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Ein Konzertbericht von Nina & Bodo Kubatzki mit Fotos von Bodo Kubatzki + Pressematerial (Textillustration)



Sommerzeit ist Festivalzeit. Da zieht es auch meine Frau und mich an verschiedene Orte in Deutschland, Holland oder Italien, um gute Musik zu hören und Freunde zu treffen. Das seit 13 Jahren auf dem Loreley-Felsen im Mittleren Rheintal stattfindende NIGHT OF THE PROG Festival lockte in diesem Jahr so viel Gäste, wie wohl noch nie zuvor. Mittlerweile hat sich das weltweit größte Festival des Progressive Rock international etabliert. Immerhin gab es an den drei Tagen 19 Bands und Künstler aus neun Ländern von drei Kontinenten zu erleben. Aus Deutschland stammten die Bands DEAFENING OPERA,a 20180728 1654764632 die das Festival am frühen Freitagnachmittag eröffneten sowie das Projekt SMALLTAPE um den Berliner Musiker und Sound-Designer PHILIPP NESPITAL und die Münsteraner Band LONG DISTANCE CALLING. Meine Nichte Nina, die selbst in einer Metal-Band Gitarre spielt, besuchte das Festival zum ersten Mal. Für ihren Arbeitgeber, das Musikhaus Music Town aus Neubrandenburg, hat sie Ihre Erlebnisse und Eindrücke der ersten beiden Tage in einem lesenswerten Bericht zusammengefasst, den wir hier gern abdrucken.

Tag 1
Knapp 9 Stunden jagte es uns im dichten Verkehr über die Autobahnen Deutschlands bis wir endlich den kleinen Ort Kamp-Bornhofen bei St. Goarshausen erreichten. Wir checkten im Hotel ein, trugen unser Gepäck hoch und verschnauften 10 Minuten, ehe wir uns nochmal einen Tropfen Wasser ins Gesicht schmissen und abermals ins Auto stiegen, um zur 10 Kilometer entfernten Festival-Location zu fahren. Der Weg führte direkt am Rhein entlang, über welchen sich in regelmäßigen Abständen massive Frachtschiffe schoben. Links und rechts des Rheins ragten gewaltige, grün bewachsene Berge hunderte Meter weit über unsere Köpfe hinaus und ließen bei erstmaliger Begrüßung ihren leicht einschüchternden Charme spielen, entpuppten sich bei längerem Aufenthalt jedoch als ruhige, von wilder, herrlicher Natur und saftigem Wein beschmückte Riesen, die die kleine Stadt mit einem Schutzwall umlegen und so manch kleinen Besucher hoch hinaus tragen und ihm einen atemberaubenden Ausblick verschaffen.

Die Loreley Freilichtbühne war hoch oben auf einem dieser Riesen platziert. Hochgradig eindrucksvoll. Als wir das Festivalgelände betraten, war ANTIMATTER gerade mitten im Spiel. Viel haben wir davon jedoch nicht mitbekommen, da wir nun erst einmal "ankommen" wollten und uns auf diesem riesigen Gelände umsahen. Unzählige Gleichgesinnte lagen, saßen, standen, überall. Man stolperte mit den Augen von einem Bandshirt zum nächsten und fühlte sich einfach nur pudelwohl.

b 20180728 1331076336Nachdem wir meinen Onkel und meine Tante in dem Getümmel gefunden und begrüßt hatten und ein kühles Getränk in unserer Hand lag, gesellten wir uns nun auch an die Bühne. Jetzt war THRESHOLD an der Reihe - eine Band aus England, dessen Aufnahmen in unserer Familie schon oft den Weg in den CD-Player fanden und auf die ich besonders gespannt war. Da ich allerdings nur ein Album von ihnen kannte, welches zwar sehr geil ist aber schon etliche Jahre alt, wunderte es mich nicht, dass sich meine Erwartungen nicht erfüllten. Wie bei vielen andere Bands schien es mir, als seien auch THRESHOLD auf die "seichte Seite" gewechselt. Nicht weiter schlimm, es klang trotzdem schön und wir hatten ja noch genügend andere Bands vor uns.

