000 20180704 1685747141
 
Padua (ITA) am 24. Juni 2018
Rom (ITA) am 26. Juni 2018
Prag (CZ) am 1. Juli 2018

Ein Konzertbericht mit Fotos von Thortsen Murr



PEARL JAM auf den Fersen: drei Konzerte in einer Woche

... vom Olympiastadion zum Markusplatz
Nach der überwältigenden Stones-Dröhnung am Freitag im Berliner Olympiastadion ging es noch mal für wenige Stunden nach Hause, um die Taschen zu schnappen und dann gleich zum Flughafen zu eilen.a 20180704 1720208339 Noch völlig benommen und übermüdet dann die Ankunft in Treviso, einem Airport bei Venedig, rein ins Mietauto, Fahrt bis zu einem Parkhaus und von dort aus mit dem Bus hinüber zur Insel in der Blauen Lagune. Umstieg in einen Wasserbus und mir dem durch den beschaulichen Canal Grande zum Markusplatz, in dessen unmittelbarer Nähe wir, in einer maximal 1,30 Meter breiten Gasse, unser Hotel finden. Bei der Pizza am Abend, während die Gondeln neben uns vorbeigleiten, wird mir erst bewusst, was in den letzten 24 Stunden alles passiert ist.

Venedig am Morgen: Glockenspiel mit "Streetfighting Man"
Am Sonntagmorgen, wir sind zeitig beim Frühstück, läuten draußen die Kirchenglocken. Es sind die Akkorde von "Streetfighting Man"! Ich kann's nicht glauben! Gleich um die Ecke, am Markusplatz frage ich einen Sicherheitsmann, der mir erklärt, es sei der Uhrenturm von Venedig, "Torre dell'Orologio", gewesen. Punkt 12 Uhr würde das Glockenspiel wieder erklingen. Nach einem ausgedehnten Rundgang über den Markusplatz, wo wir schon einige Pearl-Jam-Fans entdecken, und einen Bummel durch die Straßen und Gassen umher, sind wir High Noon wieder vor Ort - und das Geheimnis wird gelüftet: Der Uhrenturm bimmelt zuerst, etwas später setzt die Glocke vom rund 100 Meter entfernten Markusturm ein. Die Töne stimmen (Musiker würden mir das bestätigen), aber die "Akkordfolge" ist jetzt nicht mehr zu erkennen. Hm, also hatten wir morgens offenbar ein glückliches Timing beider Glocken erwischt, das (Ich schwöre es!) im Zusammenspiel "Streetfighting Man" ergab.

b 20180704 1626003465Nachdem also geklärt ist, woher Keith Richards sein geniales Riff hat, rollern wir unsere Koffer schon wieder über den sengend heißen Markusplatz zum Wasserbus, der uns wieder durch den Canal Grande schippert - das also war Venedig in weniger als 15 Stunden - und schon geht es zurück zum Festland, zum Mietauto und mit dem in ein riesiges Hotel an der Peripherie von Padua. An der Rezeption - das Personal ist erstaunlich gut informiert - erfahren wir, dass schon ein ganzer Schwung Fans eingecheckt habe, dass rund 45.000 Leute zum Konzert erwartet würden, das Stadion ein ganzes Ende entfernt sei, aber vom Messeparkplatz auf der anderen Seite der Autobahn, zwanzig Gehminuten etwa, Shuttlebusse fahren würden. Ok, nach einem Refresh auf dem Zimmer schnappen wir uns - nach der beschwerlichen Lauferei mit schmerzhaftem Fuß durch Venedig - kurzerhand ein Taxi, das am Ende nicht viel mehr kostet als in Berlin von Speiches Blues- und Rockkneipe nach Hause.

Volksfest und volle Hütte im Stadio Euganeo
Rund um das Stadion ist Volksfeststimmung. Großzelte mit Futter- und Biertheken, alles voller lebhafter Leute, alle gutgelaunt - bis es dann darum geht, ins eigentliche Stadion zu kommen. Denn es ist schon mal nicht ganz so einfach, den richtigen Zugang zu finden, und es ist auch mental nicht so einfach, dann noch mal zwanzig, dreißig Minuten in einer Schlange auszuharren

Dann endlich auf dem richtigen Tribünenplatz, und alles ist jetzt nur noch halb so schlimm. Die Arena ist schon gut voll, füllt sich aber noch weiter. Im Innenraum vermutlich überwiegend die jüngeren Fans, die wohl gleich 16 Uhr herein geströmt sind - der Beginn ist mit 21 Uhr angekündigt - um ganz sich ganz vorn vor der großen Bühne in Position zu bringen. Wir haben gute Sicht, ein kühles Getränk und sind guter Dinge.

Die Show beginnt
Kurz nach neun geht's dann auch los. Pearl Jam kommen unter tosendem Applaus auf die Bühne und beginnen mit "Pendelum" und "Low Light". Dieses Opening ist vertraut, das führt vergleichsweise ruhig in die Show ein, bevor dann die aufpeitschenden Kracher kommen. Die Stimmung im Publikum ist großartig. Mit "Last Exit" vom 1994er Album "Vitalogy" wird die Gangart dann schlagartig härter und grungiger.c 20180704 2046752707 Und in der Arena beginnt jetzt die Post abzugehen, die Masse kommt in Schwung. Weiter knallt's mit dem etwas punkigem "Do the Evolution", gefolgt vom ebenfalls ziemlich hingerockten "Animal". Dann ist Eddie Vedder an der Reihe, das heutige Publikum zu begrüßen. Mit seiner Gitarre spielt er eine einfache Melodie, auf die er einen improvisierten Text zur Huldigung von Padua singt. Das kommt natürlich sehr gut an.

Eddie Vedder auf Italienisch
Mit kollektivem Humor und freundlichem Beifall werden auch seine auf versuchtem Italienisch vorgetragene Begrüßungsrede sowie später noch weitere Redebeiträge quittiert. Eddie singt nicht nur gern, er redet auch gern, das wissen wir ja schon. Irgendwann winkt er bei einem seiner Vorträge auch mit der obligatorischen Weinflasche - alles nicht neu, aber was wäre das für eine PJ-Show, würden genau diese Elemente fehlen. Auch "Corduroy" von "Vitalogy" fetzt dahin, bis es mit "Given to Fly" wieder etwas lyrischer wird. Mir persönlich gefallen ja die balladesken Stücke aus dem PJ-Repertoire besser als die etwas einfacher gestrickten Rockfetzer, wie das folgende "Not for You", aber wie immer ist es die Mischung, die das Gesamterlebnis ausmacht. An diesem Abend bekommen wir inklusive der ganz großen Must-play-Hits vor allem Material von den drei ersten Alben "Ten", "Vs." und "Vitalogy" zu hören. "Spin the Black Circle", auch von "Vitalogy", widmet Eddie Vedder Jack White, bevor mit "Porch" von "Ten" der erste Set beendet wird. Man weiß natürlich, dass die Show jetzt noch nicht zu Ende ist, ja, eigentlich erst richtig losgeht.

Kollektives Mitsingen, alle aus dem Häuschen
Mit der schönen folkigen Ballade "Elderly Woman Behind the Counter in a Small Town" geht es in die nächste Runde. Immer wieder ist es erstaunlich, mit welcher Textsicherheit das Publikum auch solche, weniger rockigen, Stücke mitsingen kann. "Inside Job" ist dann ein vergleichsweise jüngerer Song, erschienen 2006. Nach diesem erneut ruhigen Start, bringt "Once" die Masse wieder ordentlich zum Schwingen und mit "Better Man" zum Singen.d 20180704 1289135212 Ich würde sagen, "Better Man" zählt zu meinen absoluten Lieblingsstücken von PJ, und es macht mir noch jetzt beim Schreiben Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie die Zehntausenden Fans im Stadion von Padua den Refrain so perfekt mitsingen, dass Eddie Vedder irgendwann selbst aufhört und das Ganze einfach sich selbst überlässt. Wow, das ist wirklich rührend! Nach "Black" dann ein weiterer meiner absoluten Lieblingshits: "Crazy Mary", ein Coverstück von Victoria Williams. Und damit wäre ich für diesen Abend eigentlich hinreichend und gut bedient gewesen. Aber nach dem schnell gerocktem "Rearviewmirror", das diesen Set beschließt, geht noch keiner nach Hause. Alles wissen ja, dass es noch den dritten Set geben wird.

