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Ein Bericht von Christian Reder & Reinhard Baer mit Fotos von Reinhard Baer



Der aufmerksame Leser weiß natürlich, dass das Zitat in der Überschrift weder der Gruppe GALAling noch der Band SPEICHES M zuzuordnen ist. Es ist eine Zeile aus dem Song "Köter" der Gruppe SILLY. Zu finden auf deren letzten Album "Paradies", das sie 1996 zusammen mit Tamara Danz produziert haben. Tamara starb noch vor Albumveröffenlichung an Krebs. Nach ihr gingen leider noch viele andere den viel zu frühen Weg auf die andere Seite, darunter ihr Band-Kollege Herbert Junck, KARAT-Frontmann Herbert Dreilich und zuletzt der ROCKHAUS-Keyboarder Carsten "beathoven" Mohren.a 20180922 2058328650 All diese Musiker erlagen ebenfalls den Folgen einer Krebserkrankung und immer wenn man denkt, "Jetzt ist aber langsam mal Schluss", kommt die nächste schlechte Nachricht ins Haus geflattert. So wie die über die schwere Erkrankung Jörg "Speiche" Schützes von der Gruppe SPEICHES M (vormals MONOKEL), von der wir schon einige Zeit wissen. Die Nachricht, dass auch "Speiche" diese Drecksseuche abbekommen hat, machte zudem auch schon Tage vor dem freitäglichen Konzert im sozialen Netzwerk die Runde. Konkret hat sich "der Verräter" bei ihm in der Lunge versteckt, sich nicht finden lassen und dann ausgebreitet. Meine Kollegen aus der Redaktion und mich, allen voran aber meinen Freund Torsten, der für unser Magazin vor noch gar nicht allzu langer Zeit das Interview mit "Speiche" gemacht hatte, traf die Mitteilung wie ein Hammerschlag. Dieser dreckige und hinterlistige Krebs ... Er hat uns schon viel zu viele Menschen genommen, die uns wichtig waren, und er greift immer wieder zu weiteren Menschen, die wir aber noch nicht hergeben möchten. Irgendwann, "Du Verräter", hetzt hoffentlich wirklich mal einer seine Köter auf Dich.

Frank "Gala" Gahler verkündete noch am gleichen Tag des Konzerts über seinen Account beim sozialen Netzwerk die Nachricht, "Mein langjähriger Weggefährte und Freund SPEICHE, lebende Legende und Urgestein der Berliner Bluesszene, wird auf Grund seiner schweren Krankheit hier in Biesdorf das letzte Konzert seines Lebens geben. Wer also SPEICHE noch einmal erleben und zujubeln will, sollte diesen Abend nicht versäumen." Wochen vor seiner Diagnose wurde der Termin am 21. September auf der Biesdorfer Parkbühne festgezurrt, und dieses Konzert wollte Speiche sich dann auch nicht nehmen lassen. Bei ihm steht eine Chemotherapie an und er merkte im Kollegenkreis nur an, dass er diese nicht eher beginnen werde, ehe er nicht dieses Konzert gespielt habe. Danach wolle er seine Laufbahn als Musiker beenden und sich auf den nächsten Abschnitt seines Lebens konzentrieren: Den Überlebenskampf. Man konnte also von einem Abschiedskonzert sprechen, das einen an diesem Spätsommertag erwarten würde. Seine Kollegen der Gruppe SPEICHES M, Peter Schmidt (Gitarre, Gesang), Axel Merseburger (Gitarre, Gesang), "Zuppe" Buchholz (Gesang) und Oliver Becker (Schlagzeug) hatten sich dann auch etwas Besonderes als Abschiedsgeschenk ausgedacht.b 20180922 1280387794 Die Gage für den Auftritt in Biesdorf ging am Ende des Tages komplett an "Speiche". Peter Schmidt erzählte uns am Rande, dass Speiche mal einen ordentlichen Batzen Kohle in der Hand haben soll, mit dem er sich einen Wunsch erfüllen soll. Darum spielten sie für ihren Kumpel für lau und verzichteten auf ihren Anteil. Respekt, liebe Freunde! Eine wunderbare Geste ...

Und darum freute man sich auch über das Kommen von 300 Leuten ganz besonderes, die sich trotz des bescheidenen Wetters die knapp vierstündige Show anschauen und "Speiche" ein letztes Mal bei der Arbeit beobachten wollten. Traurig machte einen da dann doch der Himmel, der in den letzten Monaten so gut wie kaum was Feuchtes abgeliefert hat, und nun scheinbar an einem Tag all das nachliefern wollte, was seit März fehlte. Es goss wie aus Eimern, und wenn es das nicht tat, nervte ein fieser Nieselregen. Dazu gesellte sich ein unangenehmer Wind, der das Nass von oben noch fleißig überall dahin verteilte, wo es sonst nicht hingekommen wäre. Mit dieser Performance hätte Petrus ruhig noch warten können. Und so überlegte man auch kurz, ob man das Ganze nicht einfach absagt. Das gefährliche Zusammenspiel zwischen Strom auf der Bühne und Nass von allen Seiten muss an dieser Stelle sicher nicht näher erklärt werden. Es wurde aber nicht abgesagt, sondern man traf Vorkehrungen für den Ernstfall und ließ die Sause um kurz nach 18:00 Uhr starten.

