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Ein Konzertbericht mit Fotos von Christian Reder



Kaum zu glauben, aber es ist tatsächlich schon wieder ein Jahr her, dass ich zuletzt im "Bochumer Kulturrat" war. Dabei liegt der Veranstaltungssaal in direkter Nachbarschaft, einen Steinwurf weit entfernt, und der Spielplan ist das ganze Jahr immer mit exquisiten Angeboten reichhaltig gefüllt. Es gab so einige Konzerte, die ich in den letzten 12 Monaten gern besucht hätte,a 20180630 1245760267 aber immer kam was dazwischen, wie beim Auftritt von Barbara Thalheim oder die Termine überschnitten sich mit denen unseres Vereins. Für den heutigen Gast der Bochumer Kulturrätler hätte ich aber den Kalender des Jahres 2018 umgeschrieben und Kontinentalplatten von Hand verschoben, um bei seinem Auftritt dabei sein zu können: Paul Millns.

Von Paul Millns hatte ich bisher immer nur gelesen oder Musik aus der Konserve gehört. Im Jahre 2009 war der Musiker einer der Künstler, die im Rahmen des "Konzerts für Afghanistan" meines Freundes Benjamin in Leipzig teilgenommen und sich mit einer Sachspende sogar an unseren Benefiz-Auktionen für die "Kinderhilfe Afghanistan" beteiligt hatte. Schon damals wäre ich gern bei dem Konzert dabei gewesen, u.a. auch wegen ihm. Aber manches klappt eben erst später ... Paul Millns, Baujahr 1945, wurde in der Grafschaft Norfolk im Osten Englands geboren. Den Großteil seines bisherigen Lebens hat er aber in London verbracht. Als hervorragender Blues-Pianist hat er sich bereits in den 60ern einen Namen gemacht, als er u.a. mit Alexis Korner, Eric Burdon, Peter Thorup (Creedance Clearwater Revival) und David Crosby zusammen auf der Bühne stand oder im Studio wirkte. Als Sänger und Song-Schreiber mit eigenen Plattenveröffentlichungen trat er ab 1975 in Erscheinung. Bis heute hat Millns fast 20 eigene Alben veröffentlicht - sein aktuelles Werk stammt aus dem Jahre 2016. Es ist anlässlich seines 70. Geburtstages erschienen und am Abend vor diesem besonderen Tag vor 500 Leuten auf dem unseren Lesern sicher von anderen Veranstaltungen her bekannten Schloss Goseck aufgezeichnet worden. Der Londoner Blues'n'Soul-Poet spielte an diesem lauen Sommerabend ein fulminantes Konzert mit Band, das mich in der Ferne nur noch weiter neugierig auf den Musiker und seine Live-Musik machte.

b 20180630 1799164525Ein lauer Sommerabend war auch der des vergangenen Freitags, an dem das Konzert von Paul angesetzt war. Eher ein Wetter für den Biergarten als für den Konzertsaal, das merkte der Brite auch bei seiner Begrüßung des trotzdem zahlreich erschienenen Publikums um kurz nach 20:00 Uhr an, wobei er es "Beergarden-Weather" nannte, und die Menschen im Saal vorab auch schon einmal beruhigte, indem er vorausblickend auf die nächsten 120 Minuten verriet, dass er keine "Football-Songs" in seiner Setlist habe. Das ist bei Musikern von der britischen Insel ja nicht selbstverständlich, zumal deren Truppe im Sommer 2018 im Gegensatz zu unserer noch im laufenden Wettbewerb der WM in Russland vertreten ist. Seinen Auftritt in Bochum eröffnete Paul Millns mit dem Song "The Skin I'm In", in dem es darum geht, dass man viele Dinge im Leben zwar ändern kann, aus seiner Haut aber nie raus kommt. Eine flotte Nummer, die mit ihrer Gangart als Opener gleich für die richtige Raumtemperatur sorgte. Die war ob der Witterungsverhältnisse vor der Tür sowieso schon ziemlich hoch, die Luft entsprechend schlecht und das kleine Tuch von Paul, mit dem er seinen Schweiß abtupfen sollte, kam reichlich zum Einsatz. Der Liedermacher aus England und sein Piano waren die einzigen, die die große Bühne des Bochumer Kulturrat belegten. Der Rest war frei. Er wirkte in dem "Bühnenbild" anfangs etwas verloren, füllte den Raum aber schon mit der ersten gespielten Nummer voll aus. Das Publikum legte den Fokus auf den Mann mit den Liedern voller Melancholie, Liebe und auch Lebenserfahrung. Die Leute vor ihm zum Mitwippen und den Takt mit dem Fuß zu treten animierende Songs der schnelleren Gangart, wie eben erwähntes erstes Stück, und Balladen voller Tiefenschärfe (wie z.B. "Before the rain rolls in") wechselten sich ab. Dazwischen erzählte Millns immer kleine Geschichten zu seinen Stücken oder drum herum. Versehen mit einer ordentlichen Portion des typisch britischen Humors, der wie ein feiner Barolo nur trocken statt lieblich daher kommt, und mit dem er so manche Lachsalve im Publikum auslöste. Vorausgesetzt man verstand ihn, denn seine Ansagen waren - logisch, er ist Brite und kein Deutscher - in seiner Muttersprache.

