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Ein Konzertbericht mit Fotos von Bodo Kubatzki + Pressematerial (Textillustration)


Ein Teil der treuen Fangemeinde des STEVEN WILSON fühlte sich vor den Kopf gestoßen, als im Sommer des vergangenen Jahres sein aktuelles Album "To The Bone" erschien. Was war das? Der ehemalige PORCUPINE TREE-Mastermind Wilson fischt plötzlich in seichten Pop-Gewässern? Sein Song "Permanating" gilt für die beinharten Prog-Fans als Verrat an den Idealen des Progressive-Rock. "E.L.O. für Arme" habe ich da irgendwo im Netz gelesen.a 20180228 1301354715 Wer WILSON kennt weiß, dass er eine Affinität zu guter Pop-Musik hat. Doch hat er diese bisher eher in seinen Projekten "NO-MAN" und "BLACKFIELD" ausgelebt. Nun erscheinen auch solche Songs auf einem regulären STEVEN WILSON-Album. Hört man etwas intensiver in das neue Album rein, erkennt man schnell, dass es sich auch hierbei um ein typisches WILSON-Album handelt, das sich lediglich etwas mehr in Richtung Art-Pop bewegt.

In den letzten Wochen präsentierte WILSON dieses Album auf seiner "To The Bone Tour" auch in Deutschland live. Viele seiner Konzerte waren schnell ausverkauft, so dass hier und da Zusatztermine eingeschoben wurden. Ich durfte das erste seiner beiden Konzerte in Hamburgs MEHR! Theater genießen. Die Genehmigung fotografieren zu dürfen, kam am selben Tag mittags um zwei. Die Freude darüber legte sich dann am Abend, da nur während der ersten beiden Songs fotografiert werden durfte, und die Band bei beiden Songs hinter einem Gaze-Vorhang spielte. So blieb mehr Zeit zum Zuhören und -schauen.

Meine hochgeschraubten Erwartungen an das Konzert wurden, trotz anfänglicher Soundprobleme, voll erfüllt. WILSON bot mit seiner fantastischen Band über drei Stunden ein audiovisuelles Erlebnis erster Güte. Das Konzert wurde eingeleitet mit diversen betitelten Bildern, die wiederholt auf den transparenten Vorhang projiziert wurden. Eine Mutter mit ihrem Neugeborenen erschien unter dem Titel LOVE, das Foto eines Schwarzen hinter einem Maschendrahtzaun trug die Überschrift GRIEF, eine Oscar-Gewinnerin wurde mit HAPPINESS betitelt, eine Überwachungskamera stand für DESINFORMATION, das Foto eines maskierten Mannes verlangte nach SECURITY. Die Bilder wiederholten sich, die Titelzuweisungen wurden vertauscht. Aktuelle Themen unserer Zeit stellten sich aus verschiedenen Blickwinkeln dar, so dass man sich sein eigenes Bild zu dem Gesehenen machen konnte.

b 20180228 1877687211Während die Bilderflut abebbte, betraten die Musiker unter Beifall die Bühne und eröffneten das Konzert mit "Nowhere Now" und "Pariah" vom aktuellen Album eher mit ruhigen und eingängigen Songs. Da die israelische Sängerin NINET TAYEB diesmal nicht mit auf der Bühne stand, wurde ihr Hologramm bei "Pariah" übergroß auf den Vorhang projiziert, während ihre Stimme vom Band kam. Die Ballade ging unter die Haut, auch wegen des fantastischen Gitarrensolos am Schluss des Songs. An dieser Stelle zeigte sich zum ersten Mal die Klasse des Neuen in der Band, ALEX HUTCHINGS an der Gitarre.

Der Vorhang wurde zur Seite gezogen. Es gab freie Sicht auf die Band, und diese schlug mit "Home Invasion" und "Regret #9" vom Album "Hand. Cannot. Erase." härtere Töne und vertracktere Rhythmen an. Der Sound kam druckvoll daher und schien mit Quadro-Effekten versehen zu sein. Zumindest empfand ich das in den oberen Sitzreihen so. Während der Songs liefen natürlich die fantastischen Videoprojektionen auf der hinteren Leinwand. Bei diesen beiden längeren Stücken hatten die Musiker Gelegenheit, ihr Können bei ausgedehnten Soli unter Beweis zu stellen. ADAM HOLZMANN entlockte bei "Regret #9" seinem Synthesizer faszinierende Klänge, bevor ALEX HUTCHINGS erneut seine Gitarre zum Singen brachte. Das sollte doch jeden Prog-Fan zufrieden gestellt haben. Noch glücklicher machte es die Fans, als mit "The Creator Has A Mastertape" der erste von insgesamt sechs PORCUPINE TREE Songs folgte. Mit dem Stück "Refuge" thematisierte WILSON aus der Perspektive eines Heimatlosen eines der brennendsten Themen unserer Zeit, den Umgang mit Flüchtlingen.

Der oft introvertiert wirkende STEVEN WILSON zeigte sich in Hamburg gut gelaunt und redselig. So erzählte er, dass er sehr stark von seiner Mutter geprägt ist, insbesondere was die Faszination für Serien-Killer anbelangt.c 20180228 1580750414 Den Beweis dafür lieferte der Song "People Who Eat The Darkness", wieder mit einer verstörenden Videoanimation illustriert. Nach dem epischen Longtrack "Ancestral" mit seinem fulminanten Ende entließen WILSON und seine Band das Publikum in eine zwanzigminütige Pause.

