der Einzige im Saal, der sich heute in Punkte gewandet hat.

Das Publikum ist sowieso ein äußerst angenehmes. Auf den etwas teureren Sitzplätzen im Parkett und auf den Balkonen dominiert die reifere Generation. Aber auch erstaunlich viele junge Menschen sind da, meist stehend hinter den Sitzplätzen, aber aufmerksam das Geschehen auf der Bühne verfolgend. Zum Finale hin begibt sich Buddy Guy sogar mitten hinein in die Fans und durchquert Gitarre spielend und singend das Parkett, einmal bis zum Ausgang und dann wieder zurück zur Bühne. Wow. Was will man mehr? Ein sehr schöner Abend, den ich erleben durfte und wohl nicht vergessen werde.

Nach der Show und an den nächsten zwei Tagen sind wir, geführt von einem tschechischen Bekannten, auf Tour durch diese liebenswerte Stadt: diverse Musikkneipen, gut sortierte Plattenläden und schließlich noch ein kleines feines Konzert in Prags ältestem Jazz-Keller.

e 20181126 1714157713Noch ein kleiner Kommentar
Auch bei diesem Konzerterlebnis in Prag hat mich neben der Darbietung auf der Bühne vor allem die Atmosphäre beeindruckt. Niemand daheim möge sich vor den Kopf gestoßen fühlen, aber hier empfinde ich alles irgendwie stil- und kulturvoller, respektvoller gegenüber dem Konzertbesucher und organisatorisch durchdachter. Das kulturelle Erlebnis scheint hier noch mehr zu bedeuten als der kommerzielle Erfolg einer Veranstaltung. Es beginnt mit der in elegante Anzüge gekleideten freundlichen Security (nicht etwa in martialischer, kriegstauglicher Streetfighter-Montur) und setzt sich fort bis zur Snackbar, die genau an der richtigen Stelle platziert ist und wirklich problemlos freihändig essbares Fingerfood anbietet. Man kann ruhig lächeln über meine Feststellungen, aber für mich zeigt sich die Größe eines Events immer im kleinsten Detail, und ich wünschte, manch ein etablierter Veranstalter in Deutschland, besonders in Berlin, möge sich genau das mal durch den Kopf gehen lassen.

Zum Service des Veranstalters zählte übrigens auch, dass ich gleich am nächsten Tag eine Sammlung von Fotos zur Verfügung gestellt bekam, nachdem ich selbst keine Akkreditierung bekommen hatte. Ein paar eigene Fotos habe ich selbstverständlich trotzdem gemacht, nur leider aus gehöriger Entfernung.



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Buddy Guy: www.buddyguy.net






 

 

 


   
   
© Deutsche Mugge (2007 - 2018)
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen