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Ein Konzertbericht mit Live-Fotos von Christian Reder (+ Pressefotos in der Textillustration)



Ich mag den Humor von Petrus im Sommers 2017. Die ganze Woche, während man arbeiten muss, schwitzt man sich bei der übelsten Schwüle, die man sich denken kann, 'n Wölfchen. Abkühlung? Was ist das? Aber pünktlich zum Wochenende, ein Open-Air-Konzert in einem schönen Schlossgarten steht an, öffnet der Kumpel da oben die Schleusen und lässt es eine Stunde vor Beginn ordentlich Pläddern und Gewittern. Schönen Dank auch. Es hätte ein wunderbares Konzert in einem wunderbaren Ambiente werden können. Geplant war es im Rosengarten des Schloss Heessen im westfälischen Hamm. Man stelle sich vor, man sitzt bei lauschigen Temperaturen in einem Park und genießt der nahenden Nacht entgegen einem Konzert mit drei wunderschönen Frauen,a 20170723 2061498834 die mit drei ganz wunderbaren Stimmen ausgestattet sind. "Picknick-Konzert" hat der Veranstalter die Mugge im Rosengarten getauft. Am Ende blieben aber nur die drei schönen Frauen mit den schönen Stimmen, aber der Rest wurde gegen das sterile Fluidum eines Kurhauses getauscht, dessen Saal ein bisschen was von einer Schulaula hat. Zumindest war man von Veranstalter-Seite gut vorbereitet, denn es wurde im Vorfeld bereits angekündigt, dass für den Schlechtwetterfall ein Ausweichquartier zur Verfügung stünde. Das muss man schon lobend erwähnen ...

Für das vom Lippe-Verband in Hamm veranstaltete Konzert wurde die Gruppe GANES verpflichtet. Und hier zeigt sich wieder einmal besonders deutlich, wie wichtig unsere Gemeinschaft bei Deutsche Mugge ist. Unter uns Damen und Herren, die die Seite für Euch immer mit Leben füllen, ist es ein gegenseitiges Empfehlen und Entdecken. Wenn man so will eine spannende Gemeinschaftsreise durch die Musiklandschaft. So war GANES mal ein Geheimtipp meines Freundes und Kollegen Gerd Müller. Gerd und ich ticken musikalisch ganz ähnlich, uns verbindet u.a. die Begeisterung für die Gruppe KARAT in der Besetzung mit Ed Swillms und Herbert Dreilich. Auch internationale Künstler schieben wir uns Tipp-mäßig immer wieder mal hin und her. Vor einigen Jahren stellte er mir GANES vor und erzählte von dem Mädchen-Trio voller Bewunderung und Begeisterung. Und wer Gerd kennt weiß, wie ansteckend seine Begeisterung sein kann. GANES ist ein Poptrio aus dem 1.200 Einwohner großen und 1.400 Meter über NN gelegenen Ort La Val in Italien. Es besteht aus den Schwestern Elisabeth (Gesang, Geige, Synthies) und Marlene Schuen (Gesang, Geige, Bass, Samples), sowie ihrer Cousine Maria Moling (Gesang, Schlagzeug, Perkussion, Gitarre). Dabei ist die Bezeichnung "Poptrio" viel zu kurz gefasst und als Beschreibung dessen, was die drei Damen da auf die Bühne zaubern, äußerst unpräzise. Hier schwingen neben der Popmusik auch Jazz, Weltmusik, Klassik, Folk, Soul und auch Rock mit, und wenn man es auf die Spitze treiben möchte, zählt auch die gewählte Sprache als Instrument bzw. eigene musikalische Richtung mit dazu. Elisabeth, Marlene und Maria singen ihre Lieder nämlich auf Ladinisch. Eine Sprache, die zur Gruppe romanischer Dialekte zählt, in mehreren Alpentälern Oberitaliens vorkommt und von geschätzt nur noch 30.000 Menschen gesprochen wird.b 20170723 1205388719 Als "normaler" Mitteleuropäer versteht man von den Inhalten der Lieder natürlich kein Wort, kann sich aber über den Klang und die sich wunderbar mit der Musik verbindende Sprache freuen. Und seien wir doch mal ehrlich: Vieles von dem, was aus Amerika kommt, verstehen wir ja auch nicht, oder? Doch zurück zu GANES ... Das Trio spielte in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends in der Live-Band von Hubert von Goisern, ehe man sich im Jahre 2010 als GANES selbstständig machte. Um den Bandnamen kurz zu erklären: GANES sind in der Ladinischen Mythologie Wald- oder Wasserfrauen und so bezeichnen sich die drei Frauen selbst auch als Wassernixen. Inzwischen hat man bereits fünf Studio-Alben produziert, wobei das Letzte den Titel "an cunta che" trägt und dessen Inhalt derzeit das Live-Programm der drei Damen bestimmt. Würde ich Gerd nicht kennen, hätte ich die Ankündigung, dass die Band für ein Konzert ins westfälische Hamm kommt, sicher überlesen. Aber so ... Es war klar, dass ich das, worüber Gerd immer nur sprach und was ich bis hierher nur aus der "Konserve" kannte, live erleben musste. Auch das eben schon erwähnte aktuelle Album des in München ansässigen Trios hat Gerd bei uns vorgestellt (siehe HIER), so dass dieser Rezension nun auch ein Konzertbericht folgen musste.

