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Ein Konzertbericht mit Fotos von Christian Reder
+ Videoclips am Ende der Seite

Der nahende Herbst - kalendarisch ist er ja schon da - gab am vergangenen Wochenende schon einmal eine Kostprobe seiner diesjährigen Performance ab. Die Temperaturen rauschten in Bereiche, in denen sonnenverwöhnte Zeitgenossen nach ihrem Urlaub das kalte Grauen bekamen ... im wahrsten Sinne des Wortes. Nach heftigem Regen und dem eben schon angedeuteten Temperatursturz kam am Sonntag die Sonne aber doch wieder aus ihrem Wolkenversteck hervor und kredenzte den unternehmungslustigen Ruhrgebiet'lern ein paar wärmende Strahlen, um sich im Freien entspannt tummeln zu können.a 20170905 1727947063 Im Dortmunder Hafen fand z.B. das Street Food Festival statt. Im Rahmen des Hafenspaziergangs 2017 sorgten zahlreiche Street-Food-Anbieter dafür, dass niemand hungrig wieder nach Hause gehen musste. Dafür war die Speicherstraße komplett gesperrt und die Anbieter hatten dort ihre Stände und Wagen hingestellt. Allerlei kulinarische Köstlichkeiten aus der ganzen Welt konnte man dort finden und auch Dinge probieren, an die man sich vielleicht sonst nicht so herantrauen würde. Selbst Süßigkeiten konnte man sich dort frittieren (!) lassen. Wer's braucht ...

Ebenfalls an der Speicherstraße befindet sich die Anlegestelle der "Walter". Die "Walter" ist ein Schüttgüterschiff, das 1901 in Rathenow an der Havel vom Stapel lief, viele Jahrzehnte seinen Dienst als Schleppkahn auf europäischen Flüssen und Kanälen verrichtete und seit 2011 im Dortmunder Hafen vor Anker liegt. Seitdem fährt es nicht mehr, sondern dient den Menschen nunmehr zur erlebnisorientierten Freizeitgestaltung als Club- und Eventschiff. Nicht nur auf dem Schiff, sondern auch an seiner Anlegestelle, kann man die Zeit im Chill-Modus verbringen. Ringsherum das Flair eines Industriehafens, aber direkt am Anleger der "Walter" kommen ganz andere Gefühle auf. An Land wurde eine Art Strand-Szenerie aufgebaut, hier finden sich neben Strandkörben, Sonnenliegen, Sonnenschirmen, Sofas, Sitzsäcken und Palmen auch reichlich Sand für das hier eigentlich kaum zu vermutende Strandfeeling. Der Blick aufs Meer wird ersetzt durch den Blick auf den Kanal, sowie die großen Kräne und Industriegebäude im Hintergrund. Aber man muss ja nicht direkt hingucken, wenn einem dieses außergewöhnliche "Postkarten-Idyll" nicht gefällt. Dafür gibt's auch andere Sachen zu sehen, z.B. ein Zelt, das hier aufgebaut wurde und dessen Seitenteile man bei schönem Wetter entfernen kann. Darunter eine kleine Bühne, eine Tanzfläche sowie Licht- und Tontechnik. Insgesamt sehr gute Voraussetzungen für Live-Musik sind hier geboten. Für dieses besondere Wochenende mit der kulinarischen Meile direkt vor der Haustüre - Entschuldigung: Schiffstür - hatten die Betreiber der "Walter", die seit der Umwandlung in ein Party-Schiff "Herr Walter" heißt, für den späten Sonntagnachmittag mit dem ElectrOchestrA auch jemanden engagiert, der diese Bühne nutzt und dem Publikum ein ansprechendes Programm bieten kann.

b long 20170905 1106278127Die Herr Walter im Dortmunder Hafen (Foto: Veranstalter)

