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Ein Konzertbericht mit Fotos von Thorsten Murr



Wieder auf Tour ...
Vermutlich werden aufmerksame Leser mir stilistische Wiederholungen vorwerfen, wenn ich erneut feststelle, dass die Rolling Stones schon lange nicht mehr ein Rockkonzert allgemeiner Art sind, sondern ein umfassender Event, bei dem die eigentliche musikalische Darbietung lediglich den Höhepunkt einer wochenlangen mentalen und organisatorischen Vorbereitung sowie einer mehrere Tage zuvor beginnenden und ebenso so lange danach andauernden Party ist.a 20180618 1256654330 Der Event beginnt mit dem Thrill des Ticketkaufs, und die Stimmung köchelt merklich hoch, wenn die guten Teile dann endlich im Briefkasten sind. An den Tagen kurz vor der Abreise werden der Koffer und die Garderobe sorgfältig ausgewählt, geprüft, mit frischer Deko versehen und systematisch gepackt. Und dann geht's ab zum Flughafen, gleich mit einem Schluck Jack D. auf den Weg, und am Flughafen trifft man glatt auf noch mehr solche Verrückte, besser Verbündete, die sich in Schale geschmissen haben und dieses Leuchten in den Augen haben.

Ein Fest für die Fans
In Edinburgh angekommen, das erstbeste Pub für einen Imbiss gewählt, und schon ist man im Gespräch mit Leuten, die auch wegen des Konzertes in der Stadt sind. Jeder erzählt seine Geschichten, und alle sind sich einig, dass schon am nächsten Tag etwas Bedeutsames passieren wird. Auch im Hotel sind die mit der Zunge auf dem T-Shirt, reichlich vertreten, wie auch beim ausgiebigen Frühstück im Pub gegenüber. Von einigen deutschen Fans erfahren wir, dass wir ganz einfach und direkt mit dem Bus 22 vom Hotel bis ans Stadion fahren können. Perfekt. Als wir aber mitbekommen, dass die Truppe schon morgens um zehn zur Spielstätte aufbricht, machen wir auch ein bisschen schneller. Der Einlass ist für 16 Uhr angekündigt, aber in Italien letztes Jahr waren die Zugänge auch schon mittags von hunderten Fans belagert. Also los!

In UK machen Konzerte noch richtig Spaß
Am BT Murrayfield Stadium angekommen, empfängt uns angenehme britische Gelassenheit. Das kennen wir ja schon vom The-Who-Gig in Birmingham im letzten Jahr. Wir erfahren, dass man bereits ins "Fan Village", zwischen äußerem Zaun und eigentlichem Zugang zum Stadiongebäude, einchecken kann. Das ist klasse, denn dort gibt es Futter- und Getränkebuden und auch ein riesiger Merchandisingstand hat schon geöffnet. Die Einlasskontrolle ist völlig entspannt, die Security, nicht zu vergleichen mit den mehr und mehr militanten und völlig humorlosen Truppen in Deutschland, versteht sich eher als Helfer, denn als Verbieter. Alle sind sich einig, alle sind gut drauf, und allein schon das zu erleben, macht einfach nur Freude. Essen, trinken, shoppen und mit freundlichen Leuten aus aller Welt quatschen, die heute alle dasselbe vorhaben. Irgendwann ist es dann 16 Uhr, und wie versprochen werden die Zugänge zum Stadion geöffnet.b 20180618 1044181645 Wir beeilen uns, in den Innenraum zu kommen und schaffen es tatsächlich, am Ende des Laufstegs, fast in der Mitte der B-Bühne, in der zweiten Reihe zu landen. Das war der Plan und er hat funktioniert. Dann heißt es wieder warten, aber es ist kurzweilig, denn auch hier sind wir von ebensolchen aufgeschlossenen und aufgekratzten Leuten - von sehr jung bis ziemlich alt -, umgeben. Zur Abwechslung regnet es mal ein bisschen, aber der große laut Wetterbericht angekündigte Guss bleibt zum Glück aus. Das Stadion füllt sich langsam, wir sind ja in UK, aber stetig ...

