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Ein Bericht von Petra Meißner mit Fotos von
Petra Meißner und Hans Helmut Wiencke
+ Video von Petra Meißner am Ende der Seite



Man schrieb das Jahr 1999. Im kleinen Brandenburgischen Dörfchen Braunsdorf wurde eine Idee geboren. Ulli und Kerstin Neumann, Puhdys-Fans der ersten Stunden nach deren Neuanfang nach der Wende, hatten eine Vision und die entsprechenden Kontakte. Sie wollten die Puhdys-Fans mit ihren Idolen zusammenbringen und jenseits der Konzertbesuche ein Podium schaffen, wo man sich austauschen und kennenlernen kann. So starteten die beiden Braunsdorfer auf ihrem privaten Grundstück im Jahre 1999 das erste Puhdys-Fantreffen.a 20180603 1808510337 Eingeladen hatten sie viele Erste-Reihe-Fans, die sie auf den Konzerten getroffen hatten. Was sich daraus entwickeln würde, war nicht zu erahnen. Ulli und Kerstin traf im Jahre 2000 ein schwerer persönlicher Schicksalsschlag. Nach Fantreffen stand ihnen in der Zeit nicht der Sinn. Peter Meyer war es, der die beiden wieder motivierte, ein weiteres Treffen zu organisieren. Die Macher aus Braunsdorf packten es noch mal an. Seitdem gibt es die Veranstaltungen in dieser Form.

Es sind Mitbring-Partys zum Selbstkostenpreis. Und ganz legendär ist seitdem das Schwein am Spieß. Dies grillt immer meisterlich der Schweine-Mario, wohnhaft in Sauen bei Beeskow. So muss man das erst mal hinkriegen, eine 200 Kilogramm schwere Sau in handliche Häppchen zu zerlegen. Die Kruste ist besonders beliebt bei allen Gästen. Es ist Mario diesmal wieder ein Meisterstück gelungen. Jeder Besucher brachte zum Buffet etwas mit, was er ganz besonders gut zubereiten kann. Man hätte meinen können, es sei eine Salat-Challenge im Gange. War alles total lecker. Auch die Striegistaler Waldbowle war nach einer Stunde weg. Vielleicht verdunstet bei der Hitze.

Wie sagt man so schön? Alles hat seine Zeit. Die Puhdys sind Geschichte, aber das Fantreffen hat die Zeiten überdauert und sich zu einem bei Besuchern und Künstlern gefragten Rockerstammtisch gemausert. Ulli und Kerstin brüten für jedes Treffen neue Ideen aus. Der Veranstaltungsort hat sich vom heimischen Hof der Neumanns auf Grund der gestiegenen Besucherzahlen auf das Grundstücks des Dorfgemeinschaftshauses Braunsdorf verlagert. Eine total geeignete Location für so ein Treffen. Man kann gemütlich auf dem Hof sitzen, bei schlechtem Wetter weicht man in den Saal aus. Aber es war kein schlechtes Wetter, ganz im Gegenteil. Die Sonne strahlte mit den Fans um die Wette und knallte erbarmungslos vom Himmel.

b 20180603 1950041155Wenn man meint, Verkehrsbehinderungen finden besonders im Winter statt, sah man sich echt getäuscht. Was an Hürden für die Fahrt aus allen Teilen der Republik nach Braunsdorf aufgebaut wurde, kann man sich nicht vorstellen. Das alles beherrschende Gesprächsthema am Nachmittag war: Stau und Baustellen. Viele Besucher kamen um Stunden zu spät an. Wenn nicht unsere nette und beherzte Fahrerin Bärbel auf dem Rückweg einen Trick angewendet hätte, uns Sächsinnen hätte eine Nacht im Stau gedroht. Ich wusste bis dahin nicht, dass man auf der Autobahn notfalls rückwärtsfahren muss.

Der Rockerstammtisch lebt von der Begegnung zwischen Fans und Künstlern. Inzwischen hat sich die Besucherstruktur gewandelt. Neben reinen Puhdys-Fans war auch die Anhängerschar von vielen anderen Ostbands da, also die Leute, die die Bühnenränder der Republik bevölkern. In Braunsdorf kann man mal mit Musikern reden, die man sonst nie angesprochen hätte. Ulli achtet auch sehr darauf, nur die Sorte Fans einzuladen, die Künstler respektieren und nicht nerven. Der Einladung von Neumanns waren dieses Jahr noch mehr Musiker gefolgt als sonst.