Also meldete ich mich bei der Kapelle an und fuhr am Samstagabend trotz bescheidener Wettervoraussagen wieder Mal in Richtung Soest, wo ich ja letzte Woche erst bei BARCLAY JAMES HARVEST war. An der Autobahnausfahrt "Hamm/Werl" raus, und statt rechts in Richtung Soest nach links Richtung Hamm. Die Gegend ist aber die gleiche ... ländlich halt. Wie eingangs schon erwähnt wurde aus dem geplanten "Picknick-Konzert" eine "Aula-Mugge" im Kurhaus. Der Veranstaltungsort war trotz großer Baustelle an der Hauptstraße dank Navigationsgerät schnell gefunden. Das Auto abgestellt und am hinteren Eingang von Alex Trebo, dem die Damen begleitenden Pianisten, empfangen und mit in die Halle genommen.c 20170723 1444883935 Als ich den Saal betrat, sprach vorn auf der Bühne bereits ein Vertreter des Lippe-Verbandes und klärte das Publikum über die Arbeit seines Verbandes auf. Er ließ die Leute auch wissen, wie überrascht er und auch die Damen von GANES über den großen Zuspruch der Leute in Hamm seien. Das Kurhaus war fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Das ist bemerkenswert wenn man überlegt, dass wir es hier nicht mit einer Chart-Band zu tun haben, die keine gefühlt 4.000 Bravo lesender Kids im Schlepptau hat. Ich war echt der Meinung, dass GANES durchaus noch als "Geheimtipp" durchgehen könnte, aber bei so viel Interesse der Leute dürfte dieses Attribut wohl langsam hinfällig sein. Als das letzte Wort der Begrüßung gesprochen war, erlosch das Licht im Saal und der eben noch vor der Tür getroffene Alex Trebo setzte sich an den großen schwarzen Steinway-Flügel und begann ein längeres Intro zu spielen. Allein ... fast im Dunkeln. Die dezent angeschlagenen Töne bildeten eine Melodie, die die Konzertbesucher gleich gefangen nahm. Aufmerksames und andächtiges Schweigen im Saal, während uns der Mann an den Tasten entspannt auf die folgenden zwei Stunden einstimmte. Als das erste Stück gespielt war, kamen die drei Damen, begleitet vom Beifall für das erste Stück und vermischt mit dem für ihr Auftreten auf der Bühne, hinter dem Vorhang hervor und nahmen die Plätze im vorderen Bereich ein.

Links vom Publikum aus gesehen stand Elisabeth Schuen, in der Mitte ihre Schwester Marlene und rechts Maria Moling, für die auch ein kleines Drumset aufgebaut und zwei Gitarren platziert worden waren. Aus dem Off erklang eine männliche Stimme, die den Beginn der Geschichte erzählt, die sich wie ein roter Faden durch das Bühnenprogramm zieht. Dieser Erzähler würde im Verlauf des Abends noch öfter in Erscheinung treten. "an cunta che", ins Deutsche übersetzt "Man erzählt, dass…", heißt nicht nur die aktuelle CD sondern auch dieses Bühnenprogramm. Es geht um Ladinische Sagen und Legenden, die man sich in den Dolomiten schon seit Jahrhunderten erzählt, und die bis heute nichts von ihrer spannenden Magie verloren haben. In den Hauptrollen stehen u.a. ein Waisenkind, das sich in ein Murmeltier verwandeln kann und später Königin wird, habgierige Schatzsucher die in einem Berg gefangen sind, weil sie ihn seiner Schätze berauben wollten, Mondlicht spinnende Zwerge und ein junger Mann, der wegen seiner - wie er glaubt - nicht erwiderten Liebe zu einer Wassernixe den Regenbogen zerbricht, der daraufhin in einen See fällt und ihm seitdem die Farben gibt, die er hat.d 20170723 1801697942 Jede dieser vielen kleinen Geschichten werden von Elisabeth und Marlene Schuen vor jedem der vorgetragenen Lieder erzählt und auch ihre Bedeutung erklärt. Während man die Ladinischen Texte - wie schon erwähnt - nicht verstehen kann, so bekommt man die Inhalte über die in deutscher Sprache gemachten Ansagen der beiden Frauen bestens vermittelt. Man ist immer dabei, man weiß worüber gesungen wird und man kann mit diesem Wissen und geschlossenen Augen seinen eigenen Film im Kopf ablaufen lassen. Das funktioniert sogar bei einem Live-Konzert - man soll es kaum glauben. Ich habe beim Vortrag der Lieder aber auch auf den Gesang und die von den drei Frauen gespielten Instrumente geachtet.

