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Ein Konzertbericht mit Fotos von Christian Reder



Wetterprophet
Es ist kurz nach 19:00 Uhr und ich fahre den Ruhrschnellweg in Richtung Dortmund. Die Außentemperaturanzeige meines Autos zeigt noch immer spritzige 35 Grad an und kurz vor Dortmund wechselt die Zahl noch schnell auf 36. Das bekomme ich auch wie mit einem Hammer zu spüren, als ich meinem klimatisierten Auto auf dem Parkplatz der Westfalenhalle entsteige.a 20180727 1686247301 Eine schweißtreibende Angelegenheit dieser Sommer und wenn ich den Suppenkasper bei den Wetteraussichten im Radio höre, wie er trotz der dramatischen Nachrichten über die zeitgleich in Brandenburg wütenden Waldbrände von "der Supersommerspaß geht weiter" faselt, kribbelt es in meinen Händen, die nach etwas zum Würgen suchen. Der Kumpel kann froh sein, gerade nicht in meiner Nähe zu sein. Dieses Wetter ist echt ätzend und längst kein Spaß mehr. Aber Jammern nutzt ja auch nüscht, oder? Also sucht man sich Abkühlung und eine entspannte Freizeitgestaltung in den Abendstunden. Ich tat dies am Donnerstagabend im "Spiegelzelt" am Rheinlanddamm zu Dortmund bei einem Konzert von STOPPOK, wobei mir dabei noch heißer wurde ...

Das Spiegelzelt und seine Gäste
Ok, Abkühlung fand ich dort also nicht. Aus mehrfacher Hinsicht übrigens nicht. Auf dem großen Parkplatz vor der Dortmunder Westfalenhalle steht das eben erwähnte "Spiegelzelt". Zwischen dem 28. Juni und dem 14. Oktober 2018 gehen dort an 110 Tagen wieder zahlreiche Veranstaltungen aus dem Bereich Kabarett, Comedy und Musik über die Bühne. Für Donnerstag stand ein Konzert mit Stefan STOPPOK im Kalender, das ich mir nicht entgehen lassen wollte. Im Zelt und NICHT Open Air. Obwohl der Musiker - in Essen aufgewachsen - ein echtes Ruhrpott-Original ist und hier immer wieder mal auftritt, hatte ich bisher noch keins seiner Konzerte besucht. Ich habe viele Künstler und ihre Konzerte noch nicht besucht, aber bei STOPPOK ist das auch für mich absolut verwunderlich, befinden sich in meiner Platten- und CD-Sammlung reichlich (ich möchte fast sagen alle) seiner Publikationen. Seit 1993 und dem Song "Aus dem Beton", der damals hier im Lokalradio rauf und runter lief, möchte ich mich als Fan seiner Musik bzw. seiner ganz besonderen Art des Textens bezeichnen. Sehr oft sind seine Texte mit einem Augenzwinkern versehen, funktionieren besonders über seinen Wortwitz und die Pointen, haben aber stets eine Botschaft, sowie einen ernsthaften und inhaltsreichen Hintergrund. Das macht ihm hierzulande niemand nach und es ist auch weit und breit kein junger Nachwuchskünstler zu entdecken, der irgendwann mal die Nachfolge dieses Mannes antreten könnte. Blöd für Herrn Stoppok aber gut für uns, dass er mit inzwischen 62 Jahren wohl noch auf längere Sicht nicht in Rente gehen kann.b 20180727 1219690813 Aber wer das Programm am Donnerstag in Dortmund erlebt hat, hat live und in Farbe selbst sehen und hören können, dass er für das Altenteil noch viel zu knackig und viel zu gut drauf ist. Von seiner Energie und der Qualität des dargebotenen Querschnitts seines Schaffens können sich viele, viele ... sehr viele deutsche Musiker - gerade der jüngeren Generation - eine dicke Scheibe abschneiden. Doch der Reihe nach ...

