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Ein Bericht von Torsten Meyer mit Fotos von Reinhard Baer
 

Festivalzeit!
Es sind diese kleinen Festivals, die mich anziehen. Festivals, in denen nicht der Kommerz im Vordergrund steht, sondern der Wohlfühlfaktor. Festivals, auf denen man ruhigen Gewissens auch mal zwei oder drei Bier/Cola/Cocktails und eine Bratwurst verkonsumieren kann, ohne dass im Anschluss das Haushaltsgeld der kommenden vierzehn Tage aufgebraucht ist.a 20180809 1999265625 Festivals, auf denen man sich untereinander kennt, sich aufeinander freut. Festivals, deren Veranstalter es trotz des schmalen Budgets immer wieder schaffen, den Besuchern hochwertige musikalische Kost aufzutischen. Festivals, die durchaus auch als familientauglich eingestuft werden können, was für die kulturelle und musikalische Sozialisierung unser lieben Kleinen ja nicht unbedingt von Nachteil ist. Wenn möglich, treibe ich mich zwei- bis dreimal im Jahr auf solchen Festivals rum, aber dann bin ich mit Sicherheit nicht in Wacken oder bei "Rock am Ring", sondern beispielsweise im sächsischen Altzella oder wie am ersten Augustwochenende 2018 im beschaulichen Niederlehme.

Eigentlich wäre es dieser Tage am klügsten, wenn man sich so sparsam wie möglich bewegt, um der unerträglichen Hitze keine Angriffsflächen zu bieten. Aber sich deshalb nur noch in klimatisierten Räumen aufzuhalten und die Füße in Eiswasser zu baden, kann ja wohl auch nicht die Lösung sein. Das Wetter ist halt wie es ist und gemeckert wird sowieso immer. Zu kalt, zu warm, zu feucht, zu trocken ... Und so ziehe ich für das anstehende Blues Open Air in Niederlehme das Positive heraus, nämlich dass es nicht regnet, und dass die Temperaturen für ein Freiluftfestival annähernd ideal sind, zumal es auf dem Festivalgelände genügend schattige Plätzchen gibt.

Wenn ein solch kleines Festival wie das Blues Open Air auf dem Dorfanger Niederlehme nun bereits zum 15. Mal stattfindet, muss man dort eine Menge richtig machen. Und ich denke, man darf an dieser Stelle dem wackeren Team rund um Andreas "Homi" Homann und seiner Frau Katrin ruhig mal zu diesem Jubiläum gratulieren. Jahr für Jahr überlegen die beiden aufs Neue, ob es im folgenden Jahr eine weitere Ausgabe geben soll, denn der zu investierende organisatorische und zeitliche Aufwand ist doch enorm hoch. Glücklicherweise finden diese Gedanken bisher immer ein gutes Ende und so stellen die beiden gemeinsam mit dem Förderverein der Freiwilligen Feuerwehr Niederlehme und unzähligen Helfern der Dorfgemeinschaft auch 2018 wieder ein äußerst gelungenes Open Air-Spektakel auf die Beine. Livemusik für jedermann, das kann man nicht hoch genug einschätzen!

TAG 1 - Es lebe die Bluesharp!
Auf einem zweitägigen Festival mit mehreren Bands kann es schon mal vorkommen, dass der eine oder andere Lückenfüller gebucht wird. Vielleicht um Kosten zu sparen, vielleicht aber auch, um den Headlinern nicht versehentlich die Show zu stehlen. Nun, davon kann hier in Niederlehme überhaupt keine Rede sein. Der Blick auf das Programm macht mich regelrecht juckig und ich kann es kaum erwarten. Speziell der Freitagabend weckt schon Tage vorher große Vorfreude in mir. Und so geht es wohl nicht nur mir allein, wie ich schon bald feststellen werde. Als ich gegen 19:00 Uhr mit Reinhard, der an beiden Tagen den Fotopart übernimmt, auf dem Gelände eintreffe, spüre ich sofort diese einzigartige Atmosphäre, die man halt nur auf diesen kleinen Events antrifft.b 20180809 1959487588 Dutzende Wohnmobile, Wohnwagen und Zelte säumen den Weg vom Einlass bis runter zum Dahme-Ufer und zur Bühne. Man kennt sich, man sitzt zusammen, trinkt und redet miteinander - es ist ein bisschen so, als ob man seine Wochenendfamilie trifft. Auch ich muss hier und da ein paar Hände schütteln, während man sich auf der Bühne bereits fertig macht für den Startschuss zum 15. Blues Open Air.

