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Ein  Konzertbericht  von   Christian Reder  mit  Fotos  von
Adam Zegarmistrz Glagla + Pressematerial (Textillustration)



Vor der Lebensleistung einiger Musiker kann man nur ehrfürchtig auf die Knie fallen und wie im Kino-Streifen "Wayne's World" mehrfach und laut "Ich bin unwürdig" rufen. Einer dieser Musiker ist für mich persönlich Tony Levin. Der inzwischen fast 72-jährige US-Musiker ist vielen sicher als Bassist von Peter Gabriel (seit 1976!) und als Mitglied der Gruppe KING CRIMSON bekannt. Im Bereich des sogenannten Progressive Rock ist er eine große Nummer und insgesamt gesehen als Weltstar zu bezeichnen. Aber auch im "leichter zugänglichen" Teil der Musikwelt hat er seine Fingerabdrücke derart großzügig hinterlassen, dass ein Kriminalist an einem Tatort ob der Vielzahl von Beweisen verzückt kichern würde.a 20180325 1955661000 Die Liste der Künstler, deren Studio- und Livemusik Tony Levin mit seiner einzigartigen Art des Bassspiels veredelt hat, ist lang und allein vom Lesen tropft dem Musikfreund der Zahn: Paul Simon, David Bowie, John Lennon, Pink Floyd, Seal und YES - um nur ein paar davon zu nennen. Und wenn der Mann mit der markanten Kurzhaarfrisur nicht für andere arbeitet, verfolgt er eigene Projekte und Bands. Die TONY LEVIN BAND ist ebenso ein Betätigungsfeld wie die im Jahre 2007 von ihm (Chapman Stick), Pat Mastelotto (Schlagzeug) und Michael Bernier (Gitarre) gegründete Kapelle STICK MEN. Seit elf Jahren spielt er mit dieser Formation live und produziert fleißig Alben. Das letzte stammt aus dem Jahre 2016 und heißt "Prog noir". Seit 2010 spielt mit Markus Reuter auch ein Deutscher bei den STICK MEN mit und ersetzte seinerzeit Michael Bernier, der im Sommer des Jahres ausgestiegen war. Und in dieser Besetzung trat man am Samstagabend im Dortmunder "Musiktheater Piano" auf. Ein Weltstar mit seinen Kollegen in einem Dortmunder Vorort. Wann gibt's schon sowas?

Hätte ich vor ein paar Tagen nicht einen Blick auf den Terminkalender meines Kumpels Adam geworfen, wäre das komplett an mir vorbei gegangen. Als ich den Termin jedoch dort entdeckte, war klar, dass ich da unbedingt hin muss. Kontakt mit den Verantwortlichen aufgenommen und schon hatte ich eine Einladung zur Mugge mit dem Bass-Gott und seinen Kollegen. Allerdings spielt Levin bei den STICK MEN nicht wirklich Bass. Der Grund, warum die Band den Namen STICK MEN trägt, ist nämlich der, dass sich dort alles um "Sticks" dreht. Von Natur aus hat der Schlagzeuger gleich zwei davon, Tony Levin bedient in der Kapelle den Chapman Stick und der Gitarrist Markus Reuter spielt seine Gitarre genauso wie Levin, also wie einen "Stick". Doch dazu gleich etwas mehr. Wer sich noch an die 80er-Jahre-Band Kajagoogoo erinnert, hat vielleicht auch noch deren blonden Sänger und Bassisten Nick Beggs vor Augen. Er führte dieses Instrument, also den Chapman Stick, in der populären Musik ein. Anders als ein handelsüblicher E-Bass wird dieser Stick nicht geslappt, gezupft oder geschlagen, sondern eher wie ein Klavier gespielt. Die Seiten werden gedrückt, man nennt die Spielweise auch "Tapping". Hierbei werden die Saiten mit den Fingerkuppen an- und dabei auf den Bünden aufgeschlagen. Dadurch werden sie in Schwingungen versetzt. Der Stick besteht auch nur aus einem großen Griffbrett, auf dem zwischen acht und zwölf Saiten aufgezogen sind. Einen Körper hat er nicht. Der Chapman Stick bringt neben den klassischen E-Bass-Tönen auch solche hervor, die man mit dem einfachen Bass eben nicht erzeugen kann. So klingt er auch mal wie eine E-Gitarre und auch Keyboard-Klänge lassen sich damit wunderbar herstellen. Und wo ich den Leser jetzt mit der blanken Theorie gelangweilt habe setze ich noch etwas Historisches obendrauf:b 20180325 1035423629 Das Instrument gibt es erst seit knapp 50 Jahren. Es wurde Ende der 60er von dem Jazz-Gitarristen Emmett Chapman in den USA entwickelt. Wer unvorbereitet und ohne diese Hintergrundinformationen zu einem STICK MEN-Konzert geht, muss sich beim Anblick des Prügels aber keine Gedanken machen. In einer etwas kürzeren Form klärt Pat Mastelotto das Publikum während des Konzerts noch auf, so dass am Ende des Tages alles erklärt und für jedermann auch schlüssig ist.