Der Herr Eisenblätter
Für 20:00 Uhr war das Konzert im "Spiegelzelt" angesetzt. Um 20:15 Uhr betrat Festival-Leiter Horst Hanke-Lindemann die Bühne, begrüßte das erschienene Publikum im ausverkauften Zelt und kündigte mit Philipp Eisenblätter einen jungen Duisburger Künstler an, der das Vorprogramm gestalten sollte. Kaum angekündigt, verschwand er wieder und es fand ein Wechsel am Mikrofon statt. Was einst Joachim Hopp im Sport war, ist Philipp Eisenblätter heute in der Musik. Beide sind "Malocher", beide sind waschechte Duisburger und beide haben ihr Herz an ihre Heimatstadt verschenkt. Hopp stand einst am Hochofen als Stahlkocher und ging anschließend beim MSV pöhlen, der 33-jährige Eisenblätter geht hauptberuflich einem Job beim Stahlunternehmen Salzgitter-Mannesmann nach und macht nebenher Musik. Dabei hat er u.a. - titelte mal eine Tageszeitung - "das wohl schönste Lied über Duisburg geschrieben". "Duisburg-Lied" heißt es, und das befindet sich nicht nur auf seinem 2017 erschienen Album "Gaunerstück", sondern war u.a. auch eins der sechs Songs, die er in der knappen halben Stunde seines Vortrags dem Dortmunder Publikum vorstellte. Dass er mit dem Album nicht ausruhen möchte und in der Richtung auf jeden Fall weitermachen will, zeigte in Dortmund auch seine Setlist, die sogar eine Premiere in sich barg. Mit dem Titel "Älter als Rom" bekamen wir nämlich einen bisher noch nie live gespielten Titel zu hören, der sicher auf dem zweiten Album des Künstlers veröffentlicht wird. Dazu, dass er weitere CDs machen soll, kann man ihn nur ermutigen, denn speziell seine Texte bieten für den Zuhörer eine ganze Menge Fruchtbares. Sich selbst nur auf der Akustik-Gitarre und gelegentlich auf der Mundharmonika begleitend, lieferte Eisenblätter einen souveränen Auftritt ab, der beim Dortmunder Publikum gut ankam. Als Liedermacher dürfte er durchgehen, die Musik ist eher schlicht und ohne viele Feinheiten arrangiert, dafür aber mit tiefschichtigen Songinhalten versehen. Mit seinem Auftritt wusste Philipp Eisenblätter sich und seine Kunst gut zu verkaufen. Am Ende durfte er sich über einen lautstarken Applaus freuen, den er völlig zurecht erntete und den er mit in seine Garderobe nehmen konnte.c 20180727 1445648924 Sympathisch machte ihn zusätzlich seine gute Kinderstube, denn bevor er wieder von der Bühne verschwand, bedankte er sich bei STOPPOK, dem Veranstalter und allen anderen von der Crew dafür, dass man ihm den Auftritt im Vorprogramm ermöglicht hat. Und dafür dankte auch das Publikum.

