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Ein Konzertbericht mit Fotos von Thorsten Murr



Schon wieder ist ein Jahr vergangen, und wieder lädt das "Hotel zur Post" im südostbrandenburgischen Spremberg zur Rock- und Blues-Nacht ein. Gab es im letzten Jahr das Doppeljubiläum "10 Jahre Rock- und Blues-Nacht" und "40 Jahre Monokel" zu feiern, an dem neben Monokel Kraftblues die Gratulanten Jürgen Kerth, Mike Seeber Trio, Engerling, Renft und Tino Standhaft teilnahmen - für die Ewigkeit festgehalten in dem aktuellen, fetzigen,a 20170727 1046484040 Live-Doppelalbum von Monokel Kraftblues -, präsentiert dieser Main-Event heute ein Programm, das nicht minder vielversprechend ist. Auch in diesem Jahr füllt sich das große Festzelt im Biergarten des Hotels binnen kurzer Zeit mit Musikfans aus allen Himmelsrichtungen. Viele davon sind gute Bekannte, noch mehr sind irgendwie bekannte Gesichter, und so fällt es schwer, sich vorzustellen, dass tatsächlich ein Jahr vergangen sein soll.

Starker Start: The Double Vision
Den Anfang machen heute The Double Vision. Mit ihrem knallharten Bluesrock im Stil von Rory Gallagher bringen sie das Publikum auf Betriebstemperatur. Gitarrist und Sänger Stephan Graf, Silvio Remus an den Drums und am Bass Hendrik Herder pfeffern die Songs ungebremst in die Masse, die schnell in Schwung kommt. Bassist Hendrik Herder, bekannt von den Footsteps und Radio FS, vertritt Torsten Siebold, der inzwischen Vater geworden ist. Zweifellos gehören The Double Vision zu den mitreißendsten Live-Bands der heimischen Szene und sind nun schon eine ganze Weile auch außerhalb ihrer thüringischen Heimat ein gefragter und gefeierter Act. Dass sie sich nach wie vor zu ihrem großen Vorbild Rory Gallagher bekennen, merkt man sofort, auch wenn das Set viele eigene Songs von den inzwischen fünf Alben der Band enthält. Stephan Graf ist ein unglaubliches Energiebündel. Er fegt über die Bühne, rennt, springt auf und kniet im nächsten Moment nieder, um seiner authentisch abgewetzten Stratocaster die rotzig-feinen Töne herauszukniedeln.

b 20170727 1783597504Einer der Höhepunkte des ohnehin faszinierenden Sets ist das urig stampfende "Going To My Hometown", das der Gitarrist traditionsgerecht auf der Mandoline spielt. Die Stimmung ist bestens. The Double Vision wissen, dass sie bei diesem straffen Programm heute kaum eine Verlängerung für Zugaben bekommen - also geben sie innerhalb ihres regulären Zeitfensters alles und gleich noch ein bisschen mehr. Zumindest scheint es mir so. Im Finale kommt dann unter anderem "Shadow Play", was eine riesige gemeinschaftliche Begeisterung auslöst. Was für ein großartiges Opening - das Fest hat begonnen!

Gipfeltreffen: Lübben City Blues Connection
Nach diesem starken Start richtet sich die Spannung auf eine Band, die man einerseits als Newcomer bezeichnen könnte, andererseits natürlich von den Ankündigungen weiß, dass die Mitglieder dieses Ensembles alles andere als Anfänger sind. Die LÜBBEN CITY BLUES CONNECTION verrät schon in ihrem Namen, worum es geht: um die ostdeutsche Blues- und Rock-Tradition. Und die Namen der Musiker lesen sich wie das "Who Is Who" (oder gewissermaßen ein G11, während im fernen Hamburg ein G20 alles durcheinander bringt) eben dieser Szene, die hier in Spremberg alljährlich eines ihrer wichtigsten Gipfeltreffen abhält, heute mit rund 800 Besuchern an einem Abend.