Hiernach kamen RIVERSIDE. Eine Band von der ich schon so viel gehört habe - nur keine Musik. Aufgrund des großen Schlafmangels, der aus einer viel zu frühen Abfahrtzeit (6 Uhr) von Zuhause resultierte, zog es meinen Papa und mich beinahe zu Boden und wir sehnten uns nach einer waagerechten Haltung. So entschieden wir, uns noch für eine Weile ins Auto zu legen und die Augen zuzumachen, bei offenen Türen, um dennoch ein klein wenig von der Musik und dem Festivalfeeling mitzubekommen. Innerhalb weniger Minuten waren wir beide eingeschlafen - in den Schlaf gewogen von meditativen, atmosphärischen Klängen des Riverside-Intros.

Da mein Vater RIVERSIDE schon des Öfteren in Konzerten gesehen hat und jedes Mal nicht allzu überwältigt war, dachten wir, es wäre kein zu großer Verlust, diese Band nicht live mitzuerleben. Doch weit gefehlt. Der Schlaf tat zwar ordentlich gut und hat sich ebenfalls als einzigartiges Erlebnis in meinen Kopf gebrannt, jedoch haben sich die zwischenzeitlich in meine schlafenden Ohren dringenden Klänge als wirklich sehr interessant und erlebenswert entpuppt.c 20180728 1601119741 Auch Papa wachte mit den Worten auf, dass er sich wohl sehr getäuscht und das Konzert doch ganz gern hautnah erlebt hätte. Nichtsdestotrotz brauchten wir dieses kleine Päuschen, denn in einer halben Stunde würde BIG BIG TRAIN die Bühne erobern. Eine 8-köpfige Band aus Großbritannien, die zusätzlich 4 Bläser mit auf die Bühne brachte sowie mit Ex-Frontmann Rikard Sjöblom von BEARDFISH - einer herrlichen schwedischen Prog Band. BIG BIG TRAIN brachte die Massen zum Jubeln und überzeugte mit ihrer Einzigartigkeit. Nach tobendem Applaus, zwei Zugabe-Songs und verschenkten Drumsticks sowie Setlists, ging es für uns zurück ins Hotel - endlich schlafen.

Tag 2:
Nachdem wir im Hotel mit einem reizvollen Frühstück geweckt wurden, ging es gegen 13 Uhr schon wieder in Richtung Festival. Erst noch ein paar Flaschen edlen Weins von einem lokalen Winzer erworben und schon ging es wieder die Serpentinen hinauf, bis uns das Weiß der riesigen Bühne durch die Baumwipfel entgegensprang.

Um 13:30 Uhr begann GUNGFLY - eigentlich ein Soloprojekt, welches ebenfalls von Multi-Instrumentalist Rikard Sjöblom ins Leben gerufen wurde - hier jedoch besetzt mit Gastmusikern (u.a. der Gitarrist von BEARDFISH David Zackrisson). Wie wir erwartet hatten, wurde es ein Konzert der Extraklasse. Rikard verzauberte mit seiner markanten Stimme, die ab und an in ein Energie-geladenes, Gänsehaut-erregendes Schreien mutierte. Komplexe, hippelige, eingängige Melodien gespickt mit persönlichen Lyrics, dargeboten von sympathischen, powervollen Musikern. Mein persönliches Highlight!

d 20180728 1809679462Sehr gespannt waren wir ebenfalls auf LONG DISTANCE CALLING, einer Band aus Münster. Sehr druckvoll, instrumental, vier schwarz gekleidete Herren, atmosphärischer Sound, das hat mir gefallen. Für die Spielzeit von 2 Stunden auf einem Livekonzert erwies sich die Musik jedoch vielleicht zu wenig abwechslungsreich. Auf CD kann man sich das aber auf jeden Fall antun. Schöne Musik!

THE SEA WITHIN startete um 21 Uhr. Besetzt mit lauter bekannten Musikern wie Pete Trewavas (MARILLION), Marco Minnemann (THE ARISTOCRATS), Roine Stolt (THE FLOWER KINGS) und Casey McPherson (FLYING COLOURS), wurde dies zum Auftritt der Legenden und weckte so manch sentimentales Gefühl. Gerade durch die charakteristisch angeschlagenen Töne durch den sympathischen schwedischen Gitarristen Roine Stolt, die mir schon in der Kindheit zu Hauf zu Ohren kamen, wurde dieses Konzert zu einem ganz besonderen und stellte für mich wohl den Abschluss dieses tollen Festivals dar.