MITCH KASHMAR & THE BLUES AND BOOGIE KINGS
Es sollte der Abend der Mundharmonika werden. An der Bluesharp, diesem kleinen, unscheinbaren Instrument, scheiden sich die Geister. Manche finden sie einfach nur nervtötend, ich hingegen liebe sie und die Harp ist und bleibt für mich ein unverzichtbarer Bestandteil des traditionellen Blues. Leider war es mir nicht vergönnt, die ganz Großen der Zunft, wie z.B. Sonny Boy Williamson II, Little Walter oder Big Walter Hornton jemals live erleben zu können. Das ist halt der Fluch meiner späten Geburt. An diesem Wochenende sollte es aber genügend zeitgemäßen Harp-Sound von erstklassigen Meistern ihres Faches zu erleben geben. Einer von ihnen eröffnet kurz nach 20:00 Uhr das Festival. In Deutschland noch nicht ganz so bekannt, zählt der Kalifornier MITCH KASHMAR dennoch weltweit zu den Top 10 der aktuellen Bluesharp-Gilde, was er auch umgehend unter Beweis stellt. Es braucht nur ein paar mitreißende Takte des ersten Songs, ein Instrumental-Shuffle, und schon zog es etliche der noch an den Biertischen und Getränkewagen weilenden Besucher magisch nach vorne an die Bühne. Als dann als nächstes die ersten Töne des von Altmeister Willie Dixon geschriebenen "Spoonful" erklingen, braust bereits der erste spontane Beifall auf. Schwülstig und stampfend gibt die Harp die Richtung für die nächsten 90 Minuten vor. Spätestens jetzt merkt auch der Letzte, dass neben MITCH KASHMAR drei exzellente Begleitmusiker auf der Bühne stehen, die in der deutschen Bluesszene in die erste Reihe gehören: Nils von der Leyen (keyb, p), Jan Hirte (g) und Andreas "Böckchen" Bock (dr). Jawohl, es gibt eben auch gute Blueser, die nicht aus Amerika stammen. In dieser Besetzung nennen sie sich "THE BLUES AND BOOGIE KINGS", was vollkommen zutreffend ist. Seit fünf Jahren begleiten sie MITCH KASHMAR auf dessen Deutschland-Konzerten. Ein Haufen begnadeter Musiker, wie man ihn in dieser Konstellation so häufig nicht zu sehen bekommt. Klar, MITCH KASHMAR ist der Chef, lässt jederzeit durchblicken, warum ihm sein Ruf vorauseilt. Noch dazu kann er recht passabel singen, auch wenn er nun wahrlich keine schwarze Bluesstimme hat. Seine Soloeinlagen sind virtuos und nicht nur des Wetters wegen schweißtreibend. Aber er lässt keineswegs den Star raushängen, sondern ist ein totaler Teamplayer und so bekommen die Herren Bock, Hirte und von der Leyen genügend Raum, ihr Können zu präsentieren, was dazu führt, dass die Songs allesamt ordentlich Überlänge haben und regelrecht zum jammen einladen. Großes Kino, meine Herren! Das Highlight des Sets ist für mich das ironische "Whiskey drinking woman", was Mitch seiner Ex-Frau gewidmet hat. Darauf möge sich jeder seinen eigenen Reim machen. Ursprünglich vom Jazz-Saxophonisten Lou Donaldson erdacht und gespielt, wird daraus ein Song im Kashmar-Stil, der aufgrund diverser Solata natürlich wieder nicht enden will. Genial! Ich bin überrascht, wie schnell die mit feinstem Chicago-Blues gefüllten 90 Minuten dann auch schon um sind. Für eine Zugabe bleibt dennoch Zeit, ehe MITCH KASHMAR & THE BLUES AND BOOGIE KINGS mit viel Applaus verabschiedet werden.