Pünktlich - wie angekündigt - um 20:30 Uhr betraten die drei Musiker die Bühne des "Piano". Tony Levin packte seinen Chapman Stick aus einer Tasche aus, in dem er das Instrument gut geschützt auch auf der Bühne aufbewahrt, und befestigte es mit einem Clip an seinem Gürtel. Mit einem freundlichen und sanften Lächeln und den direkten Blickkontakt suchend nickte er den Leuten in der ersten Reihe zu. Ganz relaxt und unaufgeregt stand er da und begann die Saiten auf seinem Stick in Schwingungen zu versetzen. "Soundscape" nennen sie das Intro, das dem Song "Hide The Trees", im Original auf dem 2012er Album "Deep" zu finden, vorangestellt wurde. Eine insgesamt noch recht zugängliche Nummer, die verhalten begann und den Zuhörer entspannt zu dem führte, was in den dann folgenden knapp zwei Stunden passieren würde. So eingängig würde es nicht bleiben - da sollte noch so einiges auf uns zukommen. Nach dieser ersten Nummer begrüßte Mr. Levin das Dortmunder Publikum mit einem lockeren "Good Evening", stellte die Band und sich selbst kurz vor und schon begann das Trio den Titel "Red" zu spielen.

Ohne es zu merken waren wir mitten im Geschehen ... mitten in der Prog-Noir-Reise. Wer das Trio auf einem seiner Konzerte besucht muss sich allerdings vorher bewusst sein, dass er hier keine leicht verdaulichen Speisen serviert bekommt. Schonkost gibt's im Kurhaus, bei den drei Herren Levin/Mastelotto/Reuter gibt's ordentlich Kalorien auf den Teller. Schon die zweite Nummer im Set grub sich von den Bässen her tief in die Innereien ein und die Musik trat den Leuten kräftig vor das Standbein. Rumstehen und dumm gucken ging nicht. Die Musik floss direkt in die Glieder und ließ niemanden ruhig stehen. Je lauter und psychedelischer, sphärischer und verschachtelter die Töne und Melodien wurden, desto bewegungsfreudiger und unruhiger ging es im Zuschauerraum zu. Unaufgeregt dagegen zeigte sich das musizierende Personal der STICK MEN, das - jeder an seinem Platz und mit seinem eigenen Kochlöffel - die Suppe fleißig rührte und mit seinen Zutaten für das eben beschriebene Klangmenü sorgte.c 20180325 1651803907 In einer bunten Mischung aus Songs der aktuellen CD "Prog Noir", einigen älteren Nummern der Band, sowie Songs aus dem KING CRIMSON-Repertoire (liegt ja nun mal nahe) und eigenen Fassungen von Fremdkompositionen (Mike Oldfields "Mirage") lassen die drei auf der Bühne Klang-Landschaften entstehen, die ein Auf und Ab der Gefühle garantieren und eher selten über eine spiegelglatte Fläche verfügen. Berge aus Sounds und Klängen entstehen, ganze Wände aus Gitarren- und Basstönen stehen plötzlich im Raum und erzeugen unerwartete Überraschungen bei der einen oder anderen Umsetzung und eine ständige Steigerung der Spannung beim Publikum. Die Dramaturgie in der Setlist sorgt mit dafür, dass dies ganz wunderbar gelingt und die Leute vom ersten Ton an abgeholt werden. Es ist nicht nur ein Genuss, den drei Musikern bei der Arbeit zuzuhören, sondern auch beim Zuschauen wird einem feucht um die Augen. Wenn Markus Reuter auf seiner acht-saitigen Touch Guitar (übrigens eine Eigenentwicklung) und Tony Levin auf seinem Chapman Stick die Finger und Hände sausen lassen, klappt die Kinnlade schon mal runter und versetzt den Gast vor der Bühne in Staunen. Nicht weniger interessant und großartig ist der Genuss des Spiels von Pat Mastelotto, der neben seinem Schlagzeug noch allerlei andere Percussion-Instrumente und elektronische Klangerzeuger bedient. Der Verbund auf der Bühne funktioniert wie ein Uhrwerk, wirkt aber doch warm, harmonierend und lebendig.

