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Ein Bericht mit Fotos von Jens Kurze



a 20181105 1269108603Es gibt Konzerte, auf die ich mich lange im Vorfeld freue. Manchmal sind es die bombastischen, mit viel Licht und Laser perfekt gestylten Hör- und Seherlebnisse, manchmal aber auch jene Gigs, wo die Locations so klein sind, dass Band und Publikum nahezu eine Einheit werden. Und wenn dann noch Leute auf der Bühne stehen, denen ich in meinen vielen Jahren als Amateur-Tanzmusiker immer wieder mal begegnet bin, dann ist die Vorfreude doppelt so groß. Und genau so war es am Freitag: im kleinen Cottbuser Theater gab sich Murmels Old School Band die Ehre. Marco Ziesemer, der rührige Geist der TheaterNative C hatte den Gig eingefädelt und super vorbereitet. Für alle, die es nicht wissen: Arnold Fritzsch, genannt Murmel, war in den Siebzigern Chef der Gruppe KREIS, mit der er fast zehn Jahre lang viele Hits in der DDR hatte und auch international gern gesehen war. Danach schrieb er für viele Interpreten wie Arnulf Wenning, Lippi, Ines Paulke oder Milva sowie für Bühne, Film und Fernsehen, bis ihn eine tückische Krankheit für lange Zeit aus dem Rennen nahm.

Mitte Oktober traf ich Murmel nach -zig Jahren zum Interview wieder: ein lebensfroher, heiterer Typ, der kurz vor seiner Reise zum Kap Arkona stand, wo er zwei Tage später geheiratet hat. Die Infos sprudelten nur so aus ihm heraus, wir redeten über alte und neue Zeiten, über den Gundermann-Film, über Befindlichkeiten - und natürlich über Musik. Da saß mir einer gegenüber, der wieder richtig Bock auf die Bühne hat und sich irrsinnig freute, mit seinen alten Kumpels, die ihm besonders in den schwierigen Zeiten auch mental eine große Hilfe waren, wieder zu musizieren. Aber die Fragen, ob ihn denn überhaupt noch jemand kenne, ob die Band den Laden einigermaßen füllen würde, konnte er natürlich nicht beantworten.

b 20181105 1710660311Kurze Rede, langer Sinn - die Nachfrage nach Karten überstieg die Platzkapazität. Das "Mittelalter" fand sich ein zum großen Klassentreffen und brachte auch jüngere Gäste mit, dass schon beim Opener "Johnny B. Goode" sprichwörtlich aus den Theatersitzen gerissen wurde. Was folgte war ein Feuerwerk an eigenen und internationalen Hits, gewürzt mit witzig-kautzigen Moderationen von Murmel und seinen Kollegen Nick Nicklisch (Gitarren, Akkordeon) und Jörg Dobersch (Bässe), beide Gründungsmitglieder von KREIS und heute bei der MODERN SOUL BAND tätig, sowie Stefan Dohanetz, der auch bei PANKOW und WENZEL trommelt. Verstärkt wurden die leicht ergrauten Herren ab dem vierten Titel von Anne-Katrin Meyer. Nun ist das ja bei Ladies auf der Bühne mitunter so, dass sie entweder gut aussehen oder singen können - bei Anne trifft beides zu. Sie ist Gesangsdozentin und zu Hause in den Bereichen Oper, Musical und Swing, tourte kürzlich mit "Die Schöne und das Biest" durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Anne drückte nicht nur den Altersdurchschnitt auf der Bühne gehörig nach unten, sondern passte mit ihrer Unbeschwertheit fabelhaft zu den jung gebliebenen alten Hasen. Denn die wollen es ja wieder wissen - so die Anlehnung an den wohl größten Hit von KREIS, "Doch ich wollte es wissen". Die ersten Strophen waren vom Original, und dann rappte sich Murmel in die aktuelle letzte Strophe (spätestens hier hätten sich Michi und Smudo mit ihren Sesseln umgedreht).