c 20180809 1149778837HAVE MERCY REUNION
Die Bluesharp sollte in den folgenden anderthalb Stunden noch weiter in den Fokus rücken. Zunächst aber erfolgen in Windeseile ein paar Umbauten auf der Bühne. Zeit für mich, den eigenen Getränkehaushalt in Ordnung zu bringen und ein wenig auf dem mittlerweile gut gefüllten Gelände umher zu schlendern. Homis Ansage zum nächsten Teil der "kulturellen Maßnahme" lässt mich aber wieder schnurstracks zur Bühne eilen, denn da treten gerade vier nicht mehr ganz junge Herren in gar wunderlicher Art und Weise den Beweis an, dass Bluesmusik nun wirklich nichts Todtrauriges darstellt und schon gar nicht als Nährboden für Depressionen taugt, wie es von manchen "wissenden" Zeitgenossen gerne behauptet wird. Ganz im Gegenteil, es wird neunzig Minuten lang auf höchstem Niveau eine Bluesparty gefeiert, die es in sich hat.

So verrückt wie ihr Song "Cornbread, peas and black molasses" ("Maisbrot, Erbsen und schwarze Melasse") betitelt ist, so verrückt gestaltet sich der gesamte Auftritt dieser unglaublichen Band. Nicht einer, sondern gleich zwei Mundharmonika-Artisten, nämlich Henry Heggen und Chris Turner (der sogar mal Mundharmonika-Weltmeister geworden ist!), treiben ihre beiden Mitstreiter Brian Barnett (Gitarre) und Special Guest Micha Maass, der sich für den heutigen Auftritt Mamas Waschbrett ausgeliehen hatte, zu Höchstleistungen. Niemand im Publikum muss besonders animiert werden, denn was da von der Bühne nach unten schwappt, geht umgehend in die Hüften und Beine und zaubert wie von selbst auf jedes Gesicht ein breites Lächeln. Das Herz eines jeden Bluesharp-Liebhabers beginnt im Galopp zu hüpfen, wenn Henry Heggen und Chris Turner Luft holen, um im Doppelpack ihre Meisterschaft auf den kleinen Blasebalgs nachzuweisen. Aber witzigerweise gewinnt vor allem Gitarrist Brian Barnett meine Sympathien, weil er mich mit seiner Art zu spielen irgendwie an Malcolm Young erinnert. Der stand auch immer wie ein Turm in der Schlacht auf seinem Quadratmeter Bühne, spielte mit stoischer Ruhe den Rhythmus der Songs runter und war somit der eigentliche Taktgeber. Genauso agiert Brian Barnett, das gefällt mir. Eigentlich kann man aber mit Worten nur schwer beschreiben, was die vier Chaoten da abliefern - man muss es erleben. Schaut euch das unter dem Beitrag angeklebte Video an und ihr habt eine ungefähre Vorstellung von dem Abend in Niederlehme. Nüchtern betrachtet transportieren HAVE MERCY REUNION seit 1973 (!) ihre eigenen Versionen alter Blues-Traditionals von Legenden wie Henry Thomas, Noah Lewis, Brownie McGhee, Reverend Gary Davis und vielen anderen in die heutige Zeit. Das Ganze wird mit einer irren Dynamik, mit ganz viel Spaß und handwerklichem Können an den Mann gebracht. Während des Konzertes passieren so viele Dinge auf der Bühne, dass man vier Seiten vollschreiben könnte. Fakt ist, man kann sich dem mitreißenden Treiben, dem intensiven Akustik-Blues, dem niveauvollen Entertainment der vier Herren einfach nicht entziehen. Deshalb meine dringende Empfehlung: wo immer ihr auf einem Plakat den Namen HAVE MERCY REUNION lest - geht hin!!!