Alle drei Musiker kann man als "Ableger" der Gruppe KING CRIMSON bezeichnen, was sich in der Musik irgendwie auch widerspiegelt. Während Levin (mit kurzen Unterbrechungen seit 1981) und Mastelotto (seit 1994) dort aktiv mitspielen, gilt Markus Reuter als Meisterschüler von Gründungsmitglied Robert Fripp. Der 1972 in Lippstadt geborene Reuter ist "nebenberuflich" studierter Psychologe und spielt - wie sein Bandkollege Tony Levin - selbst auch Chapman Stick. Kein Wunder also, dass er diese Spielweise auf der Gitarre so wunderbar beherrscht und dafür sogar ein eigenes Gitarren-Modell kreierte. Das schon erwähnte "Tapping" unterrichtet Reuter auch und gibt sein Wissen an andere Musiker weiter. Während des Konzerts erzählte der Mann mit der Hornbrille, wie er und Pat Mastelotto sich während einer Zugfahrt von München nach Bonn im Jahre 2000 kennenlernten, sie im Jahre 2005 das Duo TURNER gründeten und wie er letztlich zu den STICK MEN kam. Und weil irgendwie alles aus KING CRIMSON entsprang und vieles sich einfach auch anbietet,d 20180325 1700356156 kann man u.a. das Stück "Level 5" in der Setlist dieser aktuellen Europa-Tournee wiederfinden. Die Nummer ist im Jahre 2003 entstanden, wurde bei KING CRIMSON ursprünglich von einem Quartett gespielt, wird bei heutigen Konzerten von insgesamt acht Musikern vorgetragen und wurde am Samstag von den STICK MEN in der Dreier-Besetzung präsentiert.

Fast alle Lieder im Programm sind Instrumentalstücke. Lediglich das auf der aktuellen Scheibe zu findende "Plutonium" und das vom gleichen Album stammende und ihm den Namen gebende "Prog Noir" haben Text. Der Text zu "Plutonium" ist ein Gedicht aus der Feder von Tony Levin, es handelt nicht etwa vom gleichnamigen chemischen Element, sondern von dem Zwerg im weiten Weltall, der mal ein Planet war, und wird live von Markus Reuter ebenso vorgetragen, wie die dazugehörige Ansage, die er auf besonderen Wunsch von Tony Levin dem deutschen Publikum auch in ihrer Sprache übermittelt. Dabei wird der Text zur Musik eher rezitiert und nicht gesungen. Es ist halt ein Gedicht ... Der zweite mit Text versehene Song "Prog Noir" wird dann aber richtig gesungen und zwar von Tony Levin. Beide Arten des Vortrags und auch die Stimmen der jeweiligen Vorträger haben einen besonderen Charme. Besondere Merkmale aller Stücke im Set ist die Überlänge jedes einzelnen von ihnen. Keine Nummer hat die radiotauglichen drei Minuten Länge. Aber wofür auch? Im Radio kommt so viel Anspruch in Musik und instrumentaler Umsetzung sowieso nicht zum Zuge, darum kann man sich live und auf CD so richtig schön austoben und teilweise sogar in Improvisationen verfallen ("Swimming in D"). Es knallt, es hat Druck, es wummert, und manchmal lässt Reuter auch seine Gitarre mal neben den pulsierenden Basstönen Levins schreien. Von langsam über mittelschnell bis zum flotten Takt bedienen die drei Musiker jeden Geschmack an spielerischer Geschwindigkeit, und auch in den Ansagen zwischen ihren "Kunststücken" bringen die drei Herren Abwechslung rein, in dem sie sich gegenseitig den Staffelstab weiterreichen. Dabei erfahren wir, dass Markus Reuter bei einem Mike Oldfield-Konzert im Jahre 1982 in der Essener Grugahalle seinen Moment hatte, in dem er sich in Musik verliebt und die Entscheidung getroffen hat, dies zu seiner Mission zu machen. Auch bekommen wir erzählt, wie und wo das aktuelle Album entstanden ist und dass sich Tony Levin zum Jahreswechsel 2015/2016 als guten Vorsatz genommen hat, das Rauchen anzufangen. Und immer wieder ist KING CRIMSON Thema, u.a. das 50-jährige Bandjubiläum im kommenden Jahr.