Seit fünf Jahren hat sich auch das Motto der Veranstaltungen verändert. Früher standen die Puhdys und ihr Wirken im Mittelpunkt. Inzwischen ist es eine Benefizparty für Menschen, die von der üblen Volksseuche Krebs betroffen sind, und gleichzeitig ein Treffpunkt für die Musikfans. Man kann plaudern über alte Zeiten und Konzerttipps austauschen, man kennt sich und man schätzt sich. Für jedes Treffen eine neue Idee ausbrüten und in die Tat umsetzen, das können nur solche Menschen, wie die Neumanns. Im Geiste teile ich gern meine Bekanntschaften ein in Macher und Schwätzer. Ulli und Kerstin sind nicht nur Macher, sie haben eine Vision.c 20180603 1244034472 Ulli trägt stolz sein T-Shirt mit der Aufschrift "Unbesorgter Bürger". Das bringt es auf den Punkt. Er steht immer auf der Seite der Schwächeren in dieser Gesellschaft, und Hassprediger und Dummschwätzer haben bei ihm keine Chance. Fast 30.000 Euro wurden in den letzten Jahren von den beiden Neumanns für die Deutsche Krebshilfe gesammelt. Zusammengekommen ist diese Summe, weil viele Künstler und viele Fans dieses Projekt unterstützen und es zu ihrer Herzensangelegenheit gemacht haben.

Eben diese Künstler kamen beim Rockerstammtisch zu Wort. Ulli ist ein begnadeter Moderator. Mit seiner herzlichen Art entlockt er den Musikern so manches interessante Statement. Zwischendurch legte ein Schallplattenunterhalter auf, der es zum Programm machte, nur deutschsprachige Musik zu spielen. Diese war breit gefächert vom Ostrock bis zu aktuellen Songs. Nach dem Abendessen gab es kleine Gesprächsrunden mit den anwesenden Musikern die für so manchen Aha-Effekt sorgten. Dirk Zöllner und André Drechsler berichteten über das Gartenzwergdrama von Köpenick. Der dortige Amtsschimmel wiehert laut und macht Schliwas WeinKulturHaus das Leben schwer. Einige beherzte Künstler um Dirk Zöllner kämpfen hier für die freie Ausübung von Kunst und Kultur. Eigentlich traurig, dass man sich in Berlin mit solchen Dingen rumschlagen muss. Hatte da immer ganz andere Vorstellungen von der Hauptstadt.

Bei Hans die Geige interessierten sich die Leute dafür, was aus dem Projekt NEULAND wird. Man darf gespannt sein. Viele der Besucher waren im Kesselhaus in Berlin dabei und wir zogen das einhellige Fazit: es war ein total geniales Konzert. Hans ist übrigens fast von Anfang an bei jedem Treffen in Braunsdorf dabei gewesen. Er unterstützt das Krebshilfeprojekt ebenfalls seit vielen Jahren. Was er diesmal ankündigte, sorgte sogar bei den hartgesottenen Fans für ungläubiges Staunen. Er wird den Erlös seines Jubiläumskonzerts im Kesselhaus spenden. Die Künstler haben auf Gage verzichtet und was nach Abzug aller Kosten übrig ist, kommt der Stiftung zugute, von der später noch zu berichten sein wird.

d 20180603 1278749166Ein echtes Urgestein des Ostrocks war schon zum zweiten Mal in Braunsdorf dabei. Martin Schreier von der Stern-Combo Meißen und der Manger Detlef Seidel kamen wieder vorbei. Sie hatte auch eine interessante Neuigkeit mit. Am 6. Oktober 2018 werden sie erstmals in ihrer Heimatstadt Meißen in der Frauenkirche spielen. Dort sollen eventuell die Orgel und das Porzellanglockenspiel mit erklingen. Denke, das wird ein absolutes Highlight. Die Karten gibt es ausschließlich in Meißen in der Touristinfo.

