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Ein Konzertbericht mit Fotos von Reinhard Baer + Pressefotos (Textillustration)



plakVor einer Woche noch hatte Dagmar Tabbert, die Chefin des "Neu-Helgoland" in Berlin noch Bedenken hinsichtlich der Veranstaltung, die für den letzten Sonnabend geplant war. Es waren nur etwa hundert Eintrittskarten im Vorverkauf geordert worden und sie hatte Ängste, dass die Künstler vor einem halbvollen Saal spielen müssen. Als ich dann aber Samstag in Müggelheim ankam, standen doch etliche Autos auf dem Parkplatz und der Saal war voller Leute. Also vor einem halbvollen, oder meinetwegen auch halbleeren Saal musste hier keiner spielen.

Gegen 20:00 Uhr kamen Simone Kotowski & Friends (ab sofort unter dem Namen Simone K. & Band unterwegs) auf die Bühne und ein etwas längerer Abend nahm seinen Lauf. Simone Kotowski setzte sich an ihr digitales Piano und begann sich selbst begleitend mit dem Titel "When I Fall In Love". Musikalisch unterstützt wurde sie bei ihrem Auftritt von Michael Joch am Cajon und Michael Schiemann an der Bassgitarre.a 20170324 1716381668 Beim zweiten Titel kam noch ein weiterer Musiker dazu. Der Trompeter Ferry Grott stand von nun an mit auf der Bühne und ließ aus dem Trio ein Quartett werden. Die vier Musiker spielten und Simone sang Titel verschiedener Musiker und Genres. Zu nennen wären hier z.B. ERIC CLAPTON ("Change The World"), THE BEATLES ("Lady Madonna"), 10 CC ("I'm Not In Love"), ein Samba-Medley und TIM BENZKOs "Nur noch schnell die Welt retten". Den auf einer Maxi-CD veröffentlichten Titel "Mitternachtsengel", produziert von Ferry Grott in seinem Studio, gab es auch zu hören. Schließlich war Simone Kotowski mit ihrem Programm am Ende angelangt. Sie verabschiedete sich aber noch nicht, denn sie komme nochmal wieder, wie sie das Publikum wissen ließ.

Der nächste Künstler konnte kommen, und kurz darauf stand er auch auf der Bühne. Hans Wintoch, oder besser bekannt als HANS DIE GEIGE. Hans spielte im Laufe seiner Karriere als Musiker bereits in zahlreichen Bands. Das Geigenspielen hat er von der Pike auf gelernt, wie er auch in dem hier vor einiger Zeit veröffentlichten Interview selbst erzählte, und letztlich an der Musikhochschule Franz Liszt in Weimar studiert. Als HANS DIE GEIGE ist er seit vielen Jahren nun solistisch unterwegs. Eine Begleitband braucht er dabei nicht, denn die ihn an der Geige begleitende Musik kommt bei seinen Auftritten aus der Konserve, ist aber von ihm selbst im Studio eingespielt worden. Zu seinem Programm gehören sowohl klassische Stücke, als auch Rock- und Popmusik. Dazwischen plaudert Hans gerne etwas, und mit seiner rauen Stimme singt er auch selbst. Gerne spielt er bei seinen Auftritten auch ein klassisches Stück, welches er bei der Prüfung an der Musikhochschule an einer Stelle verpatzte, und er sich ob des Verspielers schon als Fliesenleger arbeiten sah. Das war neben dem Profimusiker sein zweiter Berufswunsch.b 20170324 1814479988 Er bestand die Prüfung aber trotz Patzers, und seitdem spielt er die Stelle auch richtig. Auch ein Stück irischer Folk-Musik hörten wir noch an diesem Abend. Dabei bewegte sich Hans rückwärts in Richtung Bühnenausgang, und damit war auch sein Part zu Ende. Auch HANS DIE GEIGE kam später nochmal wieder, aber vorher wurde auf der Bühne kurz etwas umgebaut. Jetzt waren schließlich die SPUTNIKS an der Reihe, und die brachten etwas mehr Instrumentarium mit.

