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Ein Bericht von Franzi Münch mit Fotos von Bodo Kubatzki



Der 6. Februar ist der Geburtstag von Reinhard "Reini" Fißler, dem legendären Sänger der STERN-COMBO MEISSEN. Nur eine Woche nach seinem 67. Geburtstag verstarb Reini im vergangenen Jahr nach jahrelangem Kampf gegen die heimtückische Krankheit ALS. Zwei Monate später fand im Restaurant Neu-Helgoland am Berliner Müggelsee ein Gedenkkonzert statt, mit dem Freunde, Musikerkollegen, Familienangehörige und Fans Reinhard Anerkennung und Ehre erweisen wollten.a 20170220 1350649225 Da die Veranstaltung sehr viel positive Resonanz fand, entschlossen sich die Veranstalter, solch ein Gedenkkonzert in diesem Jahr zu wiederholen und künftig zur Tradition werden zu lassen. Am 16. Februar 2017 startete somit die zweite Geburtstagsfeier zur Erinnerung an Reinhard Fißler im Neu-Helgoland. Rückblickend kann ich sagen: Auch dieser Abend konnte mit einem tollen Programm aufwarten, an dem Reini seine Freude gehabt hätte. Mit heiter inspirierter Musizierlust und berührender emotionaler Tiefe gestalteten die beteiligten Künstler diesen wundervollen Abend.

Punkt 20:00 Uhr startete das Programm mit Video-Einspielungen. Reini zuhause in seinem Krankenbett, die Bemühungen seiner Pfleger und Betreuer, ihn mit diesem Bett zu bewegen, aber auch ein gemeinsamer Auftritt mit dem australischen Gitarristen und Songwriter TOMMY EMMANUEL auf dem Köpenicker Marktplatz im Jahre 2011, wo sie gemeinsam "Georgia on my Mind" sangen, Reini dabei ans Bett gefesselt. Bewegende Aufnahmen, die leider ständig durch technische Störungen unterbrochen wurden. Moderator Andreas Hähle eröffnete die Veranstaltung und machte gleich noch mal deutlich, was die Botschaft der leider nicht störungsfrei laufenden Videos sein sollte, nämlich, dass Reini durch seine Erkrankung erkannt hatte, dass er der Anlass für Treffen von Menschen war, die sich vielleicht lange nicht gesehen hatten, aber gern miteinander sprechen und musizieren wollten. Dies erschien ihm wichtiger, als selbst im Mittelpunkt zu stehen. Das sollte dann auch das Motto des Abends sein.

Mit seiner charmanten und sympathischen Art begrüßte Andreas Hähle den anwesenden HOLGER BIEGE, der durch seine Erkrankung ebenfalls ans Bett gefesselt ist, und seine Frau Cordelia. Alle im Saal standen auf, um Holger die Ehre zu erweisen. Hähle gab noch einen Hinweis auf ein geplantes Benefiz-Konzert für HOLGER BIEGE am 17. Mai dieses Jahres.b 20170220 2099727933 Dann übergab Hähle das Mikro an die Gruppe TIMMI & BAND - mit Sängerin Andrea Timm, Gitarrist Axel Stammberger, Reinis musikalischem Weggefährten Michael Behm am Schlagzeug und einem meiner absoluten Lieblinge aus der deutschen Musikszene am Bass, Marcus Schloussen, der sonst bei RENFT die Saiten zupft. TIMMI & BAND boten Lieder mit deutschen Texten, angesiedelt im Singer/Songwriter Bereich mit Country-Elementen versehen. Die stimmungsvollen Geschichten handelten von Liebe, Nähe, Distanz, Einsamkeit, Zweisamkeit, Glück und Schicksalsschlägen. Bemerkenswert dabei war die Stimmfarbe der Sängerin, die sehr gut zum Stil der Musik passte.

Als Nächstes wurde das Duo STEINLANDPIRATEN begrüßt. Dahinter verbargen sich Sängerin Patricia Heidrich und Gitarrist Karsten Schützler, die sonst bei der Berliner Band UNBEKANNT VERZOGEN musizieren. Die beiden begeisterten mit dem Gundermann-Song "Sag wolltest du nicht noch", "Marias Lied" aus dem Musical Linie 1 und dem mit deutschen Text versehenen "Whisky in the Jar" von der Band THIN LIZZY, der nun "Hände-weg-Lied" heißt. Sängerin Patti, die in den sozialen Medien erstaunlich offen mit ihrer Krebserkrankung umgeht, sorgte mit ihrer sympathischen, berlinerisch-frechen Art und ihrer Stimme mit rauchig-erotischer Färbung für absolute Begeisterung im Publikum.

