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Ein Bericht von Thorsten Murr mit Fotos von Reinhard Baer
 

Wenn ein Ensemble wie die Modern Soul Band zum Jubiläumskonzert lädt, noch dazu zum 50., dann ist abzusehen, dass es keine kleine, keine leise und schon gar keine belanglose Angelegenheit wird. Ausverkauft sei das Kesselhaus, hieß es schon seit geraumer Zeit. Da freut man sich, wenn dadurch vermutlich auch leider der ein oder andere MSB-Fan draußen bleiben musste.

Ausverkauft!
Viele musikalische Gäste sind für dieses Konzert angekündigt, aber zunächst bildet sich auf dem Hof der Kulturbrauerei eine lange, diszipliniert und geduldig wartende Schlange derjenigen Gäste, die sich diesen besonderen Abend nicht entgehen lassen wollen, darunter etliche Vertreter der heimischen Musik-Prominenz.a 20180607 1637893585 Nachdem mein Einlass geklärt ist, stehe auch ich noch eine Weile draußen im kühlen Schatten - es ist unglaublich heiß an diesem Abend - und genieße diesen Anblick: Hunderte Fans, überwiegend im gesetzten Alter, die zu ihrer, zu unser aller Modern Soul Band strömen. Wow!

Mit MSB ging schon immer die Post ab
Wenn ich mich heute auch ein bisschen wie einer der Jüngeren fühle, so kann ich doch selbstbewusst feststellen, dass ich, seit ich diese Band das erste Mal, so um 1977/1978 herum in Erfurt live erlebt habe, ein Fan bin. Ich war vierzehn, und der damalige Freund meiner älteren Cousine hatte als Schallplattenunterhalter all diese coolen Platten von DDR-Bands im Koffer. Die beiden haben mich auch oft mit zu Konzerten in Erfurt und Umgebung genommen, wofür ich noch heute tiefe Dankbarkeit empfinde, denn besonders diese Live-Erfahrungen haben mich und meinen Musikgeschmack nachhaltig geprägt. Von all den AMIGA-Scheiben fand ich die von MSB, die erste, auf deren Titel die Band im Sand verstreut ist, und etwas später natürlich auch noch die mit den Schaufensterpuppen in engen Band-Shirts, immer irgendwie am weltoffensten. Und live war es natürlich das ganz besondere Erlebnis - eine solch große Band, mit fettem Bass, mächtigen Drums - und insbesondere mit den für mich als heranwachsenden Rockfan, ungewöhnlich vielen Bläsern. Damals ging die Post richtig ab - und auch in den folgenden Jahrzehnten ging die Post bei MSB immer so richtig ab ... Ja, und schon ist es Zeit, in den Saal zu gehen.

Die Bühne ist, nicht anders als zu erwarten, vollgepackt mit Instrumenten, Verstärkern, zahllosen Mikroständern, einem mächtigen Drumset mit Doublebass und selbstverständlich mit der klingenden Werkbank des legendären Bandgründers und -leaders, Gerhard "Hugo" Laartz. Die Band marschiert ein und wird mit herzlichem Applaus empfangen. Großes Gerede gibt es nicht, sondern ein fetziges Intro, das mit einigen fetten Breitseiten aus der Bläsergruppe gleich anzeigt, welche Power dieses Ensemble zu erzeugen in der Lage ist.b 20180607 1167809749 Hugo am Keyboard, ehemaliger und jetzt wieder aktueller Lead-Sänger Dirk Lorenz, Wolfgang "Nick" Nicklisch an der Gitarre und Jörg Dobersch am Bass. Am üppig bestückten Schlagzeug agiert Matthias Fuhrmann, seit 2011 dabei, und die Bläsergruppe setzt sich aus Mercedes D. Wendler am Saxofon, Ferry Grott an der Trompete und Stephan Bohm an der Posaune zusammen. Stephan Bohm ist - in Anbetracht von 50 Jahren Geschichte - noch ganz neu in der Band. Vor zwei Jahren hat er Dagobert Darsow abgelöst, der diese Position über viele Jahre besetzt hatte.

Soultime ist Partytime!
An der "Partyfront", dem ersten regulären Stück, geht es gleich noch mehr in die Vollen. Der Song stammt - passender Weise, würde ich sagen - aus der Feder von Ferry Grott, der seit 1986 an Bord und zweifellos einer der emsigsten Live-Entertainer im Line-up dieser Combo ist. Mit "Himmel und Hölle" kommt dann auch bald darauf einer der ganz, ganz großen Hits aus frühen - wenn auch nicht aus ganz, ganz frühen - Jahren der Band. Unglaublich, welche Kräfte da noch heute wirken. Wenig später "Alles auf Start" vom brandneuen Album, mit der Zeile "... ein neues Spiel beginnt" - ein gleichermaßen lässiger und kraftvoller Nachtschwärmersong, der wohl auch irgendwie eine Art von Selbstreflexion beinhaltet. So grooved es sich gut auch in diesen langen, vielversprechenden Abend.