Im Finale stilistisch nochmal von allem etwas
Und der beginnt nach kurzer Pause mit "Smile". Eddie Vedder spielt dazu Mundharmonika, was vom Stil her sehr an die großen Folksongs vom Grunge-Kumpel Neil Young erinnert. Und wieder singen fast alle mit! Danach gibt's dann mit "Alive" noch einmal zweihundert Prozent Pearl Jam - und dann, ich werde das nie vergessen, "Baba O'Riley" von The Who - einer der für mich fünf größten Rocksongs aller Zeiten! Leidenschaftlich und temporeich hingerockt im eigenen Stil von Pearl Jam! Oh ja, auch dafür mag ich diese Band! Mike McCready flitzt mit seiner Gitarre hin und her, macht ein paar Pete-Townshend-Sprünge, während Eddie Vedder drei, vier Tamburine ins Publikum wirft. So geil! Den Song haben sie ja schon lange im Konzert-Repertoire, aber dass ich ihn heute endlich auch einmal live zu hören bekomme, macht mich sehr glücklich. Mit dem wiederum etwas sehr ruhigen "Indifference" wird dieser denkwürdige Abend beschlossen.

Heimweg als Geduldsprobe
Schnell aus dem Stadion zu kommen, geht nicht. Aber das ist egal. Gemeinsam mit Tausenden ziehen wir im gemächlichen Schritt zum Busparkplatz, immer wieder beginnt jemand zu singen, und andere stimmen ein. Herrlich, diese Stimmung! Irgendwann haben wir dann das Ende der langen Schlange am temporären Taxistand erreicht und warten, während sich um uns die Fans in den verschiedensten Sprachen der Welt unterhalten. Nach knapp anderthalb Stunden Warterei kommen wir dann schließlich doch recht flott ins Hotel und verwechseln zunächst einmal unsere Zimmernummer mit der des vorherigen Hotels ...

e 20180704 1885354761Nächste Station: Rom
Nach einem guten Frühstück am Montagmorgen heißt es für uns wie für viele andere Fans, die im selben Hotel waren, Aufbruch zum nächsten Gig. Unterwegs, bei den Stopps an Raststätten und Tankstellen, sehen wir immer wieder PJ-Fahrgemeinschaften, die das gleiche Ziel haben: Rom.

Am Abend Ankunft im Nordosten der Stadt. Ein kleines aber feines Hotel, und auch hier sind wir nicht die einzigen, die wegen des Konzertes am nächsten Abend eingecheckt haben. Das Beste am Quartier: Es sind nur 15 Minuten Fußweg bis zum Stadion! Nach einer Highspeed-Sightseeingtour (mein Fuß hat erstaunlich gut mitgespielt) am nächsten Tag - Spanische Treppe, Trevi-Brunnen und Pantheon, machen wir uns auf den Weg zum Stadio Olimpico, dem Fußball-Tempel von AS Rom. Immer den Massen nach, war der Tipp von der Rezeption, und genauso ist es: Tausende ziehen bei brütender Nachmittagshitze durch die Straßen in Richtung Stadion. Toll: Keine Wartezeiten an den Toren, der Einlass verläuft völlig reibungslos und entspannt. Offenbar ist man in Rom anders als in Padua doch etwas routinierter bei der Organisation von Großveranstaltungen. Wieder haben wir gute Tribünenplätze erwischt (das Einkaufen auf italienischen Ticket-Portalen ist wegen der Sprachdefizite halt doch bis zum Schluss immer mit einigen Fragezeichen verbunden), und kühle Getränke gibt es auch in Armreichweite. Auch hier soll die Show 21 Uhr beginnen, also wird zunächst die erste Halbzeit des heutigen WM-Spiels auf die großen Leinwände der Bühne übertragen. Sehr gute Idee ... Dann endlich Pearl Jam!