Richard Ashcroft eröffnet den Abend
Gegen 19.30 Uhr kommt dann Live-Musik ins Spiel. Zur Erwärmung gibt es Richard Ashcroft. Der Britpopper trägt ein Zungen-Shirt und neben ihm steht eine Schneiderpuppe mit einem Glitzerjacket im Jagger-Style, das er später anziehen wird. Lustig ist auf jeden Fall das ebenfalls auf der Puppe aufgezogene T-Shirt, auf dem Ashcroft selbst zu sehen ist, wie er ein T-Shirt trägt, auf dem Keith Richards abgebildet ist, der wiederum das berühmte "Who The Fuck Is Mick Jagger!"-T-Shirt trägt. Immerhin beweist er Humor. Meine Freundin Susi und viele Tausend im Stadion freuen sich über die Musik, aber mein Fall ist das überhaupt nicht. Die meisten der dargeboten Songs, sie stammen wohl von Ashcrofts einstiger Band Verve, kenne ich vom beiläufigen Radiohören, wobei ich aber immer der Meinung war, die seien von Oasis, Coldplay oder so - und die versuchten sowieso alle nur, die Beatles nachzuahmen.

Sei es wie es sei, Ashcroft bringt die inzwischen Zehntausende Musikfreunde, die jetzt im größten Stadion Schottlands sind, gut in Stimmung. Ja, die Leute mögen ihn, der Auftritt ist sehr professionell und souverän, und auch ich finde, dass er den Job ganz gut macht. Auch gebe ich zu, dass ich am Ende des Sets, da kommt dann "Bittersweet Symphony" (auch diesen Hit hätte ich in einer Quizsendung als hundertprozentigen Oasis-Song verortet), sogar ein bisschen mitschwinge. Gute Laune ist halt ansteckend, und eigentlich ist Britpop ja auch ganz nett - so als Vorprogramm, meine ich, und wenn es nur nicht so oft im Radio immer wieder hoch und runter gedudelt würde.

So, schnell nochmal zum Klo, denn jetzt wird es nicht mehr lange dauern, bis die Hauptakteure in Erscheinung treten. Zunächst aber ist ein emsiges Wischkommando auf dem Laufsteg im Einsatz, um das Wasser, das der Regen hinterlassen hat, zu beseitigen. Zum Glück bleiben uns im weiteren Verlauf des Abends stärkere Schauer erspart ...

d 20180618 1272493274Ladies and Gentlemen, The Rolling Stones!
Dann das, was kommen muss. Eine rhythmische Soundcollage schwillt an, aus dem Off die Ansage: "Ladies and gentlemen, The Rolling Stones!" - und da kommen sie raus auf die Bühne! "Start Me Up" ist das erste Richards-Riff, dessen erste Töne wieder einmal etwas verstimmt klingen. Aber das juckt, auch wie immer, offenbar niemanden. Mich auch nicht. Es sind die echten Stones, und das gehört einfach dazu. Wenn man dazu Keith' Lächeln sieht, ist sowieso alles bestens. Jagger übernimmt sofort die Führung, schreitet auf dem Laufsteg nach vorn, hinein ins Publikum, und bringt es wie ein Tauchsieder zum Kochen. Man hat den Eindruck, dass er es immer kaum erwarten kann, endlich auf die Meute losgelassen zu werden. Ja, das sind die Stones! Sie kommen raus und haben die über 50.000 Leute sofort im Griff.

Dass nicht mehr "Sympathy For The Devil" der Opener ist, wie im Spätsommer 2017, wusste ich schon von den Setlists der vorherigen Irland- und UK-Konzerte. Der Grund ist offenbar, dass es im Juni gegen 20.00 Uhr noch taghell ist, sodass die mächtige Lightshow zu diesem Song kaum zur Geltung kommen würde.

Nach dem ersten freudigen Schocker geht es weiter in vertrautem Fahrwasser: "Let's Spend The Night Together" - klar, deshalb sind ja alle hier versammelt -, "It's Only Rock 'N' Roll" und das seit Jahrzehnten immer im ersten Viertel des Sets platzierte "Tumbling Dice" von "Exile On Main St." Danach ein etwas seltenerer Titel, der aber 2017/18 schon bei etlichen Gigs im Programm war: "Under My Thumb". Laut Statistik wurde er seit 1966 bisher nur 166 Mal live gespielt.

