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Ein Bericht mit Fotos von Marion Dudel



Wie viele Male bin ich wohl schon diesen Weg gegangen ... Haltestelle "Industriegelände" und dann ein Fußmarsch zum Live Club "Tante Ju". Heute war ich ein wenig aufgeregter als sonst. Die, die inzwischen mein Herz erobert hatten, hatten sich mit einem Konzert ihrer aktuellen Tour "Kein Herz" angesagt: 108 FAHRENHEIT. Die CD, die so heißt wie die Tour, drehte sich seit Tagen in meinem Player, viele Texte saßen schon. Nun war ich gespannt, wie die Band ihr neues Album auf die Bühne bringen würde.a 20181115 1741814980 "Kein Herz" mag vielleicht verwirren, und ich weiß inzwischen: es wird viel Herz dabei sein. Erklärt mich für völlig daneben - macht nix, das bin ich gewöhnt - ich hatte mir extra für diesen Abend einen Anstecker besorgt, genauer gesagt ein blinkendes Herz. Genau dort, wo das Herz sitzt, steckte ich ihn an. Was ich damit bezweckte, kann ich nicht wirklich sagen, aber eins steht fest, genau dieser Band gehört mein Herz inzwischen. Danke noch einmal an meinen lieben Freund S.W. - ohne Dich hätte ich sie vielleicht niemals gefunden.

Der Konzertabend war für mich im Vorfeld eigentlich ein Kampf, denn ich hatte Spätdienst. Forderte aber kurzerhand etwas "Überzeit" ein, beendete den Dienst früher und fand einen lieben Kollegen, der mich bis zur Linie 7 brachte. Manchmal muss ich einfach pokern, denn die Konzertkarte hatte ich sofort gekauft, als der Termin feststand. Ich erschien sogar vor Ort, als alle Türen noch verschlossen waren. Doch gerade da kommt man ins Gespräch. So lernte ich Menschen kennen, die vor allem wegen Marco Pfennig da waren. Tür auf, ein Lächeln am Einlass, eins am Tresen ... Man kennt sich halt. Als die Tür zum Veranstaltungsbereich geöffnet wurde, sicherte ich mir meinen Platz. Wie immer, ganz vorn am Bühnenrand. Ich glaube, so lange ich laufen kann, werde ich genau dort stehen. Mein Blick in die Runde zeigte allerdings dann, ich war hier eins der eher wenigen älteren Semester. Manchmal fühle ich mich in solchen Augenblicken ein wenig verloren. Aber ich kann nichts dafür, dass mein Herz immer noch für Musik brennt, für Musik, die mein Herz erreicht.

Das Konzert begann mit einer Vorband. Den Support machte Ego Me & You eine (logischer Weise) Heimatband. Sofort erkannte ich Juliane Liebing. Sie spielt als Gastmusikerin die Violine im Clip "Endlich nach Haus" von 108 FAHRENHEIT. Es schließt sich hier vermutlich ein Kreis, den ich mir für alle in dieser Welt wünschen würde. Hilfst du mir, helf ich dir. Ego Me & You betraten die Bühne, Daniel Martin, Dominique Matthes und Juliane Liebing. Berührend für mich die Violine. Warum ich dieses Instrument besonders liebe? Mein Großvater war Konzertgeiger. Nur LEIDER, ich durfte ihn nie kennen lernen. Stalingrad machte das unmöglich, denn dort fiel er wie so viele andere.b 20181115 1714068425 Manchmal denke ich, mein Lebensweg wäre ein anderer gewesen, wenn er überlebt hätte. Ego Me & You verdienen auf alle Fälle Applaus, auch wenn ich eher auf die Bands stehe, die sich in der Heimatsprache ausdrücken. Sorry, vermutlich meinem Alter geschuldet. Ihr sucht einen Namen für den Song, den ihr vorübergehend "Pa Ram Pa Ram" nennt? Lasst es doch einfach dabei. Es passt.