Als Bassist NICK BEGGS, Drummer CRAIG BLUNDELL und STEVEN WILSON zum Beginn des zweiten Konzertteils zu Shakern griffen, ließ sich noch nicht erahnen, dass sie damit den Rhythmus zum PORCUPINE TREE Song "Arriving Somewhere But Not Here" vorgaben. Um so größer war die Freude, als man dieses Stück erkennen konnte. Die Stimmung im Saal wurde zunehmend gelöster, besitzt besagter Song doch einen Refrain, den man gut mitsingen kann.

Mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht sprach WILSON anschließend von seiner Vorliebe für gut gemachte Pop-Musik. Damit sei keineswegs die Musik eines JUSTIN BIEBER gemeint, das wäre "Shit"! Für ihn definiert sich guter Pop über ABBA, PRINCE, MICHAEL JACKSON, DEPECHE MODE, BEE GEES und natürlich die BEATLES. Er selbst habe mit "Permanating" versucht, einen Pop-Song zu schreiben, den er anschließend präsentieren würde. Doch dazu sollten alle "Disco Dancer" vor die Bühne kommen, um zu tanzen und zu singen. Ab diesem Moment gab es kein Halten mehr, und Jung und Alt strömten nach vorn, um unter den glitzernden Strahlen einer Disco-Kugel diesen Song abzufeiern.

Es blieb natürlich nicht bei dieser Ausgelassenheit. Mit den folgenden beiden Stücken wurde es wieder düsterer und besinnlicher. "Song Of I" beeindruckte mich nicht nur musikalisch, sondern auch wegen der auf den wieder geschlossenen Vorhang projizierten Tanzszenen. Diese gaben dem Stück eine optische Tiefenwirkung, die seine Düsternis eindrucksvoll visualisierte.d 20180228 1324374946 Die PORCUPINE TREE Ballade schlechthin, "Lazarus", passte an der Stelle sehr gut. Als musikalisches Kontrastprogramm folgten die Stücke "Detonation" und "The Same Asylum As Before" vom aktuellen Album. "Detonation" gab dann meinem Lieblingsbassisten NICK BEGGS und dem ebenso sympathischen Schlagzeuger CRAIG BLUNDELL Gelegenheit, sich im mittleren Improvisationsteil ordentlich auszutoben.

Die folgende PORCUPINE TREE Ballade "Heartattack In A Layby" begeisterte mich durch den tollen Satzgesang der Herren WILSON, BEGGS und HUTCHINGS sowie durch die vermeintlichen Quadro-Effekte. Das Instrumentalstück "Vermillioncore" gab den Musikern nochmals Raum zum Improvisieren. Nicht nur bei diesem Song wechselte NICK BEGGS an den Chapman-Stick. Es beeindruckt mich immer wieder, mit welcher Fingerfertigkeit er diesem ungewöhnlichen Instrument Töne zu entlocken vermag. Zum Abschluss des regulären Sets performten die Jungs "Sleep Together", wiederum ein wuchtiges PT-Stück aus alten Zeiten. Dem Beifall nach zu urteilen, stellte das dann wohl auch den letzten Prog-Fan zufrieden.

STEVEN WILSON ließ sich nicht lange um eine Zugabe bitten. Schon nach einigen Augenblicken kam er mit einem kleinen Gitarren-Amp auf die Bühne, stöpselte seine Fender-Gitarre an und schwadronierte über seine musikalische Entwicklung während der vergangenen 20 Jahre.e 20180228 1363753584 Das PT-Stück "Even Less", vorgetragen zu rauen Gitarrenriffs, widmete er all denen, die ihm von Anfang an die Treue halten. Den krönenden Abschluss des Konzerts bildeten "Harmony Korine" und natürlich "The Raven That Refused to Sing" mit der wunderschönen Videoanimation.

Nach fast drei Stunden reiner Spielzeit hinterließ STEVEN WILSON ein begeistertes Publikum. Mit seiner fantastischen Band, einem transparenten, aber druckvollen Sound sowie mit diversen visuellen Effekten bot er eine abwechslungsreiche Show, deren Qualität nicht viele Künstler erreichen. Ein klein wenig neidisch war ich auf Freunde, die auch das Konzert am Folgetag in Hamburg besuchen wollten, zumal WILSON eine veränderte Setlist versprach (und auch spielte). All denen, die jetzt im Winter keinem der Konzerte beiwohnen konnten, empfehle ich, sich Karten für die Konzerte im Sommer zu besorgen, wenn STEVEN WILSON die "To The Bone Tour" in Deutschland fortsetzen wird. Es lohnt sich auf jeden Fall!




Termine (Deutschland)
• 05.03.2018 - Essen - Colosseum Theater
• 06.03.2018 - Essen - Colosseum Theater
• 14.07.2018 - Dresden - Junge Garde
• 15.07.2018 - München - Tollwood Festival
• 17.07.2018 - Bonn - Kunstrasen Festival
• 18.07.2018 - Freiburg - Zelt Musik Festival

Alle Angaben ohne Gewähr! Weitere Termine und nähere Infos auf Stevens Homepage



Bitte beachtet auch:
• off. Homepage von Steven Wilson: www.stevenwilsonhq.com




 
 
 
 
 
 
 
 




   
   
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