Mick Jagger fast hautnah
Heute Abend ist für uns Mick Jagger ganz besonders der große Star. Denn er kommt sehr oft auf bis zwei, drei Meter an uns heran, während Keith Richards und Ronnie Wood bei der Band auf der Hauptbühne bleiben, vielleicht aus Angst vor dem immer mal wieder leicht nieselnden Regen. Das ist ein bisschen schade, aber den unentwegt tanzenden und gestikulierenden "Jägermeister" mal so richtig aus der Nähe zu beobachten, ist ja auch was wert. Ich hätte nicht gedacht, dass mich die Performance eines Sängers nach so vielen Jahren noch einmal so sehr beeindruckt.c 20180618 1883621407 In meine Erinnerungen wird dieser Gig wohl als das "Jagger-Konzert" eingehen. Bei "Ride Em On Down" vom 2016er Bluesalbum wird die Bühne in blaues Licht getaucht, was aber wegen des noch hellen Abends nicht so richtig zur Geltung kommt. Zur Geltung kommen aber besonders bei diesem Stück, von dem sonst tragenden Soundteppich der Bigband befreiten, die Gitarren von Keith und Ronnie und freilich die Mundharmonika, die Jagger spielt. Das alles klingt schön roh, wie immer auch etwas schlampig, aber alles in allem nach einem echten Blues.

Götter sind auch nur Musiker
Etwas schräger wird es dann beim nächsten Song. Laut Publikumsabstimmung soll es "She's A Rainbow" sein. Jagger, jetzt mit akustischer Gitarre bewaffnet, gibt ein Zeichen an den Pianisten Chuck Leavall, und der beginnt routiniert und tight, das Stück zu spielen. Ist es sonst doch immer der dominante Gesang, der die Band in den Takt presst, müssen sich jetzt alle nach Leavall richten - und genau das hätten sie wohl besser noch einmal üben sollen, denn irgendwie scheint dabei jeder seine eigene Reisegeschwindigkeit im Kopf zu haben. Auch darüber, wann genau wer einsetzt, gibt es wohl keine abschließende Klarheit. Ein Amateurvideo auf YouTube veranschaulicht das ganz gut, auch die für einen Moment etwas angepisste Miene von Jagger, als er merkt was los ist. Ein bisschen schade, aber auch ein bisschen schön. Sie sind halt doch nur musizierende Menschen, diese rockenden Götter.

Bezauberndes Solo
Nachdem das Lied endlich absolviert ist, läutet der Musical Integrator dieses Unternehmens, Matt Clifford, mit seinem Waldhorn "You Can't Always Get What You Want" ein. Einer der gefühlt langen Songs, bei dem die Band schlendernd spielt, und sich die Gitarristen mehr oder weniger aussuchen können, wann und wer dazu ein bisschen Gitarre spielt, und vor allem, was genau gespielt wird. Allerdings bringt Ronnie Wood genau in diesem Stück ein für Stones-Verhältnisse langes, fast einminütiges, wirklich schönes und bezauberndes Solo zum Vortrag.e 20180618 1462525960 Sauber und super, Ronnie! Immer wieder finde ich es auch erstaunlich, wie es Mick Jagger schafft, selbst bei dieser Barhocker-Ballade, keine einzige Sekunde nicht in Bewegung zu sein. Zum Ende des Stückes hin läuft er hüpfend den Laufsteg vor und zurück, als würde er gleich noch einen Flickflack vorführen, und tänzelt direkt vor unserer Nase herum.

Jaggers Witze: Ronnie - einer von den Bay City Rollers!
Nach den Evergreens "Paint It Black" und "Honky Tonk Woman" folgt die Bandvorstellung: Sasha Allen und Bernard Fowler, Background-Gesang, Matt Clifford als "Musical Integrator", Karl Denson am Saxophon, Tim Ries an Keyboard und Saxophon, Chuck Leavell am Keyboard und als Musikalischer Direktor, Darryl Jones am Bass sowie Ronnie Wood und Charlie Watts in ihren vertrauten Rollen als Schlagzeuger und Gitarrist.

Weil Jagger immer gern mal einen Scherz mit lokalem Bezug ablässt, muss Ronnie Wood heute herhalten, den er glatt als einen von den Bay City Rollers vorstellt (man erinnere sich, diese schotte Boy-Combo hatte mit ihren fröhlichen Teenierock-Songs in den 1970er-Jahren die Hitparaden gestürmt)!