c 20170727 1219277868Das Who Is Who
Die Connection besteht im Einzelnen aus Bluesharp-Star Beata Kossowska, Sängerin Steffi Breiting und Gitarrist Tobias Hillig, bekannt von verschiedenen musikalischen Unternehmungen - etwa mit den "3 Highligen" -, Wolfram "Bodi" Bodag, dem Chef und Tastenkünstler von Engerling, Bernd "Kuhle" Kühnert, langjähriger Gitarrist bei Monokel und jetzt mit Beata Kossowskas Airtrain unterwegs, Sebastian "Buzz Dee" Baur, hauptamtlich Gitarrist bei Knorkator, Martin Fankhänel, Gitarrist und Sänger der jungen, aufstrebenden Band The Lateriser, Gitarrist und Sänger Mike Seeber, Gewinner der German Blues Challenge 2013, sowie dessen Bandkollegen Philipp Rösch am Bass und Tobias Ridder an den Drums, und schließlich Frank "Gala" Gahler, bestens bekannt als langjähriger Sänger von Monokel und seinerzeit auch von NO 55.

Diese Auswahl-Elf, zur elften Rock- und Bluesnacht, komplett auf eine Bühne zu bringen ist schwierig - einerseits wegen der Gefahr einer musikalischen Überdosierung, andererseits schlicht aus Platzgründen, denn eine gewisse Bewegungsfreiheit muss man den einzelnen Akteuren schon einräumen. Und so bestreitet die Lübben City Blues Connection ihren Auftritt überwiegend in mehrfach wechselnden Besetzungen, je nachdem, welche Songs gespielt werden und welche Kombinationen dem jeweiligen Stück am besten entsprechen. Das eher tempoarme "Free Falling" macht den Anfang, aber dann nimmt das Ganze Fahrt auf, und es geht flotter und heftiger zur Sache.

d 20170727 1942188352Feurige Harp, fröhlicher Boogie
Mundharmonika-Expertin Beata Kossowska zeigt gleich im vorderen Teil des Sets, was in ihr steckt und bringt das Publikum mit ihrem zündenden Wesen und feurigen Spiel zum Kochen. Beschwingt und fröhlich wird es etwas später mit "Raumer 39 Beat", dem Song von Engerling, in dem die wohlbekannte Blueskneipe "Speiches" im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg besungen wird, und der ansonsten nicht ganz so oft im Engerling-Programm zu hören ist.

Bodi Bodag erweist sich ein weiteres Mal als Virtuose und gleichzeitig als solide Soundbasis einer solch großen Combo. Im weiteren Verlauf des Programms ist er, zusammen mit Drummer Tobias Ridder und Bassist Philipp Rösch, die ebenfalls keine Pause haben, einer der härtesten Mitarbeiter des Kollektivs. Gleiches trifft selbstverständlich auch auf Kuhle Kühnert und Mike Seeber zu, die maßgeblichen Anteil an der musikalischen Konzeption und Strukturierung des Programms hatten und in fast allen Besetzungen vertreten sind. Aber entscheidend ist mal wieder nicht, wie viel Arbeit in einem solchen Projekt steckt, sondern, was als Ergebnis auf der Bühne passiert - und das kann sich sowohl hören als auch sehen lassen.

Langeweile kommt nicht auf, zu rasant folgen die Titel aufeinander und vollziehen sich die Besetzungs- und Stilwechsel. Mir kommt der Begriff "Blues-Gala" in den Sinn, was sich aber nicht darauf beziehen soll, dass Frank "Gala" Gahler dabei ist, der seinem Ruf als "Rampensau" alle Ehre macht und seine Auftritte als Sänger mit einigen kumpelhaft deftigen Redebeiträgen in Richtung Publikum garniert.

e 20170727 1572644311Viel Blues und noch viel mehr
Bislang war die Setlist stilistisch sehr abwechslungsreich. Der Blues überwog zwar, aber es gab auch etliche andere Beiträge, die das Spektrum der Lübben City Blues Connection nach vielen Seiten offen halten. Immer wieder ein Highlight sind die Auftritte von Steffi Breiting. Das von Steffi gesungene "Have I Told You Lately That I Love You" ist wohl eher auch kein Blues, dafür aber wunderschön anzuhören. Eher zurückhaltend, aber wie immer sehr gefühlvoll und meist mit einem sehr sympathischen Lachen im Gesicht agiert Tobias Hillig am rechten Bühnenrand. Wenn man aufmerksam ist und hinschaut, kann man aber im Soundgewitter dieser mächtigen Band seine feinen Beiträge heraushören.