Sicherlich wird der eine oder andere, der in den sechziger Jahren oder später geboren ist, mit dem Namen SPUTNIKS wenig anzufangen wissen, außer dass die ersten sowjetischen Weltraumsatelliten den Namen Sputnik trugen. Als Anfang der sechziger Jahre die Beatmusik aus der westlichen Welt auch in den Osten überschwappte, gründeten sich auch in der DDR Gitarrengruppen und versuchten, den Idolen aus England und anderswo nachzueifern. Im Jahre 1963 gründeten vier junge Musiker in Berlin eine Band, die sie irgendwann die SPUTNIKS nannten. Die SPUTNIKS spielten in der Hauptsache Stücke im Stil von THE SHADOWS in der Besetzung mit Leadgitarre, Rhythmusgitarre, Bass und Schlagzeug. Einige ihrer Stücke waren sogar nachgespielte SHADOWS-Melodien. Darüber hinaus gab es aber auch Eigenkompositionen und im damaligen sog. Twistkeller, dem Kreiskulturhaus Treptow, zeichnete die Plattenfirma Amiga einige ihrer Lieder auf. Die SPUTNIKS begleiteten auch einige Schlagersänger der DDR im Studio, z.B. Ruth Brandin ("Mich hat noch keiner beim Twist geküsst") oder Perikles Fotopoulos ("Leila"). Im Jahre 1966 lösten sich die SPUTNIKS wieder auf. Der damalige Schlagzeuger der Band Henry Kotowski war dann Schlagzeuger und Sänger bei mehreren Bands bzw. Projekten und ging 1984 in den Westen. 1994 kehrte er wieder in den Osten zurück und es kam zu einer Neugründung der SPUTNIKS.

Heute spielt die Band in der Besetzung Henry "Cott'n" Kotowski (Gitarre, Mundharmonika, Gesang) als einziges Gründungsmitglied der Band, Michael Lehrmann (Gitarre), Frank Schultze (Bass) und - neu in der Band - Andi Schlecker (Schlagzeug). Etwa eine Stunde versetzten uns die vier Musiker in die Zeit der sechziger Jahre. Titel wie "Gitarrentwist", "Sputnik-Thema" oder "Etage 8" sind Songs, an die ich mich noch gut erinnere. Am "Gitarrentwist" habe ich mich auch selbst auf der Gitarre versucht und habe hinterher probiert - nachdem ich wieder zu Hause war - ob ich es noch hinkriege. Naja, es ging noch. Ob die SPUTNIKS in ihrer Anfangszeit auch gesungen haben, ist mir nicht bekannt.c 20170324 1628553482 Zumindest in den Medien und auf Tonträgern war dies nicht der Fall. Hier im "Neu-Helgoland" sang Cott'n auch, und er spielte Mundharmonika. Es klang irre, als die Mikrofone auf Hall gestellt wurden und man "Spiel mir das Lied vom Tod" spielte. Auch "Peter Gun Theme" auf der Gitarre und dann auf der Mundharmonika klang ganz toll.

Nachdem die SPUTNIKS ihren letzten Titel gespielt hatten, war aber noch längst nicht Schluss. Jetzt sang Cott'n zusammen mit seiner Tochter Simone, was sie übrigens auch auf der CD anlässlich des 50-jährigen Bestehens der SPUTNIKS tun. Danach kam auch HANS DIE GEIGE wieder auf die Bühne und es wurde noch eine Weile gemeinsam musiziert. Michael Lehrmann wechselte kurz auf die Akustikgitarre und HANS nahm die Geige ans Kinn. Simone sang nun "Dust In The Wind" von KANSAS. Auch HANS bewies nochmal, dass er Stimme hat, als er zusammen mit Simone von JOE COCKER & JENNIFER WARNES "Üp Where We Belong" präsentierten. HANS gab mit "Unchain My Heart" noch einen oben drauf. Es kamen noch einige Titel dazu, so dass das Publikum richtig viel geboten bekam. Als dann tatsächlich Schluss war, verbeugten sich die Künstler und ernteten für die vergangenen Stunden und ihre Leistung ordentlich viel Beifall. Ein langer Abend nahm sein Ende, und es war immerhin schon 23:45 Uhr als ich in mein Auto stieg und Richtung Heimat abdampfte.




Fotostrecke:
 


Simone Kotowski & Friends
 
 
 
 


Hans die Geige
 
 
 
 


Die Sputniks
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

   
   
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