Zum Schluss spielte CAMEL, deren Auftritt wir nutzten, um die beiden Tage noch einmal Revue passieren zu lassen, uns mit ein paar Bekannten zu unterhalten, ein Bierchen zu schlürfen und die Merchandise-Stände noch einmal abzuklappern, um noch ein Mitbringsel für Mama und Freund zu ergattern.

e 20180728 1717573782Zu guter Letzt erhaschte ich noch einen kurzen Augenblick mit Rikard, der sich ebenfalls gerade auf dem Festivalgelände herumtrieb, bat ihn um ein Autogramm auf meinem jüngst erworbenen Shirt seiner Band und bekam als Gegenfrage, wie es denn musikalisch bei MIR so läuft ... Wenn das mal nicht aufmerksam ist! Ich bin überwältigt.

Soweit Ninas Eindrücke von den ersten beiden Tagen.

Tag 3:
Auch der Sonntag hatte sehr abwechslungsreiche musikalische Kost zu bieten. Die Band ANUBIS aus "Down Under" lieferte zur Mittagshitze einen beeindruckenden Gig ab. Ihre hörbar von PINK FLOYD beeinflusste Musik kam rockig und melodiebetont über die Bühne. Die beiden Gitarristen DOUGLAS SKENE und DEAN BENNISON glänzten mit herrlichen Gitarrensoli und Sänger ROBERT JAMES MOULDING überzeugte mit seiner markanten Stimme und einer enormen Bühnenpräsenz.

Mit dem Soloauftritt von CASEY McPHERSON, den wir am Tag zuvor ja schon bei THE SEA WITHIN erleben durften, wurde es etwas ruhiger und besinnlicher auf dem Felsen. Songs seiner Stammband FLYING COLOURS und eigenes Material gab er zum Besten, bediente sich dabei Loops, die er mit Keyboard, Gitarre und den Händen erzeugte. Die ansonsten für die Moderation zuständige OLIVIA WILSON-PIPER gab den wunderschönen Songs in der zweiten Hälfte des Konzerts mit ihrer Geige besondere Farbtupfer. Als Höhepunkt spielten sie den Song "Peaceful Harbor", bei dem McPERSON aus den Zuhörern einen dreistimmigen Chor bildete.

h 20180729 2006267298Nach soeben nur zwei Musikern, standen bei GENTLE KNIFE aus Norwegen 11 Musiker und Musikerinnen auf der Bühne. Mit Blech- und Holzblasinstrumenten, Gitarren, Keyboards und Schlagzeug vielseitig instrumentiert, boten die Norweger eine sehr vielschichtige Musik mit Einflüssen aus klassischem Progressive Rock, Jazz bis hin zu Pop-Elementen. Die recht eigenwillige Bühnenkleidung bot auch etwas für's Auge. Die Band war eine interessante Neuentdeckung für mich.

Zeitlich etwas unglücklich gelegen war der Auftritt der französischen Prog-Rock-Legende ANGE um Sänger CHRISTIAN DÉCAMPS, denn zum Beginn des Auftritts der Band um 17:00 Uhr wurde auch das Endspiel der Fußball-WM angepfiffen, bei dem die französische Elf gegen Kroatien antreten musste. Dies hatte zur Folge, dass gerade viele der französischen Fans eher das Finalspiel verfolgten, als das Konzert ihrer Landsleute auf der Bühne. Schade eigentlich, denn die Show der Band hatte dank der theatralischen Performance ihres Sängers mit seiner voluminösen Stimme viele interessante Momente zu bieten.

