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Ein Bericht mit Fotos von Christian Reder



Samstagabend, einen Tag vor dem kalendarischen Herbstanfang, wir sind mitten im Herzen des Ruhrgebiets. Das Wetter hat sich bereits auf den Modus umgestellt, der von ihm für die folgenden Tage und Wochen auch erwartet wird. Entweder man bleibt daheim vor dem TV, ist zur Zeit "auf Schalke" und wohnt der nächsten Klatschea 20180923 1880228317 für die "04er" in der Bundesliga bei oder man hört sich etwas über die Bergpredigt in einer der zahlreichen Kirchen in der Umgebung an. Aber es gibt noch eine weitere Alternative, z.B. die "Haldenpredigt" von Willy Thomczyk, der für diesen Samstagabend zu einem besinnlichen Abend mit Liedern und Texten aus seiner Feder in die Flottmann Hallen in Herne eingeladen hat.

Willi Thomczyk ist ein Ruhrpott-Original wie Jürgen von Manger, Tana Schanzara oder Erwin Weiß. Man kennt und mag ihn hier. Deutschlandweit bekannt wurde er u.a. in der Rolle des Benno Ewermann in der TV-Serie "Die Camper" und als Darsteller in diversen Tatort-Folgen und Filmen wie "Bang Boom Bang", "Knockin' On Heaven's Door" oder "Was nicht passt wird passend gemacht". Was viele vielleicht nicht wissen ist, dass Willi auch Musiker ist und mit eigenen Bühnenprogrammen unterwegs ist. Ich bekomme schon länger seinen Newsletter und immer wieder auch Einladungen zu eben erwähnten Programmen, die er hier im Umkreis auf die Bühnen bringt. Bisher hat es irgendwie nie hingehauen, eins davon zu besuchen. Immer war was anderes ... Aber jetzt passte es. Der 22. September hatte eine unbeschriebene Seite in meinem Kalender, die nach Willis letztem Newsletter ihre Jungfräulichkeit verlor und danach mit diesem Termin versehen war. Zusammen mit seinem Bühnenpartner Norbert Müller an der Gitarre sollte es einen "besinnlichen Abend" geben, an dem Thomczyk sich bei uns "für nichts" bedanken und uns mit auf eine "Tour durch das All(+es) und Nichts" nehmen wollte. Ich war gespannt ...

Mit der Frage, "Warum sind wir hier?", eröffnete Willi Thomczyk pünktlich um 20:00 Uhr sein Programm. Warum ich in die Flottmann Hallen nach Herne gekommen war, hätte ich ihm sofort sagen können, aber die Frage war anders gemeint. Vielmehr ging es Willi darum zu ergründen, warum wir alle auf der Welt sind, was unsere Aufgabe hier ist und was der Sinn des Ganzen sein könnte. Wir kämen aus dem Nichts und gingen schließlich früher oder später auch ins Nichts zurück, war die erste unwiderlegbare Feststellung. An dieser Stelle hatte das Publikum im 4/4-Takt die Zeilen, "Aus Nichts wird Alles, und aus Alles wird Nichts", aufzusagen und das wurde mit dem Gastgeber fleißig geprobt. Zack - schon war das Publikum eingebunden und Bestandteil des Programms. Weil die beiden Zeilen aber zu lang und sperrig waren,b 20180923 1282826893 schrumpfte der sprecherische Anteil des Publikums im restlichen Programm auf das Wort "Nichts" zusammen, das bei Handzeichen des monologisierenden und später auch singenden Willi Thomczyk in den Saal zu rufen war. Funktionierte übrigens bestens. Und am Ende des ersten langen Wortbeitrags darüber, wo wir alle herkommen, verließ der Künstler das Rednerpult, setzte sich ans Klavier und begann ein erstes Lied zu singen: "Willkommen im Leben".

Allein diesen ersten Block zu erfassen war gar nicht so einfach. Willi Thomczyk ist nicht gerade das, was man einen "entspannten" Redner nennt. Er spricht schnell und hüpft dabei auch gern in seinen Gedankengängen hin und her. All sein schauspielerisches Talent legte er in seinen Vortrag hinein, auf das es ebenfalls zu achten galt. Mal hob und mal senkte er dabei seine Stimme. Meist immer dann, wenn es dramaturgisch gerade von Nöten war - oder wenn er meinte, das Publikum müsse aufgerüttelt werden. Wecken musste er es jedenfalls nicht, es hing an seinen Lippen und lauschte aufmerksam dem, was er da zu sagen hatte.