Komplett andere Set-List
Als Intro wird wieder "Metamorphosis Two" von Philip Glass eingespielt, wie schon in Padua, aber dann bekommen wir doch eine völlig andere Set-List serviert als zwei Tage zuvor! Hatten in Padua die älteren Stücke eindeutig dominiert, geht es jetzt im Crossover durch die Jahre und Alben. "Elderly Woman Behind the Counter in a Small Town" ist der erste Song, sehr schön, dann aber gibt's gleich ein Cover: "Interstellar Overdrive" von Pink Floyd. Aha, dahin geht die Reise also. Das Stück passt rein musikalisch natürlich perfekt zu Pearl Jam - und ebenso zum Aufheizen des Publikums. Danach dann wieder einige der vertrauten großen Kracher: "Corduroy", "Why Go", "Do the Evolution", "Pilate" und "Even Flow", bis dann das für meine Begriffe etwas pathetische, mit fettem Orgelsound unterlegte, "Wasted Reprise" wieder etwas Ruhe ins Geschehen bringt. Beim schönen, schnörkellosen "Wishlist" wieder kollektives Mitsingen - auch in Rom sind die Fans fit, wobei sicherlich ein großer Teil der 55.000 schon in Padua und vermutlich auch vorher schon in Mailand dabei war. Mit dem flotten "Lightning Bolt" vom gleichnamigen 2014er Album geht es flugs in die Neuzeit, gefolgt vom ebenso rockigen Brandi-Carlile-Cover "Again Today", was auch von Bruce Springsteen hätte sein können. Mit "MFC" und "Immortality" zitieren PJ wiederum ihre frühen Jahre, während "Unthought Known" aus 2009 stammt und mit "Eruption" ein wummeriges Van-Halen-Cover eingestreut wird.f 20180704 1050375992 Ok, kann man machen, muss man aber nicht, finde ich. Irgendwie fühlt sich so ein metallischer Song doch etwas fremd in diesem klanglichen Umfeld an, aber vielleicht wollte Gitarrist Mike McCready einfach mal zeigen, dass er es auch scheppern und kniedeln lassen kann. Scheppern lassen PJ es auch beim brandneuen, mitklatschfreundlichen "Can't Deny Me", gefolgt vom nicht minder rockigen, kurzatmigen, Ramones-ähnlichem "Mankind". Mit den gleichermaßen knallenden Songs "Animal", "Lukin" und "Porch" geht's ins die erste Pause.

Eddie Vedder ein bisschen solo
Nach diesem furiosen ersten Set gibt es zu Beginn des zweiten Teils ein folkiges Solostück von Eddie Vedder: "Sleeping by Myself", zu dem er auf der Ukulele spielt. Auch "Just Breathe" vom PJ-Album "Backspaper" fokussiert voll auf Eddie Vedder und erinnert uns, während im Stadion Zehntausende ihre Handy-Lampen einschalten, an die zwei Solo-Konzerte von ihm, die wir auf den Tag genau vor einem Jahr auf Sizilien erlebt haben. Ganz großes Kino dann, als "Imagine" von John Lennon gespielt wird. Nach "Daughter" und einem herrlich gerocktem "State of Love and Trust" dann etwas Spezielles: Drummer Matt Cameron übernimmt die Vocals, und es gibt "Black Diamond", ein Cover von Kiss, zu hören. Ok, auch das kann man machen, aber … Dann einer der ganz großen Hits: "Jeremy" und für mich zur großen Freude wieder "Better Man" - mit gemeinsamem Stadion-Gesang. Wunderbar!