Illustre Gäste gratulieren, ein Sputnik
und der Bluespabst machen den Anfang

Mit Henry Kotowski wird der erste Gast auf die Bühne gebeten. Als Gründer der Sputniks ist Kotowski einer der Urväter der ostdeutschen Rockmusik, die damals noch Beatmusik hieß. Mit Mundharmonika bewaffnet bringt er den MSB-Klassiker "Hallo, alter Junge" zum Vortrag, der von Hugo Laartz mit nach Deep-Purple-Hard-Rock klingendem Orgelspiel eingeleitet wird. Henry Kotowski singt und spielt Harp dazu. Das rockt ordentlich und geht in die Beine. Und gleich darauf kommt der nächste Gast: Peter Pabst, Gründer, Gitarrist und Sänger der Jonathan Blues Band, zu der auch MSB-Drummer Matthias Fuhrmann zählt, ins Line-up. Genregerecht gibt es den "Novemberblues" zu hören, bei dem sich der "Bluespabst" und Stammgitarrist Nick Nicklisch respektvoll die Gitarrenarbeit teilen, wobei das Können des Gastes in kleinen, feinen, unaufdringlich eingestreuten Solo-Passagen aufblitzt.

Frühere Stimmen von Modern Soul:
Regine Dobberschütz und André Siodla

Wie bei einer Gratulationscour erscheint als nächster Gast jetzt Regine Dobberschütz am Gesangsmikrofon. Sie war von 1974 bis 1976 zusammen mit Klaus Nowodworski Leadsängerin der Modern Soul Band. "Noch mal klein sein" und "Schlafen gehen" heißen die Stücke aus ihrer MSB-Ära, die sie heute singt, wobei sich das süße Schlaflied auch auf der brandneuen MSB-Scheibe findet.c 20180607 1799082656 Ein weiterer Ex-Sänger ist an der Reihe: André Siodla hatte den Job 2011 nach dem gesundheitsbedingten Ausstieg von Christian "Zwiebel" Schmidt übernommen, bis er 2016 vom MSB-Rückkehrer Dirk Lorenz abgelöst wurde. Turbulenzen mit tragischen Momenten markieren diese jüngere Geschichte der Band: "Zwiebel" verstarb im März 2013, in dem Jahr als MSB 45 Jahre alt wurde. Heute nun der 50. Geburtstag, und André Siodla wird herzlich begrüßt. Es ist mein sehr persönlicher Eindruck, dass er mir heute weitaus selbstsicherer und gelöster scheint, als bei den früheren Auftritten, bei denen er der "offizielle" MSB-Sänger war. "Eiserner Turm" bekommen wir von ihm zu hören. Ein tiefgestimmter, flotter Rhythm'n'Blues, zu dem er den Text schrieb, der auch auf dem aktuellen Album vertreten ist, und den er mit viel Hingabe und Soulfeeling vorträgt. Prima, mir gefällt's.

 
Der erste Gitarrero heute Abend: Pitti Piatkowski
Nun hatte ich mich schon gefragt, was der Vocoder am Gastgitarristen-Mikro wohl bedeuten mag, als es sich mit dem Auftritt von Ex-Modern-Souler Gisbert "Pitti" Piatkowski erklärt. Pitti zelebriert zu Beginn von "It's Over" ein Vocoder-Intro - das war ja mal modern -, um dann im weiteren Verlauf und insbesondere im folgenden Stück "Viel zu lange" seine Qualitäten als exzellenter Gitarrist unter Beweis zu stellen. Die Performance der Band ist jetzt unglaublich. Die Doublebass-Drum macht einen ordentlichen Wumms, das Riff aus "Sunshine Of Your Love" klingt zwischendurch mal an, und alles steigert sich zu einem furiosen Fest der starken Töne. Wow, wow, wow - das ist großes Kino! Man sollte diese Band nie und nimmer unterschätzen - das denken wohl auch die vielen Fans im Saal, die ihre Begeisterung hemmungslos hinausschreien und -klatschen. Überhaupt ist die Stimmung großartig. Selten, dass man ein solch aufmerksames und durchweg wohlwollendes Publikum antrifft.

d 20180607 1854592864Gelungene Rückblenden
Dann wieder Modern Soul: "Chicago" - die Reminiszenz an die Klassiker des Jazzrocks. Während Riff und Refrain von "25 or 6 to 4" eingewoben werden, erinnert der Text an die Anfangszeiten von MSB. Passend zum Rückblick folgt jetzt das MSB-Medley, das seit Jahren fester Bestandteil der Setlist ist: "Mr. Wonder", "Ideale", "Berliner Song". Es sind genau die Songs, die ich besonders mag und die damals in den Achtzigern im Radio, DT 64, hoch und runter gespielt wurden.