Als nächstes betrat Reinis jüngste Tochter MARLENE die Bühne und bewies mit ihren zwei wunderschönen Stücken am Klavier, dass "der Apfel nicht weit vom Stamm fällt". Die 13-jährige sorgte mit ihrem mutigen Auftritt vor so einem großen Publikum für respektvollen Beifall.c 20170220 1798532660 Andreas Hähle entlockte MARLENE in einem kurzen Gespräch, dass sie zusätzlich zum Klavier, Akkordeon und zur Geige nun auch noch das Gitarre spielen erlernen würde. So wurde kurzerhand mit Axel Stammberger vereinbart, dass er sich als Lehrer zur Verfügung stellen wird.

Andreas Hähle hätte nicht zu erwähnen brauchen, dass sich viele Fans der STERN-COMBO im Saal befinden. Mit der Ankündigung, dass er für das nächste Album der Band schon einige Texte geschrieben hätte, die gerade von den nächsten Künstlern vertont würden, sorgte er für interessiertes Gemurmel im Saal. Gemeint waren natürlich MANUEL SCHMID, der aktuelle Sänger der STERN-COMBO, und ihr Ex-Keyboarder MAREK ARNOLD. Beide Musiker bescherten die nächsten emotionalen Höhepunkte an diesem Abend. Die bemerkenswerte Klarheit, mit der die Altenburger Frohnatur MANUEL SCHMID sang, beeindruckte mich wie immer. Die brillanten Klänge von MAREKs Sopransaxophon fügten den Songs eine interessante Klangfarbe hinzu. Das Lied "Worte sind wie Bilder" von Manuels zweitem Soloalbum gewann dadurch unbeschreiblich an Leichtigkeit. Auch KARATs "Albatros" klang einzigartig. MAREKs Spielweise zieht einen wie Magie in den Bann. Es scheint, als ob ihn ein besonderer Spirit ummantelt, ein unerklärlicher Schleier, der Menschen zu verzaubern vermag. Erfreulich, dass MAREK an diesem Abend auch bei anderen Künstlern noch zu hören war.

Völlig unerwartet gesellte sich zum dritten Song LIFT-Frontmann WERTHER LOHSE mit auf die Bühne. Der Titel "Nach Süden" geriet zum erstklassigen Duett zwischen Werther und Manuel. Mareks Sopransaxophon setzte dem Lied ein i-Tüpfelchen auf. Während Manuel und Marek das Keyboard in eine andere Position brachten, sang Werther die LIFT-Ballade "Sommernacht" a cappella. "Das Ende vom Lied", ebenfalls von Manuels Soloalbum, bildete den Abschluss des kurzen Auftritts der genannten Künstler. Als nächsten musikalischen Act konnte man das Duo LIAISONG, bestehend aus Sängerin DUNJA AVERDUNG und Gitarrist JÖRG NASSLER, auf der Bühne willkommen heißen. Deren deutschsprachige Songs boten eine explosive Mixtur aus Gefühl, Rhythmus, Leidenschaft und Lebensfreude. Auch eine Uraufführung,d 20170220 1600975445 die als Reaktion auf den Terroranschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt im Dezember des vergangenen Jahres entstanden ist, wurde zu Gehör gebracht: "Was willst du in Absterbistan?". Der Auftritt wirkte sehr authentisch und wurde mit einer Lebendigkeit vorgetragen, die Herzen und Seelen zu berühren vermag.

THOMAS PUTENSEN betrat die Bühne mit den Worten: "Lieber Reini, lieber Holger ...", und machte deutlich, dass es auch ihm an diesem Abend um das Zusammensein geht, und darum, gemeinsam Freude an der Musik zu erleben. Wie man es von Putensen kennt, steckte auch an diesem Abend viel Improvisation in seinem Programm. Zum Einspielen gab es des Song "Augenblick", zu dem er Thomas Lexa am Bass auf die Bühne bat sowie Marek Arnold am Saxophon. Alles war nicht geprobt, da wurde spontan musiziert, was äußerst authentisch wirkte. Holger Biege zu Ehren interpretierte Putensen "Will alles wagen". Musik von MANFRED KRUG durfte bei "Pute" natürlich auch nicht fehlen.