Den Anfang machte dann auch die Gruppe SPEICHES M, die ein munter zurecht gerocktes Set ins feuchte Rund der Biesdorfer Parkbühne wehen ließ. Mit Intro und Zugabe brachte das Quintett seinen Zuhörern insgesamt 13 Stücke zu Gehör, darunter Klassiker wie das "Boogie Mobil", das "Lumpenlied" und den "Kindertraum", sowie ein paar internationale Erfolgstitel wie z.B. "Call Me The Breeze" von Lynyrd Skynyrd oder John Mayalls "Walking On Sunset".c 20180922 1634765328 Jedes einzelne Stück mit dem wohlig brummenden und bis tief in die Magengegend vordringenden Tiefdruck aus "Speiches" Bass. Hatte man vorher vielleicht Bedenken, dass das Blues-Urgestein nach den Strapazen der letzten Wochen die komplette Distanz überhaupt mitgehen kann, zog "Speiche" seinen Stiefel von Anfang bis Ende durch. Souverän und voller Power. Man merkte ihm weder die Situation, die ihn ohne Frage sicher sehr beschäftigen wird, noch die Krankheit selbst an. Auch von Wehmut darüber, dass hier und heute der letzte Arbeitstag vor der Rockerrente abgeleistet wird, war nichts zu spüren. Man hatte auf der Bühne Spaß bei der Arbeit und ließ eine andere Stimmung als die vom Publikum wahrgenommene Gute nicht zu. Im Gegenteil: Die Band lieferte ordentlich ab, ließ es mächtig krachen und ließ den Blues einmal mehr ziemlich lebendig wirken. Dies übertrug sich auch auf das Publikum, das der Band seine Sympathien offen zeigte und das vorgetragene Programm feierte. Um etwa 19:20 Uhr wollte man sich dann verabschieden, wurde aber noch zu einer Zugabe überredet, die man dem darauf beharrenden Auditorium mit "Heart Full Of Soul" auch ganz bereitwillig gab. Ein kurzes "Tschüss" und ohne irgendjemandem groß die Möglichkeit einer längeren und womöglich zu Herzen gehenden Abschieds-Zeremonie einzuräumen, verschwanden die Herren von SPEICHES M von der Bühne um Platz für den nächsten Act zu machen. Was hier gerade zu erleben war brauchte auch etwas Zeit, um richtig anzukommen ...

Keine Zeit, lange und intensiv darüber nachzudenken, denn nach einer Umbaupause gehörte die Bühne ab 19:45 Uhr dann dem Projekt GALALING. Bei diesem Projekt handelt es sich um eine Mischung aus Sänger/Gitarrist/Bluesharpist Frank "GALA" Gahler mit Gitarrist Haymo Doerk (u.a. SCIROCCO) und Teilen der Gruppe ENGERLING. Teile von ENGERLING deshalb, weil sich GALA immer dann die Musiker der Berliner Band krallt, wenn deren Chef Wolfram "Boddi" Bodag mal nicht da ist oder was anderes vor hat. Am gestrigen Tag war er eben "nicht da", denn er war verreist und weilte in Georgien. So konnte GALA wieder ganz entspannt mit Haymo Doerk (Gitarre) und den ENGERLINGen Heiner Witte (Gitarre), Manne Pokrandt (Bass) und Hannes Schulze (Schlagzeug) am Lautstärkeregler drehen.d 20180922 1363253391 Und das taten die Herren auch, und boten den inzwischen schon gut eingeweichten Leuten vor der Bühne ein buntes Allerlei aus ENGERLING-Songs ("Gleichschritt", "Muschellied", "Tom Tomskis Blues", "Tagtraum", "Mama Wilson"), Monokel-Titeln ("Spannersau", "...ganz ohne Dich") und internationalen Blues Standards ("Hummingbird" von Leon Russel, "Ramlin' On My Mind" von Robert Johnson, "Hoochie Coochie Man" von Willie Dixon). Einige der Stücke sind sicher auch auf der am Freitagabend erstmals im Angebot befindlichen neuen CD GALAs anzutreffen, die am Fanartikelstand auf neue Besitzer wartete. Wie auch die erste Band des Abends überzeugte GALALING durch eine druckvolle und ordentlich rockende Bühnenshow. Hier blieben keine Wünsche offen. Ein besonderes Schmankerl hatten sich die Musiker für die Zugaben aufgehoben, denn dort präsentierten sie den ENGERLING-Titel "Mama Wilson" in einer Swing-Version. Einfallsreich und nicht unbedingt so zu erwarten. Klasse! Nach über zwei Stunden Spielzeit machten dann auch GALALING Feierabend und der Konzertabend war beendet. Die Besucher der Parbühne konnten nun nach Hause und sich erstmal trocken legen. Hoffentlich hat sich da niemand einen Infekt eingefangen ...

Am Ende des Tages und auf dem Weg durch die Dunkelheit nach Hause kam sicher nicht nur bei uns doch die Traurigkeit darüber auf, heute zum letzten Mal eine Legende der Blues-Szene live erlebt zu haben. Dieses Wissen, genau das nie wieder erleben zu können, haut mächtig rein. Wieder tritt ein Großer von der Bühne ab und wird eine von der Magnitude her entsprechende Lücke hinterlassen. Wir wünschen "Speiche" an dieser Stelle alles erdenklich Gute, viel Kraft und einen scharfen "Köter" im Kampf gegen den feigen Verräter in sich. Die Daumen sind gedrückt und die Hoffnung tief in uns glimmt auch noch, dass der Auftritt am Freitagabend vielleicht doch noch nicht der Letzte gewesen ist.










 

 

 


   
   
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