d 20180809 1277453726Tag 2: Die Gitarren dominieren
Auch am zweiten Tag der "kulturellen Maßnahme" möchte man sich am liebsten einfach nur ans idyllische Dahme-Ufer legen und ab und zu ins Wasser hüpfen, um den erneut irren Temperaturen irgendwie ein Schnippchen zu schlagen. Dabei darf man aber nicht aus den Augen verlieren, dass ab 18:00 Uhr auf dem Dorfanger in Niederlehme wieder hochwertiger Blues in allen Schattierungen abgeliefert wird. Der Andrang ist erwartungsgemäß trotz (oder wegen?) des Wetters noch höher als bereits am Freitag, was der Stimmung natürlich zugutekommt.

12 BARES LATER
Der erste Act des Samstags kommt in der Regel aus der deutschsprachigen Blues-Ecke. Dazu muss man ja nicht gleich ein abendfüllendes Programm mit Songs in der gemeinhin als sperrig und schwierig zu textenden Heimatsprache anbieten, sagten sich vier Herren aus Berlin, die sich 12 BARES LATER nennen und am zweiten Tag des Festivals eröffnen dürfen. Die Besetzung mit zwei Gitarristen, Bass und Drums lässt erahnen, dass es hier etwas mehr zur Sache gehen würde als noch am gestrigen Abend. Und richtig, schon mit dem ersten Song "Riding with the king", zuletzt sehr erfolgreich vom Duett B.B. King / Eric Clapton gecovert, blasen Dirk Janson (voc, g), Wolfgang Dimitrow (g), Georg Avenarious (bg) und Sascha Giebel (dr) den Leuten vor der Bühne den Sand von den staubigen Schuhen. Das knallt ordentlich! Im weiteren Verlauf nimmt man sich zumeist bekannte Nummern der zurückliegenden fünfzig Jahre aus den Bereichen Rock und Blues zur Brust, was in der Regel auch recht anständig gelingt, wenn ich nur an das sehr rhythmusbetonte "Tore down", den ZZ TOP-Klassiker "Cheap sunglasses" oder vor allem die Zugabe "Boogie man" denke. Und natürlich werden auch die eigenen deutschsprachigen Songs nicht vergessen. Ganz ehrlich? Da habe ich schon deutlich schlechteres gehört! Die dazugehörige, erst im April 2018 fertiggestellte EP hat also durchaus ihre Berechtigung. Lediglich das Kraftwerk-Cover "Das Model" geht für mich nach hinten los und wird zum Rohrkrepierer. Ansonsten aber dürfen die Herren von 12 BARES LATER mit ihrem Set zufrieden sein.

