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Ein Konzertbericht mit Fotos und Videoclip (am Ende der Seite) von Petra Meissner


Zugegegeben, Böhlen war für mich bisher weder ein touristisches noch ein kulturelles Ziel. Böhlen haftet der Geruch von Chemie an, so hat man es im Hinterkopf. So ein Quatsch, es sind 28 Jahre nach der Wende. Böhlen ist ein Ort wie jeder andere bei uns und nun absolut geruchlos. Aber Böhlen hat ein Kleinod, was ich sonst nie entdeckt hätte, wenn nicht grade die Band BERLUC dort gespielt hätte: Die Stadt Böhlen hat ein Kulturhaus. Der Begriff Kulturhaus ist irreführend, es ist eigentlich en Kulturplalast.a 20180226 1924319125 Das Gebäude aus den 1950er Jahren kündet von einer Zeit, in der es selbstverständlich war, für die Werktätigen Kultur in die Wohnorte zu bringen. Böhlen ist hier der Treffer gelungen, ein Haus im Stile der Anfänge der DDR zu erhalten und behutsam zu restaurieren. Man hatte das Gefühl, hier ist die Zeit stehen geblieben. Ist sie natürlich nicht, das Gebäude hat alle modernen technischen Ausstattungen. Großartig, so was zu bewahren, unsere Kinder und Enkel werden sich in einigen Jahren dort vorkommen, wie in einem Museum.

Einen besseren Ort hätte der Sächsische Ostalgieverein für seine BBS Party nicht finden können. BBS steht für Böhlener Berufsschul Party. Der Ostalgieverein hat sich vor einem Jahr gegründet und sich auf die Fahnen die Erhaltung und Pflege der DDR-Kultur und deren Zeugnisse geschrieben. Dabei wollen sie unpolitisch agieren und lediglich Dinge in den Fokus rücken, die die Menschen in der DDR in ihrer Freizeit getan, veranstaltet und unternommen haben. Meiner unbedeutenden Meinung nach ist aber dies höchst politisch und Entschuldigung, ich finde es auch noch toll. Schon seit drei Jahren wird diese Party veranstaltet. Diesmal war erstmals eine Live-Band dabei. Die Veranstalter hatten sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, 500 Zuschauer anzulocken. Schätze mal, dies ist ihnen gelungen. Sie setzten auf DDR-übliche Preise. Der Eintritt kam 5,00 EUR und das Bier (0,4) 1,00 EUR. Speckfettbemmen kosteten 0,10 EUR, und die waren auch noch total lecker. Werbung lief nur über Facebook und die Sächsische Zeitung. Hut ab, liebe Macher. Bin überzeugt, Ihr habt nicht Minus gemacht. Dekoriert war die Location mit einschlägiger Symbolik und auf den T-Shirts der Security stand das Wort "Ordner". Die zahlreichen Kollegen waren auch noch total freundlich und bemüht.

b 20180226 1649671454Das Haus ist wirklich ein Palast und hat zwei große Foyers. Im oberen fand die DDR Party statt. Ein Schallplattenunterhalter legte auf. Jürgen Karney von der TV-Show "bong" hat die Veranstaltung dort anmoderiert. Jetzt möchte ich nicht meinen Beruf durchblitzen lassen, muss aber sagen, unter der abgegebenen Arbeit hätte gestanden: "Sehr schön, aber Thema verfehlt!" In der Zeit, in der wir uns in dem Vorraum aufhielten, wurden ganz wenige Osttitel gespielt. Es gibt aber doch auch prima Ost-Party-Hits und es gab auch tolle Ostschlager, die für Stimmung gesorgt hätten. Noch besser wäre es gewesen, den vielen Zuschauer dort BERLUC näher zu bringen, zum Beispiel mit einem Interview. Leider eine vertane Chance.

Nun ja, gekommen waren wir wegen BERLUC. Der Veranstalter sagte mir am Telefon, dass er Bestellungen für Karten aus allen Ecken des Ostens hatte. War auch so, am Bühnenrand trafen sich die Ostrockfans. Wen man noch nicht kannte, lernte man kennen. Ostrock verbindet. Die Fans haben Böhlen entdeckt und ich hoffe auf eine Fortsetzung mit einer anderen guten Band, die zum Thema der Veranstaltung passt. Um 21:00 Uhr starteten die Mannen um Dietmar Ränker ihre Rakete ins All. Das Triebwerk zündete programmgemäß. Zu Beginn erzählte Herr Karney über den "Silbernen Bong", der Auszeichnung einer allseits bekannten Wertungssendung des DDR Fernsehens. Die schlechte Nachricht war: BERLUC hatte ihn immer noch nicht erhalten. Das Positive an der Sache, der "bong" wurde BERLUC und den Zuschauern wenigstens mal gezeigt. Der Opener war wie immer "Hallo Erde, hier ist Alpha". Die Band mit dem Thema "Space Rock" hat viele Hits. Die meisten wurden auch gespielt. Ich stelle Euch die aktuelle Bordbesatzung vor:

