000 20170426 2023531594







"Geschichten & Lieder eines nicht
mehr existierenden Landes ..."


Treffen der Generationen
Da glaubt man als eifriger und jahrzehntelanger Konzertgänger tatsächlich, man hätte irgendwann alles schon mal gesehen, die Bands, die einem wichtig sind, alle schon live erlebt und es gibt eigentlich nichts mehr, was einen noch von den Socken hauen könnte. Und dann liest man plötzlich und mehr zufällig in facebook von einem Gig, den es so noch nie gegeben hat und wohl so schnell auch nicht mehr geben wird.f 20170426 1223097590 Ein Gig, der zwei Musiker völlig unterschiedlicher Epochen und Generationen auf einer Bühne vereint. Ein Gig, der sicher nicht für jedermann gedacht ist, der aber die Kenner der Szene mit der Zunge schnalzen lässt und neugierig macht. So ist es keinesfalls verwunderlich, dass trotz des für Konzerte eher ungünstigen Termins an einem Sonntagabend das kleine, intime "Zimmer 16" mitten im schönen Pankow fast aus den Nähten platzte und so voll war, wie ich es dort noch nicht erlebt habe. Schön für die Betreiber dieses Kleinodes, schön auch für die Musiker, die sich an dieses ungewöhnliche Experiment wagen.

Manuel Schmid und Michael Behm luden zu einem Abend unter dem Motto "Geschichten & Lieder eines nicht mehr existierenden Landes" ein. Beide sind den Musikfreunden unserer Breitengrade ein Begriff, beide stehen für ausgesprochen hochwertiges Handwerk. Zunächst überwiegen jedoch die Unterschiede: Der eine, Manuel, ist gerade mal 32 Jahre jung, während der andere, Michael, am 2. Weihnachtsfeiertag seinen 66. Geburtstag feiern wird. Da passt nicht viel zusammen, könnte man denken. Anderthalb Generationen Altersunterschied können aber nicht verhindern, dass beide dann doch etwas ganz Entscheidendes gemein haben: sie haben in ein und derselben Band gespielt bzw. tun es immer noch. Klar, wir reden hier von der Stern-Combo Meißen. Als der junge Manuel noch als Fan zuhause die Platten der Meißener Art-Rockkapelle aufgelegt hat, war Michael Behm bereits Schlagzeuger bei der Combo. Heute steht Manuel als Sänger und Keyboarder bei der SCM selbst in vorderster Front und prägt das Bild und die Musik der Band ganz entscheidend mit.

Als sich die beiden Musiker während einer musikalischen Lesung von Andreas Hähle über den Weg liefen, stellten sie fest, dass sie sich prima ergänzen. Zu den Songs aus DDR-Zeiten, die Manuel Schmid sang, wusste Micha Behm schier unendliche Geschichten zu erzählen. Und so reifte in ihnen der Gedanke, man könnte doch mal irgendwann ein gemeinsames Programm auf die Beine stellen.b 20170426 1948250040 Ein Programm mit der Musik des Landes, in dem sie geboren und aufgewachsen sind. Der eine nur kurz, der andere über fast vier Jahrzehnte. Dieses Land namens DDR gibt es nicht mehr, aber die dazugehörige Musik lebt in den Köpfen der Menschen weiter - und das ist auch gut so. Das Motto für den gemeinsamen Konzertabend war also gefunden. Irgendwann kam auch kurzfristig der passende Termin dazu, nämlich der 23. April 2017 und mit dem "Zimmer 16" hatte man außerdem eine kleine, aber feine und überaus passende Location gebucht. Nur eins hatte man nicht getan: den Auftritt vorher geprobt, geschweige denn eine Setlist festgelegt. Es war also sowohl für die beiden Musiker als auch für das Publikum spannend, wie die geplanten zwei Stunden ablaufen würden.