NOLA feat. Josa
Glücklicherweise bietet der Dorfanger genügend Platz, um neben der Hauptbühne auch noch eine zweite, kleinere Bühne zu installieren. Damit geht man den künstlichen Umbaupausen aus dem Weg und kann nahtlos das Programm fortlaufen lassen. Um ein Haar verpasse ich jedoch durch meine Trödelei den Beginn des nächsten Acts. Das allerdings wäre sehr bedauerlich gewesen, denn hinter dem Namen NOLA verbirgt sich eine der ungewöhnlichsten Bands unserer Tage. Der Name der Band steht für die Wiege des Blues, nämlich New Orleans.e 20180809 1854947948 Schlagzeuger Mark Rose und Gitarrist Christian Florié weilten 2014 für zwei Wochen dort und waren von der Stadt dermaßen fasziniert, dass sie umgehend eine Band gründeten, diese -na wie wohl?- NOLA nannten und sich fortan dem Sound dieser Metropole verschrieben. Was das nun genau heißt, davon kann man sich auf den bisherigen zwei Alben überzeugen. Oder man steht eben am 4. August 2018 zusammen mit einigen hundert anderen Besuchern des Bluesfestivals in Niederlehme vor der kleinen Wiesenbühne und lauscht fasziniert den NOLA-Klangwelten, die so anders daherkommen wie alles, was man sonst kennt. Sie selbst umschreiben es als "elektrisch verstärkter Blues", doch das ist viel zu eng gegriffen. In Wahrheit beruht die NOLA-Musik natürlich schon auf dem Blues, aber die Grenzen verschwimmen, es gibt eigentlich keine Regeln, keine Schubladen, an denen man das Produkt NOLA festmachen könnte. Sie sagen es ja selber, jeder Auftritt ist anders und der Sound und die Kompositionen sind so offen, dass jederzeit weitere Musiker dazu stoßen können. An diesem Abend sind dies der sympathische, immer lächelnde Josa aus Thüringen, der nicht nur ein begnadeter Mundharmonika-Spieler ist, sondern auch noch Gitarre spielt und hervorragend singt. Es kommt mir vor, als gehöre Josa schon seit Jahren zur Band, so gut ergänzen sich die drei. Und auch ein weiterer Gast aus Thüringen, Wolfram "Wolle" Schröter, den vielleicht manche noch aus DDR-Zeiten und von der Gruppe KNUFF her kennen, trug zum gelungenen Set von NOLA bei, denn wo hört man heute noch eine Mandoline oder Geige? Wie gesagt, die Musik lässt sich nur schwer beschreiben, aber sie reißt einen mit, ob man will oder nicht. Klar, Mark Rose trägt auch mit seiner ständigen Interaktion mit dem Publikum zur guten Stimmung bei. Davon abgesehen, macht es einen Heidenspaß, seinem vielfältigen, sehr differenzierten Schlagzeugspiel zuzuschauen, seine Mimik aufzusaugen, seinem eindringlichen Gesang zu lauschen. Partner Christian Florié steht dem in nichts nach, zupft seine Gitarre mal akustisch, mal elektrisch. Selbst wenn man die Songs nicht kennt, geht man automatisch mit, bedient die Fußwippe oder, falls der körperliche Verfall es noch zulässt, auch gerne mehr. Das Irre ist jedoch: am Ende glaubt man, schon immer genau diese Lieder gehört und geliebt zu haben. Das ist große Kunst! Ich denke, den Namen NOLA werden jetzt viele der Besucher auf dem Zettel haben. Man kann es der Band nur wünschen.

CARL WYATT & THE DELTA VOODOO KINGS
War der NOLA-Auftritt schon ungewöhnlich, so trifft das auf den nun folgenden CARL WYATT erst recht zu. Wenn der in zivilen Klamotten neben einem steht, glaubt man den jüngeren Bruder von Iggy Pop vor sich zu haben. Ziemlich hagere, fast schon dürre Erscheinung, dünnes Haar ... Doch was will das schon bedeuten? Ich freue mich jedenfalls auf den in Deutschland geborenen, seit Jahren in Frankreich lebenden irischen Gitarristen, den ich bislang noch nie live erlebt habe. Fast geht sein Auftritt aber in die Hose, denn er und seine Band, die DELTA VOODOO KINGS, stehen auf ihrer 900 Kilometer langen Anfahrt etwa zweieinhalb Stunden im Autobahn-Stau. Willkommen in Deutschland!

Zum Warmspielen gibt es zunächst zwei Instrumentals, die eines deutlich machen: CARL WYATT zieht die Grenzen seines Verständnisses von Bluesmusik viel großzügiger auf als beispielsweise MITCH KASHMAR am Vorabend, der ja doch eher die klassischen Bluesrhythmen bevorzugte. Und zum anderen fällt mir die Begleitband, die DELTA VOODOO KINGS, positiv auf.f 20180809 2073183464 Vor allem Alex Logel macht mich glücklich, denn er bedient tatsächlich eine Hammond Orgel, und das höchst meisterlich. Aber auch Apollo Munyanshongore (was für ein Name!) am Bass und Drummer Yves Deville wissen, was sie tun und sorgen für ein absolut harmonisches Klangbild.