"It's good to be anywhere!"
Und schon sind wir wieder bei den obligatorischen zwei Solonummern von Keith Richards: "You Got The Silver" und "Happy". Zur Begrüßung bringt Richards wieder seinen Running Gag: "It's good to be here tonight. It's good to be anywhere." Schon so oft gehört, aber ich muss trotzdem immer wieder drüber lachen.

Sympathy For The Devil
Dann einer der absoluten Höhepunkte dieser Show: "Sympathy For The Devil". Jagger, jetzt im dunkelroten Glitzermantel, geht voll in dieser Rolle seines Lebens auf, während Richards und Wood sich erstaunlich gut ergänzen und für ihre Verhältnisse auch sehr sauber arbeiten. Klar sind bei Keith' Solopassagen immer so ein paar rotzige Zwischentöne drin,f 20180618 1424820899 während Ron der offenkundig filigranere von beiden ist, aber genau das macht ja diese teuflische Mischung aus. Beim großen gemeinschaftlichen "Huh-huh" wird Mick Jagger in der Mitte der Bühne von den Background-Sängern Sasha Allen und Bernhard Fowler flankiert, die mit ihm im Takt rocken. Das kommt visuell ziemlich gut rüber und heizt natürlich die Partystimmung im Stadion noch mehr an.

Nach dem ersten Huh-Huh-Song folgt mit "Miss You" der zweite. Nun endlich kommen auch Keith Richards und Ron Wood einmal auf dem Laufsteg nach vorn und damit den Fans etwas näher. Leider nur kurz, dann flitzen sie schon wieder zurück in den Kreis der großen Band. Das Finale hat begonnen, und mit "Midnight Rambler", "Jumpig Jack Flash" und "Brown Sugar" bringen die Stones ihr Vermächtnis noch einmal in kompakter Form auf den Punkt. Das Stadion tobt, die Freude und die Begeisterung sind riesig. Um uns herum nur freudige, ja glückliche Gesichter.

Umwerfend: Sasha Allen
Alle wissen, dass es das noch nicht war, dass da noch was kommt. Und ja, nach einer kurzen Atempause, kommt erwartungsgemäß "Gimme Shelter". Düster, unheilvoll und doch so unglaublich packend. Sasha Allen marschiert auf dem Laufsteg entlang, mit gewaltigem Volumen singt sie ihre Zeilen, bis sich Mick Jagger zu ihr gesellt und sie mit vereinter Leadstimme ein machtvolles Gesangs- und feuriges Tanz-Duett präsentieren. Ja, das sind genau die Einlagen, die so ein Konzert unvergesslich machen.

Und dann kommt natürlich noch "Satisfaction" - hingeknallt, runtergerockt und weggefetzt! Jagger marschiert, jetzt sogar mit seinem Mikroständer, nach ganz vorn, flitzt auf dieser kleinen B-Bühne von links nach rechts, von rechts nach links, klatscht in alle denkbaren Richtungen des Stadions, so als müsse er wirklich jeden Einzelnen noch einmal hochreißen - was mir ziemlich überflüssig vorkommt, denn ich glaube nicht, dass noch irgendwer auf seinem Platz sitzt.

g 20180618 1562052777Zu den letzten Klängen dieses Überhits ballert auch schon das obligatorische Feuerwerk über der Bühne los - und alle sind glücklich und zufrieden. Ja, anders kann ich es nicht beschreiben: selig und zufrieden. Die Stones haben exakt die Packung geliefert, die versprochen und bestellt wurde: ein in jeder Hinsicht bombastisches und überwältigendes Fest der Rockmusik. Und was brauchen wir noch eine Fußball-WM, wenn doch feststeht, dass die Stones die einzig wahren Weltmeister sind!

Wer kann, sollte hin!
Als nächstes spielen die Stones in UK in Cardiff und noch einmal in London. Und in wenigen Tagen sind sie dann im Berliner Olympiastation. Es soll noch Karten geben, habe ich gestern per E-Mail erfahren. Danach gibt es noch wenige Gigs am 26. Juni in Marseille, am 30. Juni in Stuttgart, am 4. Juli in Prag und am 8. Juli in Warschau. Und was kommt dann? Hoffentlich bald eine nächste Europa-Tournee.




Setlist:
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Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage der Rolling Stones: www.rollingstones.com




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