Ausflug in längst vergangene Zeiten
Ich war wirklich neugierig, wie Manuel und Micha die Sache aufziehen würden. Bevor es losging, plauderten die beiden unentwegt mit dem einen oder anderen Zuschauer, den sie persönlich kannten oder eben auch nicht kannten. Völlig egal, der kleine Saal schien eine große Familie zu sein. Und dann war es auch schon 20:00 Uhr, Micha Behm betrat zunächst allein die Bühne. Er kündigte an, dass im Folgenden Songs aus einer Zeit zu hören sein werden, die heute nicht mehr oder kaum noch stattfinden. Und er drückte seine Freude darüber aus, dass sich mit Manuel auch jemand aus der jüngeren Generation gefunden hat, der das mitträgt und unterstützt.

Micha Behm ist ein Haudegen, der in der halben DDR-Szene mitgespielt hat und somit über einen unglaublichen Erfahrungsschatz verfügt. In groben Zügen ließ er seine Laufbahn Revue passieren, erzählte von seinen Auftritten in Klubs der DDR-Volkssolidarität und den ersten zwei Ostmark, die er von einer Oma als Dankeschön zugesteckt bekam.c 20170426 1221298852 Aber auch von seiner Lehre als Büromaschinenmechaniker, denn er wollte für alle Fälle "etwas Ordentliches" lernen. Über die unvermeidliche Armeezeit und die Stationen Transit, Neue Generation und Holger Biege fand Behm nach etwa 15 Minuten (endlich) die Überleitung zum ersten Song des Abends, dem phantastischen "Sagte mal ein großer Dichter", gleich gefolgt von einem weiteren Biege-Titel, nämlich "Deine Liebe und mein Lied". Manuel Schmid, der sich zwischenzeitlich an seinen Arbeitsplatz begeben hatte, bewies sofort und ohne Aufwärmzeit seine Fähigkeit, sich in solche filigranen Lieder hineinzuversetzen und diese mit ganz viel Feingefühl zu präsentieren. Große Klasse!

Ja, es war schon ein interessantes Klangbild. Über Manuels exzellente Fähigkeiten an den Tasten braucht man ja keine Worte mehr zu verlieren. Im Zusammenspiel mit Micha Behms variantenreichem Schlagzeugspiel, das immer wieder dessen Vorliebe für jazzige Klänge durchblicken ließ, erzeugten die beiden ein angenehmes und delikates Soundkostüm. Die Einsätze passten trotz fehlender Probe nahtlos zueinander, notfalls genügte ein kurzer Blickkontakt. Da waren halt Profis am Werk.

Immer wieder würzte Micha Behm die gespielten Lieder mit dazugehörigen Geschichten, die man in dieser Form sicher noch nicht gehört hatte. Musikalisch arbeitete man sich unterdessen über Veronika Fischer ("Zu groß der Hut") zu Franz Bartzsch und 4 PS ("Nachtigall") vor, ehe mit dem Bartzsch/Demmler-Song "Niemals mehr" auf anrührende Weise der Bogen zu LIFT geschlagen wurde. Das Lied erinnerte an die 1978 bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Henry Pacholski und Gerhard Zachar. Gänsehaut pur, nicht zuletzt dank Manuels gesanglicher Leistung.d 20170426 1631561548 Wenn man schon mal LIFT am Wickel hatte, durften natürlich deren zeitlose Werke "Nach Süden" und "Am Abend mancher Tage" nicht fehlen. Die beiden Kerle hatten sich inzwischen richtig schön warm gespielt, weshalb gerade diese beiden LIFT-Nummern zu herausragenden Momenten des Abends wurden und mit entsprechend viel Jubel und Applaus bedacht wurden.

Pause. Aber wirklich nur für zwei Zigarettenlängen, denn den beiden Künstlern saß die Uhr im Nacken. Um 22:00 Uhr sollte aus Gründen des Anwohnerschutzes der letzte Ton verklungen sein. Und so beeilte sich Micha Behm, die zweite Runde mit einem coolen Schlagzeugsolo einzuläuten. Dem wollte Manuel nicht nachstehen und gab nun seinerseits zwei eigene Nummern solo auf dem E-Piano zu Gehör. Es ist schon beeindruckend, wie dieser Junge sich seit seinem Einstieg bei der Stern Combo weiterentwickelt hat.