c 20180226 1044849408Der Flugkapitän ist Dietmar Ränker. Er ist eine Leitfigur für Senioren. So fit wollen wir mal sein, wenn wir straff auf die 80 zugehen. Schlagzeug spielen ist Schwerstarbeit, dafür hätte er längst mal den Titel "Held der Arbeit" verdient. Dietmar strahlt aus, ich will doch nur spielen. Dazu braucht er Mitspieler. Seit fast 25 Jahren dabei der Frontmann Ronnie Pilgrim. Er rockt, bis die Fetzten fliegen. Seine Stimme macht BERLUC einmalig. Er fegt über die Bühne, wie ein Schneesturm. Nichts und Niemand hält ihn auf. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Mikrofon-Ständer er schon auf dem Gewissen hat. BERLUC ist einer der wenigen Vertreter des Ost-Hardrock. Das wussten sicher viele Besucher nicht und waren vom Sound leicht überfordert. Aber nur gut, BERLUC macht aus ihren Titeln keine Softschlager. Da mussten die Leute durch und es hat Spaß gemacht. Die Besucher, die nur wegen des Biers für einen Euro da waren, hatten ja noch die parallel laufende Disko als Alternative. Mit an Bord ist noch Bert Hoffmann, ein Kumpel von Ronnie aus Kindertagen. Leuten, die BERLUC noch nie gesehen hatten, war dieser Gitarrist besonders positiv aufgefallen. Bert hat es drauf. Die Tasten bedient Uwe Märzke. Bei der Band DIE MÄNNER aus Berlin agiert er als Frontmann. Er ist für mich der größte Keyboarder und das nicht nur in übertragenem Sinne. Ich mag ihn auch menschlich und uns verbindet einiges. Ach ja, und es gibt noch einen Bassisten. Dieser ist ein BERLUC-Original. Er spielte 1984 die "Hunderttausend Urgewalten" mit ein und er heißt Uwe Carsten. Er spielt ansonsten bei einer Berliner Partyband und außerdem im Neu Helgoland in Berlin zur Tanztee für Senioren. Bei BERLUC gibt er den Rocker und ist ein Segen für die Band. Der vorherige Basser Tino Schultheis ist nicht mehr aktiv im Musikgeschäft.

Berluc startete einen Streifzug durch ihr über 40-jähriges Schaffen. So war dabei "Glaube an dich". Für mich einer der besten Ostrocktitel überhaupt. Das Einzählen von Ronnie mit dem Publikum für diesen Titel klappt nie. Aber das ist Kult und wenn es denn mal klappen würde, die Menschen wären tief enttäuscht. Auch "Hunderttausend Urgewalten" fehlte nicht. "Zeig dein Gesicht", diesen Song interpretiert Ronnie Pilgrim immer überzeugend. Erwähnen muss man noch "No Bomb". Dafür haben sie zu DDR-Zeiten Dresche bezogen. War für manche Leute zu systemkonform. Hört euch den Titel mal heute an und staunt. Aktueller geht es nicht.d 20180226 1967097624 Für mich immer eine große Freude, wenn die Ostbands Titel im Hier und Jetzt produzieren. Die Nachwendetitel von BERLUC finde ich genial. Leider wurden sie in der schnelllebigen Medienlandschaft nicht wahrgenommen. BERLUC hat auf der Neuauflage ihrer CD "Rocker von der Küste" fünf neue Titel veröffentlicht. Das war schon im Jahre 2010 und ich weiß, sie haben noch mehr. Der Hit ist für mich "Achterbahn". Der geht so: "Sei vom Alter nicht so feige, ändere einfach dein Programm, spielst du nicht mehr die erste Geige, blase einfach auf dem Kamm". Ronnie widmete in Böhlen diesen Titel mir und vielen älteren Mitbürgern, die noch den Spaß am Rock und an Konzertbesuchen haben. Geschrieben hat die Achterbahn das Team der jüngeren BERLUC-Spieler. Auch "Flieg Adler flieg" hatten sie im Programm. Sie knüpfen damit an die alten BERLUC-Titel an. Der Adler wurde von Ronnie Pilgrim komponiert, und der Text ist vom Puhdys-Texter Burkhard Lasch.

Viel zu schnell war die Spielzeit vorbei. Auch im Anschluss zeigten sich die Küstenrocker sehr publikumsfreundlich und gaben noch Autogramme und hatten Zeit für Bildchen. Der bandeigene Fanshop, geführt von Frau Ränker, hat auch noch eine aktuelle DVD im Angebot. Es ist ein Mitschnitt aus Chrimmitschau und zeigt die Band im Hier und Heute in Aktion. Diese DDR-Party hat uns super gefallen. Gern kommen wir wieder nach Böhlen. Danke an alle Macher.




Bitte beachtet auch:
• off. Homepage von BERLUC: www.berluc.de
• Homepage vom Kulturhaus in Böhlen: www.kulturhaus-boehlen.de







 

 

 

 

 Videoclip:

 

 


   
   
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