Eine echte Überraschung ist für mich "Can't Find My Way Home". Das geht nicht so sehr in die Beine, eher in den Bauch, genau genommen an die E… Erstaunlich auch, dass die Wahl auf das Stück "Whisky" von Peter "Cäsar" Gläser fiel, das Ende der Siebziger von der Gruppe Karussell ziemlich bekannt gemacht wurde.

Gute Kumpels: Speiche Meets Friends
Ungefähr nach der Hälfte des LCBC-Sets wechselt die Szenerie, und fünf gute alte Bekannte formieren sich zu einer Band. Unter dem Motto "Speiche Meets Friends" erleben die Fans jetzt die Reunion einiger der ersten und langjährigsten Mitglieder von Monokel: Gala am Mikro, Kuhle und Basti an den Gitarren, Jörg "Speiche" Schütze am Bass und Rainer "Lello" Lojewski an den Drums.f 20170727 2004866508 Gespielt werden einige der großen Hits aus dem riesigen Monokel-Repertoire, was den Musikern offensichtlich viel Spaß bereitet und von den Fans gebührend honoriert wird. Gala ist ganz Gala, Kuhle und Basti lassen es ordentlich rocken, während Speiche und Lello gewohnt eher unauffällig, aber mit Freude einen satten Groove produzieren.

Beim "Lumpenlied" bekommen die Profis dann Verstärkung vom "hauptamtlichen" (:) Monokel-Fan Uwe Sablowski, der - wie auch schon oft mit der Kraftbluesbrigade - die Rolle des Leadsängers übernimmt. Klar hat dieser Auftritt von fünf ehemaligen Original-Monokel-Mitgliedern in trautem Line-up etwas Besonderes und gewissermaßen Besinnliches für die meisten vor Ort, aber es handele sich um ein temporäres Projekt, ist zu vernehmen, nicht etwa um den Gründungsmoment einer neuen oder alten oder anderen … Band, die sich "Monokel" nennen würde. Selbstverständlich gibt es auch den Megahit "Bye Bye Lübben City" zu hören, der die Inspiration für den Namen des Bandprojektes ist, das gleich wieder auf die Bühne kommt.

Gitarren-Phalanx: The Boys Are Back!
Nach dem Set der Band aus Ex-Monokel-Mitgliedern, die sich nicht Monokel nennt, übernimmt wieder die Lübben City Blues Connection die Bühne - jetzt mit allen fünf Gitarristen des Ensembles: Tobi Hillig, Basti Baur, Mike Seeber, Kuhle Kühnert und - als der Jüngste in der ersten Reihe - Martin Fankhänel. "The Boys Are Back In Town" fetzt mit der geballten Kraft dieser unglaublichen Gitarren-Breitseite in die Menge. Wer im Publikum beim Wechsel der Formation vielleicht daran gedacht hatte,g 20170727 1961638383 jetzt ein Ruhepäuschen einlegen zu können, wird schnell etwas Besseren belehrt. Mit so viel Druck und Wumms hatte an der Stelle wohl niemand gerechnet. Der ohnehin schon für seine wilde Bühnenshow bekannte Martin Fankhänel, dessen Fähigkeiten auf der Gitarre ihm den Platz in diesem Line-up eingebracht haben, begeistert jetzt als Leadsänger - unterstützt von den älteren Kollegen, die vielstimmig und mit Hingabe den Refrain in ihre Mikros brüllen.

Musikalisch exzellente Momente
Wenig später wird es brillant, als eine exzellente, extrem rockige Interpretation von "Whipping Post" folgt und die hohe musikalische Qualität des Ensembles - jeder für sich und alle zusammen - eindrucksvoll manifestiert. Das muss man erstmal hinkriegen!

