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Ein Bericht mit Fotos von Christian Reder
+ offiziellem Videoclip am Ende dieser Seite



Die Zeiger der Uhr hatten die "acht" schon weit überschritten, als das Licht im großen Saal der Lutherkirche im Duisburger Stadtteil Alt-Duisburg erlosch. Nach einer kurzen Ansprache von Veranstalter Karl Bongartz, der dem erschienenen Publikum kurz beschrieb, was es gleich erwarten würde, gab dieser die Bühne frei für einen jazzigen Abend.a 20180519 1650203736 Durch die Stuhlreihen bewegten sich drei Personen nach vorn in Richtung Bühne. Zwei Männer und eine zierliche kleine Frau. Die Herren in schwarzen Hosen und weißen Hemden, die Dame im schwarz-weiß karierten Sommerkleid und mit einem schwarzen Hut auf dem Kopf. Die Frau heißt Kinga Glyk, hält ihren großen beigefarbenen E-Bass schon in der Hand und ist die Frontfrau des Trios, das für diesen Freitagabend Mitte Mai für einen Auftritt in eben jener Kirche engagiert wurde, und die mich von Castrop-Rauxel nach Duisburg lockte. Ihre aktuelle Platte "Dream" hab ich schon lange und es wurde wirklich höchste Zeit für den Besuch eines ihrer Konzerte.

Doch wer ist denn diese Kinga Glyk eigentlich und wo kommt sie her? Die erst 20-jährige in Rydultowy (Schlesien) geborene Musikerin ist eines der Internet-Phänomene unserer Zeit. Heute kann man als Musiker am besten in den diversen Videoportalen auf sich aufmerksam machen. Wo man früher durch Klubs tingelte und sich mühsam ein Publikum erspielen musste, kann man das heute mit einem einzigen Mausklick tun. Kinga stellte vor über einem Jahr ein Video ins Netz, in dem sie den Eric Clapton-Klassiker "Tears In Heaven" auf einem E-Bass spielt (Clip siehe unten). Wunderbar gefühlvoll und mit einer unbeschreiblichen Spielweise präsentierte sie diesen Titel. Der Clip wurde in ihrer kleinen Dachgeschoss-Wohnung in Polen gedreht und ging kurz nach dem Hochladen innerhalb kürzester Zeit durch die Decke. Die 1 Million-Grenze bei den Zugriffen knackte sie relativ schnell. Inzwischen haben sich weit mehr als 20 Millionen Menschen dieses Video angeschaut. Dies brachte ihr letztlich auch einen Plattenvertrag mit einem großen Label ein und machte sie über Nacht zur großen Hoffnung der Jazz-Szene. Die Welt wurde also auf diesem Weg auf sie aufmerksam und entdeckte die junge Frau, die schon mit 12 Jahren in der Jazz-Band ihres Vaters (P.I.K.) spielte. Der Vater, Iren Glyk, ist in ihrem Heimatland selbst ein bekannter Jazz-Musiker, ist "hauptberuflich" Vibraphonist und Schlagzeuger und trommelte u.a. im Jahre 2006 auch bei der polnischen Prog- und Jazz-Rock-Band SBB. Die Tochter des berühmten Vaters nahm ihre erste eigene Platte im Alter von 18 Jahren auf.b 20180519 2017791271 Das Album heißt "Rejestracja", ist 2015 in Eigenregie entstanden und auf dem Label ihres Vaters in kleiner Stückzahl erschienen. Längst vergriffen ist es inzwischen ein gesuchtes Sammlerstück. Mit "Happy Birthday" erschien 2016 ein Live-Album und mit "Dream" im vergangenen Jahr ihr zweites Studio-Album, das es auf CD und als besondere Auflage in weißem Vinyl gibt. Mit eben diesem Album ist sie seit einiger Zeit schon auf Tour quer durch Europa und wird dabei von Rafal Stepien an den Tasteninstrumenten und ihrem gerade näher vorgestellten Vater am Schlagzeug begleitet.