Was sich nach personell in großer Besetzung auftretend anhört, ist bei genauerem Hinsehen ein Ein-Mann-Unternehmen. Hinter dem ElectrOchestrA (EOA) steckt nur ein Musiker, dieser heißt Marc Pawlowski und kommt aus Gelsenkirchen - in Dortmund sagt man auch, "aus der verbotenen Stadt". Sein Projekt EOA hat er vier Jahre lang vorbereitet, an der Umsetzung und der Musik gearbeitet, und tritt damit nun seit 2016 auf. Das Konzert in Dortmund war allerdings erst das dritte dieser Art vor einem "größeren" Publikum. Nach der langen Zeit des Ausprobierens ist das Ergebnis nämlich erst seit Kurzem reif, es auch der Welt zu präsentieren. Gut Ding will Weile haben, sagten schon die Alten. Seine Musik bezeichnet Marc selbst als "Groovy-Live-Lounge", und auf das "live" legt er dabei besonderen Wert. Es geht ihm um die Live-Darbietung seiner Musik und den Spielcharakter. Er möchte sie direkt vor dem Publikum spielen und sie nicht von irgendeinem DJ aus der Konserve in den Saal schallen lassen. Marc selbst spielt Bass, Klavier, Schlagzeug und Gitarre. Auf letzterer komponiert er ganz althergebracht auch seine Lieder, die er dann später entweder allein oder mit anderen Musikern arrangiert. Als Inspiration dienen ihm Dinge aus dem Alltag, manchmal auch nicht so schöne Erfahrungen, wie die schwere Erkrankung eines Begleiters.

c 20170905 2083840892Andere Musiker sind bei Marc auf der Bühne also nicht zu sehen. Aber zu hören! Professionelle Kollegen haben ihre Parts bereits im Vorfeld auf Flügelhorn, Gitarre, Klavier oder E-Bass im Studio eingespielt, und diese dienen dem jungen Mann als Zutaten seiner Live-Darbietung. Quasi als Samples werden diese Lied-Teile eingespielt und er ergänzt den Rest mit seinem Schlagzeug- und Keyboard-Spiel. Als Musiker muss man heute ja kreativ sein, denn eine komplette Band hat es bei den Veranstaltern inzwischen eher schwer. Die kosten in der Regel Geld, kommen mit mehreren Leuten in die Location und brauchen Platz. Anders das EOA, das nur aus einer Person besteht. Das hat noch andere Vorteile: Keine internen Streitereien. Hier ist nur einer verantwortlich für das, was da aus den Boxen kommt und mehrere Meinungen, die evtl. zu einem Bruch führen könnten, sind in der Besetzung schon pauschal ausgeschlossen.

Das EAO wurde - wie schon erwähnt - für die spätnachmittägliche und frühabendliche Beschallung des Geländes im Dortmunder Hafen engagiert. Um 17:00 Uhr sollte es losgehen, aber diverse technische Probleme, auf die Marc Pawlowski vor Ort stieß und für die er absolut nichts konnte, ließen den Beginn seines Auftritts zeitlich nach hinten rutschen. Im Alleingang baute er sein Equipment auf und wohl auch im Alleingang war er dann mit der Lösung von außen verursachter Probleme beschäftigt. Schon da bewunderte ich die Ruhe, die er dabei walten ließ und auch ausstrahlte. Keine Hektik kam da auf. Um 17:45 Uhr war es dann soweit und das ElectrOchestA konnte loslegen. Eine ruhige und vom Saxophon getragene Nummer eröffnete den in drei Sets unterteilten Auftritt Marc Pawlowskis. Der Musiker saß an einem Schlagzeug, an und um das er allerlei Instrumentarium gebaut hatte. Von dieser "Kommandozentrale" aus brachte er die vielen Musiker zum Einsatz, bzw. ließ deren eingespielte Parts von der Festplatte laufen. Hauptbestandteil der Lieder sind aber seine Parts an Keyboard und Drum Set - live und in Farbe. Das hatte schon was und ist natürlich das komplette Gegenteil von dem, was man sonst auf einem Konzert zu sehen und hören bekommt. Es fehlt eben die Band und doch ist sie da. Vom Sound her klang es aber so, als stünden all die Kollegen da neben ihm.d 20170905 1824768516 Es ist ein dicht gewobener Klangteppich, den das EAO entstehen lässt. Für die Zukunft geplant ist der Einsatz von Videowänden, auf denen die Musiker, die da mit ihm "zusammen spielen", dann auch zu sehen sein sollen. Aber das ist noch Zukunftsmusik, denn das EAO steht ja erst ganz am Anfang. Was man aber jetzt schon auf Wunsch mit buchen kann, sind weitere Musiker auf der Bühne. Das bietet der junge Künstler interessierten Veranstaltern jedenfalls an. Wer also mehr auf der Bühne haben will, muss es nur sagen ...