Und dann endlich war es soweit, 108 FAHRENHEIT betraten die Bühne in der "Tante Ju" und wurden stürmisch begrüßt. Sie beginnen ausgerechnet mit dem Song ihrer ersten CD, der mir fast das Herz brach, als ich ihn zum ersten Mal hörte: "Wasserblau" - "... denn egal was ich tu, mach ich meine Augen zu, dann seh' ich deine vor mir, so als wärst du hier. Lass mich schwimm' in deinen wasserblauen Augen, lass mich dich noch einmal sehn, ich will mich nur ein paar Schritte in dir verlaufen auf dem Weg, ohne Ziel." Und neben mir lachende und schnatternde Konzertbesucher. Irgendwas passt (mir) da nicht. Vielleicht liegt es daran, dass ich eben zu einem Konzert gehe, um einfach zu hören, zu sehen, zu fühlen. Zum Quasseln suche ich mir definitiv keinen Konzertabend aus. ABER das ist meine ganz private Meinung. Wie gesagt, ich war eins der älteren Semester, junge Menschen ticken da sicher ganz anders. Es muss ja auch nicht jeder so sein, wie ich. "Lass mich schwimm' in deinen wasserblauen Augen." Die Reaktion des Publikums nach dem Titel söhnte mich aus, Klatschen, Pfeifen, Grölen ...

"Wie Früher", ein Titel, der nicht unbedingt fröhlich macht. Jeder Abschied tut weh, egal in welcher Beziehung. Sanfte Gitarrenklänge, "Warum siehst du das nicht, warum fühlst du das nich…, du willst doch genau so wie ich - ENDLICH NACH HAUS." Ich bin zu Hause, genau hier bei dieser Musik. Kai Niemann gibt heute sehr persönliche Einblicke: Schienbein gebrochen ... Wer gibt das schon so frisch und frei zu? Alle lachen, da er das auf sehr lustige Weise rüber bringt. Aber Schuld an der Plauderei ist natürlich Marco Pfennig, denn er braucht wieder einmal Zeit um das Banjo zu stimmen. Spruch von Kai: "Im Zweifel immer machen" - Recht hat er.

Die große Bühnenshow gibt es bei 108 FAHRENHEIT nicht. Wie sagte Kai einmal sinngemäß? Wenn er soetwas erwartet, würde er ins Theater gehen. Eine große leuchtende "108" an der Rückwand der Bühne, die oft im Rhythmus der Musik blinkte, ein paar leuchtende Glaskugeln zwischen den Musikern, mehr brauchte es wirklich nicht! "Nur Verlieren", wie denn? Mit diesem Bläser Berthold Brauer und DEM Banjo ... ich höre und wenn ich ehrlich bin, mir kommen die Tränen. Pfeifen, Klatschen, das Dresdner Publikum ist hellwach!c 20181115 1780138766 "Bergauf", hier lässt Kai vorher wieder tiefe Einblicke zu einem Videoclip, der dazu gedreht wurde, zu. Humpelnd wie die "Amigos" nach seinem Beinbruch - Der Videoclip verschwand im "Giftschrank", so möchte ich es bezeichnen. Wer sich so für sein Publikum "frei" macht, hat einfach gewonnen. "Kehr nicht um, schau nicht zurück, jeder Stein auf dem Weg bringt dir Glück. Und wenn du fällst, steh wieder auf, die besten Wege führ'n bergauf." GENAU das ist es, fallen kann jeder, wichtig ist das wieder AUFSTEHN.