Die Zugabe beginnt mit einem von Eddie Vedders englisch-italienischen Redebeiträgen, der ebenso wie in Padua freundlich honoriert wird. Wirkte das Programm bisher im Vergleich mit Padua gewissermaßen ohnehin schon weniger schlüssig, weil mit etlichen stilistischen Exkursen versetzt, so gibt's jetzt im Zugabenteil gleich noch eine Überraschung obendrauf: "Comfortably Numb" von Pink Floyd. Sollte ich nicht falsch informiert sein, dann haben PJ dieses Stück erst seit 2018 im Live-Set. Kommt gut rüber, und den Massen gefällt es, zumal auch die Light-Show ein bisschen nach dem Stil von Pink Floyd gestaltet wird. Es folgen "Black", "Rearviewmirror" und selbstverständlich "Alive", zu dessen "Hej!" sich zehntausende Hände rhythmisch nach oben recken. Die Band rennt und springt über die Bühne wie in ihren wildesten Zeiten und irgendwann in diesem feurigen Finale ist ein Transparent auf der Bühne, auf dem "Fuck Trump!" zu erkennen ist ...

g 20180704 2067639392Was soll jetzt noch kommen? Klar, es ist liegt in der Luft und schon kracht's auch los: "Rockin' in the Free World" von Grunge-Vater- und PJ-Kumpan Neil Young! Auf den Rängen sitzt schon längst niemand mehr, der ganze Kessel kocht, und nachdem auch das Flutlicht eingeschaltet wird, ist das Bild wirklich umwerfend. Wow! Eine großartige Show, ein großartiger Abend!

Auf nach Prag!
Inzwischen waren wir mal kurz daheim in Berlin, T-Shirts waschen, und gleich am nächsten Tag, Freitag, ging es weiter nach Torgau zum Konzert von Gov't Mule - ein ebenso einzigartiges Erlebnis! Von Torgau dann am Samstag die entspannte Fahrt nach Prag, wo Pearl Jam am Sonntagabend in der O2 Arena auftreten würden. Auch in Prag haben wir Glück mit unserem Hotel. Zwei Metro- oder drei Straßenbahnstationen bis zu den Sehenswürdigkeiten der Innenstadt, aber was noch wichtiger ist: nur vier Metrostationen von der Arena entfernt, und die Stationen sind jeweils mit nur wenigen Schritten erreichbar. Im Hotel sind selbstverständlich wieder etliche PJ-Fans aus allen Himmelsrichtungen versammelt. Ein Tourist aus den USA erzählt von einem Freund, der auch hier sei, der im Internet für seine Eintrittskarte über 300 Dollar gezahlt habe. Autsch! Regulär kosten die Tickets um die 100 Euro. Im Stadtbild allerdings sind neben den Pearl-Jam-Fans auch schon etliche Rolling-Stones-Fans zu erkennen. Die Stones spielen hier am 4. Juli, drei Tage nach Pearl Jam. Ganz schön was los in Prag!

Nach zwei Open Airs heute ein Hallenkonzert
Nach einem entspannten Touristenbummel mit obligatorischem Bierstopp am unteren Ende des Wenzelsplatzes machen wir uns am frühen Abend auf den Weg zur Arena. Alles ganz easy. Die Tore haben 18.30 Uhr geöffnet, 20 Uhr soll es losgehen. Nach den zwei Stadion-Konzerten in Italien nun also ein Hallen-Konzert. Wir haben Sitzplätze mit guter Sicht auf die Bühne - ehrlich gesagt hätte ich im bis auf den letzten Quadratmeter ausgefüllten Innenraum auch nicht bis zu drei Stunden stehen wollen.h 20180704 1741336809 Die Arena wird wohl hauptsächlich für Eishockey genutzt, rund 20.000 Leute sind drin. Die vollen Ränge wirken sehr nah und erdrückend, anders als in einem offenen Stadion, ist hier das Publikum optisch und offensichtlich auch emotional weitaus dichter dran am Geschehen. Etwas verwundert sind wir darüber, dass auch die oberen Ränge hinter der Bühne fast lückenlos besetzt sind. Das kenne ich bisher nur aus Filmdokumenten von Konzerten in den USA. Kapiert habe ich das bisher nie. Ob die Leute dort etwas von der Bühne oder der Band sehen, weiß ich nicht, aber vielleicht waren das deutlich günstigere Tickets, und so kommen diese Fans wenigstens in den Live-Hörgenuss.