Theatralik und Progressive Rock scheinen seit jeher zusammen zu gehören. Auch der Frontmann PAUL MANZI der englischen Band ARENA trat während des rockigen Specktakels der Band in unterschiedlichsten Kostümierungen auf. ARENA, 1995 von Ex-MARILLION-Drummer MICK POINTER und PENDRAGON-Keyboarder CLIVE NOLAN gegründet, konzentrierte sich bei ihrem Konzert auf ihr Erfolgsalbum "The Visitor", welches vor 20 Jahren erschienen ist, sowie auf Material des aktuellen Outputs "Double Vision". Mich begeisterte bei dieser Wucht Neo-Prog vor allem das Gitarrenspiel von Tausendsassa JOHN MITCHELL.

g 20180728 1394937105Mit Spannung erwartete ich den Headliner des dritten Tages. Die schwedische Band ISILDURS BANE, die seit 1984 mit einem Mix aus symphonischen Rock, Jazz, moderner Klassik und Sound-Collagen auf sich aufmerksam machte, veröffentlichte im vergangenen Jahr ein Album gemeinsam mit dem MARILLION-Frontmann STEVE "H" HOGARTH, der auch die Texte zu den Songs beisteuerte. Beim Festival sollten sie eines ihrer raren gemeinsamen Konzerte spielen. Als Gast hatten die Musiker den ehemaligen PORCUPINE TREE Keyboarder RICHARD BARBIERI eingeladen, der den Kontakt zwischen ISILDURS BANE und HOGARTH vermittelt hatte. Auch HOGARTH und BARBIERI haben schon zwei Alben gemeinsam eingespielt. Bei dieser Konstellation gestaltete sich das Konzert erwartungsgemäß vielschichtig. ISILDURS BANE starteten mit zwei Stücken ihres aktuellen Albums "Off The Radar", bevor Mister STEVE "H" HOGARTH den LEONARD COHEN Klassiker "Famous Blue Raincoat" und das MARILLION-Stück "Afraid Of Sunlight" zum Besten gab. HOGARTH allein am Klavier, das sorgte bei vielen für Gänsehaut, bei anderen jedoch auch für mürrisches Raunen. An HOGARTHs Art zu singen, scheiden sich immer noch die Geister. Ich mag den Typen und seinen Gesang. Es folgten zwei Stücke aus der Zusammenarbeit von HOGARTH und BARBIERI, bevor ISILDURS BANE & STEVE HOGARTH ihr gemeinsames Album "Colours Not Found In Nature" komplett spielten. Mit dem clever ausgewählten Song "Tree Minute Boy" von MARILLION als Zugabe endete dieses außergewöhnliche Konzert mit dem Chor der Tausenden, die bis zum Schluss ausgeharrt hatten.

Das 13. Night Of The Prog Festival hatte auch in diesem Jahr viele musikalische Highlights zu bieten, sowohl an großen Namen wie CAMEL, RIVERSIDE oder ARENA, als auch an interessanten Neuentdeckungen wie das Projekt SMALLTAPE oder die Münchener Band DEAFENING OPERA. Neben der Musik ist es aber auch alljährlicher Treffpunkt der großen Prog-Familie aus der ganzen Welt an einer der schönsten Freilichtbühnen Deutschlands. Auch im nächsten Jahr wollen wir wieder dabei sein. Die Early-Bird-Tickets sind bereits gekauft.







Fotostrecke:
 
Tag 1:
 
DEAFENING OPERA
 
 
 
 
RETROSPECTIVE
 
 
 
 
ANTIMATTER
 
 
 
 
THRESHOLD
 
 
 
 
RIVERSIDE
 
 
 
 
BIG BIG TRAIN
 
 
 
 
Tag 2:
 
SMALLTAPE
 
 
 
 
RIKARD SJÖBLOM'S GUNGFLY
 
 
 
 
WOBBLER
 
 
 
 
LONG DISTANCE CALLING
 
 
 
 
MYSTERY
 
 
 
 
THE SEA WITHIN
 
 
 
 
CAMEL
 
 
 
 
Tag 3:
 
ANUBIS
 
 
 
 
CASEY MCPHERSON
 
 
 
 
GENTLE KNIFE
 
 
 
 
ANGE
 
 
 
 
ARENA
 
 
 
 
STEVE HOGARTH & ISILDURS BANE
WITH SPECIAL GUEST RICHARD BARBIERI





 
 
 
 
 




   
   
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