c 20180630 1526610162Zu diesen Einleitungen gehörte u.a. die zum Song "Nobody Home", in der er von seinen Kindern erzählte, die alle nicht glauben können, dass die Älteren, die ohne Smartphone und Tablets aufgewachsen sind, früher überhaupt ein Leben hatten. "Natürlich hatten wir eins", fügte er über sich berichtend an, "nur haben wir das nicht alle fünf Minuten fotografiert, um es der ganzen Welt zu zeigen." Zu seiner Zeit, als er jung war, gab es in England noch die roten Telefonzellen, die aus den Städten und Dörfern inzwischen fast alle verschwunden seien. Der Mobilität beim Telefonieren sei Dank. Man brauchte früher nix anderes als eine "Fish & Chips-Bude" oder eben eine Telefonzelle. Dies waren die Treffpunkte - quasi der Vorläufer der "sozialen Netzwerke". Man lauschte ihm bei seinen kleinen und großen Geschichten und amüsierte sich immer wieder aufs Neue, was er da auspackte und wie er es formulierte. In einer weiteren Ansage erzählte er, dass er zwischen Katholiken und Protestanten aufgewachsen sei und wenn man ihn heute fragen würde, welcher Religion er sich anschließen würde wenn er die Wahl hätte, lautet seine Antwort: "Keiner". Manchen Song widmete er sogar bestimmten Leuten oder Personengruppen. Für die, die vom Brexit inzwischen gelangweilt und auch von Donald Trump längst genervt sind, spielte er das Stück "Weather For the Blues". Das Lied "Happy Go Lucky Joe" sei für seinen Sohn, wie er verriet. Dabei heißt dieser gar nicht Joe. Und sein Lied "World On Your Shoulders" widmete er eben allen Menschen, die sich für andere Menschen einsetzen, andere unterstützen und anderen helfen. Dies seien sowieso die wichtigsten Leute in einer Gesellschaft.

Man müsste tatsächlich Klavier spielen können ... Dann verfügt man mit etwas Glück auch über dieses Talent, das Paul Millns inne wohnt. Egal in welcher Stimmung seine Lieder sind und welchen Rhythmus sie gerade haben, sie treffen auf ganz wunderbare Art und Weise den Nerv der Menschen. Die dünne Haut streicheln sie sanft, das dicke Fell kratzen sie ordentlich und die empfindlichen Stellen kitzeln sie kräftig. Seine Geschichten, die er erzählt, erweckt er ausschließlich mit seiner bemerkenswert variablen Stimme - mal rauchig, mal rau, mal so jugendlich wie die eines 17-jährigen Jünglings - und dem Klavier zum Leben. Und die eingangs - wie schon erwähnt - als leer empfundene Bühne wird als solche schnell nicht mehr wahrgenommen. Es braucht also überhaupt kein schmückendes Beiwerk an der Stelle, wo er seine Arbeit verrichtet. Man stelle ihm ein Klavier und einen Stuhl hin, und schon kann es losgehen. Es ist Leben dort, wo Millns sitzt und spielt. Es strömt Leben von dort, wo Millns die Tasten mal laut und mal leise anschlägt und es entsteht eine lebendige Verbindung zwischen ihm und seinem Publikum, wenn er mal fröhliche, mal melancholische, mal lebendige Melodien in den Saal zu seinen Zuhörern schickt. Er versetzt die Leute, die in sein Konzert kommen, nicht nur in eine ganz besondere Stimmung,d 20180630 2066834040 sondern er lässt sie eben genau dort sein, wovon er gerade erzählt oder worüber er singt. Bei "Calling All Clowns" ist die Zirkusatmosphäre greifbar und an anderer Stelle schickt er Dich mit seinem "City Boy" ins Herz von London, um das Gefühl, ein echter Londoner zu sein, selbst in wenigen Minuten zu erfahren. Der 72-jährige Musiker ist "old enough to know", wie er im gleichnamigen Stück selbst behauptet, und er ist erfahren genug, seine Gedanken und Gefühle über die Musik so zu transportieren, dass sein Konzert nicht nur ein Konzert ist, sondern sich zu einem Familientreffen mit Emotionen aller Art entwickelt. Besonders die Trennung am Ende fällt schwer, wie bei einem echten und herzlichen Treffen unter Verwandten.