Temporeiches Set, ohne Atempause
Pearl Jam beginnen alsbald, wie gewohnt mit zwei ruhigeren Stücken, "Pendulum" und "Nothingman", aber dann geht die Post mit "Corduroy", "Brain of J.", "Do The Evolution" ... so was von ab. Wow! In Padua war es eine konzeptionell schlüssige Songfolge mit einem Mix aus schnellen und ruhigeren Songs, in Rom war es ein etwas "experimentellerer" Song- und Stilmix, aber hier in Prag scheint es, es gehe darum, das Publikum von Anfang an richtig abzukochen und keine Atempause zu lassen. "Lightning Bolt", "Dissident" - gewidmet Vaclav Havel -, "Even Flow" - ein Kracher jagt den nächsten! Kaum, dass ein einzelnes balladeskes Mitsing-Stück wie "Jeremy" eingestreut wird, rocken die Gitarren und kracht das Schlagzeug gleich wieder los! Und das Publikum - kaum einer sitzt auf seinem Sitzplatz - geht voll mit. Wirklich irre! Ich bin schlichtweg begeistert und reiße wie die anderen Zehntausenden unwillkürlich meine Arme hoch und johle. Die Konstruktion unter uns bebt und schwingt bedenklich, aber sie werden solche Situationen beim Bau der Arena ja hoffentlich einkalkuliert haben ...

Wild und ungestüm, wie in jungen Jahren
Einst schrieb ich, PJ-Konzerte seien musikalische Reisen - heute scheint es, als müssten sie einen Temporekord brechen. Die Band fegt über die Bühne, Eddies erstaunlich kurze Begrüßungsrede auf Tschechisch, inklusive Winken mit Weinflasche, wird ohne großes Tamtam irgendwann am Anfang des Sets eingeflochten, und sofort rast der Rock-Hurricane wieder los! Eddie Vedder ist (am meisten) mal wie Bruce Springsteen, mal wie Mick Jagger, mal wie Roger Daltrey - aber trotzdem immer Eddie Vedder.i 20180704 1593860786 Es ist nicht, als stünden dort erwachsene Männer Mitte 50 auf der Bühne, es ist eher so, als wären PJ heute wieder dort, wo ihr Weg "nach oben" angefangen hat, als wilde, ungestüme Mittzwanziger, Anfang der 1990er-Jahre. Das habe ich so nicht erwartet und so habe ich das auch noch nicht erlebt. Ein bisschen habe ich den Eindruck, dass es auch speziell so für das Publikum in dieser Arena oder speziell für das Publikum in Prag gemacht wurde: Volle Packung, volle Power, voll auf die Ohren, hingefetzt für eine hungrige Meute, die mit eben solcher Power mitmacht! Eine kleine Verschnaufpause für das Publikum gibt es, als von Eddie Vedder der Beatles-Song "Help" improvisiert wird, gefolgt von der PJ-Nummer "Help Help". Kurz vorm Ende des Sets noch mein Lieblingsstück "Better Man", aber gleich darauf rummst "Porch" in den Saal und dann ist plötzlich Ruhe.