Als die drei Musiker ihre Plätze auf der Bühne eingenommen hatten, begrüßte Kinga Glyk das zahlreich erschienene Publikum mit den Worten, "Thank you very much for coming". Sichtlich überrascht und gleichzeitig auch glücklich darüber, dass sie die Lutherkirche in Duisburg mal eben ganz locker ausverkauft hat, ließ sie ihrer Begrüßung in englischer Sprache noch ein "Guten Abend" in unserer Sprache folgen. Sie stellte mit warmen und herzlichen Worten ihre Band vor, hob besonders die spezielle Beziehung zu ihrem Schlagzeuger hervor ("Love you, Papa") und das Trio begann das Konzert mit dem Song "Sad And Happy Blues" von Kingas eben erwähnten ersten Album "Rejestracja". Ordentlich Dampf machten die drei Musiker gleich schon zu Beginn ihres Auftritts, denn die flott arrangierte Nummer brachte das Publikum gleich auf Temperatur. Die Lieder der Kinga Glyk, die bis auf die Clapton-Nummer allesamt aus ihrer eigenen Feder stammen, kommen ohne Gesang aus. "Mein Instrument ist meine Stimme", sagte sie mal in einem Interview und davon konnte man sich in Duisburg gleich vom ersten Ton an überzeugen. Oft mit geschlossenen Augen und tief in sich versunken ging die Glyk zu Werke und sorgte bei ihren Zuhörern für zahlreiche Glücksmomente. Besonders auffällig bei ihr ist die Tatsache, dass sich jeder gespielte Ton in ihrer Mimik widerspiegelt. Sie spürt die Musik, sie lebt sie und sie scheint ganz offensichtlich schwer in sie verliebt zu sein.c 20180519 1472794485 Die Leute im Saal lauschten gebannt und schauten ihr dabei zu, wie sie virtuos die linke Hand über das Griffbrett gleiten und die Finger ihrer rechten Hand die Stahlseiten ihres Instruments zupfen, slappen und schlagen ließ. Von ihr und ihrer Spielweise lässt man sich gerne tief im Inneren berühren und von ihrer Musik verführen. Ganz nebenbei fahren einem die Bassläufe ordentlich in die Magengegend und ins Bein. Ruck zuck hatte sie das Publikum verzaubert und in ihren Bann gezogen.

"Die große Hoffnung des europäischen Jazz", wie Glyk von der Redaktion des ZDF "heute journal" betitelt wurde, setzte ihre jazzmusikalische Rundfahrt durch ihre Welt aus Noten mit dem Titel "Hope" fort, das man auf ihrem Live-Album "Happy Birthday" finden kann. Es ist ein Lied über ihre Hoffnung, eines Tages Jesus treffen zu können, denn sie schöpft viel Kraft aus ihrer Religion, wie sie hinzufügte. Das Stück begann mit einem langen Klavier-Intro, gespielt von Rafal Stepien, der im Verlaufe des Abends noch öfter mit seiner abwechslungsreichen und höchst ansprechenden Art des Tastenspiels angenehm auffallen sollte. Aus seinem Arsenal an Instrumenten holte er reichlich Farben heraus, erzeugte Töne einer Hammond-Orgel, eines Stage-Pianos und streute Klavier- und Moog-Töne ein, wann immer sie gerade gebraucht wurden. Große Klasse der Mann ... Aber auch Kingas Vater bekam viele Gelegenheiten, dem deutschen Publikum zu zeigen, warum er in seiner Heimat nicht grundlos zu den Größen des Jazz gezählt wird. Schon beim dritten Titel, der nur "New" benannt wurde, konnte sich Irek Glyk an seiner Schießbude ordentlich austoben, als er die Nummer mit seinem Schlagzeugspiel einleitete. Tochter und Kollege Stepien schauten ihm zu und verfolgten - wie auch das Publikum - die "Ausführungen" des Meisters, der sich Schlag um Schlag weiter in Ekstase trommelte. Gefühlt 10 Minuten ging dieses Solo, dann stiegen die beiden anderen Musiker ins Geschehen wieder ein. Auch Rafal Stepien setzte nochmals zu einem Solo-Lauf an und erinnerte mit seinem Vortrag dann ein Stück weit an David Benoit, als er feinste Smooth-Jazz-Klaviertöne aus seinem Instrument in den Saal perlen ließ. Was für ein entspanntes Ensemble, was für eine verführerische Darbietung!