Da wäre zum einen der Vortrag von Elisabeth Schuen, die als ausgebildete Opernsängerin ihre sicher hart erlernte Gesangskunst immer wieder einfließen ließ. Sangen die drei Frauen gerade noch zusammen, kam von der linken Bühnenseite plötzlich ein Arien-Gesang wie in der Oper. Das war beeindruckend und wer glaubt, Operngesang passe nicht mehr in die heutige Zeit, wird bei GANES eines Besseren belehrt. Ihre Schwester Marlene überzeugte indes ebenfalls mit einer tollen Stimme und ihrem Können an der Geige. Diesem Instrument entlockt sie nicht nur die erwarteten gestrichenen Töne, sondern sie ist obendrein in der Lage, damit "Special Effects" zu zaubern und das Arrangement einzelner Lieder so üppiger zu gestalten. Und wenn wir von großem Talent an irgendwelchen Instrumenten reden, kommen wir an Maria Moling gar nicht vorbei. Sie ist eher zierlich gebaut, eine hübsche Erscheinung mit ihrem lockigen Haar und eine echte Überraschung in Sachen Musizieren. Sie ist Multiinstrumentalistin, spielt neben Gitarren und Tasteninstrumenten auch noch das Schlagzeug bzw. die Perkussion, und ist immer in Bewegung. Allein dadurch zog sie völlig automatisch die Blicke auch derer auf sich, die nicht direkt vor ihr sitzen konnten.e 20170723 1306894015 Alle drei Frauen zauberten zudem einen unglaublich tollen Satzgesang in den Saal und scherten für einzelne solistische Beiträge immer wieder mal aus. Während die Frauen stets im Mittelpunkt des Vortrags standen, verrichtete Alex Trebo völlig unaufgeregt und auch unauffällig seinen Job als Pianist. Und diesen Job beherrscht er perfekt!

Ein GANES-Konzert ist z.B. nicht vergleichbar mit anderen Konzerten, z.B. dem BJH-Konzert aus der letzten Woche. Hier fließen so viele Dinge zusammen, die - wie ich weiter oben schon ausführte - eine Kategorisierung von Musik und Art des Vortrags unmöglich machen. Man hat immer wieder das Gefühl, von etwas unterhalten zu werden, das nicht von dieser Welt stammt. Mit Beginn des Konzerts taucht man in eine mystische Sagenwelt ein, sinkt in diesen See aus träumerischen Melodien und unglaublich schönen Gesängen und kann sich dagegen auch nicht wehren. Wenn ich es beschreiben muss, was ich gehört habe, würde ich sagen, dass die GANES-Musik Elemente der Musik von Enya, Björk und Humpe & Humpe beinhaltet, diese aber noch weiterentwickelt und auf eine andere Ebene setzt. Dazu kommen noch diverse andere musikalische Einflüsse, die die drei Frauen in ihrer Musik verbaut haben. Alle Songs und Texte stammen aus der eigenen Feder und auch die Arrangements werden von der schier grenzenlosen Phantasie der Damen mit Leben gefüllt. Das Konzert am Samstagabend war ein echtes Erlebnis, das ich dem Leser einfach nur ans Herz legen möchte. GANES spielen immer wieder mal in den verschiedensten Ecken des Landes und man sollte zusehen, ein Konzert der drei Wassernixen zu besuchen. "an cunta che" entführt und verführt, berauscht und lässt träumen ... das verspricht schon der Pressetext zum aktuellen Album. Und das ist keine Übertreibung. Wenn man den Saal am Ende verlässt, ist man selbst verzaubert ...

Auf dem Weg zurück ins Ruhrgebiet war der Himmel offen und von Regen keine Spur. Den Rest Sonne vom ausgehenden Tag konnte man am Horizont noch einfangen. Ich wiederhole mich gerne: Ich mag den Humor von Petrus im Sommer 2017!
 

Termine:
• 20.09.2017 - Leipzig - Werk 2
• 22.09.2017 - Eggenfelden - Schloss
• 23.09.2017 - Schweinfurt - SKF Halle 411
• 07.11.2017 - Freiburg - Jazzhaus
• 24.11.2017 - Burghausen - Bürgerhaus

Alle Angaben ohne Gewähr! Nähere Infos auf der bandeigenen Homepage.



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Ganes: www.ganes-music.com
• Homepage von BlankoMusik: www.blankomusik.de
• Homepage des Lippeverband in Hamm: www.sh-hamm.de







 

 

 

 


   
   
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