Alte Bekannte und besondere Qualitäten
Nach einer knapp viertelstündigen Pause - die es nach Meinung vieler der Konzertbesucher nicht gebraucht hätte - ging es um 21:00 Uhr mit dem Hauptprogramm und mit dem Hauptgast des Tages weiter. Nochmals kam Horst Hanke-Lindemann auf die Bühne und machte auf den Zweck aufmerksam, den dieses Festival mit seinen vielen Veranstaltungen verfolgt. Am Ende möchte man eine möglichst große Spende an das Dortmunder Frauenhaus stiften, für das fleißig gesammelt wird. Er verwies auf die Spendenboxen, die überall aufgestellt waren und machte dazu auch darauf aufmerksam, dass ja bald die 500,00 EUR-Noten entwertet würden. Es sei eine gute Gelegenheit, die Dinger noch schnell loszuwerden. Für einen ausreichend großen Einwurfschlitz sei auch gesorgt worden. Sodann begrüßte er Stefan STOPPOK, der nach 2017 auch in diesem Jahr wieder hier im Zelt seine Visite abhielt. Und kaum saß er auf seinem Multifunktions-Sitz (eine Mischung aus Bass-Drum, Cajon und Hocker), mit dem er sich im Laufe des Abends sein eigenes rhythmisches Fundament goss, und griff zur Gitarre, traf er auf einen "alten Bekannten" aus dem vergangenen Jahr: Dem Hubschrauber. Dabei handelte es sich nicht um ein echtes Fluggerät, das draußen über dem Zelt umher flog, sondern um ein Störgeräusch in der Anlage, das sich immer dann mit einem Geräusch wie von Rotorblättern erzeugt äußerte, wenn STOPPOK mit seiner Gitarre zu nah ans Mikro kam. Und schon waren wir mitten im Programm. Das Geräusch bzw. "der Hubschrauber" war plötzlich Thema und STOPPOK im Zwiegespräch mit seinem Publikum plus Tonmann. Es sei im vergangenen Jahr auch schon da gewesen, sei dann aber irgendwann und irgendwie verschwunden.d 20180727 1620914605 Soviel Glück hatte er am Donnerstag nicht, denn das Problem blieb bestehen - bis zum Schluss. Allerdings nur im Zusammenhang mit dieser einen Gitarre, die STOPPOK schon seit 1974 habe und in der bis jetzt nach eigenem Bekunden noch nie ein Hubschrauber gewesen sei. Und da sich das Geräusch nicht abstellen ließ, machte der Musiker kurzerhand einen Running-Gag daraus und band das Tonproblem kurzerhand mit in seine Show ein. Schon an dieser Stelle des Konzerts wurde deutlich, dass STOPPOK nicht nur Musiker, sondern auch ein kurzweiliger und humorvoller Erzähler ist, dessen Entertainer-Qualitäten nicht von schlechten Eltern sind. Seine schnodderige Art und die teils derben Beschreibungen von Zuständen ("Das Bier ist pisswarm") nahm man ihm dabei nicht übel. Im Gegenteil, sie sind Markenzeichen und Stilmittel zugleich. Er ist frech und charmant zugleich, lustig und wenn es sein muss, auch mal ernst. Von all dem bekam das Publikum in den nächsten knapp zwei Stunden noch weitere Kostproben, z.B. als er über die "Pop-Akademie" in Mannheim sinnierte und das Publikum damit einmal mehr zum Lachen brachte, oder als er über sein Alter und die damit schwindende Multitasking-Fähigkeit scherzte. Selbst die demokratische Wahl darüber, ob es eine Pause geben sollte oder ob er an einem Stück "durchziehen" solle, entwickelte sich zum amüsanten Happening. Die Sache mit den Toiletten-Gängen müsse ja geklärt werden, denn es wäre ja nicht nur älteres Publikum im Zelt, sondern ... auch richtig altes.

Aber Herr STOPPOK war nicht als Comedian gekommen, sondern als Musiker und hatte deshalb neben allerlei Scherzen auch ordentlich Liedgut im Gepäck, das er sich selbst auf Gitarre und der als Sitzgelegenheit genutzten Percussion-Box begleitend musikalisch und rhythmisch in Szene setzte. Und das war allererste Sahne! Den Abend läutete er mit dem Stück "Sansibar" und der Textzeile "Willkommen an Bord" ein. Stefan STOPPOK besitzt nicht nur das großartige Talent, auf einer Akustik-Gitarre die Rhythmus- und Lead-Gitarre gleichzeitig herauszuholen, sondern parallel dazu einen Mordsbums und knackige Taktgeräusche aus seinem "Hocker" zu zaubern. Am Ende hat man das Gefühl, dort steht eine komplette Kapelle auf der Bühne. Lieder wie "Wetterprophet" oder "Wie tief kann man sehen" erhalten dadurch im Gegensatz zu den auf Platte und CD befindlichen Studioversionen einen komplett anderen Anstrich und teilweise auch eine andere Wirkung.e 20180727 1849413070 Apropos Wirkung: Beim Song "In 25 Jahren", das insgesamt recht flott umgesetzt war, verirrte sich Stefan in ein mitreißendes Gitarrensolo, das schon während des Vortrags für Begeisterungsäußerungen und Zwischenapplaus des Publikums sorgte. Minutenlang holte der Mann aus sich und seinem Instrument alles raus, ließ Schweiß und Gefühle fließen und entschuldigte sich am Ende seines Vortrags "für den Gefühlsausbruch".Aber dafür musste er sich nicht entschuldigen, denn die Leute waren schier aus dem Häuschen. Ein paar Songs vorher hatte STOPPOK beim Titel "Auf festem Grund" schon einmal so einen Anflug. Dieses Solo hatte es auch in sich, war aber im Vergleich zu dem später bei "In 25 Jahren" eher noch zurückhaltend.