d 20180519 1205635522Inzwischen war die Begeisterung der Leute im Saal hör- und spürbar. Szenenapplaus hier, Zwischenrufe dort. Es gefiel, was die junge Frau und ihre beiden Mitmusikanten da über die Bühnenkante schubsten. Doch noch war die Grenze des Machbaren nicht erreicht. Kinga Glyk setzte sich nun im Schneidersitz auf den Boden. Eine Haltung, die sie auch in dem schon erwähnten Videoclip zu "Tears In Heaven" eingenommen hatte (siehe unten). So lässt es sich wohl noch entspannter spielen und so vermittelte sie den Leuten im Saal auch, dass sie sich wohl fühlt, hier angekommen ist und sich voller Vertrauen treiben lassen kann. Das nun folgende Stück war "Donna Lee" und wurde ebenfalls dem Live-Album "Happy Birthday" entnommen. Minutenlang saß sie da und spielte ihren Bass, begleitet vom Piano und vom Schlagzeug. Eine flotte Jazz-Nummer, für die die drei Künstler am Ende ordentlich Applaus kassierten, ehe sie sich für die nächsten Minuten in die Pause zurückzogen. Nicht sie, die Musiker, würden diese Pause brauchen, merkte Kinga augenzwinkernd an, sondern wir, das Publikum. Damit hatte sie nicht ganz Unrecht, denn das eben Erlebte wollte erst mal sacken und verdaut werden.

In der Pause traf ich die junge Frau und wie sie mir so gegenüber stand merkte ich erst richtig, wie klein sie doch ist - fast schon zerbrechlich wirkte sie auf mich. Ihre dunkelbraunen Augen fallen einem sofort auf und runden den ersten positiven Eindruck ebenso ab, wie ihre unheimlich freundliche Art während wir so über ihre Musik plaudern. Nach gut 20 Minuten ging es dann weiter im Programm und wie schon zu Beginn, marschierten die drei Musiker wieder quer durch die Kirche hin zu ihrem "Arbeitsplatz". Die kleine Frau wieder mit dem schweren Bass in der Hand, den sie wohl nur äußerst ungern aus den Augen lässt und ihn deshalb wohl auch immer bei sich trägt.

Der zweite Teil des Konzerts begann mit dem Song "Simple Blues", zu dem Kinga wieder fleißig die Saiten ihres Instruments bearbeitete. Dazu steuerte Rafal Stepien Töne aus seinen Tasteninstrumenten bei, die stark an Jan Hammers Musik erinnerte. Auch hier geizte das Publikum wieder nicht mit Szenenapplaus, wenn einer der Protagonisten zu eigenen kleinen Ausflügen auf seinem Instrument ausscherte.e 20180519 1276402975 Wie auch schon im ersten Teil, so gab es in der zweiten Halbzeit wieder vier Stücke in Überlänge, die dafür auch genug Platz boten. Alle vier stammten diesmal vom aktuellen Album und dem zweiten Song "Dream" ließen Kinga und ihre Musiker das groovige Lied "Walking Baby" folgen, das Töne eines Kinderliedes in sich birgt, die von der Band zu einem verspielten Teppich aus verschiedenen Klängen und Improvisationen gewoben werden. Bei der Gelegenheit stellte sie noch ein weiteres Mitglied der Glyk-Familie vor, nämlich ihren Bruder Patrick, der für den sauberen Ton und den glasklaren Sound im Saal der Kirche verantwortlich zeichnete. Er sei vor kurzem Vater geworden, erzählte sie, und der Kurze von ihm fange nun an zu laufen. Darum könnte der Titel auch "Walking Theodor" heißen - so heißt ihr Neffe nämlich ... Mit dem Stück "Circle" beendete das Trio den zweiten Teil des Konzerts und verabschiedete sich vom Duisburger Publikum. Aber all das "Tschüss" und "Goodbye" wurde ihnen von den Leuten natürlich nicht als endgültiges Auf Wiedersehen abgekauft. Immerhin fehlte hier ja noch das Lied, das den ganzen Hype um Kinga Glyk ausgelöst hat. Viele Leute hätten von ihr vielleicht bis heute nichts gewusst, wenn es diese eine, nämlich ihre ganz eigene Version von "Tears In Heaven" nicht geben würde. Und die wollten die Leute natürlich hören. Auch hier in Duisburg. Darum ließ sich Kinga auch gar nicht lange bitten und setzte mit der Nummer als Zugabe einen Schlusspunkt und gleichzeitig ein Ausrufezeichen hinter ihren Auftritt, das schöner nicht hätte sein können. Durch ihre Spielweise und die Schlichtheit im Arrangement wird erst richtig deutlich, welch unglaubliche Schönheit in diesem Lied steckt. Die kann sich nämlich nicht mehr hinter anderen Instrumenten verstecken. Sie liegt bei Kingas Fassung blank und begeistert vollumfänglich.