Die Stunde der Bläser bricht an
Nach einer, angesichts der hohen Innen- und Außentemperaturen, sehr willkommenen Pause, geht es mit dem City-Cover "Casablanca" lässig in die zweite Halbzeit. Das ist besonders die Show der Bläser, insbesondere von Ferry Grott, der zunächst die schöne Melodie des Songs mit einer exzellent gespielten Trompete intoniert, und gleich darauf seine immer wieder bemerkenswerte Rap-Einlage hinlegt. Ich gebe es zu, den Text dieses Raps habe ich nie deuten oder gar verstehen können. Vielleicht gibt es da auch nichts weiter zu verstehen, außer dass es einfach cool ist. Auf den Rap folgt ein ebenso feines Saxofon-Solo von Mercedes D. Wendler, bevor wieder alle Bläser gemeinschaftlich einsetzen. Mit einem schwungvollen "Sweet Home Chicago" geht die Partyreise weiter, wobei Peter Pabst, Henry Kotowski erneut auf der Bühne sind, und nun auch Sören Birke mit der Mundharmonika hinzukommt. Gleich darauf noch so ein internationaler Kracher "Hoochie Coochie Man", bei dem der "Bluespabst" wieder richtig zulangt. "Wir machen Party" ist der nächste Song, als ob es daran irgendwelche Zweifel gegeben hätte.

Solo Sunny & und die vermutlich legendärsten der Le-
genden: Uschi Brüning, Klaus Lenz & Conny Bauer

Dann wird es etwas stiller, als Regine Dobberschütz erneut ans Mikro tritt und "Solo Sunny" singt - worauf wohl viele Fans im Saal schon lange gewartet hatten. Und als nächster Gast kommt jetzt Conrad "Conny" Bauer mit seiner Posaune. Bauer, der von 1970 bis 1973 bei MSB war, präsentiert sich mit einer munteren, jazzigen und rhythmischen, Improvisation, die sowohl gut ins Programm passt als auch seinem Renommee gerecht wird.e 20180607 1848258072 Bauer wechselte damals von MSB zur Klaus Lenz Combo - klar, und jetzt kommt Klaus Lenz himself auf die Bühne. Von 1973 bis 1977 hatte es bekanntlich eine Fusion der Modern Soul Band mit der Klaus Lenz Band und viele gemeinsame Konzerte gegeben. Mit einem Flügelhorn spielt sich Klaus Lenz hinein in ein Fusion-Stück, wonach ein weiterer prominenter Gast erscheint: Uschi Brüning. Mit "Blues für L" singt sie eines ihrer feinen, berühmten Stücke.

Der zweite Gitarrero tritt auf: Uwe Hassbecker
Es nimmt noch lange kein Ende mit den Gästen. Mit Uwe Hassbecker stöpselt sich jetzt erneut ein echter Rockstar ein, der einst in der Frühzeit seiner Karriere bei MSB Station gemacht hatte. Passend zu den Rückblicken gibt es von ihm an der Gitarre und Uschi Brüning am Mikro "Yesterday" zu hören und danach "Stormy Monday" und "Zeit vergeht".

Feuriges Finale: Die Phalanx der Bläser
Nach dieser feinen Ballade wird es noch einmal richtig voll auf der Bühne, denn eine ganze Reihe ehemaliger MSB-Bläser nehmen Aufstellung: die Trompeter Christian Höhle und Andreas Hillmann, die Altsaxofonisten Achim Schmauch und Caspar Hansmann sowie die Tenorsaxofonisten Helmut Forsthoff, Andreas Erdmann und Frank Fritsch. "Soulfinger" und "Soulman" bringen diese Phalanx im Finale geballt zur Entladung. Was für ein Feuerwerk!

f 20180607 1111689095Zugabe im Breitbildformat
Nach frenetischem Beifall kommt selbstverständlich noch ein Zugabeteil - und der hat sich gewaschen. Er beginnt mit einem vergleichsweise harmlosen "Hi-De-Ho" von Blood Sweat & Tears, haut mit einem "Gimme Some Lovin'" von der Spencer Davis Group, bei dem alle verfügbaren Gitarristen, Nick Nicklisch, Pitti Piatkoswki, Peter Pabst und Uwe Hassbecker, in ihre Saiten dreschen, die Bläsergruppe nach wie vor von Klaus Lenz und Conny Bauer verstärkt wird und sich Dirk Lorenz und André Siola vorn die Textzeilen um die Ohren fetzen. Das ist noch einmal Modern Soul Band im Cinemascope-Format! Als Abschiedslied spielt die Band dann "Bye Bye ... macht's jut!", eine fette Bluesrocknummer, zu hören auf dem neuen Album. Aber ganz zum Schluss gibt es noch "Niemals": "Niemals will ich Dich verlieren ..." - so soll es sein. Am besten noch weitere 50 Jahre lang, liebe Modern Soul Band!




Termine:
• 06.07.2018 - Berlin - Köpenick Rathaushof (mit Gästen)
• 21.07.2018 - Lichtentanne (bei Zwickau) - Burg Schönfels
• 13.10.2018 - Weimar - Zwiebelmarkt
• 07.12.2018 - Cottbus - Gladhaus
• 08.12.2018 - Berlin - Neu Helgoland

Alle Angaben ohne Gewähr! Nähere Infos auf der MSB-Homepage



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage der Modern Soul Band: www.modernsoulband.de
• Homepage der "Kulturbrauerei" in Berlin: www.kulturbrauerei.de






Fotostrecke:

 
 
 
 
 
 




   
   
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