Nun war so viel Stimmung in der Bude, dass sich die Alarmanlage des Theaters lautstark und anhaltend zu Wort meldete. Alle Musiker nahmen es mit Humor, hoben scherzhaft die Hände, aber es kam keiner, um jemanden zu verhaften. Stattdessen nahm Stefan den Rhythmus der Signaltöne auf, setzte dezent seine Schießbude ein,c 20181105 1584519560 der Bass griff ein Blues-Thema auf, Nick kam hinzu, Anne und Murmel schafften es, das Publikum auf die Taktzeiten zwei und vier einzugrooven - und fertig war die musikalische Überbrückung. Somit war auch die Alarmanlage versöhnt, die Improvisation erhielt auf Anraten einer Zuschauerin den Titel "Cottbuser Tinnitus" - ja ja, wie sagte Murmel später treffend: "Songschreiben kann so einfach sein."

Danach kam ein Moment, an dem ich zum ersten und nicht zum letzten Mal richtig Gänsehaut an diesem Abend hatte: a capella begann Anne "Colour of my tears" der unvergessenen Ines Paulke zu singen, Nick ergänzte einige Takte später mit der Akustikgitarre, ehe die restlichen Bandkollegen einstiegen. Nicht nur Murmel hatte sichtlich mit seinen Emotionen zu kämpfen. Danke Anne, das war großartig. Natürlich folgte "Himmelblau", ebenso souverän umgesetzt. Und hier gingen meine Gedanken an den Texter Andreas Hähle, von dem es ja nun wieder gute Nachrichten gibt. So dicht können Gefühlswelten beieinander liegen. Mit einigen Blues- und Soul-Standarts ging es in Richtung Pause, aber vorher gab es mit kräftigen Versionen von "Rot so rot" (Arnulf Wening) und der "Jugendliebe" (Ute Freudenberg) noch was für die Mitsinge-Fraktion, und das ganze kam überhaupt nicht zuckersüß-schlagermäßig daher - so macht das Spaß.

Mit einer witzigen Fassung des legendären "Farbfilms" ging es stimmungsmäßig ohne Abbruch in Teil zwei des Konzerts, Nick hatte sich dazu extra das Akkordeon umgeschnallt - Hiddensee-Feeling, was sonst. Nun folgte aus der KREIS-Zeit "Sie ist immer noch allein" - meine Güte, wie oft hatte unsere Band damals diesen Titel intoniert, wir mussten ja was für die 60:40-Regelung im Programm haben. Und auch in der ehemaligen Sowjetunion, wo wir zum Tanz spielten, war dieses Lied bekannt. Dass Murmel - wie viele von uns - von den Fab Four beeinflusst wurde, veranlasste ihn einst zum Lied "Ich war der fünfte Beatle" - logisch, das waren wir alle, und auch dieses Lied hatten wir einst im Programm. Am Freitag wurde es vielstimmig vom Publikum mitgesungen und leitete das letzte Konzert-Drittel ein, bei denen die Band auf ihre ganz spezielle Weise Songs der Beatles spielte. Und jetzt kam das Können jedes Einzelnen noch einmal besonders zur Geltung.d 20181105 1149062943 Jörg schnappte sich den Fretless-Bass. Anne saß solo am Klavier und intonierte "Here, there and everywhere" - ganz großes Kino! Mit den echt komplizierten und selten gespielten Stücken "For no one" und "Because" reizte die Band ihren Satzgesang vollends aus, ehe es in den Endspurt des Konzerts ging. Oh Mann, das hätte meinetwegen gern noch weitergehen können.

Das Publikum war völlig aus dem Häuschen. Zwei Zugaben - und das wars dann. Wenn ich Murmel beim Abgang von der Bühne richtig verstanden habe, hat er eine Rückkehr 2019 im Visier. Das will ich doch aber schwer hoffen - und bitte in genau dieser Besetzung. Es war musikalisch nicht an allen Ecken perfekt, es verhakelten sich auch mal die Gitarrenkabel. Anstatt wilder üppiger Licht- und Nebelshow gab es stehendes Theaterlicht, völlig ausreichend. Und es gab jede Menge spontaner Lacher. Da verstanden sich fünf Leute musikalisch und menschlich auf der Bühne, und das kam genau so rüber. Mehr davon! So, und nun erzählt allen Leuten und Veranstaltern, die Bock auf ehrliche, handgemachte Mugge haben, von Murmels Old School Band - ich werde das auf jeden Fall tun!



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Murmels Old School Band: www.murmels-old-school-band.de
• Homepage der Theaternative in Cottbus: www.theaternative-cottbus.de






 

 

 


   
   
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