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Nach knapp zwei Stunden ist alles schon wieder vorbei und mit "Level 5" wird das letzte Stück des regulären Teils angekündigt. Natürlich kommt auch das in Überlänge über die Bühnenkante und aufgrund der großen Begeisterung ihres Publikums schubsen die drei STICK MEN noch einen Titel als Zugabe hinterher. Die Zeit verging wie im Fluge und die Eindrücke, die man sammeln konnte, waren reichlich. Für mich besonders toll war der Platz vor der Bühne, eine Armlänge entfernt von dem Mann, vor dessen Spielkunst und Lebensleistung ich ja eigentlich - wie eingangs erwähnt - das Wayne's World-Zitat rufend auf die Knie sinken müsste. Ich konnte dem Mann aus Boston/Massachusetts bei der Arbeit auf die Finger schauen, mich nach links drehen und Markus Reuter ebenfalls beim Spiel auf seiner Gitarre beobachten und hatte in der Mitte von beiden den Mann am Schlagzeug im Visier. Den satten, erdigen, druckvollen und bis tief ins Mark gehenden Sound saugte ich auf wie ein Schwamm und genoss all das in vollen Zügen. Das tief in mir Verhaftete gebe ich so schnell nicht wieder her und nahm mir als Erinnerung gleich noch das "Prog noir"-Album mit, das ich bisher - warum auch immer - noch gar nicht hatte.f 20180325 1504433055 Anschließend nahmen sich die Musiker noch Zeit für ihre Fans, ließen sich fotografieren oder signierten ihre CDs. Mein Freund Adam ließ sich insbesondere von Tony seine mitgebrachten Platten und CDs signieren und trotz der intensiven und sicher kräfteraubenden Show in den Stunden davor, konnte man mit ihm noch eine Weile quatschen. Den schon zu Beginn des Abends hinterlassenen Eindruck, als er freundlich lächelnd ins Publikum grüßte, unterstrich er anschließend noch mit dieser herzlichen Art und Offenheit, die er für die Fans aufbrachte. Mag sein, dass dieser Bericht etwas Tony Levin-lastig geworden ist, aber ich komm nun mal nicht aus meiner Haut. Ich könnte ihm stundenlang beim Bearbeiten seines Sticks (und auch Basses) zuschauen und zuhören. Für mich einfach ein großartiger Künstler, der auch menschlich über ein Weltklasseformat verfügt. Aber auch der Rest der Band hat klasse abgeliefert. Es war ein rundum gelungenes Konzert. Am Montag (26.3.) kann man die Formation nochmals in Aschaffenburg live erleben. Bis Ende des Monats sind sie mit ihrer Europa-Tour noch unterwegs - allerdings nur noch in Holland und Spanien. Dann ist finish. In der Hoffnung, sie kommen mit dem nächsten Album wieder her und touren, freue ich mich auf ein eventuelles Wiedersehen, denn das hier hat süchtig gemacht. Das schreit nach einem weiteren Besuch bei den STICK MEN. Und noch einem ... und noch einem ...




Setlist:
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Termine:
• 26.03.2018 - Aschaffenburg - Colos Saal

Alle Angaben ohne Gewähr. Tour wird im Ausland fortgesetzt.



Bitte beachtet auch:
• Off. Facebook-Seite der Stick Men: www.facebook.com
• Off. Homepage von Tony Levin: www.tonylevin.com
• Off. Homepage von Markus Reuter: www.markusreuter.com
• Off. Homepage von Pat Mastelotto: www.patmastelotto.com
• Homepage des Musiktheater Piano in Dortmund: www.musiktheater-piano.de




 
 
 
 
 
 
 
 

   
   
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