Die Erfurter Sängerin TINA ROGERS, die Frau mit der schwarzen Stimme, gesellte sich hinzu. "Sunshine of my Life" von STEVIE WONDER sorgte für Mitschwing-Feeling. Tina Rogers, Pute und sein Schlagzeuger CHRISTOPH KECK sangen anschließend die bekannte PEGGY LEE-Nummer "Fever", und entfachten mit ihrer leidenschaftlichen Interpretation ein Fieber unter den Zuhörern. Den Sängerinnen und Sängern gelang es, die ganze Palette menschlicher Empfindungen in Worte und Musik zu kleiden.e 20170220 1345141402 Es folgten die Biege-Songs. In unterschiedlichen Besetzungen wurden "Sagte mal ein Dichter" und "Reichtum der Welt" interpretiert. Es entstanden Momente, die unter die Haut gingen. Die Besetzungen wechselten, SIMONE KOTOWSKI, TINA POWILEIT, AXEL STAMMBERGER ... Die Musik wurde auch vielschichtiger. "Der Blues von der letzten Gelegenheit", "Ich will nur noch die Welt retten", .. bis hin zum Mainstream.

Richtig emotional wurde es, als Reinis Tochter VIVIEN MAURER die Bühne betrat und von Marek am Saxophon begleitet wurde. Den CHARLIE WINSTON Song "Calling me" hatte sich die junge zierliche Frau ganz bewusst ausgesucht, weil er einen ganz besonderen Bezug zu ihrem Vater hat. Dass ihr bei dem Lied die Tränen kamen, zeigte sehr bewegend, wie groß der Verlust des Vaters für sie sein muss. Mit ihrer einzigartigen und tief berührenden Stimme sang sie gemeinsam mit Manuel Schmid den Beatles-Titel "Blackbird", zusätzlich begleitet von Jörg Nassler an der Gitarre. Das entfaltete eine enorme emotionale Wirkung auf mich. An diesem besonderen Abend war auch ich oft den Tränen nahe. Meine Seele erfuhr eine Reizüberflutung. Emotionen zwischen Trauer und Euphorie bewirkten, dass ich mich oft emotional nackt fühlte und nach Fassung ringen musste.

Dafür, dass ich gefühlsmäßig wieder etwas runterkam, sorgten Schlagzeuger MICHAEL BEHM und Bassist LEXA THOMAS mit jazzorientierten experimentellen Klängen. Mit dahingehauchten Textpassagen aus Songs der STERN-COMBO, stellte Micha Behm den Bezug zu Reinhard Fißler her. Ansonsten basierte der Vortrag rein auf Improvisationen.

f 20170220 1091455941Abschließend wurde es rockig. FRANK MÜLLER & GRAUE ROCKER spielten ein paar härtere Klassiker von CREAM, ZZ TOP oder ERIC CLAPTON. Mich begeisterte vor allem der 16-jährige Drummer. Durch seine Virtuosität bildete er zusammen mit dem Bass und den Gitarren die wohl rockigste Rhythmusgruppe des Abends.

Zum Finale fanden sich dann alle Beteiligten auf der Bühne ein, um gemeinsam den Reinhard Fißler Song "Diese Welt" zu interpretieren. Ein würdiger Abschluss eines Konzerts mit einer Riege hochkarätiger Musiker, die für einen sehr stimmungsvollen Abend gesorgt haben. Ich denke, Reini hätte sich darüber sehr gefreut.

Für mich gab es an diesem Abend immer wieder Momente, an denen ich hätte aufspringen wollen, um meine Freunde zu umarmen, die Zeit anzuhalten und aufs Leben anzustoßen. Der Abend war für mich eine emotionale Achterbahn, die mich letztlich jedoch wieder heil abgeliefert hat in meinem Leben, das durch die Musik von Reinhard Fißler und die Menschen, die ich durch ihn kennenlernen durfte, bereichert wird. In meinem Herzen lebt Reinhard Fißler weiter!






 
 
 
 
 




   
   
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