Mitreißend und unter die Haut gehend
Im Programm selbst hatte der Musiker eine gute Mischung aus neueren und älteren Titeln seines Backkatalogs. Aber es befand sich auch eine Fremdkomposition auf dem Zettel. Als ein Stück, das er schon längere Zeit nicht mehr live gespielt habe, kündigte STOPPOK das von Holger Biege komponierte und 1979 auf dessen Album "Circulus" veröffentlichte Lied "Annabell" an. STOPPOKs Version dieser fast 40 Jahre alten Nummer ließ nicht nur die Schönheit des Originals durchblicken, sondern erzeugte dank seines Vortrags eine ganz eigene Wirkung. Das kann er also auch, der STOPPOK, nämlich seinem Publikum ganz tief unter die Haut gehen. Aber nicht nur mit Songs anderer Kollegen, sondern ganz besonders auch mit seinen. Dies tat er kurz vor Feierabend mit dem Stück "Aus dem Beton" noch einmal ganz besonders intensiv, als er die ersten Zeilen vom Publikum singen ließ und anschließend diese herrliche Ballade mit dem tollen Text mit viel Gefühl allein zu Ende brachte.

f 20180727 1030224437Familienfeste und andere Treffen
STOPPOK traf im heißen Zelt, aus dem man die Luft gut und gerne hätte in Eimern heraus tragen können, auf ein geduldiges und selbst sehr heißes Publikum. Heiß auf ihn und seine Musik. Und auch nach zwei Stunden und der Ankündigung, dass nun das wirklich letzte Lied gespielt würde, wollte noch niemand so wirklich gehen. Ein Konzert von STOPPOK mit seinem Solo-Programm ist wie ein kleines Familienfest. Trotzdem die klimatischen Verhältnisse echt eine Zumutung waren, war keiner im Zelt schlechter oder gereizter Laune. Im Gegenteil. Die Menschen hatten Spaß, ließen sich vom Gastgeber in eine Feierstimmung versetzen und lauschten den Texten des Mannes, der in jedem Lied IMMER was zu sagen hat. STOPPOK versteht es wie kaum ein anderer deutscher Künstler, dem Publikum sich und seine Lieder in verschiedenen Versionen zu reichen. Es gibt neben der Solo-Variante natürlich auch noch die Band-Variante, mit der er hier in der Gegend z.B. im Herbst wieder unterwegs sein wird, und die ich mir dann auch nochmal anschauen möchte, und die Variante mit den "Artgenossen". Zusammen mit den Studioversionen seiner Lieder ist das an Abwechslungsreichtum und Spannung kaum zu überbieten. Und er verpackt seine Lieder mit viel Spaß, Liebe und Professionalität. Er habe zwar nix gelernt, wie er selbst im Zusammenhang mit der "Pop-Akademie" erzählte, aber dafür weiß er sein Publikum erstklassig zu unterhalten und seine Lieder auf einem ganz hohen Niveau zu spielen. Ich kenne Absolventen der "Pop-Akademien" dieser Welt, die mit erlangtem Abschluss nicht einmal in einer Liga mit STOPPOK spielen, geschweige denn in einer Sportart zu verorten wären. Wie dem auch sei ... Stefan STOPPOK ist einer der ganz großen Musiker in unserem Land. Er findet zwar kaum bis gar nicht mehr in den Medien statt, aber seine Klasse setzt sich auch ohne ARD, ZDF, RTL und den Mainstream-Radiostationen durch, wie sein Auftritt im ausverkauften "Spiegelzelt" bei Temperaturen, die man sonst nur in der Sahara vermuten würde, eindrucksvoll belegte. Weiter so - keine Rente in Sicht!

P.S.: Vielen Dank für die Gastfreundschaft, Peter und Stefan, sowohl für die Zeit vor und während, als auch nach dem Konzert!




Termine:
• 02.10.2018 - Landsberg - Stadttheater (mit Artgenossen)
• 31.10.2018 - Gelsenkirchen - Kaue (mit Band)
• 01.11.2018 - Wilhelmshaven - Kulturzentrum Pumpwerk (mit Band)
• 04.11.2018 - Krefeld - Kulturfabrik (mit Band)
• 07.11.2018 - Unna - Lindenbrauerei (mit Band)
• 08.11.2018 - Frankfurt/M. - Batschkapp (mit Band)

Alle Angaben ohne Gewähr! Nähere Infos und weitere Termine auf Stoppoks Homepage



Bitte beachtet auch:
• Off. Homepage von Stoppok: www.stoppok.com
• Off. Facebook-Auftritt von Philipp Eisenblätter: HIER entlang
• Homepage vom Dortmunde rSpiegelzelt (RuhrHOCHdeutsch): ruhrhochdeutsch.de




Fotostrecke:


Vorprogramm: Philipp Eisenblätter

 
 
 
 
 
Hauptprogramm: Stoppok solo











   
   
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