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Ein Konzertbericht mit Fotos von Christian Reder + Pressematerial (Textillustration)


Besucher des Bonner Jazzfestes 2013 werden sich möglicherweise noch daran erinnern, dass Till Brönner gemeinsam mit dem Kontrabassisten Dieter Ilg das Unternehmen startete, den Klang seiner Trompete mit dem des großen Basses zu vermischen und daraus neue Klänge entstehen zu lassen. Schon damals konnte man dort Lieder hören, die sich nun auf der im Januar erschienen gemeinsamen CD wiederfinden.a 20180228 2065185551 So ungewöhnlich sich die Mischung der Instrumente auch anhört, so überraschend ist am Ende das Ergebnis der Überarbeitungen, unter denen sich mit "Ach bleib mit Deiner Gnade" sogar ein Stück aus dem Kirchengesangsbuch (Lied Nr. 347) befindet. Keine Berührungsängste also in Sachen Musik bei Brönner/Ilg. Till Brönner verbindet seit eh und je populäre Musik mit Jazz, baut Brücken zwischen dem Mainstream und dem Speziellen und holt mit seiner Kunst Hörer zu einer Reise in ein Genre ab, bei dem die Masse des Publikums sonst eher abwinken würde. Aber vom Massentauglichen waren er und sein Bühnenpartner Dieter Ilg am Dienstagabend in der Dattelner Stadthalle sehr weit entfernt. Brönner mit seinem Flügelhorn und der Trompete sei das Dach und Ilg mit seinem Kontrabass das Fundament eines Hauses, und auch wenn alles andere an Instrumentarium fehlen würde, sei dazwischen trotzdem sehr viel zu entdecken. Sehr viele eigene Ideen, sehr viel Improvisation und vor allen Dingen sehr viele neue Eindrücke zu Songs, die man im Original ganz anders kennt. Sich das in ihrer Musik zwischen Dach und Fundament Befindliche vorzustellen und zu "erarbeiten", ist beim Hören ihrer CD "Nightfall" und bei den Konzerten dann die Aufgabe des Publikums. Und so machte die Band in ihrer kleinsten denkbaren Form (Brönner nannte sie Fußgängerzonen-Band) dem Publikum eine Menge Arbeit. Zuhören, Raushören, Erhören ... Lieder, die im Original von Leonard Cohen ("A Thousand Kisses Deep"), den Beatles ("Eleanor Rigby"), Bach ("Air") und - Achtung! - Britney Spears ("Scream & Shout") sind, aber auch eine kleine Auswahl eigener Kompositionen befinden sich auf dem Album und in der Setlist ihrer Konzerte.

Genauso, wie ihr gemeinsames Album "Nightfall" (VÖ: 26.1.2018) startet, begannen die beiden Musiker auch ihren Konzertabend: mit dem Song "A Thousand Kisses Deep" von Leonard Cohen. Der Bühnenhintergrund war dabei in ein kräftiges Lila getaucht und überhaupt sollten die Farben des zum Einsatz kommenden Lichts im Verlauf des Abends weiter Einfluss auf die jeweilige Stimmung nehmen. Zum Titelstück des Albums wechselte die Farbe - passend zum Albumcover - in ein dem "Einbruch der Dunkelheit" entsprechendes Blau, und auch die verschiedenen Farben zum Unterstreichen des Stücks "Wetterstein" verhalfen dem Zuhörer, sich zur Musik gedanklich in die Ostalpen entführen zu lassen und die Stimmung der Gegend dort einzufangen.b 20180228 1729886782 Nach einer gefühlten Viertelstunde und dem zweiten Song folgte die Begrüßung des Publikums und die Erkenntnis, dass man ruhig neue Elbphilharmonien bauen könne, es aber im "Schuhkarton" (Brönner bezeichnete die Bauweise der Dattelner Stadthalle so) immer noch am besten klänge. Diese Abwechslung zwischen Songs und Zwischentexten, allesamt gesprochen von Till Brönner selbst, zog sich genau wie die Darreichungsform der Lieder wie ein roter Faden durch das Programm. Zu jedem der in Zweierblöcken gespielten Titel hatte der vor 47 Jahren in Viersen geborene Trompeter eine kleine Geschichte über Inhalt, Entstehung und/oder Herkunft parat, und mischte diese mit seiner persönlichen Meinung. So erfuhr das Dattelner Publikum am Rande, dass Brönner kein Fan von Andrew Lloyd Webber ist und er speziell die Inhalte der Broadway-Stücke aus der Zeit vor dessen Wirken dort als reichhaltiger an Poesie empfindet.