Ein weiterer Gast kam in der witzigen Talkrunde mit Ulli Neumann zu Wort und sorgte mit einer riesigen schwarzen Gitarrentasche für einen symbolischen Paukenschlag. Es war Robert Gläser, der mit eigenen Songs unterwegs ist und beim Projekt APFELTRAUM die Lieder seines Vaters Cäsar Peter Gläser pflegt. Aus dem mitgebrachten Koffer zauberte er eine wunderschöne E-Gitarre vom der Firma Cort hervor. Es war das Zweitinstrument von Cäsar, was Robert geerbt hatte. Dieses schöne Teil stellte er für die Krebshilfeaktion der Neumanns zur Verfügung. Das Instrument sollte eigentlich im Internet versteigert werden. Ulli war so leichtsinnig zu sagen, wenn jemand 1.500 Euro gibt, kann die Gitarre gleich verkauft werden. So kam es. Binnen einer Minute wechselte das Instrument den Besitzer. Es ging an einen Fan aus Fürstenwade.

Robert Gläser leistete damit einen nicht unerheblichen Beitrag für die Rexrodt von Fircks Stiftung (www.rvfs.de). Frau Annette Rexrodt von Fircks hatte ich schon mal zu einem Brustkrebskongress kennengelernt. Es ist eine bewunderungswürdige Frau. Sie hatte mit 35 Brustkrebs in fortgeschrittenem Stadium und in der Zeit drei kleine Kinder. Sie weiß, was diese Diagnose für Kinder bedeutet. Ihre Stiftung unterhält Mutter-Kind-Rehaeinrichtungen, in denen ganzheitlich behandelt wird.e 20180603 1952575461 Ich weiß aus eigenem Erleben, wie wichtig die Reha nach einer überstandenen Krebserkrankung ist. Die Kinder kommen meist zu kurz, die Rehaeinrichtungen sind auf die typische Bruskrebspatientin ausgerichtet und die ist im Durchschnitt 63 Jahre alt. Mütter mit Kindern haben es noch ungleich schwerer. Hier setzt die Rexrodt von Fircks Stiftung neue Maßstäbe in der Behandlung.

Kerstin Neumann ist von Beruf Brustkrebsschwester am Heliosklinikum in Bad Saarow. Mit ihrer Chefin Frau Dr. Marén Sawatzki, hatte sie das Haus der Rexrodt Stiftung besucht und beschlossen, diese tolle Sache zu unterstützen. Ganz stark fand ich, dass die Chefärztin der Abteilung Senologie aus Bad Saarow selbst in Braunsdorf anwesend war. Sie nutzte die Gelegenheit und erzählte über ihre Arbeit. Wenn ich früher gelesen habe, jedes Jahr erkranken in Deutschland über 70 000 Frauen an Brustkrebs, so löste das bei mir höchstens ein Schulterzucken aus. Übrigens ist das jede 9. Frau, die im Laufe ihres Lebens davon betroffen ist. Leider war ich dann eben die Nummer 9 und mit dieser Startnummer hatte ich ein Komplettprogramm mit Chemo, Bestrahlung, Reha und AHT gewonnen. Bingo! Deshalb sage ich mal aus meiner ganz persönlichen Sicht DANKE an all die Menschen, die den Kampf gegen Brustkrebs unterstützen, sei es beruflich oder mit Spenden. Es ist noch viel zu tun, besonders auch in der Forschung, damit diese Krankheit ihren Schrecken verliert. In Braunsdorf kamen an diesem Abend 2.000 Euro zusammen.