"Abschied" hätte es fast nicht auf das Album geschafft. Zum Glück wurde anders entschieden. Nein, diese Titel sind nicht "depressiv machend", man muss zuhören und zulassen! Und man muss unbedingt eigenen Gedanken freien Lauf lassen, Steve Kuhnen am Saxophon schafft hier Raum dafür. Kai erklärt, dass es ihm schwer fiel, Titel mit anderen zusammen zu schreiben. Der erste, bei dem er es zuließ, war Adrian Kehlbacher. Ein gebrochenes Herz, wer kennt das? Nur ein Einziger aus dem Publikum meldete sich. Die Band findet hier eine lustige Überleitung zum Schlager: Kai und Marco mimen spontan die etwas "primitiven" Texte. Ernten dafür Lachen und Applaus. Danach resümiert Kai, ob seine Texte nicht zu autobiografisch sind. Und dann kam der Titelsong der aktuellen CD "Kein Herz", unterstützt von Felix Wiebicke (Horn). Ich benehme mich ja oft etwas anders, also drückte ich demonstrativ das Plastikherz auf "on". Ein blinkendes Herz an meiner Brust begleitete diesen Song. Sparsam die musikalische Begleitung, nur sanfte Gitarrenklänge, das Schlagzeug klang wie der Schlag eines Herzens, der Gesang fühlte sich traurig und verlassen an. Doch dann wechselt der Rhythmus, die Gitarre wird wilder, ebenso das Schlagzeug, bis dann alle Instrumente regelrecht aufschreien, als Kais Gesang endet. Ich habe Herz, viel Herz, für das was ich mag. Und das ist genau die Band, die da jetzt auf der Bühne steht.

"Vermissen" - rhythmisches Klatschen der Bandmitglieder begleitet Kais Gesang - gibt ein Gefühl der Verbundenheit, ein Gefühl nicht allein zu sein. "Verzeih dir" vom ersten Album folgte, von Kai rührend, Mut machend, angekündigt, dazu Bläser in typischer 108 FAHRENHEIT-Manier. "Mein Herz" verleitete mich noch einmal dazu, mein Plastikherz zum Leuchten zu bringen. Es blinkte im Takt der Musik und mein Herz schlug ähnlich. Irgendwie war das Publikum den ganzen Abend "EINS", so wie man sich das einfach nur wünschen kann. Alle Songtexte stammen von Kai Niemann, er kann nicht nur tiefgründig "Herzangelegenheiten" in seinen Songs beschreiben, sondern setzt sich auch intensiv mit der Natur auseinander, mit dem, was wir Menschen aus der Welt machen. "Leerer Planet" vom ersten Album: "Mein Herz". Stephan "Steppel" Salewski schien hier die Drums so zu schlagen, damit wir aufwachten. "Hier und überall" (die Gitarre von Alexander Henke macht Gänsehaut), "Ich wart' auf dich", "Halt dich an mir fest", der Song, den Kai schon seiner noch ungeborenen Tochter vorsang.d 20181115 1957358639 Nein eigentlich bin ich kein Freund davon, eine Setliste komplett abzuarbeiten, aber - verzeiht mir - hier musste ich das einfach tun. Jeder Titel berührt mich irgendwie. Auch wenn meine Bilder im Kopf ganz andere sind, als die, die der Schreiber der Titel vor den Augen hat. 108 FAHRENHEIT berührt einfach, lässt Raum für eigene Gedanken und regt vor allem an, mal wieder über sein Leben nachzudenken, wieder einmal mehr auf das eigene Herz zu hören in dieser teilweise herzlosen Zeit.

Auch der wunderbarste Konzertabend geht einmal zu Ende. Mit dem Titel "Kopf hoch Baby" verabschiedete sich die Band endgültig von der Bühne, um dann akustisch inmitten des Publikums den unweigerlich letzten Titel vorzutragen, "Schweigend mit dir stehen". Die Musiker verließen die Bühne, stellten sich im Kreis inmitten des Publikums auf - "Bitte, bitte rede nicht, du würdest es zerstör'n". Das Publikum schwieg nicht, war mit allen Sinnen dabei, klatschend, tanzend, mitsingend. Ich glaube fast, jeder dachte wie ich, es könnte noch weiter gehen. Ich glaube, noch nie habe ich das Wort "Herz" so oft verwendet, wie ausgerechnet in meinem Bericht zu einer Tour, die "Kein Herz" heißt. Weil das so ist, glaube ich, die Musiker haben alles richtig gemacht. Nach dem Konzert nahm sich jeder einzelne Musiker Zeit für seine Fans. Danke 108 FAHRENHEIT für dieses wunderbare Konzerterlebnis!



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von 108 Fahrenheit: www.108Fahrenheit.de
• Homepage der Tante Ju in Dresden: www.liveclub-dresden.de
• Interview mit der Band 108 Fahrenheit zum neuen Album: HIER klicken










 

 


   
   
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