Unterbrochen von einer 15-minütigen Pause saß Paul Millns etwas über zwei Stunden auf seinem Stuhl und spielte für das Bochumer Publikum einen Mix aus älteren Liedern, Songs seiner aktuellen und eingangs schon näher beschriebenen Live-Platte "Full Moon Over Goseck", sowie ein paar ausgewählte Titel, die er für das gerade in der Entstehung befindliche neue Album erdacht hat, u.a. das recht ruhig gehaltene "If I Were You I'd Leave Me" und den Song "She's Flying Today" (so der vorläufige Arbeitstitel). Damit weckte er nicht nur bei mir den Appetit auf sein irgendwann nach dem Sommer das Licht der Welt erblicken werdende Werk, das bis jetzt noch keinen Titel hat. In den Zugaben parkte Millns mit "Georgia On My Mind" von Ray Charles die einzige Fremdkomposition, die nicht aus seiner Feder stammt, die ihn aber in jungen Jahren stark inspiriert habe, aus, und fuhr seiner "Familie" damit einmal mehr tief unter die Haut. Als der letzte Ton verklungen war - sowohl nach dem regulären Set als auch nach den beiden Zugaben - entlud sich die Begeisterung der Leute in tosendem und lang anhaltenden Applaus. Schon nach den einzelnen Liedern gab es Menschen, die sich in ihrer Begeisterung nicht zurückhalten wollten, aber am Schluss war es ein Orchester aus vielen klatschenden Händen und lauten Rufen. Doch auch nachdem Paul das Klavier und seinen Stuhl hinter sich ließ, hatte der Mann noch viel Zeit.e 20180630 1151445240 Im Vorraum des Bochumer Kulturrats konnte man mit dem Künstler noch in aller Ruhe ein paar Worte wechseln, sich fotografieren und die eben erstandenen CDs und DVDs mit seinem Namen drauf auch noch signieren und mit persönlicher Widmung versehen lassen. Für einen gemeinsamen Bekannten, nämlich Robert Weinkauf, schossen wir dann noch ein Foto und machten aus, dass ich ihm herzliche Grüße überbringe. Das hatte ich noch am gleichen Abend über ein soziales Netzwerk - also digital und nicht an einer Telefonzelle oder in einer "Fish & Chips-Bude" ;-) - getan, und mache es auf diesem Wege noch einmal.

Mich hat das Konzert von Paul Millns komplett geflasht. Insgesamt 22 Songs hatte er für uns gespielt (siehe Setlist unten) und dabei immer wieder andere Stimmungen erzeugt. Sein Blues, sein Soul und seine an den Pop heranreichenden Lieder hinterließen ausschließlich gut gelaunte Menschen, die den Bochumer Kulturrat in eine nach wie vor laue Sommernacht verließen. Im Herbst kommt er wieder, dann wohl mit Band und evtl. schon mit der neuen Scheibe im Gepäck. Da sehen wir uns wieder ...




Setlist:
Zum Vergrößern bitte anklicken

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Termine:
• 30.06.2018 - Hünxe - Otto Pankok Museum
• 20.07.2018 - Berlin - Privatkonzert
• 21.07.2018 - Schmiedeberg - Privatkonzert

Alle Angaben ohne Gewähr! Nähere Infos und weitere Termine auf den jeweiligen Webseiten



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Paul Millns: www.paulmillns.com
• Homepage des Bochumer Kulturrat: www.kulturrat-bochum.de




 
 
 
 
 
 




   
   
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