Dem ersten Lied folgte ein weiterer Monolog über die Digitalisierung unseres Lebens und der neuen Gottheit "Smartphone". Dazu passend stand rechts eine Statue, die ein Smartphone hochhaltendes Kind zeigte. Diese war wohl symbolisch für eben diese innerliche Aufgabe von uns selbst und das blinde Vertrauen in diese Geräte ("Heil Apfel"). Thomczyk verwendete die von ihm selbst geschaffene Wort-Kreation "digitale Krümmung" für das, was wir gerade alle live und in Farbe erleben. Es ist der Übergang von einer Selbstständigkeit in eine digitale Abhängigkeit. Dieses generationenübergreifende Phänomen, nichts mehr ohne Internet und Smartphone erledigen zu können und diesen Fortschritt komplett und kritiklos ins Leben einzubinden. Passend dazu hat der Künstler auch einen Song im Gepäck, den er wieder am Klavier sitzend zum Vortrag brachte: "Lied für mein iPhone".

Danach nahm er uns mit zu einem Elternabend in die Schule, wo der Klassenausflug seines Sohnes nach Griechenland besprochen wurde. Dort schlug er vor, dass die Smartphones für diese Klassenfahrt doch zu Hause gelassen werden sollten in der Hoffnung, die Kids könnten hinterher selbst etwas über das Erlebte erzählen und dies nicht irgendwelchen Handy-Fotos überlassen. Das Ergebnis sei ein regelrechter Shitstorm der anderen Eltern gewesen, den er für diesen obsoleten Vorschlag erntete. Ansinnen als anachronistisch lautstark abgelehnt. "Fortschritt schreibt sich mit F wie Ficken - nicht mit V wie Vögeln", stellte der Künstler in diesem Zusammenhang noch klar und machte seinem Unmut über den Werbeslogan, "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte" Luft. Dank der Digitalisierung erlebt man zwar nichts mehr, ist aber trotzdem überall dabei. Aber die Rettung sei nahe, konnte Thomczyk uns Mut machend mitteilen. Die Rettung sei der Feminismus. Gefolgt von einer Aufzählung all der "ismusse", die es so gibt ließen Thomczyk und Müller das Lied "RideFlyCry Sally" folgen, das der Künstler der Femen-Gründerin Oksana Schatschko widmete, die am 23. Juli 2018 in Paris nach einem Suizid tot aufgefunden wurde.

c 20180923 2057999230Nun war es Zeit in die Vergangenheit zu reisen und zu schauen, wie das in der Jugend denn so war und wie schwer es war, ohne all diese Digitalisierung überleben zu können. Er berichtete von der Revolution, die in den 60ern von der Jugend ausging und zu einer weltweiten Bewegung wurde. Er zitierte Textzeilen von Ton Steine Scherben ("Macht kaputt was Euch kaputt macht") und der Gruppe Fehlfarben ("Geschichte wird gemacht, es geht voran"), und verlor sich im Laufe seines Vortrags in den nächsten Wutausbruch, für den er sich dann mit den Worten, "Lieber Kotzen als die ganze Scheiße fressen", beim Publikum entschuldigte. Es folgte quasi als Einstieg in die Revolte das Stück "Working Class Hero", im Original von John Lennon und der Plastic Ono Band, die in den Herner Flottmann Hallen am Samstagabend aus Willi Thomczyk und seinem eben schon erwähnten Bühnenpartner Norbert Müller (der Django Reinhard des Ruhrgebiets) an der Gitarre bestand.

Über einen Traum von Menschen auf einem Marktplatz und einer nichtssagenden Bewegung über ein weiteres Lied, "Was ist das nur für ein Leben", bei dem Fotos und bewegte Bilder von spielenden Kindern in Zechensiedlungen des Ruhrgebiets der 60er und 70er auf die Leinwand im Bühnenhintergrund geworfen wurden, näherte sich Willi Thomczyk mit seinem Programm langsam dem Ende entgegen. Er erzählte noch davon, wie verlogen doch diese Zechen-Kultur war, wo in der Zeitschrift der IG Bergbau namens "Einheit" über Gastarbeiter Witze gemacht wurden und wo man als Kumpel unter Tage zwar mit den anderen Kumpeln zusammenhielt, weil es da gar nicht anders ging, und sich dann aber über Tage gegenseitig kräftig auf die Fresse gehau'n hat. Ebenso darüber, dass all das auch schon längst Geschichte ist und die einstigen Zechensiedlungen schon vor Jahrzehnten abgerissen wurden. Und immer wieder diese treffenden Erkenntnisse, auf die man erst mal kommen muss, wie z.B. "Unser Himmel heute ist die Cloud", womit er den Bogen wieder zur "digitalen Krümmung" schlug. Eine weitere Erkenntnis war der Satz, "Krieg ist Kultur - Rund um die Uhr", und schon war man beim letzten Lied des Abends, "Kleines Lied am Ende", angekommen.