"106er Lounge", "First Time", "Tranquillo", "Coldwind" und "April" heißen ein paar der Stücke, die wir zu hören bekamen und die allesamt als Instrumentals gespielt wurden. Auch wenn es sich hier um sogenannte Chillout-Music handelt, zu der man eigentlich nur entspannt dasitzen und zuhören soll, fährt einem doch der eine oder andere Beat in die Beine. Man könnte auch tanzen, wenn man will. Der Rezensent wollte aber nicht und hörte dem Künstler auf der Bühne lieber aufmerksam zu. Relaxte Melodien und allerlei Zutaten aus dem reichhaltigen Fundus der Musikrichtungen hat das EAO in seinen Liedern verbaut. Mal trifft man auf Latin-Sounds, dann auf jazzige Töne und irgendwann auch auf leichte Dance-Anleihen. Die Musik, die Pawlowski da macht, gefällt vom ersten Ton, sie ist in keinster Weise aufdringlich und fügt sich in jede Stimmung, auf die man in den Clubs und Open-Air-Plätzen dieses Landes stoßen kann. Förmlich in sich versunken spielt der Musiker seine Lieder und strahlt auch hier eine beeindruckende Ruhe aus, aus der er sich nicht locken lässt. Auch nicht von den zahlreichen Kindern, die sich zwar nicht für seine Musik interessieren, vor der Bühne aber für reichlich Bambule sorgen. Da muss man schon ziemlich tiefenentspannt sein, auch wenn die eine oder andere Hipster-Mutti dazu stößt und seltsame Tänze aufführt, die jedenfalls nicht von der Musik ausgelöst sein konnten. Mit "Dance Around Me", im Studio von Laura Zebra eingesungen, und "Don't Believe Me", eingesungen von Nia, gab es im Verlauf des Programms auch zwei Titel, bei denen auch Gesangsstimmen zum Einsatz kamen. Auch diese kamen aus der großen Datenbank, aus der sich Marc Pawlowski bei seinen Live-Vorträgen bedienen kann.

Der Auftritt des ElectrOchestA hat mir sehr gut gefallen. Das Drumherum sorgte ebenfalls dafür, dass dieses Konzert noch etwas nachhallen wird. Man sitzt nicht alle Tage mitten im Ruhrgebiet an einem Strand mit Palmen und lässt sich entspannte Musik um die Ohren wehen, die einem auch noch live präsentiert wird.e 20170905 1534291285 So manches Mal habe ich - in einem Strandkorb sitzend - meine Augen geschlossen und zur Musik mein eigenes Kopfkino laufen lassen. Und entspannt bin ich am Ende auch wieder in Richtung Heimat gefahren. Herr Pawlowski hat für die nötige Entschleunigung gesorgt und die Akkus für die kommende Woche wieder aufgefüllt. Vielen Dank dafür und für eine Erfahrung, die ich in Sachen Musik in der Form noch nie gemacht habe.

So toll die Idee mit dem Party-Schiff und der Strand-Atmosphäre auch ist, so schwach war der Service des Veranstalters. Es war regelrecht schade, dass der Künstler erst diverse Stolpersteine für seinen Auftritt aus dem Weg räumen musste, ehe er dann verspätet anfangen kann. Sowas muss im Vorfeld schon ausgeräumt werden. Das Publikum weiß davon nix, merkt nur, dass der erwartete Auftritt viel zu spät startet. Am Ende bleibt es nicht am Veranstalter, sondern am Musiker hängen. Ebenso wie die defekte Box direkt über ihm, die weder die Höhen noch die Tiefen ohne ein unangenehmes Blubbern zu Tage förderte. Diese Box gehörte zum Haus und machte schon den ganzen Nachmittag bei der Musik vom Band Zicken. Unüberhörbar, dass die komplett durch war. Auch das ist ärgerlich und eher amateurhaft. Jeder Künstler möchte seine Musik so sauber wie irgend möglich präsentieren. Diese Möglichkeit wurde dem EAO gleich von Anfang an genommen. An dieser Stelle war es nicht der nahende Herbst, der es mir kalt den Rücken runter laufen ließ. Aber auch hier wieder: Marc Pawlowski war die Ruhe in Person, nahm die widrigen Verhältnisse wie sie waren und machte das Beste daraus.



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage des ElectrOchestrA: www.eoa-livedrums.de
• Homepage des Herr WalterAmorsaals in Dortmund: www.herr-walter.de




Fotostrecke:
 
 
 
 
 
 

Videoclips:







 

 

 

 

 


   
   
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