Apropos Stern-Combo. Ihr gehörte der letzte Teil dieses wunderbaren kleinen Wohnzimmerkonzertes. Natürlich immer wieder begleitet von Stories aus Micha Behms Erinnerungskiste, beispielsweise über die vielen Streiche, die der unvergessene Reinhard Fißler zu Lebzeiten ausgeheckt hat. Warum hat Behm eigentlich noch kein Buch geschrieben?

"Schnee und Erde", die Bicking-Nummer, ist immer wieder ein Genuss, ebenso wie "Der eine und der andere", dessen Gesangsparts sich Manuel und Micha teilen. Und dann wird mit Schrecken klar, dass die zwei Stunden leider schon fast um sind. Clevererweise haben die beiden sich natürlich noch fünf Schlussminuten für eine Zugabe aufgehoben, die sie überraschenderweise mit dem für mich fast vergessenen Song "Die Erde schweigt" füllen. Das war 1980 mal die B-Seite der "Also was soll aus mir werden"-Single. Ein starkes Stück Musik, bei dem beide noch einmal zur Hochform auflaufen und diesem Abend einen überaus würdigen Ausklang bereiten.

e 20170426 2081534063Was soll ich sagen? Meine Vorfreude war berechtigt, es waren tolle 120 Minuten. Da haben sich zwei gefunden, die an diesem Sonntagabend ihre Liebe zur "Musik eines nicht mehr existierenden Landes" in großartiger Manier ausgelebt haben. Klar, die ausgewählten Nummern waren teilweise schon sehr speziell und weitab von Hitparadenplatzierungen angesiedelt. Aber genau das machte für mich den Reiz des Abends aus. Die instrumentale Reduzierung auf Klavier mit dezenter Schlagzeuguntermalung hob manches textliche Detail heraus, was man sonst vielleicht überhört und klaglos hinnimmt, das war schon prima. Vor allem erstaunte mich immer wieder, wie sehr sich ein Manuel Schmid, der ja nun wirklich nicht dieser Zeit entsprungen ist, viele Songs dieser Epoche zu eigen gemacht hat und mit der für ihn typischen Hingabe interpretierte. Aber auch Micha Behm stellte seine Qualitäten und seine Vielseitigkeit hinreichend unter Beweis. Schön, dass die gemeinsame Schnittstelle Stern-Combo Meißen nicht zu kurz kam und dieses grandiose Konzert sachgerecht abrundete. Der einzige Makel war die viel zu schnell verflogene Zeit. Zumal durch die vielen Geschichten, die Micha Behm zu erzählen wusste, leider und zwangsläufig die Musik etwas zu kurz kam und am Ende gerade mal zwölf Songs in den zwei Stunden zu Gehör gebracht wurden. Auf jeden Fall, da waren sich alle einig, die im "Zimmer 16" zu Gast waren, sollten Manuel Schmid und Micha Behm die ursprüngliche Idee, dieses Konzert als etwas Einmaliges zu deklarieren, noch einmal überdenken und vielleicht wirklich an einer Fortsetzung arbeiten. Solche Farbtupfer, noch dazu in dieser Qualität, findet man heutzutage nicht allzu oft. Also gerne mehr davon!



a 20170426 1858937876Manuel Schmid live ...

• 07.05.2017 - Berlin - Schliwas weinkulturhaus (solo-konzert)
• 13.05.2017 - Zwickau - Friedenskirche (mit colours of soul)
• 17.05.2017 - Lischow - Konzert für Holger Biege
• 02.06.2017 - Pirna - Musikklub Q24 (solo-konzert)
• 10.06.2017 - Wehlen - Hofwiesenfest (solo-konzert)
• 12.06.2017 - Stünzhain - Kirche (mit colours of soul)
• 16.06.2017 - Reichenbach - Bergkeller
• 17.06.2017 - Stolpen - Gartenbahnstüb'l (solo-konzert)
• 23.06.2017 - Altenburg - Hofgärtnerei (solo-konzert)

Alle Angaben ohne Gewähr. Weitere Termine und Infos auf Manuels Homepage


Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Manuel Schmid: www.manuel-schmid.com
• Off. Homepage von Michael Behm: www.michael-behm-drums.de
• Homepage des Zimmer 16 in Berlin: www.zimmer-16.de




 
 
 
 
 
 




   
   
© Deutsche Mugge (2007 - 2017)