Einen meiner Favoriten, nämlich den treibenden Boogie "Night train" vom sehr empfehlenswerten aktuellen Album "Doing The Boogaloo" setzt CARL WYATT ziemlich an den Anfang des Sets. Schon cool, wie er sich die ausgedehnten Soloeinlagen mit Alex Logel teilt. Gitarre und Hammond im Wechselspiel, das erinnert an die guten, alten Zeiten in den Siebzigern. Und so verwundert es eben auch nicht, dass die Songsstrukturen nicht immer und ausschließlich dem klassischen Bluesschema entsprechen, sondern gerade in der Livepräsentation durchaus ins Rockige abdriften, was aber dem Gesamteindruck sehr zugute kommt. Bluespuristen werden wohl dadurch nicht ganz so glücklich sein während des Auftritts von CARL WYATT & THE DELTA VOODOO KINGS, mir und der Mehrzahl des Publikums jedoch gefällt dieser authentische, knackige und kraftvolle, jederzeit stimmige Rockblues, dieser wohlfeile Sound, die erstklassigen Soli. Die Gesangseinlagen scheinen hingegen nur Füllzeug zu sein, denn eigentlich bestehen die Nummern zu 80 Prozent aus Instrumentalteilen, die aber niemals langweilen. Ganz im Gegenteil, ich ertappe mich sogar dabei, wie ich mir hier und da wünsche, er möge mit seiner Strophe endlich fertig werden und zum nächsten Solo ansetzen. Entsprechend lang sind die einzelnen Songs dann auch, aber genau dafür gehe ich schließlich auf ein Konzert. Die vierminütige, radiotaugliche Version kann ich mir hinterher zuhause auf der CD anhören. Mit Johnny Winters "Mojo Boogie" wurde dann zum Abschluss noch eine Rakete gezündet, zu der sich CARL WYATT an seine Lap-Steel-Guitar setzte und im Stile eines Jeff Healey die Saiten glühen ließ. Ich hätte dem Treiben noch stundenlang zusehen und -hören können, doch auf so einem Festival sind der Spieldauer nun mal Grenzen gesetzt. Wie auch immer, dieser Gig von CARL WYATT und seiner Band war eine Offenbarung für mich und ein weiterer Beweis, dass gute Bluesmusik auch ohne jede Schwermut auskommt. Großartig!

THE DOUBLE VISION
Nachdem auf der Nebenbühne die Jungs von NOLA noch einmal ausgiebig ihre Liebe für den Mississippi-New Orleans-Sound ausleben und dafür erneut auf breiten Sympathiewellen getragen werden, ist es zwischenzeitlich stockdunkel geworden, aber trotz der fortgeschrittenen Uhrzeit immer noch echt warm. Wie passend, dass zum Abschluss des Tages und des Festivals noch ein richtig heißer Act wartet: THE DOUBLE VISION.