Kurz vor Schluss bekam Willi Thomczyk von Willi Thomczyk selbst auch noch sein Fett weg. Plötzlich ging das Licht im Saal aus und Willi saß in der ersten Reihe im Publikumsbereich. Hier ließ er sich in der Rolle eines Besuchers über den Vortrag des Willi Thomczyk mächtig aus und nahm evtl. schlechten Kritiken (die der Abend aber keinesfalls verdient hätte) schon mal den Wind aus den Segeln.d 20180923 1647034487 Mit dem Hinweis, dass man sich gleich unten im gastronomischen Bereich der Flottmann Hallen noch auf ein Bier und ein Gespräch treffen könne, zog Thomczyk einen Schlussstrich unter sein Programm und entließ uns mit den Worten "Have A Dream - Not A Stream" in den restlichen Samstagabend.

Was man in den ziemlich schnell vergangenen knapp 90 Minuten erleben konnte, war eine spannende Mischung aus Drama, Schauspiel, Komödie und Musik, die der Künstler selbst als philosophisch, prosaischen und poetischen Vortrag bezeichnet. Hier vereint er all das, was er in Sachen Schauspielerei und Vortragskunst so kann und zeigt sich obendrein auch noch als vielseitiger Musiker, der Klavier und Gitarre spielt und sich auch gesanglich nicht verstecken muss. Willi Thomczyk erzählte mir, dass er sein Stück, das er als Experiment der besonderen Theaterart sieht, als einen "Vorgang" und nicht als einen "Vortrag" bezeichnet. Es soll einen Vorgang in ihm und in seinem Publikum in Gang setzen. Sein Monolog sei daher auch philosophisch an Friedrich Nietzsche angelehnt. Ich selbst habe all das auch so empfunden, kann sagen, dass seine Idee funktioniert und ich habe es genossen, eine andere und für mich neue Seite an Willi Thomczyk kennengelernt zu haben. Besonders interessant war auch zu beobachten, dass man sich in so vielen Punkten seines "Vorgangs" selbst wiedererkennen konnte. Das war mit Sicherheit auch eine der Absichten Thomczyks, als er dieses Programm ausgearbeitet hat, seinen Zuhörern den Spiegel vorzuhalten. Etwas wenig Erwähnung in diesem Bericht fand Norbert Müller, der als "schweigender Gitarristenbuddha", nur einmal wirklich in Erscheinung trat, nämlich als er den Begriff "Quietismus" ("Die Lehre von der Weltabgewandtheit und der inneren Ruhe") erklärte. Ansonsten verrichtete er unauffällig und sehr zurückhaltend seine Aufgabe als Begleitmusiker Thomczyks. Das alles, was hier beschrieben wurde, gibt längst nicht wieder, was passiert ist und gesagt wurde. Dafür war es einfach zu viel. Bei aller Mühe und der größten Sorgfalt beim Schreiben dieser Nachschau kann man das auch leider nicht so in Worte fassen, wie man es müsste. Es geht kein Weg daran vorbei, sich das selbst anzuschauen und anzuhören. Schon allein um zu verstehen, wie diese Mischung aus Wort und Lied funktioniert. Man muss dabei sein um zu erleben, wie sich der Künstler öffnet und seine Sicht der Dinge ans Tageslicht zerrt. Ebenso, wie hier Humor zum Einsatz kommt, obwohl das Thema ja doch eher für eine gepflegte Depression reichen könnte. Wenn ich vorhin von "Komödie" als eines der Bestandteile dieser Show sprach, dann ist damit nicht gemeint, dass man sich vor Lachen ausschütten und auf die Schenkel klopfen kann. Aber es ist eben eine der Stärken und das besondere Talent des Willi Thomczyks, etwas Heiteres in die doch eher trüben Wahrheiten der Gesellschaftsentwicklung zu bringen.e 20180923 1532240373 Der Künstler ist auch deutschlandweit und über die Grenzen des Ruhrgebiets buchbar. Sollte ein Veranstalter seinen Gästen mal was wirklich Gutes, ordentlich Sättigungsbeilage auf dem Teller servieren und die Frage nach dem "Warum sind wir hier?" beantworten lassen wollen, sollte man bei Herrn Thomczyk mal anrufen und die Konditionen erfragen. Nur zu ... lohnt sich!

Abschließend vielleicht noch ein Wort in Richtung aller Kollegen der schreibenden Zunft. Wenn es darum geht, irgendwelche Nebenkriegsschauplätze medial auszuwälzen, unbestätigte Anschuldigungen in die Welt zu tragen und die Karriere eines Künstlers damit voll gegen die Wand zu lenken, ist man immer an vorderster Front dabei. Wenn es aber darum geht, über Inhalte und gute Ideen zu berichten, Leute auf etwas so Anspruchsvolles und in höchstem Maße Interessantes wie dieses Programm hier aufmerksam zu machen, glänzt man durch Abwesenheit. Der an Kultur interessierte Mensch muss sich solche Angebote wie das hier heute leider selbst mühsam zusammensuchen, sonst würde er davon nichts erfahren. Ganz schwache Leistung unserer Medien ... ganz schwach!!!



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Willi Thomczyk: www.willi-thomczyk.de
• Homepage der Flottmann Hallen in Herne: www.flottmann-hallen.de








   
   
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