Jazz ist Musik für alte Leute, heißt es. Auch wird behauptet, dass Jazz nur von alten Männern gespielt wird. Kinga Glyk ist ein gutes Beispiel dafür, dass all diese Aussagen nicht (mehr) stimmen. Sie ist die PINK der Jazz-Musik, der frische Wind in einer oft schon totgesagten Musikrichtung und ein Hoffnungsträger für viele Generationen von Jazz-Fans. Man sieht und hört ihr gerne zu, wenn sie auf nur vier Saiten die kleine Welt dieser Musikrichtung mit den buntesten Farben bemalt und so attraktiv für Leute macht, die sich mit dem Genre noch nicht so beschäftigt haben.f 20180519 1176411834 Ihre drei Mitstreiter auf der Bühne sorgen mit dafür, dass der Vortrag ein voller Erfolg wird. Das Zusammenspiel zwischen ihr und ihrer Band kann man gar nicht genug loben. Das war wie aus einem Guss und die Ausflüge der einzelnen Mitglieder des Trios in eigene Solo-Darbietungen sorgen immer wieder für einzelne Highlights in einem Konzert voller Highlights. Was soll ich sagen? Die Lutherkirche in Duisburg war am 18. Mai 2018 völlig zurecht ausverkauft und eigentlich gehört diese kleine große Frau in die ganz großen Hallen, die sie sicher auch mit Leichtigkeit bald füllen wird.



Setlist:
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Deutschland-Termine 2018:
• 01.06.2018 - Hamburg - Elbjazz Festival
• 23.06.2018 - Bingen - Bingen Swingt Festival
• 12.07.2018 - Jena - Festival
• 13.07.2018 - München - Bürgerhaus
• 14.07.2018 - Elmau - Schloss
• 20.07.2018 - Crailsheim - 23. Crailsheimer Kulturwochenende
• 21.07.2018 - Würzburg - Festival
• 17.08.2018 - Kassel - Kulturzelt Festival
• 01.09.2018 - Krefeld - Festival
• 19.10.2018 - Dresden - Tonne
• 20.10.2018 - Brilon - Aula Schulzentrum
• 21.10.2018 - Bremen - Schlachthof
• 07.11.2018 - Pforzheim - Kulturhaus Osterfeld
• 08.11.2018 - Mainau - Palmenhaus
• 09.11.2018 - Ingolstadt - Jazztage
• 10.11.2018 - Landsberg - Stadttheater
• 17.11.2018 - Herdecke - Warner Richard Saal

Alle Angaben ohne Gewähr! Nähere Infos und weitere Termine auf Kinga Glyks Homepage


Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Kinga Glyk: www.kingaglyk.pl
• Homepage des Veranstalters Intermezzo-Konzerte: www.intermezzo-konzerte.com




 
 
 

   
   
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