Was für das ungeübte Ohr sicher überwiegend gleich klang, hatte reichlich tief in seinen Arrangements verbaute Einzigartigkeiten, die sowohl Brönner als auch Ilg auf ihren Instrumenten herausarbeiteten. Jeder der beiden Musiker hatte in den oftmals verschachtelten und teilweise nur an den Einleitungen auszumachenden Stücken Platz und Gelegenheiten für eigene Ausflüge in Soli und Improvisationen. Wenn nicht beide gemeinsam in einem der Stücke spielten, wurde von diesen Möglichkeiten rege Gebrauch gemacht.c 20180228 1584479113 Mal war nur Ilg mit seinem Bass aktiv, verlor sich dabei nicht selten minutenlang in eine Art Spielrausch, bei dem er die vier Saiten seines Instruments auf alle möglichen Arten zum Schwingen brachte, ein anderes Mal sorgte Brönner mit seiner besonderen Art des Spiels auf Trompete oder Flügelhorn für Begeisterung. Im Saal war es still wie in einer Kirche, wenn die beiden Künstler spielten. Doch gerade in solchen Momenten, wenn derlei Ausflüge persönlicher Art stattfanden, hielt es die Leute kaum und sie spendeten Szenenapplaus. Anders als bei einem Rock-, Blues- oder Popkonzert ist es schwer, den Abend und das zu Ohr Getragene nur mit Worten zu beschreiben. Wenn man die gespielten Lieder mit den Originalen vergleicht, so könnte man die Art und Weise der Neubearbeitung durch Brönner und Ilg entweder als die große "Kunst der Reduktion" oder als die "Verspieltheit des Entkernten" bezeichnen. Ich erwähnte ja bereits, dass vieles für den einen oder anderen Musikfreund, der mit Jazz nicht so viel am Hut hat, gleich geklungen haben mag und die Unterschiede der einzelnen Stücke nur schwer herauszuhören waren, aber genau das ist ja der Anspruch, den diese Musik mit sich bringt. Die Aufforderung der Künstler, die freie Fläche zwischen Dach und Fundament mit Leben zu füllen, war dann auch tatsächlich so gemeint. Da kann ein Konzertbesuch tatsächlich schon mal richtig harte Arbeit sein.

Das Publikum hatte jedenfalls viel zu tun an diesem Dienstagabend in Datteln, aber die Mühe lohnte sich. Begeisterung machte sich schon während des Vortrags breit und am Ende war fast jeder in der mit weit über 400 Plätzen ausverkauften Stadthalle von dem angezündet, was die Herren Brönner und Ilg in ihrer Show abgeliefert haben.d 20180228 1749391361 Wer Brönners Smooth-Jazz- ("The Movie Album") und Cool-Jazz-Produktionen ("The Good Life") mag, sollte wissen, dass das "Nightfall"-Programm so gut wie nichts von dem bietet. Hier steht eher die Experimentier- und Improvisations-Freude im Vordergrund und ist eher was für die Freunde des Experimentellen und des Free-Jazz. Also vor dem Konzertbesuch erst in die CD hinein hören, sonst könnte es für das von musikalischer Harmonie verwöhnte Ohr eine böse Überraschung geben.




Termine "Nightfall":
• 01.03.2018 - Bremen - Glocke
• 02.03.2018 - Halle/S. - Kurt Weill Fest
• 03.03.2018 - Dessau - Kurt Weill Fest
• 07.03.2018 - Berlin - Konzerthaus
• 20.03.2018 - Darmstadt - Centralstation
• 21.03.2018 - Karlsruhe - Tollhaus
• 22.03.2018 - Hamburg - Laeiszhalle

Alle Angaben ohne Gewähr! Tournee wird fort-
gesetzt. Nähere Infos auf Till Brönners Homepage


Bitte beachtet auch:
• off. Homepage von Till Brönner: www.tillbroenner.de
• off. Homepage von Dieter Ilg: www.dieterilg.de






 

 

 

 

 

 


   
   
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