Seltsames Gefühl ... Alle wissen ja, es geht gleich weiter, aber ich denke, jeder hat erstmal für sich damit zu tun, zu reflektieren, was in den letzten anderthalb Stunden passiert ist. Im zweiten Set geht es dann etwas "gemäßigter" zu: "Man Of The Hour", Eddie Vedder solo mit "The End", dann "Given to Fly", "Black", "Rearviewmirror" - und damit sind auch gleich noch ein paar Pflichtnummern abgehakt.

Liebenswerte Kumpelband
Nach einer erneuten Pause zeigen sich Pearl Jam als respektvolle Kumpels: Die schöne Ballade "Elderly Woman behind the Counter in a Small Town" spielen sie unplugged und mit dem Gesicht zu dem Publikum, das auf den Rängen hinter der Bühne steht und sitzt. Das ist eine super Geste und wird von allen in der Arena mit ehrlichem, starkem Applaus begrüßt! Zumindest die Fans auf den unteren Reihen dieser "Backstage-Ränge" können dann davon berichten, dass sie für diesen einen Song ganz nah an ihrer Band dran waren. Ich finde das richtig gut.j 20180704 1226782846 Und überhaupt finde ich Pearl Jam richtig gut und immer besser, zumal ich nun schon behaupten kann, sie öfter im Konzert als zu Hause aus der Stereoanlage gehört zu haben. Mike McCready und Eddie Vedder gehen auch von der Bühne herunter, hinein ins Publikum und lösen damit zusätzliche Begeisterung aus. Cool ist auch, als sich Eddie Vedder von einem starken Spot anstrahlen lässt, sich eine Gitarre über dem Kopf hält und den reflektierten Lichtstrahl systematisch über die Ränge und den Innenraum gleiten lässt, sodass fast jeder Konzertbesucher einmal im von ihm gesteuertem Spotlicht erleuchtet. Sie sind schon irgendwie Kumpels, diese Pearl Jams.

Alive und Rockin' in the Free World
Dann "Alive" - großartig, ergreifend und umwerfend zugleich und weil die Band heute schon die ganze Zeit so munter gerockt hat: "Rockin' in The Free World". Man kann sich sicherlich gut vorstellen, was da noch einmal abging. Mit "Indifference" werden die Gemüter zum guten Schluss ein wenig beruhigt und abgekühlt, denn ein paar zehntausend so hochgekochte Fans aus der Arena zu entlassen, hätte hier oder da vielleicht ein paar Schwierigkeiten provoziert, die niemand braucht. So klingt dieser energiegeladene, in jeder Hinsicht mitreißende Abend, sehr harmonisch aus ... und alle gehen, noch ziemlich aufgekratzt, aber friedlich nach Haus.

Der Rückweg mit der Metro gestaltet sich erstaunlich stressfrei. Klar sind viele Leute unterwegs, die mit Bussen und Bahnen abreisen. Aber irgendwelche größeren Menschenstaus sind nicht zu sehen. Der Bahnsteig ist zwar voll, und im Zug ist es eng, aber ich verstehe nicht, warum mir ein Prager auf englisch erklären möchte, die Metro sei auf diese Veranstaltung nicht gut vorbereitet gewesen.k 20180704 1246314487 Dies sei ja nicht die erste Großveranstaltung in der Arena! Aha. Ich empfinde es nicht schlimmer als im Feierabendverkehr auf einem Bahnsteig der U2 in Berlin-Mitte ... und wir werden mal sehen, wie schnell wir nach der Show am Donnerstag von der Berliner Waldbühne wieder nach Hause kommen.

... und jetzt noch Berlin!
Das Konzert in der Waldbühne ist zwar schon lange ausverkauft, aber direkt beim Veranstalter gibt es noch ein paar Resttickets, genau HIER




Termine:
• 05.07.2018 - Berlin - Waldbühne
• 07.07.2018 - Werchter (BL) - Rock Werchter Festival

Alle Angaben ohne Gewähr! Tour wird im Ausland forgesetzt.
Weitere Infos und Termine auf der Homepage von PEARL JAM.



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von PEARL JAM: www.pearljam.com




Fotostrecke:


Padua (ITA):
 




   
   
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