Mit einer prima Idee machte man in Braunsdorf noch "Kasse" für die Rextodt Stiftung. Ein Ehepaar hatte eine Kamera aufgebaut und man konnte sich zum Preis von 4,50 Euro auf der Bank unter dem Banner "2. Braunsdorfer Rockerstammtisch" ablichten lassen. Die Bilder wurden sofort ausgedruckt. Viele Besucher ließen sich gerne mit ihren Lieblingsstars knipsen.

f 20180603 1048264118In einer weiteren Gesprächsrunde kamen die angereisten Puhdys Dieter Hertrampf und Peter Rasym zu Wort. Obwohl sie wenig Zeit hatten, da der LKW für ihren Auftritt in Rudolstadt beladen werden musste, ließen sie es sich nicht nehmen, die Braunsdorfer Runde zu besuchen. Sie hatten natürlich viel Interessantes zu berichten. Mit Spannung nahmen die Fans Anteil an der Geschichte, wie Quaster zu seiner Mitwirkung bei der Tour der Rock Legenden gekommen ist. Es entwickelte sich so: Die Frau von Quaster wurde auf Facebook gefragt, ob sie einen Puhdy kennt. Damit konnte sie natürlich dienen und so kam der Kontakt zur Gruppe BONFIRE zustande. Quaster lässt sich jetzt die Haare wachsen, um mit den Hardrockern mithalten zu können. Viele Puhdys-Fans haben schon Karten für 17. November 2018 im Tivoli gebucht und werden Quaster im Kreißsaal der Puhdys unterstützen.

Auch die Gruppe KARUSSELL hatte ein Mitglied nach Braunsdorf delegiert. Der Basser Jan Kirsten hielt für KARUSSELL die Fahne hoch und berichtete über die neue CD "Erdenfeuer". Es waren übrigens auch viele KARUSSELL-Fans beim Stammtisch dabei.

Neben Quatschen, Essen und nicht zuletzt Trinken wünscht sich der geneigte Fan der Neumanns auch was auf die Ohren. Mit der Besetzungsliste hatte Ulli einen Coup gelandet. Es stand nur ein einziger Name drauf: Stephan Langer. Dieses Urgestein des Ostrocks kannte ich nur von Facebook und in Erinnerung geblieben ist er mir wegen Renate, so hieß nämlich auch meine Mutter. "Was soll ich mit dem Akkordeon, oh Renate sag es mir. Denn du selbst, du bist gegangen. Nur dein Akkordeon blieb hier." Diese Liedzeile hat sich bei mir auf meiner geistigen Festplatte unauslöschlich eingebrannt. Nun mal den Originalsänger der Gruppe WINNI 2 kennenzulernen, war mir echt eine Freude. Stephan Langer spielte in Braunsdorf zum "Jugendtanz". Damit hatte das Gastgeberpaar den Geschmack des Publikums voll getroffen. Er spielte Ostrock und internationale Rock Klassiker.g 20180603 2024691574 Einen Titel hab ich als Filmchen mitgebracht. Es ist auch ein WINNI 2-Song und er wurde im Kessel Buntes gespielt. "Ich habe kalte Füße", so beklagte sich Stephan Langer in Braunsdorf. Na kein Wunder! Sein Markenzeichen sind sogenannte "Hallenschleicher" in Weiß, die wir zu Ostzeiten alle tragen mussten. Heute heißen die Dinger Ballettschläppchen. Damit bedient er das Fußpedal seines Instruments. Glaube, ohne die Schühchen kann er nicht spielen. Er zupft eine WERSI Orgel, so was hatte ich noch nie gesehen. Stephan erzählte aus seinem bewegten Rockerleben. Die Jahreszahl 1964 hab ich aufgeschnappt. Schon zu der Zeit stand er auf der Bühne. Das nächste Mal macht Ulli ein Quiz, um das Alter des Künstlers zu erraten. Glaube mal, da liegen alle falsch.

Ich hoffe, ich hab nix vergessen zu erzählen. Um es auf den Punkt zu bringen. Der gemeine Puhdys-Fan sagt einfach: Es war schön! Danke an alle vor und hinter dem Tresen, innerhalb und außerhalb der Küche, vor und hinter der Bühne. Ich freue mich schon auf das nächste Treffen in Braunsdorf.

P.S.: Die Redaktion wiederholt sehr gern das P.S. aus dem Jahre 2016 ... Wer nicht dabei war, aber trotzdem etwas Gutes tun möchte, der kann auch direkt bei der Krebshilfe seine Spende "abgeben". Der Weg dahin führt HIER entlang


Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage der Rexrodt von Fircks Stiftung: www.rvfs.de
• Homepage mit Infos über Braunsdorf: HIER entlang











   
   
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