Wir sind offenkundig im rockigen Teil des Programms angelangt, denn gleich darauf kommt eine weitere der machtvollen Bluesrock-Nummern aus dem Repertoire des Mike Seeber Trios, das ja komplett in der Lübben City Blues Connection vertreten ist und jetzt inmitten dieser "Bigband" als Trio wahrgenommen wird. Die Seeber-Version von "Outside Women Blues" ist sowieso schon ein Kanonenschlag. Jetzt droht sie, die erste Reihe des dicht am Bühnenrand stehenden Publikums einfach umzuhauen.

h 20170727 1944165377Kurz darauf erleben wir Kuhle Kühnert als Leadsänger, der mit scharfen Saiten "Oh Well" spielt - einen der bekannten Klassiker aus seinem Live-Repertoire. Kracher folgt auf Kracher. Wahrhaft unerhört wird es dann noch einmal, als Basti Baur die Führung übernimmt und die Motörhead-Nummer "Please Don't Touch" vorträgt, maßgeblich unterstützt von Beata Kossowska und Steffi Breiting als "Background"-Chor, wobei die beiden Ladys nicht etwa im Hintergrund, sondern in der ersten Reihe stehen.

Bald darauf ist das Finale erreicht. Die gesamte Lübben City Blues Connection nimmt noch einmal Aufstellung und stimmt "For Ever Young" an. Ganz großes Kino, mindestens Cinemascope, wenn das mal ausreicht ...

Empfehlung: Hingehen!
Die Lübben City Blues Connection ist eine konzeptionell einzigartige und musikalisch exzellente Unternehmung, die im Grunde sehr an die Amiga Blues Band von 1983 erinnert, als erstmals in der heimischen Bluesszene eine prominente All-Star-Band auf die Beine gestellt worden war. Allein durch ihre Zusammensetzung dürfte sie jedem Blues- und Rockfan zu einer höheren Herzfrequenz verhelfen.

i 20170727 1053610022So viel Individualismus in ein funktionierendes Line-up zu bringen, eine durchdachte Setlist zu entwickeln und das alles dann auch noch ohne übermäßige Probenarbeit überzeugend aufzuführen, ist eine gigantische, und selbstverständlich auch höchst professionelle, Leistung. Ich gebe hiermit meine wärmste Empfehlung, einen der wenigen weiteren Termine der LCBC wahrzunehmen.

Rock 'N' Roll Will Never Die ...
Nach dieser furiosen Kaskaden-Show folgt ein Act, der schon im letzten Jahr an selber Stelle begeistert hat. Tino Standhaft und Band präsentieren ihr "Meeting Neil Young"-Programm - eine kompakte Selektion bekannter Neil-Young-Songs, überwiegend aus dem Repertoire von Crazy Horse oder zumindest im Stil von Crazy Horse gespielt. "Hey Hey My My" ist der Opener, und dann geht es Schlag auf Schlag. "Powderfinger", "Cinnamon Girl", "Cortez The Killer", "Down By The River" - all die feinen und gleichermaßen gewaltigen, für den Grunge-Pionier Young so typischen Songs.

Die Band, bestehend aus Sänger und Gitarrist Tino Standhaft, Gitarrist und Sänger Norman Daßler, Bassist Renaldo Viehmann, Toni Wendenburg an den Drums und Henry Zschelletzschky am Keyboard - allesamt Könner ihres Fachs - ist perfekt eingespielt und kann sich ganz der genüsslichen und ausgedehnten Zelebration der dem Publikum bestens vertrauten Klassiker widmen.

j 20170727 1399444327Mit Tino Standhafts Band als letztem Beitrag dieses üppigen Abendprogrammes ist dem Veranstalter ein guter Griff gelungen, denn nach der vorher erlebten Bluesrock-Orgie kommen die erdigen und krachenden Crazy-Horse-Nummern genau richtig. "Like A Hurricane" darf natürlich nicht fehlen - schon zigtausendmal gehört, und doch ergreift es einen unwillkürlich - und selbstverständlich "Rockin' In The Free World"*, die schnörkellose, eingängige und mitreißende Hymne, bei der sich wahrscheinlich überall auf der Welt immer alle einig sein können, wie auch hier in Spremberg ...

Irgendwann zwischen Mitternacht und ein Uhr ist die Show dann vorbei. Neben den Eindrücken eines fulminanten Bühnenprogramms bleibt die Gewissheit, soeben eines der großen Szene-Highlights dieses Sommers erlebt zu haben.




Termine der Lübben City Blues Connection:
• 29.07.2017 - Landsberg - Kunden Blues Open Air
• 02.12.2017 - Neustadt/Orla - Wotufa
• 27.12.2017 - Berlin - Kesselhaus



Bitte beachtet auch:
• Homepage zur Rock- und Bluesnacht in Spremberg: www.rockbluesnacht.de




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