Keine Ahnung, wie oft ich Stephan Graf jetzt schon live gesehen habe. Das letzte Mal muss aber schon einige Monde her sein, denn ich registriere mit einer gewissen Zufriedenheit, dass inzwischen zwei mir wohlbekannte und in meiner Gunst weit vorn stehende Männer an Grafs Seite musizieren.g 20180809 1178313800 Da wäre zum einen Tobias Ridder an den Drums, der seit Jahren bei Mike Seeber die Felle bearbeitet und den ich sehr schätze. Und dann steht plötzlich Hendrik Herder vor mir, der lange angestammter Bassist bei den Footsteps und Radio FS war. Freudig nehme ich zur Kenntnis, dass er also nun auch bei THE DOUBLE VISION gelandet ist. Somit sind die Vorzeichen geklärt und mit einiger Verspätung beginnt gegen 23:15 Uhr das typische Blues'n'Roll-Feuerwerk des vor vielen Jahren als Rory Gallagher-Reinkarnation bekannt gewordenen Stephan Graf und seiner Band THE DOUBLE VISION. Es geht Schlag auf Schlag, Kostproben aus seinen mittlerweile sechs Alben, die selbstredend nur Eigenkompositionen enthalten, wechseln sich ab mit Songs seines Idols Gallagher. Graf ist wie immer nicht aufzuhalten, er vermisst akribisch jeden einzelnen Meter Bühne, das typische Posing kommt dabei nicht zu kurz und auch sonst erinnert vieles an ihm an den Mann aus Irland, dem er auf der Bühne immer wieder huldigt. Es fällt bei dem Alarm, der da abgeht, im Nachhinein schwer, irgendwelche Songs herauszuheben. Ich denke, es sind gerade die drei, vier Nummern, die sich vom üblichen Material abheben, wie das an einen irischen Folksong erinnernde "Going to my hometwon", zu welchem Stephan Graf getreu dem Gallagher-Original zur Mandoline greift. Oder der einzig echte Ruhepunkt im Set, das mit Akustikgitarre vorgetragene, über siebzig Jahre alte Leadbelly-Stück "Out on the western plain". Wunderschön. Und natürlich darf ich die Überraschung des Abends nicht vergessen. Graf gratuliert seinem Thüringer Landsmann Jürgen Kerth zu dessen 70. Geburtstag und singt auf einen Muddy Waters-Song je eine Strophe der Kerth-Titel "Martha" und "Blues von der grauen Maus". Eine tolle Geste.

Als irgendwann auch hier aus Zeitgründen der Hammer fällt, holen THE DOUBLE VISION zu einem letzten Frontalschlag aus. Nachts um eins hauen die Herren auf dem Dorfanger Niederlehme einen krachenden Boogie in den Himmel! Ich bin mir nicht sicher, aber es müsste der "McAvoy Boogie" von Gallagher gewesen sein,h 20180809 1862474124 allerdings in einer atemberaubenden, viel rasanteren Version als es das Original ohnehin schon ist! Oh Man, das kam mir vor wie eine Kriegserklärung an diejenigen Besucher, die bereits vorzeitig das Feld verlassen haben, um sich zur Ruhe zu legen. Aber es war geil!!!

Fazit
Ja, was soll ich sagen? Zwei wunderbare Abende sind vorbei. Zwei Abende mit tollen Bands, die die Bandbreite des Blues zwar nicht völlig ausgeschöpft, aber doch einiges an Abwechslung geboten haben, so dass wirklich für jeden etwas dabei gewesen sein dürfte. Homi und Katrin haben mal wieder ganze Arbeit geleistet, was sich nicht zuletzt in den Besucherzahlen niedergeschlagen hat. Rundherum war Zufriedenheit zu spüren, Alt und Jung haben ein friedliches Fest gefeiert - so machen Musikfestivals Spaß. Bleibt mir nur zu sagen: Ciao bis zum ersten Augustwochenende 2019 in Niederlehme!



Bitte beachtet auch:
• off. Homepage von Nola feat. Josa: HIER entlang
• off. Homepage von Mitch Kashmar: HIER entlang
• off. Homepage von 12 Bars Later: HIER entlang
• off. Homepage von Have Mercy Reunion: HIER entlang
• off. Homepage von Carl Wyatt: HIER entlang
• off. Homepage von The Double Vision: HIER entlang
• Homepage des Veranstalters "Blues am Rand": HIER entlang




Fotostrecke:
 
 
MITCH KASHMAR & THE BLUES AND BOOGIE KINGS
 
 
 
 
HAVE MERCY REUNION
 
 
 
 
12 BARES LATER
 
 
 
 
NOLA feat. Josa
 
 
 
 
 
CARL WYATT & THE DELTA VOODOO KINGS
 
 
 
 
THE DOUBLE VISION
 
 
 
 
 





Videoclips:

Mitch Kashmar & The Blues and Boogie Kings:


Have Mercy Reunion:


12 Bares Later:


NOLA:


Carl Wyatt & The Delta Voodo Kings:


The Double Vision:








   
   
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